10.000 Dinge #1

Ich habe gelesen, dass der durchschnittliche Deutsche etwa 10.000 Dinge besitzt. Selbst wenn man jede Gabel und jeden Strumpf einzeln zählt, erscheint mir die Zahl sehr hoch. Angeblich ist es uns schier unmöglich, unseren Besitz zu reduzieren. Obwohl es mir eigentlich egal ist, möchte ich wissen wie viele Dinge ich tatsächlich besitze. Da ich weder Lust noch Muse habe mein Besteck oder meine Unterwäsche einer Inventur zu unterziehen, beginne ich mit dem größten Posten – Bücher. 1.018 Stück (eben gezählt) stehen in den Regalen meiner Wohnung, liegen auf den Tischen oder stapeln sich auf dem Boden. Vier davon sind ungelesen und zwei werde ich auf die Altpapiertonne im Keller legen.  Vielleicht mag sie ein anderer lesen.  Vom Rest will ich mich nicht trennen.

10.000 Dinge. So viel ist es am Ende gar nicht. Alleine das Tütchen mit den Ikea-Teelichtern erhöht den Besitz auf einen Schlag um 100 Gegenstände. Gäbe es eine Obergrenze für Besitztümer, meine Bücher brächten mich in eine schwierige Situation. Die 1.012 Stück stehen schließlich nicht umsonst in meinen Regalen. Beim letzten Umzug wurde ich eindringlich darum gebeten, sie einer Prüfung auf Aktualität und Zuneigung zu unterziehen. Drei von damals ca. 900 fanden den Weg auf – natürlich nicht in – die Altpapiertonne. Im Rest befinden sich, auf Papier gedruckte Worte, die zu mir gehören. Alles andere, Worte die mich kurzfristig interessierten oder an einem Sonntag am See, nett aber ohne Nachhall, unterhalten haben, hat es eh nicht in mein Regal geschafft. Es ächzt, das Regal. Aber wie könnte ich es ihm leichter machen und Bücher weggeben?

Zum Beispiel „Madame Bovary“ von Flaubert. Meine erstgeborene Tochter hätte ich früher einmal Emma genannt. Ein fataler Fehler, den Flaubert mir ersparte.  Ohne das Buch hätte mein Kind den Namen einer kopflos Liebenden getragen. Meine Emma hätte im Sand gespielt, während ihre Mutter, im Schatten sitzend, den grauenvollen Arsen-Tod der Namensvetterin vor Augen hat. Danke, Gustave. Auch für „Ein schlichtes Herz“, das mich ein Statistik-Kolloquium ertragen lies. Natürlich habe ich die Prüfung am Ende nicht geschafft – Flaubert ist schuld. Irgendjemand muss es ja sein. An meinem Hang zu Schachtelsätzen und willkürlich gestreuten Kommata (deren Plural möglicherweise längst Kommas ist), ist es Thomas Bernhard. Er, der die Regeln der Zeichensetzung zweifellos beherrschte, hat mich mit seinen langen Sätzen und ständigen Wiederholungen verwirrte und zugleich herrlich auf stundenlangen Zugfahrten unterhalten. War er mir nach zwei Stunden zu anstrengend, übernahm John Irving die Rolle des Unterhalters. Und das auf so großartige und kurzweilige Art und Weise, dass ich zwei Mal an Verona vorbei, in ein kleines, mir unbekanntes italienisches Kaff fuhr. Dort habe ich ganz zufällig eine Buchhandlung entdeckte und mir „Der kleine Prinz“ gekauft. Mein erstes italienisches Buch musste eines sein, dessen Inhalt ich bereits kannte. Man sagt, dass all jene den kleinen Prinzen als ihr Lieblingsbuch nennen, die sonst kaum ein Buch gelesen hätten. Ich finde, sie hätten eine weit schlechtere Wahl treffen können. In einer fremden Sprache wirkt ein bekanntes Buch ganz neu. Wie könnte ich also eines der beiden Exemplare weggeben, nur weil es sich oberflächlich betrachtet um das gleiche Buch handelt?
Ich besitze auch zwei Ausgaben von Platons „Der Staat“. Die Eine ist meinem Freund vor Jahren in die Badewanne gefallen. Damals war es noch unsere Badewanne und das Buch mit den welligen Seiten bedeutet mir etwas ganz anderes, als die neue, lesbare Version im Regal. Überhaupt haben mein damaliger Freund und ich gut daran getan viel und gerne zu lesen. Wir hätten uns ohne die Worte Anderer an vielen Abenden weit weniger zu sagen gehabt. Wir hätten auch weniger gestritten. Über Dante, Homer und Herodot, von denen der Bücher-Ertränker vorgab sie zu verstehen und sich weigerte mir eine bequeme Kurzfassung zu liefern. Am Ende tat er es doch und als er auszog blieben sie bei mir. Jahre später habe ich sie selbst gelesen und ihm eines, das ihm, aber nicht mir, gefiel, zurück gegeben. Die „Griechischen Sagen“ wollte er damals unbedingt mitnehmen. Ich kaufte sie ihm neu. Das Buch in unserem Regal schenkte mir mein Großvater. Ich musste es natürlich behalten.
Ebenso wie den kurzweiligen Roman mit dem Rotweinfleck auf Seite 41. Dieses Buch bekam ich von einer Freundin zum Geburtstag geschenkt. Ich bat meine Freunde in jenem Jahr, mir ein Buch zu schenken, das sie selbst gelesen und gemocht hatten. Sie hatte genau verstanden was ich meinte – schenk mir etwas mit Seele. Die Seele des fleckigen Buches bestand darin, dass es während eines Fluges gelesen und beschmutzt wurde. An einer Stelle lachte sie, meine Freundin, so herzhaft, dass sie den Wein aus dem Glas in ihrer Hand verschüttete. Warum sie während eines 90 Minuten Fluges am Vormittag ein Glas Wein dringend benötigte ist eine andere Geschichte. Der Fleck auf Seite 41 erzählt sie. Ich muss dieses Buch natürlich behalten.

Weit großzügiger bin ich im verschenken von Büchern, die ich mir selbst gekauft habe. Da bin ich fast schon penetrant. Meine Mutter irritierte ich vor einiger Zeit als ich den Nachttisch meines Vaters mit einem Buch, auf dessen Einband sich eindeutig Hitler befand, bestückte. Meine Erklärung, dass es sich um „Er ist wieder da“ handle und durchaus zum nachdenken anregte, interessierte sie nicht. Vielleicht lag es daran, dass daneben ein weiteres Buch lag, auf dessen Cover Kim Jong-un dämlich grinste. Den harmlose Titel „Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea“ las sie gar nicht erst und ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, beide in der Badewanne zu verbrennen. Sehr viel dankbarer ist mein Neffe. Der bekam zum 18. Geburtstag „Schöne neue Welt“. Und was sagt das tollste aller Kinder.? „Cool. Das wollte ich schon immer lesen.“ Kluges Kind. Überhaupt…fantastisches Kind. Und die Quelle einiger Bücher in meiner Sammlung, die ich mir ohne ihn nicht gekauft hätte.

10.000 Dinge. Die Inventur wird fortgesetzt.

20 Gedanken zu “10.000 Dinge #1

      1. und Bücher fühlen sich auch wunderbar an, ich werfe auch sehr ungern weöche weg. Mein großes Ziel ist, eines Tages nur noch einen Koffer voll Dinge zu besitzen, die Bücher sind dabei mein größtes Problem !

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  1. Bücher beinhalten mehr als Buchstaben, die zu Worten geformt und dann wieder zu Sätzen komplettiert werden. Mir geht es genau so; einige haben eine echte Seele – und ich bin stolz auf jeden Fleck innerhalb des Buches – weil ich die Ursachen kenne! (z.B. Charlotte Roche und so 😉 )

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  2. Ich habe mich beim letzten Umzug von einigen meiner Bücher getrennt. Bei jedem standen mir die Tränen in den Augen, aber es war notwendig, denn unsere Wohnung hat sich stark verkleinert. Mit vielen verband mich auch eine Geschichte. Auf 10.000 Dinge komme ich bestimmt trotzdem schnell. Es wäre aber Zeit mal wieder Einiges auszumisten.

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  3. Selten habe ich so schöne Buchbeschreibungen gelesen, worin du dich als herausragende Vertreterin der Buchkultur erweist. Denn zur Buchkultur gehören ja nicht nur die Produzenten von Literatur, sondern auch und vor allem kluge und verständige Leser(innen). Während ich deinen Text las, nagte da wohl eine leise Sorge an mir, erstens du würdest den Text nicht rund kriegen, weil er sehr groß angelegt ist, hat sich erledigt – er ist rund, und dann dachte ich, dass eine Bestandsaufnahme von 10.000 Dingen ein Jahrhundertprojekt ist, aber du bist ja noch jung, wie mir scheint. Wenn du jeden Tag gut zehn Stunden in diesem Bergwerk arbeitest, schaffst du es sogar. 😉 Ein Freund von mir war ein Sammler und besaß gut 40.000 Dinge. Er sagte, in Afrika, wo er gewesen war, hätten die Menschen grad mal 400 Dinge. Wären wir Nomaden, könnten wir uns solchen Besitzstand nicht leisten. Vor gut zwei Jahren hat sich besagte Freund erschossen. Seine Wohnung leerzumachen war eine Zumutung für seine Töchter und die Freunde in Aachen.

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    1. Vielen Dank für dieses ausgesprochen schöne Kompliment. Es freut mich sehr.

      Du überschätzt meinen Besitz 😉
      Ich könnte diese Inventur wohl an einem Wochenende (ein intensives) bewerkstelligen. Nur erschließt sich mir der Sinn noch nicht völlig. Außer der Befriedigung meiner Neugier hat es kaum einen Zweck. Vielleicht finde ich einen Kompromiss, der es mir erspart Besteck, Strümpfe und Wattestäbchen zu zählen.

      Die Wohnung eines anderen zu leeren ist in der Tat eine Zumutung. Emotional belastend und nebenbei schlicht eine Plackerei. Aber er hatte Recht. Müssten wir unseren Besitz transportieren, wir hätten deutlich weniger.

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      1. Es trifft die Richtige. Ich meinte keine einfache Inventur, sondern eine Biographie der Dinge, wie du eine von deinen Büchern geschrieben hast. Der russische Schriftsteller Sergej Tretjakow hat das in den 1920er Jahren in einer Jugendzeitschrift angeregt, Ich habe im verlinkten Text darüber geschrieben. Du hast mit 1012 Büchern übrigens eine stattliche Bibliothek. Wenn man bedenkt, dass Richard de Bury, der Verfasser des Philiobiblon (1334),dem berühmten Buch von der Bücherliebe im 14. Jahrhundert knapp 400 Bücher zusammengetragen, überwiegend geraubt hatte und damit eine der größten Bibliotheken seiner Zeit hatte…

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      2. Ah ok. Ja, so eine Biographie würde mich unglaublich viel Zeit kosten. So ganz möchte ich den Gedanken des Zählens noch nicht aufgeben. Die Anzahl der Bücher hat mich selbst überrascht. An dieser Stelle ein Hoch auf den Münchner Nahverkehr. Ohne seine Verspätungen würde ich weniger zum Lesen kommen. 😉
        Die Hosentaschen-Geschichten hätte ich gerne gelesen. Menschen und ihre unterschiedliche Wertschätzung von Dingen oder Besitz ist ein interessantes Thema.

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  4. Ein wie immer toller Artikel, der mir wieder viel Spaß gemacht hat!
    Übrigens musste ich mir so einen Fremd-Kommentar zur Bücher-Reduktion beim Umzug genauso anhöre!. Immerhin habe ich mich damals von einer Umzugskiste voll Bücher getrennt. Das hat mir im Nachhinein aber gar nicht mal soo viel ausgemacht! Vermissen tue ich, ehrlich gesagt, keines!

    Tja, Flaubert…FETTNÄPFCHEN-Alarm! Gemeinsam mit Dan Brown hat er neben einer zugegeben brillianten Schreibweise eben diese detailreiche Darstellung der Todeszenen. Wahrscheinlich ist es das zweite Fettnäpfchen, diese beiden Autoren miteinander zu vergleichen…

    Zurück zu „Emma“. Sie eben eine verwöhnte, egoistische Bitch, die bis zum Schluß nicht verstanden hat, worauf es im Leben ankommt… Und Flaubert, der sich elegant mit Bewertungen zurückhält, aber sich eben durch diesen detailreichen Erzählstil doch im Innersten an seiner Figur ergötzt ist einfach nicht „mein Ding“.
    Alles Liebe, lass Dir trotzdem die Freude nicht verderben! Nessy von den happinessygirls.com

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    1. Hoppla, jetzt hatte ich dir gerade falsch geantwortet.
      Ein neuer Versuch.

      Überhaupt kein Fettnäpfchen! Geschmack ist verschieden und das soll er auch sein.
      Emma als Bitch zu bezeichnen, finde ich große Klasse. Betrügend, lügend und sich am Ende feige aus dem Lebens stehlend…..als Vorbild eignet sich die Gute nun wirklich nicht.

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  5. ich liebe es, wie du über die bücher schreibst. ich habe nicht ansatzweise soviel gelesen wie du und schon gar nicht in diesen sphären, aber die bedeutung von auf papier gebannten buchstaben, die kenne ich, weil sie mir in vielen lebenslagen gute freunde waren und weil jedes davon ein teil von mir geworden ist.

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