Magenkrämpfe gegen Einsamkeit

Allen habe ich berichtet wie spannend und fantastisch meine Jahre in Italien waren. Nur zu gerne, erzähle ich die lustigen Anekdoten und die kleinen amüsanten Geschichten über neue Freundschaften und Erfahrungen und lasse dabei die eigenen Erinnerungen lebendig werden. Erzählend wird das längst vergangene wieder präsent und die bloßen Worte vermischen sich mit den damals empfundenen Gefühlen bis sie wieder greifbar und real werden. Ich erzählte auch dir all die kleinen und großen Begebenheiten und freute mich, wenn ich dich zum lachen brachte. Obwohl du gerne von der Leichtigkeit des Lebens im Süden hörtest, hast du meine Erzählungen immer hinterfragt.  Einzig du, wolltest wissen wie es war, abends alleine in dem fensterlosen Zimmer zu sitzen. Dir habe ich erzählt wie brutal laut mir die Stille der eigenen Wohnung ins Gesicht plärrte, während das Lachen und die Gespräche der fremden Nachbarn durch die Wände klangen.  Nur du hast dich erkundigt, wie sich die Einsamkeit des Anfangs anfühlte. Du hast verstanden, wie sehr ich mein neues Leben geliebt habe und gleichzeitig  heulend am Boden kauerte, weil mich das Leben vor meiner Türe anfangs ausschloss.

Es war leicht dir zu erzählen, wie wunderschön es war, sonntags auf der Piazza zu sitzen und die Leute zu beobachten.  Dir zu schildern wie glücklich ich war und im gleichen Moment alles dafür gegeben hätte nicht alleine zu sitzen und alleine zu beobachten. Als ich dir sagte, dass es schlimm ist, alleine zu sein, hast du mir widersprochen. Es sei nicht schlimm alleine zu sein, meintest du. Einsam mitten unter Menschen, das aber sei ein Gefühl, das nur schwer zu ertragen ist. Du hattest recht. Der Einsame sieht nicht die vielen Menschen die alleine in der Sonne sitzen und völlig zufrieden in Ruhe ein Buch lesen oder ziellos und glücklich durch die Straßen streifen. Er sieht nur die Anderen, die lachenden Paare, die Familien und die plaudernden Freunde in einem Café.

Ich dachte nicht gerne an das Gefühl zurück.  Nicht einmal, in deinen Armen liegend und Jahre später. Einsamkeit ist das wovor ich mich fürchte. Der Zustand der mir Angst macht. Der Gedanke alleine reicht um ein unangenehmes Ziehen im Magen hervor zu rufen. Dir konnte ich es gestehen, weil du wusstest, dass ich mich nicht aus der Angst vor Einsamkeit an dich klammern würde. Ist doch die schlimmste Art des Alleinseins, die Einsamkeit in der Nähe eines geliebten Menschen. Dann, wenn es längst schon vorbei ist und man nur nicht die Kraft hat aufzustehen und zu gehen. Dann wird es kalt und ungemütlich, im gebauten Nest. Nichts ist kälter als eine erloschene Lieben aus der man sich nicht lösen kann. Mit ihrer Asche  auf der Haut, in der Lunge und im Herzen beginnt man zu frieren, bis man auch im Hochsommer zittert.

Deine Einsamkeit konnte ich nie verstehen. Ich habe dich um deine Entschlossenheit, dein Selbstbewusstsein und deinen kompromisslosen Optimismus beneidet und deinen Sarkasmus, der Probleme in lächerliche, überwindbare Widrigkeiten verwandelte, bewundert. Das gerade ein Mensch wie du aufgibt und vorgibt die Einsamkeit nicht ertragen zu können, verstand ich nicht. Ich werde nie verstehen, wie gerade du Angst vor der Einsamkeit haben konntest. So viel mehr als ich es je hatte. Nur selten hast du mich einen wirklich tiefen Blick in dein Innerstes werfen lassen. Manchmal, wenn ich unbedingt verstehen wollte, hast du zu erzählen begonnen. Wohl dosiert und fast immer indem du mich sanft an meine eigenen Ängste erinnert hast. Wenn es in meinem Magen zog und ich mich an Gefühle erinnerte, die im Moment des Erlebens nur schwer zu ertragen waren, hast du mich angelächelt und meine Hand genommen. So, ungefähr fühlt es sich an, fragte ich dich und du hast genickt. Widerlich, sagte ich und du mich angelächelt, bis das Ziehen in meinem Magen sich löste und die Kälte auf meiner Haut verschwand.

Die Kälte und die Angst in deinem Inneren dagegen ist nie ganz verschwunden. Meine Wärme und mein Versprechen mutig für uns beide zu sein, hat am Ende nicht gereicht. Du bist erst gegangen, als ich ein wenig verstand warum es für dich keinen anderen Weg gab. Behutsamer als es sonst deine Art war, hast du es fertig gebracht, mich durch eigene Erzählungen an einen Punkt zu bringen, an dem ich Traurigkeit, Hilflosigkeit und Einsamkeit längst vergangener Tage wieder spürte und damit ein kleines bisschen nachempfinden konnte was du täglich fühltest. Du hast das gut gemacht und mich immer  schnell zurück geholt. Eine Umarmung und ein Lächeln reichten. Damals. Heute bin ich dank dir zum Experten im Abwischen kalter Asche und in Sekundentrauer geworden. Denke ich an dich verkrampft sich mein Magen bis ich keine Luft mehr bekomme. Wie gerne würde ich dir sagen, dass du das ein egoistische Arschloch bist, dass mir durch sein verschwinden  dieses widerlich Gefühl täglich zumutet. Oder nein…ich würde dich nur bitten mich kurz in den Arm zu nehmen. Kurz reicht. Von uns beiden bin ich ja die Starke, die Glückliche und die, die das Leben liebt. Auch mit verkrampften Magen. Vielleicht dadurch noch mehr.

Gute Nacht, blöder Arsch. Die Wasserrechnung für heiße Badewannen als Umarmungsersatz könnte übrigens ruhig deine Lebensversicherung übernehmen. Das wäre nur fair.

14 Gedanken zu “Magenkrämpfe gegen Einsamkeit

  1. Ich mag ja diese deine Art mit den Buchstaben Geschichten zu malen. Sie kommen so leicht und unbedarft daher sind unverkrampft aber sehr tief. Unprätentiös ehrlich leise plopen die Sätze auf. Darum lese ich sie gerne. Danke

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  2. HAMMER … das muss erst langsam wirken … ach was … das wirkt schon seit der ersten zeile …

    ehrlich gesagt war ich direkt in dich verknallt … aber jetzt wird immer klarer warum …

    bin froh … dir „über den weg gelaufen zu sein“ …

    sweet dreams …

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  3. mit gefällt sein eintrag auch. dazu fallen mir ein paar anekdoten aus der zeit meiner jugend ein.

    eines schönen tages im januar 1987 beschloss ich nach hannover ins sprengel museum zu fahren, um mir eine picasso ausstellung anzusehen, der eintritt war frei.
    damals fuhr ich vom land mit dem bus in die stadt und traf an der ersten haltestelle im dorf einen bekannten, der mich des weges fragte. ich erzählte ihm mein vorhaben worauf er mich noch fragte: fährts du allein? ja, erwiderte ich. er sagte nur: das ist hart.
    das empfand ich damals nicht so, denn es würden noch andere besucher im museum sein.
    zumal ich es gewohnt war, allein auszugehen.
    später dann, nach der ersten gescheiterten beziehung verstand ich seine worte. wer allein ausgeht, sich zb ins eiscafé an den tisch sitzt, wird auch allein sitzen bleiben. ebenso beim kinobesuch oder theater. das leben ist leider nicht wie im film, wo sich der jungen frau gleich ein freundlicher mann gesellt.
    darum kann ich dich verstehen, wenn du schreibst, dass allein einem die paare und anderen glücklich menschen auffallen während man fast an einsamkeit zu grunde gehen glaubt.

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  4. Die Filmvorlagen funktionieren im echten Leben tatsächlich leider nicht. Es wäre zu schön.
    Museumsbesuche empfinde ich aber auch heute noch am schönsten, wenn ich alleine bin. Eine der wenigen Situationen, in denen Einsamkeit für mich willkommen ist.
    Liebe Grüße

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