So etwa vierzig Jahre

In meine Küche scheint die Sonne. Sie hat nur ein kleines Fenster und wenn sich an einem Herbsttag eine Wolke vor die Sonne schiebt, wird es sofort dunkel in meiner Küche. Eine Wolke die das wenige blasse Licht eines Herbsttages vertreibt, erinnert mich noch immer an dich. Wenn du wirklich wütend warst, wurde es immer ein wenig dunkler und ein paar Grad kälter. Ich kenne und kannte niemanden, der so kalt und abweisend wie du sein konnte. Wenn du wütend warst, dann wurde es auch im August kalt. Dann braucht es keine Wolken um neben dir zu frieren. Weiterlesen

Kopf Bauch Kombination

Die Zeit heilt alle Wunden. Finde ich einen Kalender, der diesen Spruch bereithält, werfe ich ihn weg. Egal ob er mir gehört oder nicht – Lügen darf man nicht verbreiten. Die Zeit mag vielleicht ein aufgeschlagenes Knie heilen, gegen die nicht sichtbaren Wunden aber ist sie machtlos. Die Zeit ist ein falscher Freund. Da ist eine Wunde, ein Loch im Garten des Lebens, und mit der Zeit wächst Unkraut und auch schöne Blumen über seinen Rand. Und die Zeit, der miese Freund, gaukelt einem vor, dass man nun so langsam vergessen und wieder durchatmen könne. Aber schon ein kleiner, falscher Schritt reicht, und man fällt in ein Loch das noch genauso tief und genau so scharfkantig ist wie am ersten Tag. Tut mir leid, sagt die Zeit, ich dachte ein paar schöne Blümchen, etwas Löwenzahn und feine Gänseblümchen würden es hübscher machen. Die Zeit ist ein Idiot. Weiterlesen

Versprochen

Ich habe keine Angst, sagte ich meinem Vater als er mich am Vormittag nur ungern im Wald, in dem unserer Hütte liegt, zurück ließ. Ich lachte, weil die Sonne schien und hier an diesem Ort noch nie etwas böses gelauert hat. Die Welt ist voll davon, aber hier oben am Berg, da ist nichts wovor man sich fürchten muss. Ich wäre alleine, sagte mein Vater und schien sich nicht daran erinnern zu wollen, dass es nicht das erste Mal war. Alleine ist gut, erinnerte ich ihn. Ohne andere Menschen widerfährt einem meist viel weniger schlechtes, als mit. Warum er sich an diesem Tag sorgte, weiß ich nicht. Vielleicht hatte er Angst, dass meine Freunde nicht wie vereinbart am Abend kommen würden und ich die Nacht ohne Auto allein wäre. Lachend zuckte ich an diesem Tag mit den Schultern. Es ist mein Nest, diese Lichtung, und nichts macht mir dort Angst. Nicht einmal der alte Schrank am Absatz der Treppe. Weiterlesen

Nagel bleibt

Ob ich endlich erwachsen werde, höre ich dich leise fragen, und sehe das Lächeln auf deinen Lippen ohne mich umzudrehen. Vielleicht. Angesichts des Kinderzimmerkartons und der WG Kiste, die ich endlich, endlich aussortiere, könnte man es meinen. Keiner der Gegenstände, die ich bei der Renovierung meiner Wohnung in den letzten Tagen aussortiert habe, gehörte dir und doch sind es Dinge, die dir vertraut sein müssen. Nicht nur dir. Einem jeden von uns, der in etwa zur gleichen Zeit geboren und im selben Jahrzehnt erwachsen wurde. Kaum einen kenne ich, der nicht mindestens eine Lavalampe besessen hatte und die CD Sammlungen von mir und meinen Freunden war sich über viele Jahre ähnlich, wenn nicht sogar identisch. Es ist an der Zeit sich zu trennen.  Weiterlesen

Nix mit Amore

Auswandern ist etwas für Abenteurer. Menschen, die alles hinter sich lassen, um in einem fremden Land neu anzufangen, müssen mutig, unerschrocken und neugierig sein. Sie brechen auf, um die brennende Sehnsucht in ihren Herzen zu stillen. Das Unbekannte lockt sie und das Vertraute langweilt sie. Dort wo andere noch vorsichtig um die Ecke blicken, rennen sie getrieben vom Fernweh schon los. Sie gehören zu den Menschen, die Hindernisse als Herausforderungen bezeichnen und Stillstand als Zumutung empfinden.
Auswanderer vereinen so ziemlich alles in sich, was ich nicht habe. Sie sind wie mein Freund. Er hat mir gezeigt, dass es Momente im Leben gibt, in denen man einfach springen muss. Ins kalte Wasser, über den eigenen Schatten und über die Alpen. Dorthin, wo das Herz schneller schlägt.

Eine turbulente, humorvolle Erzählung über Freundschaft, Sehnsucht und dem Abenteuer eines neuen Lebens unter der Sonne Italiens.

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Parolacce e sassi

Unsere Abschiede werden leichter, sage ich zu meiner Freundin und bin froh, dass sie nur nickt. Weißt du, erkläre ich ihr, als ich mich auf die dritten Bank innerhalb von 200 Metern setze, ich brauche jetzt nicht mehr lange um mich zu verabschieden. Durch ihr Lächeln lässt sie mich wissen, dass es ihr nichts ausmacht, sich mit mir auf jede freie Bank entlang des Strandes zu setzen und mir beim Starren auf das Meer zuzusehen. Es gibt schlimmere Orte, meint sie schmunzelnd an Bank vier und blickt mir mir Richtung Genua. Sie weiß so gut wie ich, dass es nicht das Meer ist, von dem ich mich nur schwer verabschieden kann. Es ist der mutigste meiner Freunde und seit sie ihn kennt, versteht sie es. Er macht es einem leicht, ihn zu mögen. Wahrscheinlich nicht jedem, aber jenen, die er selbst sympatisch findet. Cret…., setzt die spontanste meiner Freundinnen an und versucht sich an eines der neu gelernten italienischen Worte zu erinnern. Energisch schüttle ich den Kopf. Nein, das bitte nicht, das ist eine Autofahrvokabel und von denen – ganz im ernst – möge sie sich bitte keine merken. Io sono, tu sei, lui é versuche ich sie Verben konjungierend abzulenken und ahne dass es zwecklos ist. Sie saß im Auto neben dem mutigsten meiner Freunde, als wir die kurvige Küstenstraße entlang fuhren. Am Tag des Radrennens Mailand – Sanremo. Der Schwall nicht übersetzbarer Schimpfworte, der auf sie einprasselte hat sich weit besser festgesetzt als alles was ich ihr beizubringen versuchte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sie künftig jemanden mit den Worten „Vattene, cretino“ bittet, ein wenig zur Seite zu gehen. Warum soll es ihr andres gehen als mir. Man merkt sich das, was man vergessen sollte. Weiterlesen

Eckes ESC

Meine Freunde wissen, dass es sinnlos ist mich zu Facebook Gruppen einzuladen. Ich reagiere so selten und so verspätet, dass es einfacher ist, mich anzurufen. Tim weiß es nicht. Als er und ich befreundet waren, gab es noch kein Facebook. Tim kann mich aber nicht anrufen, denn als wir befreundet waren gab es keine Handys und ich wohnte noch bei meinen Eltern im Kinderzimmer. Dass er es letzte Woche dennoch tat, wunderte mich. Mindestens so sehr wie die seltsame Facebook Gruppe „Eckes ESE“ zu der er mich zwei Monate zuvor hinzu fügte und die ich umgehend wieder verlassen hatte, weil ich nichts damit anfangen konnte. „Hey“, sagt er und seine Stimme, die ich sofort wieder erkenne wirft mich Jahrzehnte zurück. „Was machst du heute? Grand Prix schauen bei mir?“ Ich nicke, was am Telefon dämlich ist, und frage erst mit Verzögerung wo denn „bei ihm“  ist, da er doch vor einer Unendlichkeit nach Australien ausgewandert sei. Er lacht und ich erkenne darin das Lachen des Freundes, der er einmal gewesen war. Die alte Adresse. Seine Eltern wohnen noch immer über dem Tierpark, sind am  Wochenende nicht da und er, dessen neue Freunde auf einem anderen Kontinent leben, dachte der Besuch in der alten Heimat wäre doch eine gute Gelegenheit, die alten einmal wieder zu sehen. Ein wenig spontan, ja, aber da wir alle anscheinend Facebook Konten hätten, uns aber weigerten sie zu benutzen, hätte er sich daran gemacht uns anzurufen. Nicht leicht, sprudelt seine Stimme, die noch immer wie die eines Fünfzehnjährigen klingt, weil anscheinend keiner mehr im Telefonbuch stünde, aber die meisten Eltern schon noch und so konnte er sich in den letzten Stunden durchfragen. Drei fehlen noch, deshalb nur kurz. Um acht, ja? Und nimm mit, was du immer mitgenommen hast. Nur langsam komme ich in das heute zurück und bitte ihn mich kurz überlegen zu lassen. Eigentlich hätte ich keine Zeit und…. Tim unterbricht mich, indem er meinen alten Spitznamen benutzt. Echt, Mimi, du musst überlegen ob du mich und die anderen sehen willst? Weiterlesen