Vom Rennen und dem Piepsen eines Akkus

Fragt uns einer, was wir an hl. Abend machen, dann antworten wir mit „rennen“. Wir, meine engsten Freunde und ich, rennen an diesem Tag und dass uns das auch noch Spaß macht und wir um nichts in der Welt darauf verzichten möchten, versteht nur, wer einmal mit uns gerannt ist. Vor einigen Jahren eine frisch getrennte Freundin. Ihren Kaffee trank sie morgens bereits bei mir. Schön gemütlich sei es, sagte sie und blickte auf den leuchtenden Christbaum und die vier brennenden Kerzen am Adventskranz. Ich nickte, trieb sie aber bereits an. Um zehn Uhr spätestens müssen wir los, verkündete ich und ahnte, dass sie erst in einer Stunde – wenn überhaupt – wieder etwas gemütlich finden würden. Champagner und Blumen unter dem Arm, rannte ich mit ihr Hand in Hand durch die Stadt, bis wir atemlos im dritten Stock vor einer Altbauwohnung standen. Viel zu spät, mit hoch rotem Kopf, aber glücklich lächelnd fiel ich einem meiner liebsten Freunde in die Arme. Meine Freundin verlor ich im Flur. Wir sahen uns erst wieder, als wir zwischen 35 anderen mit einem Glas in der Hand „Last Christmas“ sangen. Sie  weinte ein bisschen, weil sie ihren Freund vermisste, wurde aber von einer 16jährigen und einer 85jährigen in den Arm genommen. Kein Weihnachten ohne diesen verrückten Freundes Haufen, der jedes Jahr verloren Seelen aufsammelt, ihnen Brunch und Champagner serviert und jeden glücklich zu seinen Familien entlässt. So viele Menschen in einer kleinen Wohnung. So viel Glück, Trauer, Hoffnung und Verzweiflung unter einem Dach. Aber keine Einsamkeit, sondern Umarmungen die Trauer und Verzweiflung wegwischen. 

Danach renne ich nach Hause. Die hohen Stilettos werfe ich im Flur in die Ecke. Für die Kirche, die immer schrecklich kalt ist, sind Winterstiefel die bessere Wahl. In ihnen renne ich den Berg hinunter, in das Viertel in dem ich aufwuchs. Begleitet und angetrieben vom Läuten der Kirchenglocken. Mit feuchten Augen, weil mich das Rennen und das Läuten der Glocken wieder zum Kind werden lassen, falle ich meinen ältesten Freundinnen in die Arme. Manchmal auch ihren Brüdern und seit einigen Jahren ihren Kindern. Schön ist es. Jahr für Jahr und wenn die Kirche stockdunkel wird und man bei Stille Nacht ab der dritten Strophe noch immer nicht textsicher ist, dann fängt Weihnachten an. Wenn nur die Lichter der beiden großen Christbäume leuchten und neben mir Mädchen stehen, die schon neben mit standen als hinter uns noch unsere Mütter sich an den Händen hielten. Weil wir uns viel zu lange noch unterhielten, renne ich danach zum Bus. Meine Eltern warten mit dem Essen und auch ihnen falle ich später in die Arme. Wenn einer keine Eltern oder keine Familie hat, dann teile ich die meine, so wie es die meisten meiner Freunde auch machen. Einsamkeit an Weihnachten, muss frei gewählt sein. Sonst vertreiben wir sie indem wir familiäres Chaos großzügig teilen. 

Bei meinen Eltern kehrt irgendwann Ruhe ein. Bei mir nicht. Noch ist Weihnachten nicht vorbei. Vielleicht hat es noch nicht einmal richtig begonnen, solange ich nicht in zwei meiner liebsten Arme gesprungen bin. Mein halbes Leben lang sind diese Arme nun schon eine Konstante und seit ich ihren Besitzer das erste Mal umarmt habe, wusste ich, dass sie mir für den Rest des Lebens viel bedeuten werden. Obwohl er mich jedes Jahr fast erstickt, gibt es kaum einen Ort, an dem ich mir so sicher bin, dass alles gut werden wird, wie in seinen Armen. Es sind die Arme des mutigsten meiner Freunde und meines besten Freundes. Eine Stellung die er sich mit zwei anderen teilt, weil man problemlos mehr als einen besten Freund haben kann. Ein Glück das mich an Weihnachten rührt und an jedem anderen Tag als großes Geschenk bewusst ist. Mit ihm renne ich am meisten. Gemeinsam rannten wir zu einem, der Weihnachten alleine war und saßen stundenlang in seiner Küche. Trist und still war es, bevor ihr die Treppen nach oben rannten und Weihnachten in die leeren WG Zimmer warfen. Wir rannten zu Freunden und feierten zu sechst zwischen Kinderlachen und Rotweinflaschen. Wir liefen nachts durch die Innenstadt, weil uns nach Mitternacht einfiel, dass wir unbedingt den großen Baum am Marienplatz sehen wollten und schlenderten durch mein Viertel um die hässlichste Lichterkette zu küren. 

Erst dann, spät nachts, wird es wirklich ruhig. Todmüde sitzen wir auf meinem Sofa und wollen nicht schlafen, weil wir wissen, dass wir uns lange nicht sehen werde. Bis letztes Jahr. Dieses Jahr ist es anders. Noch immer renne ich ihm entgegen und noch immer umarmen wir uns lange. Aber wir erzählen uns nicht mehr atemlos ein ganzes Jahr, sondern nur die letzten sieben Wochen. Auch verabschieden wir uns noch immer sentimental, aber ohne dass ich Tränen in den Augen habe, weil wir uns in sieben Wochen wieder sehen werden. Nur Weihnachten reicht nicht mehr, dafür sind wir nicht mehr jung genug. „365 Tage. In dieser Freundschaft ist das ein Wimpernschlag.“ schrieb ich heute vor zwei Jahren. Ich habe mir geirrt. So sehr ich jede einzelne meiner Weihnachtstraditonen lieb gewonnen habe und obwohl ich nicht eine ändern möchte, habe ich mich bei dieser einen geirrt. Jede Freundschaft hat ihren eigenen kleinen, unsichtbaren Akku, der regelmäßig aufgeladen werden muss. Bei manchen ist es der Weihnachtsbrunch, bei anderen das Glas Wein auf dem Balkon und wieder andere werden am lachend am Telefon aufgeladen. Bei dieser ist es das Meer. Er hat lange durchgehalten, unser Akku. Vor zwei Jahren begann er leise zu piepsen. Ich glaub wir haben es beide gehört.

Hjk

27 Gedanken zu “Vom Rennen und dem Piepsen eines Akkus

    1. Auch dir eine schöne Zeit und einen guten Rutsch. Eigentlich gefällt mir das Bild eines Akkus gar nicht besonders gut. Viel zu technisch. Aber das mit dem Piepsen, das ist wohl manchmal so. Zumindest bei mir.

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  1. Früher war Weihnachten nur in der kuscheligen Kleinfamilie. Das hat sich vor 30 Jahren verändert als wir als Familie selbst andere Personen mit eingeladen haben gemeinsam zu feiern. Und es hat sich noch einmal verändert als ich aus meiner Familie herausgegangen bin und in eine Lebensgemeinschaft eingezogen bin. So ein verrückter Haufen von 0 bis 76 mit und ohne Rollstuhl, pickeliger Teenager, nervlich nicht so stabil oder gestresste Elternteile, mal des hochdeutschen mächtig oder auch nicht (Schwaben). Ich liebe diese neue Form Weihnachten gemeinsam zu feiern.

    Gefällt 3 Personen

    1. Für mich klingt das nach einem wunderschönen Weihnachten. Und, gemischt und in einer schönen Gemeinschaft. Jeder soll so feiern wie er möchte, aber für mich ganz persönlich ist Weihnachten schon längst nicht mehr nur Familie. Oder vielleicht besser gesagt, viele andere Menschen sind längst zur Familie geworden. Dir und deinen Lieben einen guten Rutsch.

      Gefällt 1 Person

  2. Mitzi rennt. Aus gutem Anlsss. Ein paar Jahre schon bin ich lesend mitgerannt, sogar in der Kirche gewesen, wo es mich sonst nicht hinzieht. Als Leser lerne ich das stattliche soziale Netzwerk kennen, in dem du aufgehoben bist, liebe Mitzi. Beneidenswert. Vermutlich muss man lebenslang bleiben, wo man seine Wurzeln hat. Zwischenzeitlich warst du mal weg, bist aber wiedergekehrt, aus gutem Grund.
    Frohe Weihnachten
    Jules

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich freue mich, lieber Jules, über die Begleitung. Es sind nun doch schon einige Jahre.
      Es macht es sicher leichter an einem Ort zu sein, an dem zumindest an Weihnachten all die Freunde und Bekannten wieder heim kommen.

      Gefällt 2 Personen

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