Nagel bleibt

Ob ich endlich erwachsen werde, höre ich dich leise fragen, und sehe das Lächeln auf deinen Lippen ohne mich umzudrehen. Vielleicht. Angesichts des Kinderzimmerkartons und der WG Kiste, die ich endlich, endlich aussortiere, könnte man es meinen. Keiner der Gegenstände, die ich bei der Renovierung meiner Wohnung in den letzten Tagen aussortiert habe, gehörte dir und doch sind es Dinge, die dir vertraut sein müssen. Nicht nur dir. Einem jeden von uns, der in etwa zur gleichen Zeit geboren und im selben Jahrzehnt erwachsen wurde. Kaum einen kenne ich, der nicht mindestens eine Lavalampe besessen hatte und die CD Sammlungen von mir und meinen Freunden war sich über viele Jahre ähnlich, wenn nicht sogar identisch. Es ist an der Zeit sich zu trennen. 

Einmal noch hörte ich in den letzten Tagen die alten CD´s an. Vertraut die Lieder, die einmal zu einem gehörten und die jetzt nicht mehr so richtig passen wollen, weil das Leben ein anderes ist. Sie wurden weggebracht. Geblieben sind nur jene, die noch immer zu mir gehören, selbst wenn ich sie nur noch selten höre. Zehn CD´s nur. Jene mit denen ich ein bis zwei Mal im Monat nach Italien zum mutigten meiner Freunde fuhr, die eine die ich nachts im Auto mit dem klügsten und wunderbarsten Mann hörte und eine letzte. In deren Cover sehe ich ganz schwach dein Bild und ahne, dass ich sie nie weggeben werde. Ihre Zeit wird nie kommen. 

Das große Schaf, das mir der Lieblingsmensch auf dem Oktoberfest schoss, zieht zu seinen Töchtern. Die Zeit der Schafe und Bären ist vorbei. Es bleiben nur jene, die mich nach Italien begleiteten und die schon im Bett meines zweijahre alten Ichs lagen. Sie sind ich und auch wenn sie künftig im Schrank sitzen, gehören sie zu mir und müssen bleiben. Möbel fliegen raus, werden verschenkt und weggegeben und ich wundere mich, wie sehr man an manchem hängt, obwohl es kaputt und abgelebt ist. Es sind die dummen, hartnäckigen Erinnerungen, die ihnen Leben einhauchen, wo längst keines mehr ist. Du fragst mich, ob es die sind, die du vor Jahren mitten in der Nacht aufgebaut hast. Ich nicke und löse die gleichen Schrauben, die du einmal angezogen hast. Weg damit, höre ich dich sagen und verfluche das sture Herz, das sich verbissen an einen Ikea Sechskantschlüssel hängen möchte. Seine Zeit ist gekommen. Der Schlüssel und die Möbel gehen, weil ein neues einzieht. Eines das ich mit meinem Vater aufgebaut habe und das schon jetzt ein Stück ist, an dem mein Herz hängt. Die nächsten 40 Jahre hängen wird, weil es an der Zeit ist, sich schöne und lebendige Möbel zuzulegen. Ich höre dich nervös mit der Zunge schnalzen während ich auf Fensterbrett und Sofalehne balanciere um die Vorhänge anzubringen. Ein unangebrachtes Schnalzen, denn hättest du dich nicht vor langem entschlossen, alles hinter dir zu lassen, könntest du hier oben stehen und diese verdammte Vorhangstange anschrauben und ich dürfte nervös mit der Zunge schnalzen. Die Zeit ist vorbei, sage ich und bin ein wenig wütend, weil mit jedem Jahr, das vergeht, mehr von uns verblasst und schon bald keine einzige Schraube mehr von dir berührt wurde. Den einen Nagel, den habe ich extra überstrichen, damit er bleibt. Unter der Farbe hängt ein Stück von dir und wenn ich schon die liebsten meiner Kinderbücher an den Nachwuchs der Freunde verteile, dann möchte ich wenigstens diesen Nagel behalten dürfen. Du kannst nicht widersprechen, weil du dich erinnerst. Kinder hatten wir keine, aber dir habe ich, als du krank warst, an einem Wochenende die ganze „rote Zora“ vorgelesen. Dass sie nun einem anderen Kind Freude bereitet fällt mir schwer. Wie dumm.

Leer ist die Wohnung jetzt, murmle ich. Luft zum Atmen hat sie, sagst du. Die letzten vier Wände räumten wir gemeinsam aus. Es waren deine und als sie leer waren, konntest du endlich frei atmen. Ich nicht. Ich bekam danach überhaupt nur noch schlecht Luft. Jetzt nicht mehr. Ich atme längst wieder frei. Nur manchmal, da muss ich einen kleinen Nagel in der Wand berühren und mir versichern, dass ein Teil von dir noch hier ist. Er ist wichtig, der Nagel. So wichtig wie der Porzellanhund, der mich seit Jahrzehnten begleitet und sein Geheimnis, warum er mir so viel bedeutet, hartnäckig für sich behält. Nagel, Hund, ein winziger Bär und eine gründe Espressotasse. Eigentlich brauche ich nur das. Der Rest könnte weg. Irgendwann. Wenn es an der Zeit ist. 

Als ich mich umdrehe, bist du weg. Der Nagel nicht. Ich streiche einmal über ihn und rufe dann die liebsten meiner Menschen an. Wehe du stirbst mir weg, sage ich zu einem und lege danach gleich auf. Sein fröhliches Lachen höre ich nicht mehr. Ich weiß, dass er lacht. Er und die wenigen, wichtigen, die es mir schon mehr als einmal versprechen mussten. 

 

 

10 Gedanken zu “Nagel bleibt

  1. Ach Mitzi, das liest sich so schön und so schön traurig-erinnernd und auch in manchem so schön „kenn ich“ – und das meine ich nicht nur in Bezug auf deine Wohnung. – Das liest sich ja so, als wenn ich sie jetzt kaum wiedererkennen würde, weil sie sich so verändert hat – in so kurzer Zeit. Die großen Bären sind wirklich verschenkt? Den großen Porzellanhund habe ich wenigstens zweimal am Tag begrüßt – einmal früh und einmal abends.
    Wer eine DDR-Vergangenheit hat, hat keine Lavalampe, hat andere CDs und wer 10 Jahre lang zu viert auf 49 qm gelebt hat, konnte auch keine überflüssigen Sachen aufheben. Dafür habe ich jetzt sehr viel Platz – eigentlich unverschämt viel Platz – eigentlich viel zu viel Platz – und da kann ich einiges aus meiner Jugend nachholen – z.B. lila Souvenirs oder lila Bloggergeschenke sammeln. Richtig „wertvoll“ ist keines davon, aber die meisten hängen ganz fest an meinem Herzen.
    Der Froschkönig auf seiner Kugel ist glitzernd-kitschig, aber er ist von Luzie, die schon lange nicht mehr lebt.
    Eine ganz dicke Umarmung schickt dir Clara

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    1. Sie sind jetzt bei Kindern, die sie eh immer von den Regalen geholt haben. Aber nicht alle ;). Du würdest die Wohnung ganz sicher noch erkennen. Ein bisschen luftiger, Platz für neues aber noch immer „Mitzi“. Ach Luzie…das hat mich wirklich getroffen, als du mir sagtest, dass sie nicht mehr lebt.
      Eine ebenso dicke Umarmung zurück

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      1. Mitzi, du musst UNBEDINGT noch im zweiten Teil vom Zoobericht den für dich mit Müh‘ und Schweiß fotografierten Nandu besuchen kommen, sonst sind zwei traurig – er und ich.
        Gute Nacht – noch nicht gleich, aber bald!

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  2. Das Ding vergeben, verschenken, vergessen kann wehtun, aber das, was eigentlich ein Stachel, ein Nagel vielleicht auch oder eine Schraube bleibt und ist ist doch ein Anderes, weniger faßbar Dingliches. Reißt man dieses heraus, bleibt eine Narbe. Genug Narben nennt man den Menschen irgendwann einmal erwachsen. Es mag schon so sein, dass wir nur an Verletzungen reifen, aber ist das nicht traurig und schade?

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