Meiers Taschentücher

Braun sei ich geworden, sagt der alte Mann neben mir. Nicht zu mir, sondern zu einem ebenso alten Herren, der auf meiner anderen Seite langsam unter den Bäumen entlang schlurft und auf eine Bank zusteuert. Ja, ziemlich, nickt dieser und mustert mich mit aufmerksamen Blick. Kein Wunder sei es, meinen beide, weil ich ja unbedingt den Sommer noch ein wenig verlängern wollte. Das würde ich ständig machen, murmeln sie und konzentrieren sich auf den Kiesweg, auf dem bereits Herbstlaub liegt. Während ihre Schritte leise knirschen, sage ich nichts und bin dankbar, dass die beiden die Stille unter den Bäumen mit Worten füllen, damit etwas gesagt wird, wo es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Mir selbst würde nichts einfallen. Im Gegensatz zu ihnen bin ich heute nicht zum Spazierngehen am Friedhof, sondern zum Abschied nehmen. Sie begleiten mich ein Stück und ziehen sich dann zurück.

Eine guten Stunde später sehe ich einen von ihnen wieder und bin froh, dass es Herr Meier ist. So gerne ich Herrn Mu mag, heute ist mir die Stille von Herrn Meier lieber und ich setzte mich zu ihm. Wieder die Glocken, fragt er ohne mich anzusehen, ich nicke und denke an den Tag als wir das letzte Mal zusammen auf dem Friedhof waren. Fast genau vier Jahren ist es her. Scheiß Glocken, sagte ich damals, als ich mich auf die selbe Bank auf der wir auch heute sitzen neben ihn fallen ließ. Sie – die Glocken – brächten einen nur zum Heulen erklärte ich damals und das Weinen etwas intimes sei. Intim fragte er mich und heute wie damals empfinde ich es so. Man sollte es den Friedhofskirchen Glockengießern sagen, damit sie ihren Glocken nicht dieses furchtbare Geläut ins Eisen schmieden. Scheiß Glocken, sage ich auch heute trotzig und mein Nachbar lacht leise. Wortlos reicht er mir ein Taschentuch und weil ich den Kopf schüttle, stupst er mich mit dem Ellbogen an. Nicht dumm sein, sagt er und dann weine ich doch ein bisschen. Meier nickt zufrieden. Die machen es schon richtig, die Glockengießer, murmelt er, die wissen welcher Ton einen packt und das sei gut so. Da geht einer für immer und die Deppen die hinter ihm her gehen, ersticken an den runtergeschluckten Tränen. Als wenn es nicht wurscht wäre, sagt er. Da geht einer und kommt nicht mehr zurück, ein paar Tränen zum Abschied darf man ihm schon mitgeben. Man hat ihn ja gern gehabt, den der gegangen ist. Ich nicke und er gibt mir ein zweites Taschentuch. Neben einem alten Mann wie Herrn Meier lässt es sich gut weinen. Menschen wie der Meier müssen nichts sagen und die Ruhe und Gelassenheit die sie ausstrahlen trösten ohne Worte. Als ich mich ausgeweint habe, nickt er zufrieden. Schön wars, oder, fragt er und ich weiß, wie er es meint. Beerdigungen können schön sein. Herzzerreissend schön, weil auch unendlich trauriges schön sein kann. Was haben sie gespielt fragt Herr Meier und wir finden beiden das Smetanas Moldau etwas ganz feines ist. Ich erzähl ihm, dass es grad besonders gut passte und nehme ein drittes Taschentuch. Ich erzähl ihm ein bisschen vom Abschied und von denen für die der Abschied noch viel schwerer als für mich war. Zum Essen konnte ich nicht mitgehen, aber die Zeit dem Meier Hans noch ein bisschen zu erzählen habe ich. Das ist wichtig, sagt er und hat recht. Herr Meier sagt er geht jetzt auf die Wiesn, weils ein gar so schöner und sonniger Tag ist. Prost, Mitzi sagt er und erinnert mich daran, dass schönes und trauriges nebeneinander existieren können. Wie lachen und weinen. Ich schaffe beides gleichzeitig und muss zurück in die Arbeit. Scheiß Glocken sage ich trotzdem noch einmal, als sie schon wieder läuten. Im Gehen sehe ich, dass der alte Meier sich doch noch mal auf die Bank vor der Aussegnungshalle setzt und wartet. Als ich mich umdrehe öffnen sich die Tore und Meier steht auf und zieht seinen Hut. Den Sarg begleiten nur zwei Menschen. Jetzt drei, denn Meier schließt sich ihnen an. Ich weiß nicht ob er den Toten gekannt hat, glaube aber nicht. Vor langer Zeit habe ich einen gefragt, warum er den grantigen, kauzigen und wortkargen Mann, der in meinem Haus wohnt, so gern hatte. Längst weiß ich selbst. Dass er denen, die nicht mehr viele hatten, auf ihrem letzten Weg das Geleit gibt, ist nur einer von vielen Gründen. Ob er sie kannte spielt dabei keine Rolle. Ganz am Ende spielt wenig eine Rolle, vielleicht aber, dass niemand alleine vor einem offenen Grab stehen muss. Der, bei dem der alte Meier steht, kann sich glücklich schätzen. Mein Nachbar kann still und ruhig sein, im richtigen Moment aber auch lachen und Taschentücher die nach Tabak riechen reichen. Ich bin mir sicher, dass sich schon viele alte Frauen bei ihm eingehängt haben um leichter über den groben Kies zu gehen. Ob sie sich in dem Moment gefragt haben, wer er eigentlich ist, bezweifle ich. Ganz am Ende ist es egal, wer da neben einem steht, solang es nur einer ist, der weiß wie es sich anfühlt.

Und Herr Meier weiß es. Bevor ich wirklich zurück zur Arbeit gehe, bleibe ich an einem Grab stehen und zupfe einige verwelkte Blüten von einem Blumenstock. Ich weiß nicht ob Herr Meier ahnt, dass ich es bin, die seit ein paar Jahren das Grab von seiner Frau und seinem Sohn bepflanzt. Wahrscheinlich, aber eigentlich ist es auch egal.

15 Gedanken zu “Meiers Taschentücher

    1. Bei uns hier in Bayern enden die meisten Beerdigungen damit dass der Sack raus getragen wird und man ihm dann hinterher bis zum Grab geht. Das mit dem Vorhang stelle ich mir aber auch als einen sehr traurigen Moment vor. Ach, es ist einfach immer schrecklich traurig.

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      1. Da ist es bei uns dann glaube ich auch so. Die meisten Beerdigungen auf den ich bisher waren, waren Erdbestattungen. Aber ob nun Vorhang oder Glocken, ich glaube der Effekt und das Gefühl sind wahrscheinlich das gleiche. Liebe Grüße

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