Wimpern zum Frühstück

Absolute Ehrlichkeit ist das wichtigste in jeder Form von zwischenmenschlichen Kontakt, sagt meine Freundin. Absoluter Blödsinn,  sage ich,  und schließe das online Profil von „verständnisvoller1977“. Die liebste meiner Single-Freundinnen, Lea oder „Kampflustiges Gänseblümchen“, wie sie sich auf Datingportalen nennt, verdreht die Augen und tippt gegen ihr leeres Glas. Während ich ihr nachschenke, öffnet sie noch einmal die Seite des Verständnisvollen und möchte wissen, was so schlimm daran ist, wenn ein Mann ehrlich über seine Defizite schreibt. Das wäre doch nur fair. Potentielle Partnerinnen wüssten dann, womit sie es zu tun hätten. Ich bin da anderer Meinung.  Mir ist es lieber, wenn ich bereits bis über beide Ohren verliebt bin und meinen Partner durch die Brillengläser leicht rosa gefärbt gesehe, wenn die Defizite ans Tageslicht kommen. Dann bin ich milder gestimmt.  Ecken und Kanten, Macken und Eigenheiten sind herzlich willkommen. Wer will schon ein perfektes Gegenüber?  Aber ganz am Anfang, da muss ich nun wirklich nicht alles wissen.  Mein Gänseblümchen wird sich mit dem Verständnisvollen treffen.  Ich sehe es an der Art wie sie den Kopf schief legt wenn sie sein Profilbild betrachtet. Sie wird sich mit einem Mann treffen, der im ersten Absatz deines Profiles schreibt,  dass er  ein Problem mit übermäßiger Schweißproduktion hat.  Sorry, Männerschweiß ist für mich nur im verliebten Zustand, auf dem Gipfel eines Berges (nachdem man ihn hinauf gelaufen ist) oder bei anderen schweißtreibenden Aktivitäten (auch hier bin ich in der Regel schwer verliebt oder liebe schwer) zu akzeptieren.

Übertriebene Ehrlichkeit bei körperlichen Defiziten ist auch beim ersten Date noch nicht angebracht. Mir läuft es noch heute kalt den Rücken runter wenn ich an Lars denke. Noch bevor wir überhaupt am Tisch saßen, erklärte er mir, dass sein Gesicht aufgrund einer Kortison-Therapie so aufgedunsen sei.  Hätte er nichts gesagt, hätte ich  sein Gesicht als völlig normal empfunden.  Lars erzählte aber gerne über seinen ausgeprägten Heuschnupfen und den Kampf gegen den selbigen in Form der besagten Therapie.  Kein gutes Thema.  Das etwas flüssiger Eiweiß  am Rand des Spiegeleis  schmeckt seltsam, wenn jemand über Schnupfen spricht.  Während der nächsten Stunde erfuhr ich auch von seinen Problemen mit den Wimpern am rechten Auge. Die eigentlich ganz hübschen Wimpern wuchsen ab und zu  in die falsche Richtung. Klingt seltsam aber nicht wirklich schlimm, bis die Beschreibung folgt, wie diese mit der Pinzette entfernt werden müssen.  Eine zweite Person sei hier für unabdingbar.  Bevor er mir von noch anderen eingewachsenen Haaren erzählen konnte, versuchte ich das Thema zu wechseln.  Religion und Politik  erschienen mir harmlos oder verdarben zumindest nicht den Appetit. Lars ignorierte meine Versuche und verließ das Gebiet körperlicher Defizite um sich den emotionalen zuzuwenden. Diesmal allerdings den meinen. Ich sei wenig empathisch, vermutete er  und ergänzte, dass er dies daran erkennen würde, dass ich ihn kaum ins Gesicht blicken würde.   Ich halte mich durchaus für empathisch, aber das Kopfkino das Lars Erzählungen bei mir ausgelöst hatten, machten es mir unmöglich seine Wimpern,  seine Wangen oder seine Nase  anzusehen ohne dämlich zu grinsen.

Ganz ohne Ehrlichkeit geht es aber auch nicht.  Ich würde mich ja gerne davon freisprechen, dass mir Äußerlichkeiten wichtig sind. Leider ist  aber das empfinden von Attraktivität bei seinem gegenüber unabdingbar um sich zu verlieben.  Dass die Attraktivität, dabei im Auge des Betrachters liegt und nichts mit Perfektion zu tun hat, versteht sich von selbst. Dennoch wäre ich am liebsten umgedreht, als ich mich vor einigen Jahren  mit Chris vor dem Kino getroffen habe.  Ein Mann muss nicht groß und schlank sein um mir zu gefallen. Wenn er aber behauptet dies zu sein und dann klein und mopsig vor mir steht, dann halte ich ihn  für einen Typen der nicht besonders helle ist.  Ich bin barfuß 1,615 m groß.  Es fällt mir also durchaus auf wenn mir ein angeblich großgewachsener Mann  in die Augen schauen kann, ohne nach unten zu sehen.  Wie bescheuert muss man sein, sich als Sportfanatiker zu beschreiben und dann beim ersten Date aus der Puste zu kommen.  Nur weil mein 50 m laufen muss um den Bus zu erwischen. Und das neben einer Frau, in hohen Schuhen.  Der mopsige, schwer atmende Chris in dem scheußlichen tomatenroten Pullover hatte an diesem Abend wohl ebenso wenig Spaß wie ich. Obwohl ich ihn mehr als unattraktiv fand, bin ich mit ihm nach dem Kino noch in eine Bar gegangen. Man will ja nicht oberflächlich sein. Ein Fehler. Wir hatten uns absolut nichts zu sagen. Und fast hat Chris mir leid getan, als wir einen Freund von ihm trafen, mit dem ich mich auf Anhieb Verstand.  Er war ebenso klein wie Chris, wog bestimmt noch einige Kilo mehr als er und hatte ein schräges Hemd an. Aber er hatte einen fantastischen Humor, strahlende und blitzende Augen und konnte herrlich erzählen. Nicht über Körperflüssigkeiten. Es wurde noch ein netter Abend. Chris allerdings, kehrte irgendwann nicht mehr von der Toilette zurück.

Das kampflustige Gänseblümchen und ich beschreiben uns vorsorglich als „normal“.  Das sind wir auch für fast alle Männer deren Wege wir kreuzen. Bis auf ein paar wenige. Die sehen in uns etwas, das einen zweiten Blick lohnt und übersehen die Unzulänglichkeiten großzügig. Meine Macken erzähle ich freiwillig natürlich niemanden. Sie merken sie ja eh. Irgendwann.  Im besten Fall ist es dann schon zu spät und er in mich verliebt. Dann findet er  es irgendwie  ganz süß, wenn ich….. Das tue oder sage, wovon ich hier bestimmt nicht freiwillig berichte.

9 Gedanken zu “Wimpern zum Frühstück

  1. zum glück ist der held perfekt und ehrlich … so wird es dich freuen zu erfahren … dass zumindest deine suche ab sofort ein ende hat …

    denn als belohnung … für diesen … mal wieder unFUCKINGfassbar gut geschriebenen text … habe ich beschlossen … MICH dir zu schenken …

    da mir klar ist … dass frauen zwanghaft … auch an einem noch so genialen kerl … immer noch etwas verändern müssen … bin ich bereit … dir anzubieten … mir meine sprichwörtliche bescheidenheit ein stück weit auszutreiben …

    ja liebe Mitzi … heut ist dein tag … und „irgendwas“ sagt mir … dass auch ich es hätte schlechter erwischen können …

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  2. Und wie mich das freut! Keine Dates mehr, keine Suche mehr…angekommen! Und das bin ich, nach gut drei Monaten hier wirklich. Und jetzt hab ich auch noch den ultimativen Hauptgewinn gezogen, den Bodyguard – frei von Ironie…wie schön! Und ja, du hättest eine schlechtere Wahl treffen können ; ).

    Nur das ich verändere, das kannst du vergessen. Was Mutti und (Lebens) Schule bisher nicht geschafft hat, dafür fühle ich mich nicht verantwortlich. Und austreiben auch nicht. Aber beim „in den Wahnsinn treiben“…darin bin ich große Klasse 😉

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  3. Ich stehe auf Wahnsinn, liebe Mitzi.;) Am besten an deinem wieder mal ausgesprochen hübschen Text finde ich diesmal ein Detail, nämlich deine genaueste Größenangabe. 1615 Millimeter, Donnerwetter! Darüber musste ich sehr schmunzeln, also nicht über dich. Ich bin überzeugt, dass du eine bezaubernde Frau von 1,615 m bist, falls du mit den fünf Millimetern nicht geschummelt hast, versteht sich. Eventuell hattest du doch Socken an. Oder Plateausohlen?

    Das fragt mit lieben Grüßen,
    Jules

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  4. Ich Schussel hab irgendwas gemacht, was eben nicht dazu geführt hat, hier bei Dir anzukommen…vor ein paar Tagen schon 😉 …Aber da war heute ein offener Loop im Gehirn (oder einfach nur Dein Kommi bei Jules), der mir verständlich machte: „Du wolltest noch was!!!!! HEUTE LOS“.

    Also, endlich geschafft 😉

    Sorry auch dafür, dass ich nicht mit den aktuellen Themen anfange…die Dates haben einfach meine Maus magisch angezogen. Wahrscheinlich, weil ich überlege, einige meiner wahnwitzigen Verabredungen auch mal 1:1 als Story aufzuschreiben. Glaubt einem sowieso keiner, was alles so abgeht…und seh das bei Dir bestätigt. Hast Du genial beschrieben und geschrieben. Ich hoffe inständig, dass mir weder Chris noch Lars über den Weg laufen. Ist aber eher unwahrscheinlich bei der Entfernung…einen Stephan hatte ich schon…aus München *grins*, aber der war ok (ich verrate hier lieber nicht alles *lach)

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  5. Ich hab mein Handy die letzten Stunden regelmäßig piepsen gehört und sehe jetzt, all deine lieben Kommentare und die vielen likes für die Beiträge. Vielen Dank dafür. Ich hab sie alle gelesen und mich sehr gefreut, dass ich dich zum Lachen bringen könnte und dass du auch an meinen traurigen Stimmungen teilgenommen hast.
    Die Reihenfolge ist egal. Ich schreibe (bis auf Italien) selbst durch die Zeiten springend ;-). Wie und wann du etwas liest spielt keine Rolle. Das du es tust, das freut natürlich. Schreib sie auf, deine Verabredungen. Ich würde mich freuen sie zu lesen. Dieser Abenteuerspielplatz für Erwachsene ist immer wieder ergiebig 🙂

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