Lichtblick für Paul

Wie nervig der Klingelton des eigenen Handys ist, wird einem erst bewusst, wenn es das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde klingelt. Auch, dass der Ton viel zu laut eingestellt ist, erkennt man erst, wenn der Anrufer beim vierten Mal und zunehmend genervt ins Telefon blökt. Meine Nachbarin Judith ist selten genervt, blökt nur wenn sie einen sehr schlechten Tag hat und ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mich schon einmal vier Mal hintereinander angerufen hat. In all den Jahren stand sie aber auch noch nie in meinem Kellerabteil und musste nach etwas suchen, von dem ich selbst nicht weiß, wo es sich befinden könnte. Eigentlich bin ich noch immer davon überzeugt, dass ich die Lichterkette für unseren gemeinsamen Laubengang im Februar links ins Regal gelegt habe. Dort liegt nämlich alles was ich regelmäßig, also einmal im Jahr, brauche. Zwei Mal habe ich Judith versichert, dass die kleinen LED Lichter nur dort – direkt beim Weihnachtsfondue –  sein können und zwei Mal teilte sie mir mit, dass sich dort weder ein Fondueset noch eine Lichterkette befinden würden. Bevor ich ein drittes Mal darauf bestehen konnte, erhielt ich ein Beweisfoto via WhatsApp und Judith drang tiefer in den wohl intimsten meiner angemieteten Räume vor. Der dritte Anruf war von lautem Scheppern begleitet und informierte mich, dass es eine saublöde Idee sei, die Blumentöpfe des Sommers auf den Boden und nicht in die Regale zu stellen. Der vierte, dass mein Regal ein Miststeil und eine Beladung von fünf Terrakottatöpfen tatsächlich nicht gewachsen sei. Ich sparte es mir ihr zu sagen, dass ich das bereits gewusst habe. Überhaupt sparte ich mir jeden Kommentar, weil ich schließlich dankbar sein musste, dass sie sich an meiner statt in den Keller begeben hatte. Ich darf nämlich nicht. Seit ich unter Quarantäne stehe, ist mir das Verlassen meiner Wohnung verboten und für die Suche von Dekorationsmaterial wird keine Ausnahme gemacht. 

Als ich Judith wenig später vorschlage Ende der nächsten Woche selbst nach der verschollenen Lichterkette zu suchen, bekomme ich nur ein ungläubiges Schnauben als Antwort. Auf keinen Fall. In diesem verrücken Jahr sei sie nicht gewillt auf das Wenige zu verzichten, dass den Anschein von Normalität erwecken würde. Die Lichterkette, die wir seit fünf Jahren pünktlich am 1. November anbringen, gehört dazu. Dieser Meinung ist auch unser Nachbar Paul, dem sie gerade im Treppenhaus begegnet ist. Aus Gründen der Bequemlichkeit, die er uns als „Energiesparen“ verkauf,  bringt der seit Jahren auf seinem Balkon keine eigene Lichterkette an und verlässt sich darauf, dass er beim Rauchen seiner Zigarette, die unsere leuchten sieht. Den nächsten Anruf erhalte ich direkt von Paul. Sein Handy besitzt eine Freisprechanlage die es ihm ermöglicht, meine etwa fünf Kilo und einen Quadratmeter umfassende Weihnachtskrippe über dem Kopf zu balancieren und sich gleichzeitig mit mir telefonierend, hinter ganz nach hinten zum Schubladenblock aus Eichenholz zu schieben um dort die Suche fortzusetzen. Ob er noch ganz richtig ticke, frage ich ihn und versichere, dass sich die Schachtel mit den LED Kerzen ganz sicher nicht im Mobiliar meines ehemaligen Kinderzimmers befinden würde. Aufgrund des ausladenden Umfangs der Weihnachtskrippe und diversem andren Krempel, war ich seit bestimmt sechs Jahren nicht mehr so weit hinten im Keller.  Paul ignoriert mich und erkundigt sich wie es mir geht. Anhand seiner schweren Atemzüge erkenne ich, dass er mittlerweile dabei ist die schweren Schubläden der alten Kommode zu durchsuchen. Das durch die Feuchtigkeit verzogene Holz macht es ihm nicht leicht und während ich ihm – was nicht übertrieben ist – von meinem Fieber und der damit verbundenen Schlappheit und den fiesen Ohrenschmerzen berichte, lasse ich mir auch gleich berichten, was sich in den Schubläden eigentlich befindet. Es sind meine alten Schulbücher und Paul, der bei kranken Frauen hilflos und zu gleich ungewohnt weich wird, bietet an sie auszuräumen und in den Papiermüll zu werfen. Seit über zwanzig Jahren habe ich vor mich noch einmal intensiv mit Mathe und Physik zu beschäftigen, lasse mich aber jetzt davon überzeugen, dass der Zug abgefahren ist. Paul beendet das Telefonat, meldet sich in der nächsten Stunde aber mehrfach um sich zu erkundigen ob er das eine oder andere gleich ebenfalls entsorgen soll. Einmal in den Tiefen des Abteils angelangt würde das durchaus Sinn machen, schlägt er vor und erklärt mir wenig später, dass seine Hilfsbereitschaft nicht ganz uneigennützig ist. In unserem Keller besitzt nur jedes zweite Abteil eine Lampe. Die angrenzenden Keller werden durch die weit auseinanderstehenden Holzlatten beleuchtet. Pauls Keller, der sich nach einem Tausch mit Frau Obst, links neben meinem befindet, leider nicht. Mein Krempel, stapelt sich so hoch, dass er kaum noch Licht erhält. 

Am frühen Nachmittag räumen zwei Männer meinen Keller aus. Herr Iwanow ist Paul zur Hilfe geeilt. Auch er behauptet, mir etwas Gutes tun zu wollen, ist aber als passionierter Handwerker mehr an meinem Elektoschrott und als liebevoller Onkel an meinen Inlineskatern und Ski für seine Nichten interessiert. Ich bin zu schwach um zu widersprechen und gehe in die Küche um mir einen Tee zu machen. Dort sehe ich Judith, die im Laubengang unsere Lichterkette anbringt. Sie zwinkert mir zu und erklärt durch das gekippte Fenster, dass sich diese dann doch direkt links im Regal befunden habe – gut versteckt hinter einem Osterhasen aus Porzellan. Bevor ich Paul und Herrn Iwanow zurück pfeifen kann, hält sie mich auf. Die sollen mal schön weiter meinen Keller ausmisten. Erstens schadet ihnen etwas Bewegung vor dem anstehenden Lockdown nicht und zweites, grenzt auch ihr Keller an den meinen und kann dringend etwas mehr Licht vertragen. Meine Quarantäne hätte also für alle Vorteile. Hätte ich nicht noch immer Fieber und würde mir das Denken nicht tatsächlich schwerfallen, wäre ich wahrscheinlich ein wenig beleidigt gewesen. So beschränke ich mich auf eine müdes Lächeln und freue mich auf die Dämmerung, wenn es vor meinem Küchenfenster wieder gemütlich wird. 

 

20 Gedanken zu “Lichtblick für Paul

    1. Danke, dir. Ich bin mir nicht sicher ob es Duldsamkeit ist und oder ob ich nicht einfach unverschämt bin ;). Wenn ich das Ergebnis gesehen habe, dann werde ich mich bedanken und Kuchen bringen (oder stinksauer und beleidigt sein…)

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    1. Danke, dir. Eigentlich dachte ich, dass ich auch ganz gut darin bin. Aber ich bin es anscheinend im Keller nicht gut genug. Wenn Paul und Herr Iwanow noch etwas übrig lassen, dann bist du herzlich eingeladen 😉

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