Fertig und jetzt Prost

Fertig! Die Lesungen für diese Jahr und am Mittwoch auch ich. Fix und fertig, aber mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen. Ein Grinsen das meine Nachbarin irritiert hinterfragt. Eine Lesung ohne Zuhörer und trotzdem ein schöner Abend? Ich nicke, stecke mir ein Stück Schokolade in den Mund und schiebe den Koffer mit einem gekonnten Kick hinter die Tür. Mhm, bestätige ich kauend, kein Zuhörer. Kein einziger und das nicht das erste Mal in diesem Jahr. Langsam werden wir echt gut darin uns während einer Lesung selbst zu beschäftigen. Ganz neues Konzept für die Agentur: Autoren lesen gegen die Wand oder vor einzelnen verlorenen Seelen, die falsch abbiegend vor die Bühne gestolpert sind. Inbegriffen im Honorar, die tröstenden Worte für verzweifelt und enttäuschte Veranstalter, die sich während der Vorbereitung ein Bein ausgerissen haben, bis zur letzten Minuten den Abend beworben haben und mit sturem Optimismus für ein warmes Willkommen gesorgt haben. Für sie tut es mir leid. Mehr als für mich. Ich lese auch für nur einen Gast oder für Autorenkollegen vor deren Bühne auch gähnende Leere herrscht. Durch die letzten Monate kommt man im Kultur- und Veranstaltungsbereich nur mit viel Humor. Sehr viel Humor. Angesichts der aktuellen Nachrichten konnte ich es den Torgauern nicht einmal verdenken, dass nur so wenige zur Lesenacht gekommen sind. Ich war mir ja selbst bis Anfang der Woche nicht sicher, ob die Veranstaltung überhaupt stattfinden kann. Und dennoch…ja, es war schön. Ziemlich schön sogar.

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Lichtblick für Paul

Wie nervig der Klingelton des eigenen Handys ist, wird einem erst bewusst, wenn es das dritte Mal innerhalb einer Viertelstunde klingelt. Auch, dass der Ton viel zu laut eingestellt ist, erkennt man erst, wenn der Anrufer beim vierten Mal und zunehmend genervt ins Telefon blökt. Meine Nachbarin Judith ist selten genervt, blökt nur wenn sie einen sehr schlechten Tag hat und ich kann mich nicht erinnern, dass Sie mich schon einmal vier Mal hintereinander angerufen hat. In all den Jahren stand sie aber auch noch nie in meinem Kellerabteil und musste nach etwas suchen, von dem ich selbst nicht weiß, wo es sich befinden könnte. Eigentlich bin ich noch immer davon überzeugt, dass ich die Lichterkette für unseren gemeinsamen Laubengang im Februar links ins Regal gelegt habe. Dort liegt nämlich alles was ich regelmäßig, also einmal im Jahr, brauche. Zwei Mal habe ich Judith versichert, dass die kleinen LED Lichter nur dort – direkt beim Weihnachtsfondue –  sein können und zwei Mal teilte sie mir mit, dass sich dort weder ein Fondueset noch eine Lichterkette befinden würden. Bevor ich ein drittes Mal darauf bestehen konnte, erhielt ich ein Beweisfoto via WhatsApp und Judith drang tiefer in den wohl intimsten meiner angemieteten Räume vor. Der dritte Anruf war von lautem Scheppern begleitet und informierte mich, dass es eine saublöde Idee sei, die Blumentöpfe des Sommers auf den Boden und nicht in die Regale zu stellen. Der vierte, dass mein Regal ein Miststeil und eine Beladung von fünf Terrakottatöpfen tatsächlich nicht gewachsen sei. Ich sparte es mir ihr zu sagen, dass ich das bereits gewusst habe. Überhaupt sparte ich mir jeden Kommentar, weil ich schließlich dankbar sein musste, dass sie sich an meiner statt in den Keller begeben hatte. Ich darf nämlich nicht. Seit ich unter Quarantäne stehe, ist mir das Verlassen meiner Wohnung verboten und für die Suche von Dekorationsmaterial wird keine Ausnahme gemacht.  Weiterlesen

Dezember geordnet

Ich mag es, wenn der erste Advent zugleich der erste Tag im Dezember ist. Das fühlt sich ordentlich an und ein wenig Ordnung zum Jahresende schadet nicht. Die Wolken am Himmel, die sich um kurz vor halb sieben langsam rosa färben, sind nicht ordentlich. Allenfalls ordentlich rosa, wie es sich für einen Sonnenaufgang gehört. Auch das mag ich. Im Dunklen sitzen und darauf warten, dass es hell wird. Im Winter besonders schön, weil viel seltener. Im Winter schlafe ich länger und tiefer und die Sonne weckt mich nicht so früh wie im Hochsommer. Im Moment schlafe ich kurz und träume tief. Je mehr ich meinen Tagesablauf ordnen möchte, umso unordentlich werden meine Träume. Leider neige ich dazu mich an meine Träume zu erinnern und ein wenig zu lange in ihnen festzuhängen. Momentan bin ich bis etwa Mittags in exakt der selben Stimmung, wie im Traum. Dann sitze ich am Schreibtisch und obwohl ich längst die warmen Schuhe aus dem Keller geholt habe, spüre ich noch ein bisschen das Meer, an dem ich dieses Jahr so schöne Tage verbracht habe. Ich mag es, aber es passt nicht so ganz zum Christbaum der vor dem Bürofenster steht und seit Donnerstag leuchtet. Manchmal bin ein wenig verstimmt, weil mich im Traum einer geärgert hat. Nur im Traum, aber ich trage es ihm nach und weiß wie albern es ist. Kollegen fahren auf Flößen an mir vorbei, Freunde sitzen auf Hausdächern und meine Großeltern grillen auf meinem Balkon. Ich versuche gar nicht erst Ordnung in diese Träume zu bekommen und vermute, dass sie der Preis für einen halbwegs ordentlichen Dezember sind und mich noch ein  wenig begleiten werden. Weiterlesen

Von Ochsen und Bäumen

Ich kannte mal einen, der hat jedes Jahr pünktlich zum ersten Advent einen Karton aus dem Keller geholt und die Wohnung weihnachtlich dekoriert. Eine, der Jahreszeit angepasste Dekoration bedeutete bei Jan, dass er den Aschenbecher stimmungsvoll mit Alufolie auslegte und die Glühbirne im Wohnzimmer austauschte. Vier Wochen lang war der Raum in pinkes Licht gehüllt. Das passte gut zu den Strohsternen die er über die Hälse der Bierflaschen und die Lavalampen gehängt hatte. Jan war damals gerade mal Zwanzig und ich mochte seine Deko, weil ich ihn mochte. Mit Zwanzig hatte ich kein Auge und kein Geld für stimmungsvolle Adventsdekoration. Eine von den Eltern geerbte alte Lichterkette reichte. Meine hatte besonderen Charme, da sie an vielen Stellen mit buntem Isolierband geflickt war. Eine schöne Erinnerung an Fippsi und Chester, die verfressenen Meerschweinchen meiner Kindheit. Mehr brauchte es nicht. Weiterlesen

Büro Baum

Mit meinen Lieblingsmenschen bin ich geizig. Ich teile sie nur ungern, wenn die Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann, knapp bemessen ist. Ungern teile ich den mutigsten meiner Freunde, weil wir uns zu selten sehen und die Zeit für das Kennenlernen einer dritten Person viel zu knapp ist. Meine Kollegin Bine aber, die habe ich sofort mitten in unser Wiedersehen geschmissen. Nicht erst seit heute, aber heute ganz besonders, weiß ich warum. Weil sie ein Schatz ist. Einer, der einen anderen Schatz heute neben meinen Schreibtisch gestellt hat. Weiterlesen

Babbo Natale muss sterben

Mit der Strenge einer, über Jahre ausgebildeten Domina sage ich: „Nein.“ Ohne Ausrufezeichen und ohne Erklärung sage ich das schlichte Wort in einer einschüchternden Ruhe und bleibe bewegungslos vor der Türe meiner Nachbarn stehen. Die beiden Studenten sehen mich fragend an und weil sie  eine solche, fast wortlose Strenge angesichts ihrer jungen Jahre wohl noch nicht deuten können, zeige ich nachsichtig lächelnd zu dem Raum, der sich genau über meinem Schlafzimmer befindet.  Noch einmal sage ich klar und deutlich nein und wende mich ab. Ich spüre ihren Blick deutlich in meinem Rücken und drehe mich noch einmal um, weil sie wirklich schwer von Begriff sind. Nein, oder ich tue ihm weh, sage ich und ob sie das verstanden haben, frage ich. Auch das sage ich ganz ruhig und mit einem Lächeln auf den Lippen. Meine Nachbarn lächeln nicht, aber sie nicken. Wenn ich kurz davor bin, jemandem den Hals umzudrehen, dann lächle ich ein Lächeln von dem meine engsten Freunde behaupten, dass sie davon eine Gänsehaut bekommen. Weiterlesen

Stade Zeit

Es schneit. Als ich vorgestern morgen aus dem Fenster sah, war die ganze Stadt fein mit Schnee bestäubt. Das ist schön. Mit dem Kaffeebecher in der Hand habe ich mich aufs Fensterbrett im Schlafzimmer gesetzt und fünfzig Minuten nach draußen geschaut. Ich kam zu spät ins Büro, aber ich bin sicher, dass meine Kollegen gerne mein Meeting übernommen haben. Wer mich kennt, weiß, dass ich den ersten Schnee liebe und sehnsüchtig erwarte. Sie hatten Verständnis und ihr Gemotze war sicher nicht ernst gemeint. Wer kann bei Schnee schon schlechte Laune haben. Die weiße Pracht läutet den Advent ein und der ist mir eine meiner sechs liebsten Jahreszeiten. Jedes Jahr, kurz nach dem Oktoberfest, behaupte ich deshalb an kühlen Tagen schon, dass es bereits nach Schnee riechen würde und stimme mein Umfeld auf den anstehenden Advent ein. Wenn meine Kolleginnen die Halloween Kostüme für ihre Kinder nähen, lege ich in der Büroküche die ersten Lebkuchen aus und setzte im Wasserkocher den Punsch an. Obwohl das ganze Stockwerk über den penetranten Geruch motzt, bin ich sicher, dass sie ihn eigentlich mögen. An Allerheiligen überprüfe ich heimlich, ob die Lichterkette, die zwölf Monate unbeachtet im Schrank meiner Kollegin lag, noch funktioniert und stelle eine Schachtel Christbaumkugeln dazu. Die ist etwas sperrig, aber die Kollegin kann ihre Ordner ja auch auf den Tisch stellen. Ich kontrolliere den Urlaubsplan der Abteilung, suche passende Tage für einen Glühweinumtrunk heraus und überlege mir ein Motto für das diesjährige Wichteln. Beides mit Hilfe diverser Doodle Umfragen, mit denen ich die E-Mail Accounts der Abteilung zuspame. Ich mache das alles nicht, weil ich schon in Weihnachtsstimmung bin – im Oktober, Gott bewahre. Selbst im November empfinde ich den Geruch von Lebkuchen und Stollen als Zumutung. Ich mache all das, weil ich eine ausgesprochen fürsorgliche und vorausschauende Kollegin bin. Ich mache es, damit die Leute nicht wieder vom Advent überrollt werden. Weiterlesen

München im Advent – grausam!

Als Münchnerin, die sich öffentlich im Internet zu Wort meldet, fühle ich mich verantwortlich für das Bild meiner Heimatstadt, das Nicht-Bayern vermittelt wird. Nicht-Bayern sind aus Münchner Sicht alle die, deren Wohnort sich außerhalb des Weißwurstäquators befindet. Und nein, über den Verlauf dieses Äquators lässt sich nicht diskutieren. Es ist die Donau und nur die Donau. Wäre sie es nicht, dann würde Nürnberg zum bayerischen Kernland gehören und das ist, mit Verlaub, schlicht nicht richtig. Man merkt es ja schon am Namen. Ober- und Niederbayern. Ende. Fast. Die Schwaben laufen so nebenbei. Aber dann ist Schluss. Die ganzen Frankenländer sind zweifellos wunderschön. Ebenso wie die Pfalz. Aber mit dem Bayern aus Münchner Sicht haben sie herzlich wenig zu tun. Einem Oberfranken, der von München keine Ahnung hat, fühle ich mich also ebenso verpflichtet, wie einem Ostfriesen.  Einen Nicht Bayern würde ich sofort bereitwillig Auskunft geben, wenn er wissen möchte, wo München am schönsten im weihnachtlichen Glanz erstrahlt. So schöne Ecken gäbe es. Aber….es bringt nichts. Egal wo ich den Hamburger, Nürnberger oder Chinesen hinschicken, die Münchner sind vor ihm da und die sind ein wirkungsvolles Mittel um jegliche Adventsstimmung zu vertreiben. Weiterlesen

Der letzte Erste

Ich mag Dinge die zusammen gehören. Anfang und Ende zum Beispiel. Oder das Erste und das Letzte. Die erste und letzte Seite eines Buches oder die erste und letzte Praline aus einer Schachtel. Das was dazwischen liegt kann durchaus genussvolle Freude sein, aber nie Premiere oder Abschluss. Besonders gerne mag ich den ersten Christbaum des Jahres. Den ersten echten Baum. Nicht die Dekoration in den Schaufenstern. Der erste Baum steht plötzlich an einer Kreuzung, bei einem Nachbarn auf dem Balkon oder wie heute vor dem Eingang zu meiner Firma. Mit meiner Freude über diesen ersten Christbaum habe ich meine Kollegen heute in den Wahnsinn getrieben. Weiterlesen