Von Ochsen und Bäumen

Ich kannte mal einen, der hat jedes Jahr pünktlich zum ersten Advent einen Karton aus dem Keller geholt und die Wohnung weihnachtlich dekoriert. Eine, der Jahreszeit angepasste Dekoration bedeutete bei Jan, dass er den Aschenbecher stimmungsvoll mit Alufolie auslegte und die Glühbirne im Wohnzimmer austauschte. Vier Wochen lang war der Raum in pinkes Licht gehüllt. Das passte gut zu den Strohsternen die er über die Hälse der Bierflaschen und die Lavalampen gehängt hatte. Jan war damals gerade mal Zwanzig und ich mochte seine Deko, weil ich ihn mochte. Mit Zwanzig hatte ich kein Auge und kein Geld für stimmungsvolle Adventsdekoration. Eine von den Eltern geerbte alte Lichterkette reichte. Meine hatte besonderen Charme, da sie an vielen Stellen mit buntem Isolierband geflickt war. Eine schöne Erinnerung an Fippsi und Chester, die verfressenen Meerschweinchen meiner Kindheit. Mehr brauchte es nicht.

Mehr braucht es eigentlich auch heute nicht. Große Teile meiner adventlichen Dekoration sind mir zugeflogen und es grenzt an ein kleines Wunder, dass dieses Sammelsurium meine Wohnung schmückt und nicht verunstaltet. Die alte Lichterkette hat nun einige Jahrzehnte auf dem Buckel und beleuchtet eine Ecke meines Balkons. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht für die Verwundung im Freien gedacht ist und das in den Siebziger Jahren vermutlich auch auf der Verpackung stand. Die entsorgten meine Eltern aber, als ich drei Jahre alt war und sie von echten auf elektrische Kerzen umstiegen. Mittlerweile erscheint es mir sicherer, die Kette auf dem Balkon zu verwenden. Ich vermute, in Kürze wird sie sich selbst entzünden und dann will ich sie lieber nicht in der Nähe brennbarer Dinge wissen. Zumal ich dazu neige, im Winter ausgedehnte Vollbäder zu nehmen und in diesen 90 Minuten kein Auge auf meine Dekoration haben kann. Ich weiß, dass ich die angefressene und geflickte Lichterkette entsorgen müsste, aber man kann ein Stück Kindheit nicht einfach so auf den Müll schmeißen. Nicht, wenn es die Zahnabdrücke der liebsten und felligsten Freunde trägt. Eigentlich müsste ich mich auch von Jans Strohstern trennen, dem ein Zacken fehlt, weil er zu nah an einem Teelicht hing. Jedes Jahr werfe ich ihn weg und hole ihn dann doch wieder aus dem Müll. Er erinnert mich an den hoch dramatischen Abend, als Jan unsere Beziehung beendete und mit Suizid drohte, als ich ihn fragte, wie er auf die hirnrissige Idee kam, dass er und ich ein Paar seien.  Der vier Fünftel Stern muss bleiben. Im Andenken an Jan, hänge ich ihn immer über die Flasche mit Olivenöl in meiner Küche. Dort am Fensterbrett steht auch das kleine Bäumchen aus Weidengeflecht, das wirklich hübsch wäre, wenn es nicht ein Baumarktkettenzulieferer mit goldenem Glitzer besprüht hätte. Deswegen und wegen der integrierten Lichterkette ist es ein wenig zu kitschig. Trotzdem liebe ich es. Es erinnert mich an ein Weihnachten, das ich alleine verbracht habe und sehr traurig war. Ich war zu zweit alleine und das ist, wie man weiß, die schlimmste Form von Einsamkeit. Mein damaliger Freund wollte Zweisamkeit und ich hatte noch nicht begriffen, dass ich mit ihm an meiner Seite nur noch halb und ganz löchrig war. Durch Herz und Bauch pfiff ein kühler Wind und nur der Baum, den ich am Vormittag im Vorbeigehen bei Obi mitgenommen hatte, war so warm und glitzernd wie Weihnachten eigentlich sein sollte. Jetzt nach vielen Jahren, werden die Lämpchen des Bäumchens langsam doch recht warm und ich fürchte, in naher Zukunft, wird auch er nur noch auf dem Balkon leuchten. Dennoch, einen Baum, der an einem löchrigen Weihnachten Trost spendete, entsorgt man nicht. 

Genauso wenig wie den Blechengel, der an ihm hängt. Den würde ich eh nicht entsorgen, weil er wunderschön ist und mir vor einem Jahr von guten Freunden zum Abschied geschenkt wurde. Hätte ich damals gewusst, dass sie jetzt, ein Jahr später wieder hier in München sind, hätte ich nicht so geweint, als ich mich verabschiedete. Oder doch, wahrscheinlich schon, weil 12 Monate in diesem Fall ein ganzes Leben sind. Sie gingen zu dritt und kamen jetzt zu viert. Irgendwann muss ich mich von Dingen trennen. Nicht vom Blechengelchen, aber von jenen, die zu brennen beginnen können. Dieses Jahr aber noch nicht. Dieses Jahr leuchten sie noch und haben schöne Gesellschaft bekommen. Neben dem Rindenbaum, den ich von meiner Mutter bekommen habe, liegt ein Holzochse. Das muss ich Besuchern meistens erklären, weil man dem Stück Holz auf den ersten Blick nicht ansieht, dass es der Ochse aus dem Stahl mit dem Jesuskind ist. Wenn ich ehrlich bin, sehe ich es ihm selbst nicht an. Es ist ein unförmiges 8 cm großes Stück Holz, von dem der Mann, der ab und zu mit einer Weinflasche vor meiner Tür steht, behauptet, es sei ein Ochse. Die Augen erkennt man sofort – die hat er mit Kugelschreiber darauf gemalt. Aber der Rest…… es ist ein Ochse für den zweiten Blick. Man muss das Stück Holz zwischen eine Wand und eine Kerze halten, dann sieht man den Schatten, der….der nach einem Klumpen aussieht. Ich bekomme es nicht mehr hin. Egal wie ich das Holz auch drehe und wende, es wird kein Ochse mehr. Aber es war einer. Vor zwei Wochen war es einer. Wir haben das Tier beide im Schatten an der Wand erkannt. Ganz eindeutig und ohne jeden Zweifel. Vielleicht lag es am Wein. Er, der ihm die Augen aufgemalt hat, behauptet noch immer, den Ochsen zu erkennen. Ich weiß, dass er lügt, aber das ist ok. Er sagt ja auch, dass er den goldenen, glitzernden Baum hübsch findet. Und weil er es ist, der den Stecker zieht, bevor ich einschlafe und so einen möglichen und früher oder später unvermeidlichen Wohnungsbrand verhindert, darf er ruhig etwas schwindeln. Zu Weihnachten schenke ich ihm übrigens ein Brett aus Olivenholz und behaupte, dass in der Maserung die heiligen drei Könige zu erkennen sind. 

27 Gedanken zu “Von Ochsen und Bäumen

  1. Liebe Mitzi!

    Das finde ich eine großartige Idee. Etwas schlichtes schenken und die Fantasie des Beschenkten mit einer opulent ausgeschmückten Umschreibung anregen. Zur Not kann man dem Geschenk ja auch noch ein Flascherl Wein beifügen, dann wird aus dem schlichten Brett Olivenholz schnell der wertvollste Goldbarren 🙂

    Herzliche Grüße und vielen Dank für die tolle Geschenkanregung
    Mallybeau

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  2. Dein Text ist ein schönes Beispiel für das, was der russische Schriftsteller „Die Biographie der Dinge“ genannt hat, liebe Mitzi. In deinem Fall bietet Adventsschmuck Erzählanlässe und die Biographien der Dinge wandeln sich zu autobiographischen Notizen.
    Ich hoffe, du hast eine Löschdecke zur Hand für den Fall, dass die selbstentzündlichen Dinge mal verrückt spielen.

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      1. Am Ende spielt es wohl keine Rolle auf welche Art man sich mit den Dingen beschäftigt, damit sie zu erzählen beginnen, solange man es tut. Das Buch von Tretjakov kommt hoffentlich bald zu mir.

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    1. Ich erinnere mich, dass du unter einem ähnlichen Titel schon einmal auf Tretjakov hingewiesen hast, lieber Jules. Leider ist das Buch überall wo ich bisher fragte vergriffen. Irgendwann fällt es mir hoffentlich in die Hände.

      Einen schönen – brandfreien – dritten Advent lieber Jules

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  3. … Weihnachten ist nie plötzlich… es ist der Zeitraum, in dem alle Erinnerungen ihren kerzenumschimmerndes Sein leben dürfen … wärmendes Lächeln gebe und Danke für deinen Schal , der dieses Jahr bei mir dazu kommt Mitzi…

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    1. Eine geballte Ladung an Erinnerungen, denen man nicht auskommt. – Oft zum Glück – Liebes Blumenmädchen, wenn der virtuelle Schal nicht ordentlich wärmt, dann gib Bescheid. Dann häkel ich einen. Der wird nicht hübsch, aber warm 🙂

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  4. Mitzi, wenn ich solche Sachen wie „… als ich ihn fragte, wie er auf die hirnrissige Idee kam, dass er und ich ein Paar seien. “ oder ähnliches von mir gegeben habe, meinte ein guter Freund, dass ich den Charme einer Toilettenlbürste hätte.
    Jetzt bin ich aber vieieieieiel charmanter geworden und kann ihn in ähnlichen Fällen vielleicht an dich verweisen? Oder???
    Sehr gelacht!
    Lieben Gruß!

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    1. Diesen Charme teilen wir uns dann. Manchmal kann man nicht freundlich antworten, weil die Überraschung siegt oder man glaubt, sich verhört zu haben.
      Wenn Dein Charme milder geworden ist….immer her 😉

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  5. Also wenn es abstrakte Kunst gibt, dann gibt es auch sicherlich Holzarbeiten in diesem Stil oder kubistisch. Da wird aus einem einfachen Ochsen ganz schnell ein Sammlerstück 😉 Dank meiner Mutter bin ich wohl sehr verwöhnt in Sachen Design, bin gespannt was mein eigner Hausrat eines Tages so bergen wird…

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    1. Hat mir meine Nichte gestern auch gesagt…sie ist gespannt wie ihre eigene Wohnung einmal aussehen wird.
      Wenn man es sieht wie du, dann habe ich etwas ganz feines hier rumliegen. Etwas, dessen Wert irgendwann bestimmt steigt. Und wenn nicht monetär, dann ganz sicher emotional. Bei willkürlich gefundenen Holzstücken ist letzteres wahrscheinlicher ;).

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