München im Advent – grausam!

Als Münchnerin, die sich öffentlich im Internet zu Wort meldet, fühle ich mich verantwortlich für das Bild meiner Heimatstadt, das Nicht-Bayern vermittelt wird. Nicht-Bayern sind aus Münchner Sicht alle die, deren Wohnort sich außerhalb des Weißwurstäquators befindet. Und nein, über den Verlauf dieses Äquators lässt sich nicht diskutieren. Es ist die Donau und nur die Donau. Wäre sie es nicht, dann würde Nürnberg zum bayerischen Kernland gehören und das ist, mit Verlaub, schlicht nicht richtig. Man merkt es ja schon am Namen. Ober- und Niederbayern. Ende. Fast. Die Schwaben laufen so nebenbei. Aber dann ist Schluss. Die ganzen Frankenländer sind zweifellos wunderschön. Ebenso wie die Pfalz. Aber mit dem Bayern aus Münchner Sicht haben sie herzlich wenig zu tun. Einem Oberfranken, der von München keine Ahnung hat, fühle ich mich also ebenso verpflichtet, wie einem Ostfriesen.  Einen Nicht Bayern würde ich sofort bereitwillig Auskunft geben, wenn er wissen möchte, wo München am schönsten im weihnachtlichen Glanz erstrahlt. So schöne Ecken gäbe es. Aber….es bringt nichts. Egal wo ich den Hamburger, Nürnberger oder Chinesen hinschicken, die Münchner sind vor ihm da und die sind ein wirkungsvolles Mittel um jegliche Adventsstimmung zu vertreiben.

In der Christkindl-Tram zum Beispiel. Es könnte einen stutzig machen, dass gerade der Münchner Nahverkehr versucht etwas auf die Beine zu stellen, das zum genussvollen Stressabbau in der Vorweihnachtszeit einlädt. Entspannung und Genuss zählen eindeutig nicht zu den Kernkompetenzen des MVG. In diesem Fall aber sind die blau uniformierten Mitarbeiter das kleinste Problem. Der MVG hat den gutmütigsten von ihnen eine rote Zipfelmütze aufgesetzt und sie mit Glühweindampf mundtot gemacht. Das echte Problem sind die Münchner selbst. Die sparen sich den Jahresfrust für den Advent auf. Die Innenstadt sei überfüllt, der Christkindlmarkt nicht mehr bayerisch, der Baum vor dem Rathaus ein Schandfleck und überhaupt ist ohne Schnee der ganze Advent für die Katz. So schimpfen sie und stürzen sich doch mit Hingabe in die Fußgängerzone, weil es in ganz München ja sonst keine Läden gibt, kaufen das billige Zeug an den Buden und trinken sich am hässlichsten Christkindlmarkt der ganzen Stadt den Baum vorm Rathaus schön. Und wenn sie dann in Stimmung sind, dann fahren sie mit der Christkindl Tram. Das sieht dann so aus:

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Als Münchner kauft man sich für 2 Euro ein Ticket, setzt sich hin und fängt an zu schimpfen. Darüber das die Haltstangen rotweiß sind, wo sie doch blauweiß zu sein haben. Dass der Glühwein pappig ist und viel zu süß und die Plätzchen zu trocken sind. Für zwei Euro kann man mehr verlangen. Der Münchner bockt. Setzt sich hin und schweigt. Für Stimmung sorgen nur die Touristen die sich in dem ratternden nostalgischen Gefährt einen Becher Glühwein gönnen und dann versuchen das Gleichgewicht zu halten. Die sind lustig anzuschauen. Das gibt der Münchner aber nicht zu und starrt lieber stur gerade aus. Wehe da bewegt einer den Kopf zu den Weihnachtsliedern. Die Tram wird überhaupt nur deshalb benutzt, weil man sich da eine halbe Stunde aufwärmen kann und das Ticket billiger ist, als die normale Einzelfahrt vom Sendlinger Tor zum Odeonsplatz. Deshalb wird die Tram in den Abendstunden auch voll. Dann sieht es da so aus: 015122f5617b36dcb920d3ec2a21819d7ea86e06e1

Aus dem Lautsprecher plärrt Last Christmas und mitten drin sitzen und stehen die schlecht gelaunten Münchner und schleppen ihre Einkäufe nach Hause. Als Tourist können sie dann nur der Empfehlung auf dem Foto folgen. Knopf drücken und aussteigen.

Am besten am Odonsplatz. Dann biegen Sie direkt in den Hofgarten ein und meiden das Anaast, das seit Jahren Tambosi heißt. Es sieht zwar wahnsinnig gemütlich aus und die heiße Schokolade ist zum niederknien, aber die Kellner stammen aus München und denen wollen Sie nicht begegnen. Fahren Sie lieber mit dem Bayernticket nach Rosenheim, das ist viel bayerischer als München.

Sollen Sie München in der Vorweihnachtszeit dennoch besuchen, dann beherzigen ein paar kleine Hinweise:

  • Meiden Sie die Eisbahn am Stachus. München ist eine Millionenstadt und die Bahn hat die Größe von vier Tischtennisplatten
  • Gehen Sie nicht zum Glühwein trinken in die Fußgängerzone. Die ist eh schmal und Sie stehen im Weg (Ihr Mantel der nicht mit überschwappenden Punsch begossen wird, dankt es Ihnen)
  • Schauen Sie den wunderschönen Christbaum vor dem Rathaus aus selbigen Gründen nicht mit einer Tasse Glühwein in der Hand an
  • Winter Tollwood…theoretisch schön. Praktisch…der Schlamm von Woodstock kombiniert mit Menschenmassen die versuchen den Pfützen auszuweichen
  • Bleiben Sie von 08:00 bis 21:00 Uhr im Hotelzimmer

Und falls Sie sich fragen, warum ich heute gar so schlecht über meine Heimatstadt schreibe….. Ich wollte nur einen Glühwein trinken. Nur den herrlichen Baum ansehen. Nur ein bisschen durch die Fußgängerzone schlendern und dann eine Tasse heißen Kakao im Anaast trinken. Aber es geht ja nicht. Da sind überall Menschen. Hamburger, Nürnberger, Chinesen und Japaner. Und alle finden München genauso wunderschön wie ich. Die Stadt glänzt und glitzert so wunderschön, dass mir ganz schwindlig wird. Nur sehe ich es nicht, vor lauter Menschenmassen. Ein bisschen schlendern wollte ich und hab statt dessen drei japanische Reisegruppen mit deren Kamera fotografiert, fünf Mal den Weg zum Chinesischen Turm erklärt und bin zwei Mal wegen Überfüllung nicht in die Christkindl Tram gekommen.

Nürnberg soll schön sein. Fahren Sie doch da mal hin. Oder Dresden. Und ganz besonders Hamburg – da sind Sie schon fast am Meer. Ich lasse Ihnen gerne den Vortritt und drehe derweilen eine Runde auf der Eisbahn am Stachus.

37 Gedanken zu “München im Advent – grausam!

  1. Ach weißt du….Im Grunde ist es fast in jeder Stadt & ihrem schönsten Weihnachtsmarkt genau so.
    Ausnahmen gibt es bestimmt.
    Und es ist weder neu noch überraschend.
    Geld ist es was zählt. Nichts anderes.
    Ob München oder Pforzheim
    Ob Dullesbach oder Oberrussenried.
    Misteln zum Küssen / ich vermisse sie nicht.

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  2. neeeeeein! Veto! Also ich stimme dir zu, dass die Stadt überfüllt ist. Aber auf das Weihnachtsdorf in der Residenz lasse ich nichts kommen. Und auch nicht auf den Weihnachtsmarkt in Neuhausen am Rotkreuzplatz. Vom Marienplatz halte ich mich eigentlich das ganze Jahr über fern. Aber das Tollwood so zwischen 17 und 19 Uhr unter der Woche oder Sonntagabend geht. Wenn es zuvor nicht geregnet hat. Und es gibt Käsefondue und Raclette!!! Hach…

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    1. Pssst ;).
      Du hast ja so recht. Das Tollwood ist ein Schlemmerparadies und die paar Pfützen sind ja nur nach Regen. Auch der Markt am Weißenburger Platz ist toll und die Residenz…der Eierpunsch da…..hmmm.
      Ich hab extra tief gestapelt, damit die alle nach Nürnberg fahren und ein wenig mehr Platz in der Stadt ist.
      Schrecklich egoistisch, nicht wahr 😦

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  3. Sind die nur in der Adventszeit so drauf, oder sind das gar alles diese miesepetrigen Touries, die wir in der Saison bespaßen müssen? Während sie sich gegenseitig mal am Strand oder mal durch die Stadt schieben. Dicht an dicht mit Hund und Kinderwagen und ganz viel schlechter Laune dabei. Ich mache jedes Jahr zum Saisonende elfundzwölfzigmilliarden Kreuze.
    Btw. Für Schleswig-Holsteiner beginnt Süddeutschland direkt hinter der Elbe 😮

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  4. … Hamburg, oh die Norddeutschen machen keine Fotos für Touristen und der schwebende Weihnachtsmann hat stress mit seinem Engel hat mir einer geflüstert… es gibt nicht einen Markt, es gibt ein amöbiges ineinandergreifendes klebriges, liedriges Gemeinschaftsgefühl… wenn du magst treffen wir uns am Glüheinstand vom Michel 😉

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  5. Behaltet ihr bitte die Touris im Winter. Wir haben genug von ihnen im Sommer. Und viel Arbeit, z.B. das lästige Verteilen von Plastik-Seehunden auf den Sandbänken. Nur damit die Touris ein paar Fotos knipsen können. Und bei der nächsten Flut sind sie weg. Das Spiel beginnt von Neuem. Nee, bleibt bitte, wo ihr seid … 😉

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    1. Ach, jetzt bin ich aber enttäuscht.
      Die putzigen Kerle sind aus Plastik….. ;(. Das Verteilen zeugt von großem Engagement. Hut ab.
      Vielleicht behalten wir alle unsere „eigene“ Touristen und trinken mit ihnen einen Glühwein, Grog oder was auch immer ;).

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  6. Im Tollwood war ich schon, und es schneite. Das war beinahe stimmungsvoll. Ich erinnere mich gern. Eine Tram voller grantelnder Münchner fände ich ebenfalls anstrengend. Doch an deiner Seite, liebe Mitzi, wie in deinem hübschen Text, zwänge ich mich da auch hinein. In Aachen fand ich den touristischen Rummel auch immer nervig. Da ist es ähnlich überlaufen wie im München deiner Schilderung. Den Weihnachtsmarkt in Hannover habe ich heuer gemieden.

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    1. Du ahnst es, lieber Jules, auch ich mag das Tollwood eigentlich ganz gerne. Es gibt viel zu sehen und das klug gewählte Motto in jedem Jahr unterstreicht den alternativen Gedanken. Dieses Jahr gab es einen etwa zehn Meter großen Weihnachtsbaum aus alten Fahrrädern, dessen Beleuchtung sich durch Strom speiste, der von Tollwood Besuchern generiert wurde, die auf Rädern strampelten und dabei reichlich Spaß hatten.
      Ich nehme dich sehr gerne mit. Einen schönen vierten Advent nach Hannover.

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  7. Liebe Mitzi,
    ich war schon auf dem Weg nach München, habe glücklicherweise noch rechtzeitig Ihre Warnung gelesen und bin stantepede umgekehrt.
    Vor allem die Überquerung des Weißwurstäquators konnte ich dadurch noch verhindern. DENN welchen gefährlichen Täuschungen mag der Reisende sich aussetzen und ihnen erliegen, einen Fluß zu betreten, der im SCHWARZEN Meer mündet und sich WEISSwurstäquator nennt. Sehr verdächtig, mysteriös oder gar saugefährlich?!?
    Gruß Heinrich

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  8. Keine Angst, ich komme nicht, ich mag München nämlich nicht. 😉
    Ja, auch das gibt es. Und was Du über Franken sagst, kann ich
    nur unterstreichen.Für ein unabhängiges Franken! Helau!
    Und die Weihnachtszeit kann mir sowieso gestohlen
    bleiben – ich mache drei Kreuze, wenn Januar ist.

    Der Text ist trotzdem sehr amüsant…
    Auch hier sind die Passanten meist
    grantig und die Szenen in der
    Straßenbahn kommen mir
    sehr bekannt vor. Bei uns
    nennt sich das Übel
    Äppelwoi-Express. 😉
    Auch die Chinesen
    trifft man und sogar
    Münchener, irre gell ?

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    1. Einer weniger ;).
      Im Ernst…es lässt sich leicht über die ganzen Touristen motzen und über den Äquator an der Donau lustig machen, solange man ja weiß wie schön das ganze Bayern ist und wie willkommen uns die Besucher sind, die die Städte bunter machen.

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  9. Nürnberg ist in der Tat schön. Aber bitte nicht der Christkindelsmarkt. Da werden alle Touristen mit unzähligen Bussen hingekarrt, die Hamburger, die Chinesen und die Japaner. Nur die Münchner nicht. Weil die wissen, wie es im Advent dort zugeht und bleiben lieber gleich zu Hause … 🙂

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  10. Ich weiß schon warum ich die Kleinstadt hier schätze, da trifft man noch gemütlich Freunde auf dem Christkindlmarkt. Keiner tritt dir auf die Füße, dafür wird man viele Male von lieben Menschen umarmt und die, wo man das vermeiden will, vergrämt man mit langem Glühweinschlürfen 🙂

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  11. Liebe Mitzi,
    Ihre Warnung kam gerade noch rechtzeitig!
    Ich hatte mich schon auf den Weg nach München gemacht, konnte dann aber noch stantepede kehrt machen und mich retten. Vor allem einen Fluss zu überqueren, der sich WEISSwurstäquator nennt und sich dann in das SCHWARZE Meer ergießt ist mit äußerstem Misstrauen und penibler Vorsicht zu betrachten.
    Puhh… is grad noch mal gut gegangen!
    Gruß Heinrich

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    1. Da bin ich froh, lieber Heinrich, dass ich Sie noch rechtzeitig erwischt habe.
      Sie bekommen von mir grünes Licht, wenn die Überquerung wieder gefahrlos möglich ist. Zur Sicherheit hole ich Sie dann auch gerne persönlich an der Grenze ab.
      Liebe Grüße
      Ihre Mitzi

      Gefällt 2 Personen

  12. ich gelange immer mehr zu der überzeugung, dass münchen und wien irgendwelche sonderbaren wurmlochdoppelgänger sein müssen. anders kann es nicht sein, dass es alles genau gleich ist. nur dass die christkindltram bei uns ring tram heißt und das ganze jahr fährt.

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