Eine goldene Glocke und ein Esel

In meinem Keller steht ein Karton, der mir wichtiger und wertvoller ist als die meisten meiner Besitztümer. Obwohl er groß ist, wirkt er auf den ersten Blick unscheinbar und niemand weiß, dass er so kostbares beinhaltet. Die schönsten Dinge werden ja oft in unscheinbaren Behältnissen aufbewahrt. Früher war er weiß. Heute ist er grau und die Ecken des festen Kartons sind abgewetzt und der Deckel schließt nicht mehr richtig. Er muss nicht schön sein. Er steht ja das ganze Jahr im Keller. Solange er den Inhalt fest umschließt und die Schnüre, die als Griffe dienen, noch halten, ist es mir gleichgültig wie er aussieht. In ein paar Jahren werde ich ihn austauschen. Noch aber darf er bleiben, weil ich an ihm hänge und es mag zu wissen, dass dieser Karton an jedem Ort an dem ich lebte im Keller stand.

Nach oben darf er nur einmal im Jahr. Ich hole ihn immer kurz vor Weihnachten. Manchmal am hl. Abend, manchmal auch schon ein paar Tage zuvor. Ohne es mir vorzunehmen, weiß ich wann ich den Karton nach oben holen möchte. Heute noch nicht. Morgen vielleicht. Dann schleppe ich ihn in den Lift und hoffe, dass die Schnüre halten und er mir nicht aus der Hand rutscht. Auf dem Boden sitzend wische ich den Staub zur Seite und freue mich nach einem Jahr wieder den Deckel öffnen zu können.

Ganz oben, damit es nur ja nicht zerbricht, ist eine kleine gelbgoldene Glocke. Sie ist mein Schatz, der wichtigste Christbaumschmuck den ich besitze. Wohl auch der billigste. Massenware aus den Siebziger Jahren. Sie stammt aus der Zeit, als unser Baum noch mit echten Kerzen geschmückt war und die kleine Glocke trägt die Erinnerung daran in Form von zwei hellrote Wachstropfen. Gemeinsam mit einer dunkelgrünen Kugel steht sie für meine frühste Kindheit und hängt an jedem meiner Bäume. Ohne Wachs, aber ebenso alt ist eine etwas größere silberne Kugel. Es handelt sich um Diebesgut. Die Bäume meiner Kindheit waren immer bunt. Kugeln in allen Farben, etwas Holzschmuck, ein paar Glocken und Lametta. Alle Farben hatten wir am Baum – nur keine einzige silberne Kugel. Silber und weiß, war der Baum meiner Großeltern in Moosach. Obwohl ich den bunten Baum bevorzugte, mochte ich die klaren, silbernen Kugeln. Eine von ihnen habe ich gestohlen. Meine Großmutter hätte sie mir sicher geschenkt, aber ich habe sie heimlich vom Baum genommen und zu Hause an den unseren gehängt. Gemerkt hat es niemand. Die Kugel landete beim Weihnachtsschmuck meiner Mutter und hing fortan jedes Jahr am Baum. Ich begrüßte sie immer ganz still und heute erinnert sie mich an meine Großeltern, die schon lange Jahre nicht mehr leben.

Meinen eigenen Baum schmücke ich in jedem Jahr nur mit Kerzen und mit schlichten bunten Kugeln. Die Farbkombinationen variieren, aber die gelbe Glocke, die grüne und die silberne Kugel hängen immer zwischen den Zweigen. Genauso wie die dunkelrote auf die ein Schaf gezeichnet ist und mit schwarzer Schrift geschrieben steht: „Alles doof ohne Dich“. Ich habe sie für den mutigsten meiner Freunde gekauft und weil er in Italien keinen Baum hat, hängt sie an meinem. Jedes Jahr steht er davor und hält nach ihr Ausschau. Sie hängt in der Nähe einer kleinen weißen Porzellanglocke, die seine Mutter wunderschön bemalt hat. Die Glocke passt nicht zum Rest, aber das merkt man bei einem zwei Meter Baum nicht und ich habe mich so sehr über das schöne Stück gefreut, dass sie in keinem Jahr fehlen darf. In meinem Karton ist sie ganz unten und vielleicht das teuerste Stück, weil die Mama dies mutigsten meiner Freunde, eine begnadete Künstlerin ist. Ein Faden Lametta vom Baum meiner anderen Großmutter darf auch nicht fehlen. Er hängt an der Spitze und nur wenn man weiß, dass er da oben ist, sieht man ihn. Weitere Stilbrüche sind ein rotes Herz mit „Giesing“ beschriftet und eine Kugel in Form eines Eselkopfes. Beides von dem Freund, der weiß, dass ich an hl. Abend oft alleine bin. Der Esel grinst und ich tue es auch, wann immer ihn mein Blick streift. Den Rest der Kiste füllen duzende von Kugeln. Jede einzelne von ihnen mag ich. Ich mag es, wenn sich das Licht der Kerzen in der schillernden Oberfläche spiegelt und ich finde es schön, dass wir schon so viele Weihnachten gemeinsam verbracht haben.

Dieses Jahr stelle ich den Baum schon am Donnerstag auf. Zwei Tage zu früh. Aber die Tradition kümmert mich nicht. Ich habe Freunde eingeladen. Die liebsten und die vertrautesten kommen vorbei und ich möchte, dass wir den Wein neben dem großen Baum trinken. Die Kugeln speichern in ihrem Inneren schon viele schöne Erinnerungen. Für ein wenig Lachen und Freundschaft ist wohl trotzdem noch Platz.

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Im Karton ist längst kein Platz mehr. Auch für die zweite Bank an meinem Tisch nicht und die eine kann man nur erklettern, weil der Tisch so nah an das Sofa gerückt ist. Einmal im Jahr brauchen meine Erinnerungen Platz. Unter 1,80 m schafft das eine Tanne nicht. Besser sind zwei Meter, dann muss das Bäumchen sich nicht so plagen. Beim Tragen meiner liebsten und schönsten Erinnerungsstück.

Wenn Sie sich an Weihnachten einsam fühlen, dann geben Sie mir Bescheid. Ich schicke Ihnen eine der Kugeln. Es reicht, wenn Sie sie auf den Tisch legen. Sie ist so voll mit Freude, dass sie sicher etwas abstrahlt und die Einsamkeit vertreibt. Es funktioniert. Ich weiß das.

19 Gedanken zu “Eine goldene Glocke und ein Esel

  1. Liebe Mitzi!
    Bei Ihrem sicherlich wunderschönen Fest mit Ihren Freunden wünsche ich viel Spaß und Genuss. Ich bin mir sicher, dass sich die Gesellschaft um diesen Baum herum pudelwohl fühlt.
    Und wie es die Weihnachtskugel nicht treffender hätte sagen können, ist es stets eine Freude hier zu lesen…“Alles doof ohne Dich“ 🙂
    Ich wünsche wunderschöne Vorweihnachtstage.
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau 🙂

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  2. Ich verbinde mit einzelnen Stücken Christbaumschmuck auch Erinnerungen und werde wohl eines Tages bitten müssen, dass man sie mir überlässt. Die Stücke, nicht die Erinnerungen. Aber sie wollen wohl gern zusammenbleiben. Danke für dein Angebot, aber ich flüchte mich in diesem Jahr auch zu „meinem“ Schmuck im Elternbaum.

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  3. … nichts ist so getränkt mit träumender Energie wie der Christbaumschmuck, egal ob Vergangenheit oder Gegenwart… alles umfliegen den Baum und vereint sich mit dem Licht… eine schöne Zeit für dich und deine Liebsten Mitzi wünscht das Blumenmädchen ⭐

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  4. Ich habe mich gerade gefragt, ob es den Baum, die Kugeln und was auch immer da hängen mag, wirklich braucht, ob es nicht die Erinnerungen sind, die uns zu bestimmten Zeiten einholen oder aufleben lassen. Aber es braucht diese Dinge, es geht nicht alles nur im Kopf, manches muss man anfassen und anschauen können, damit die Bilder und die Emotionen kommen. Und sei es ein Karton und ja, so einen Karton gab es bei meinen Eltern auch und vielleicht werden meine Töchter unseren Karton auch einmal in Ehren halten.

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    1. Der Gedanke kam mir beim Schreiben auch. Eigentlich sind Erinnerungen nicht materiell. Wahrscheinlich würde ich auch mit einer Packung neuer Kugeln ähnliche Gedanken haben.
      Schöner ist es dennoch mit den alten, fragilen Stücken.
      Ich bin mir fast sicher, dass dein Karton weiter durch die Generationen wandern wird.

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  5. oh mitzi, ich kann eh immer nur das gleiche sagen, ich liebe deine texte weil sie von meinen gefühlen handeln, obwohl die eirnnerungen ganz andere sind. ich kenne holzschmuck, bei uns gab es auch stroh, aber die kugeln waren nicht bunt sondern immer rot und gold. seit meine oma gestorben ist feiern wir weihnachten nicht mehr zuhause und wir haben uns eine andere, schöne tradition aufgebaut. das weihnachten meiner kindheit fehlt mir dennoch, die vielen erinnerungen, die lange verschüttet sind, weil sie auch traurig machen. sie hängen wirklich am baumschmuck…

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    1. Danke für die lieben Worte – da wird mir ganz warm. Rot und Gold ist auch eine sehr schöne Kombination, perfekt gemeinsam mit Stroh sehr heimelig.
      Ich glaube man hängt immer an den Kindheitserinnerungen – egal wie die schön die neuen auch sein mögen.
      Liebe Grüße

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  6. Du hast meinen Weihnachtskarton und das dazu gehörige Ritual beschrieben, wie schön ! Sogar von meiner Uroma sind da Schätze verborgen und jedes Jahr beim Öffnen nehme ich die schönsten Teile in die Hand und denke an die Spender. So umgeben sie mich weiterhin und bereiten immer wieder Freude. Kindheitserinnerungen werden erweckt und das Fest bekommt wieder einen kindlich schönen Glanz. Das sollte man sich erhalten können.

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