Betrogene Frau dank DHL

Die negativen Einflüsse des Online Shoppings auf den stationären Einzelhandel sind hinlänglich bekannt. Über die verheerenden Auswirkungen auf das harmonische Zusammenspiel einer Hausgemeinschaft wird dagegen kaum berichtet. Wer noch nicht erlebt hat, in welches Chaos ein einzelner DHL Bote ein ansonsten ruhiges Haus stoßen kann, der würde sich wundern. Soviel sei vorweg genommen – seit Amazon bis kurz vor Weihnachten noch versandkostenfrei liefert, ist es mit der besinnlichen Adventszeit vorbei . Bis vor kurzem gab es zwei in meinem häuslichen Umfeld zwei unerschütterliche Felsen, dank derer die stürmische Paketbrandung in Schach gehalten wurde. Hugo, den zuverlässigen DHL Boten und ein russisches Ehepaar aus dem zweiten Stock. Seit letzten Montag könnten wir uns auf beide nicht mehr verlassen und es herrscht Anarchie.

Obwohl in meinem Haus kaum einer behaupten kann, alle Nachbarn persönlich zu kennen, gibt es eine Wohnung, vor der wir alle schon einmal standen. Jeder kennt Herrn Iwanow und seine Frau, weil jeder schon einmal mit einem gelben Zettel vor ihrer Türe gestanden ist. Der im Elektroladen integrierte Paketshop hat seltsame Öffnungszeiten. Bei Iwanows ist immer geöffnet. Egal wann man läutet, Herr oder Frau Iwanow öffnen lächelnd die Tür und händigen die tagsüber gelieferten Pakete aus. Sie sind die gute Seele in unserem Haus. Dafür nehmen wir es auch gerne in Kauf, dass Herrn Iwanows Zigarren die gesamte vordere Hausfront in einen streng riechende Rauchwolke hüllen. Seit Montag hängt an der Wohnungstür der Iwanows ein Zettel auf dem „Wir haben keine Pakete. Gar keine“ steht. Das ist ein Problem. Denn gerade jetzt erwartet fast jeder eine Lieferung und bisher waren sie immer in besagter Wohnung zu finden. Hugo, der DHL Bote lieferte sie zuverlässig in den zweiten Stock des Vorderhauses. Jetzt nicht mehr. Hugo streikt. Das bedeutet nicht, dass er seine Arbeit nieder gelegt hat. Nein, er liefert die Pakete noch immer, aber er sagt uns nicht mehr wohin. Auf den gelben Zetteln, die er stapelweise auf die Briefkästen legt, notierte er als Ort der Abholung boshaft nur noch „bei ihrem Nachbarn“. In meinem Haus gibt es viele Nachbarn.

Einer davon bin ich. Das dachte sich auch Paul als er vor meiner Tür stand und sich nach drei bis fünf Paketen erkundigte, die er vermisste. Obwohl ich ihm erklärte, dass sie sich nicht bei mir befanden, verschwand er erst nachdem er über meine Schulter in den Flur geblickt hatte. Pauls Pakete verschwanden schon einmal für zwei Wochen hinter meiner Tür und seitdem misstraut er mir. Ich versprach ihm, dass ich – sofern ich eines annehmen würde – nicht in Urlaub fahren würde und er trollte sich. Ich sah ihn noch bei Judith meiner Nachbarin klingeln und hörte sie schon durch die Tür rufen, dass sie keine Pakete hätte. Den Satz hatte ich an diesem Tag bereits mehrfach gehört und selbst gleiches einer Handvoll Nachbarn mitgeteilt. Seit wir unsere Pakete suchen, ist unser Haus viel lebendiger. Jeder rennt von Tür zu Tür und Menschen die noch nie miteinander gesprochen haben, lernen sich kennen. Leider sind die Dialoge etwas eintönig und die Laune der Suchenden sinkt im gleichen Maße wie die der Türöffnenden. Zur Zeit macht es keinen Sinn, sich einen Film anzusehen. Im Rhythmus einer Viertelstunde steht zwischen sechs und neun Uhr ein Suchender vor der Türe. Ich versuchte es und wurde nach einer halben Stunde erneut von Paul gestört. Er brauche dieses verdammte Paket, teilte er mir mit und erkundigte sich ob ich selbst denn überhaupt nichts vermisse. Kopfschüttelnd gab ich ihm eine Milchschnitte  zur Stärkung mit und lies ihn weiter suchen. Ich vermisse nichts, weil ich nichts bestellt habe. Gewollt hätte ich schon, aber ich traue mich nicht mehr. Ohne es sicher zu wissen, vermute ich, dass Hugos Streik etwas mit mir zu tun hat. Vor zwei Wochen klingelte er und teilte mir über die Sprechanlage mit, dass der „junge attraktive Mann von der DHL“ da sei. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht dass er Hugo heißt. Das erfuhr ich erst, als ich die Wohnungstür öffnete, ihn ansah und sagte, dass ich mir unter einem jungen, attraktiven Mann etwas anderes vorgestellt hatte. Er nahm es mit Humor und am nächsten Tag steckte eine Paketkarte in meinem Briefkasten. Ich sei ja lustig, stand darauf und ob man sich nicht mal zum Essen verabreden möchte. Man mochte nicht. Hugo ist jetzt beleidigt. Nein, Hugo ist stinksauer. Ich weiß es von Paul. Der erwischte den DHL Hugo gestern Nachmittag, als dieser seiner unvollständig ausgefüllten Paketkarten auf die Briefkästen warf und stellte ihn zur Rede. Er könne sich bei der unverschämten Blonden aus dem zweiten Stock des Vorderhauses bedanken, teilte dieser ihm mit. Die arrogante Kuh – ich – würde Männer anflirten und sie dann abservieren.

Ich bin jetzt Pauls Freundin. Zumindest denkt das unser DHL Bote. In seiner Verzweiflung angesichts der noch immer vermissten Pakete, erhob mich Paul kurzerhand in diesen Status. Er versprach dem im Stolz gekränkten Hugo, mit mir ein Gespräch über das Flirten mit fremden Männern zu führen. Das erzählte er mir mit einem süffisanten Grinsen bevor er mir eine Handvoll Wallnüsse in die Hand drückte. Die seien von Herrn Meier von unten, dem er bei der Paketsuche ebenfalls begegnet ist. Herr Meier, der das Gespräch mit Hugo mitbekommen hatte, teilte ihm mit, dass ich eine etwas schwierige Person sei und wünschte Glück.

Vom Küchenfenster sah ich eben, dass Paul in seinem Wohnzimmer eine Frau umarmt. Der Schuft! Er wird es mir nachsehen,  dass ich tatsächlich ein Paket von ihm im Flur stehen habe. Ich dachte es wären meine Christbaumkerzen und habe es erst heute bemerkt. Da ich jetzt offiziell seine Freundin bin und er mich offensichtlich betrügt, geschieht es ihm ganz recht.

 

 

36 Gedanken zu “Betrogene Frau dank DHL

  1. Was für ein hübsches Durcheinander – und im Zentrum mal wieder du, liebe Mitzi, die „unverschämte Blonde aus dem zweiten Stock des Vorderhauses“ – und so amüsant geschildert. Du musst dem armen Hugo sehr den Kopf verdreht haben, dass er seine Arbeit nicht mehr vernünftig erledigen kann. Und auch Paul aus dem Hinterhaus sonnt sich offenbar in der Vorstellung, dein Freund zu sein. Obwohls nur eine Ferndiagnose ist, kann ich es nachvollziehen.
    Lieben Gruß

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    1. Dass du glaubst das zu können, lieber Jules, freut mich sehr.
      In der Adventszeit lassen sich wohl auch die Männer von der Vorstellung der Zweisamkeit anstecken. Allerdings möchte ich betonen, dass ich absolut nicht geflirtet habe und am Chaos absoltu unschuldig bin. Ich hoffe unser DHL Bote findet eine andere Verabredung und ist bald wieder besserer Laune. Seine Zuverlässigkeit hat uns bisher immer sehr verwöhnt.
      Liebe Grüße

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      1. Vielleicht solltest Du Dich als gute Fee à la Amelie betätigen und ihm zum Weihnachten eine fabelhafte Welt bescheren in Form einer Freundin. Mehr Liebe in dieser Welt und Ruhe in Deinem Wohnblock — der Inbegriff von Weihnachten.

        Viele Grüße

        P.S. vielen Dank für Deine Artikel, die mich fast immer zum Schmunzeln bringen. Und die, die mich nicht zum Schmunzeln bringen, verlangen nach einer Tasse heißen Tee, einer Decke zum Einkuscheln und einem Augenblick zum Tagesträumen.

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  2. Das ist ja alles ausgesprochen kompliziert, denn auch wenn es sich hier um den DHL-Boten handelt, steht er natürlich für den Boten an sich, für Hermes, den Götterboten, der zugleich auch der Schutzgott der Kaufleute ist. Nun legt man sich nicht leichtfertigt mit einem Gott an, auch wenn es nur ein griechischer ist, die Griechen eh zur Zeit nicht hoch im Kurs stehen und du, wie wir wissen, auch eher dem Italienischen hold bist.
    Was nichts ändert, dann wäre es eben der Merkur, die Zuständigkeit für den Handel hat er beim Wechsel der Kulturen gleich mitgenommen. Es ist aber nicht einfach nur der Bote, nein, es ist Hugo, von dem, wer kurz googelt, wissen kann, dass man, heißt man Hugo, auch Boss heißt.
    Folglich lässt er dich wissen, wer denn hier der Boss ist, nachdem er dich vergeblich zum Essen, vielleicht mit einem Gläschen Hugo, eingeladen hat. Wie wir die Götter kennen, ist da nur mit einem Opfer etwas zu machen. Eine Handvoll Nüsse… eher etwas für Aschenputtel.
    Aber Kerzen, natürlich. In jeder Kirche im Einsatz, um für oder gegen etwas zu bitten. Also dürfte Paul kaum Chancen haben, sein Paket, dass vielleicht nicht dort gelandet ist, wohin es sollte, aber dorthin, wohin es musste, jemals zurückzuerhalten. Schon gar nicht von einer betrogenen Frau.

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    1. Lieber Manfred, vielen vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar, der mir zeigt, dass ich wohl doch Verantwortung am Chaos trage. Die Götter die ich rief….ich bestellte ja selbst regelmäßig. Ach herrje….Danke auch für die aufgezeigte Lösung. Ich werde Kerzen anzünden. Die in der Kirche, die auf meinem Tisch und die am Baum. Ich werde sie schon wieder milde Stimmen. Den Boss, die Boten und ….nein, Paul nicht. Der Fremdgeher, der.

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  3. DHL = Das Heißt Leiden.
    Oh, ich könnte DHL Geschichten erzählen. Aber ich kann nicht so schön erzählen, wie Sie liebe Mitzi!
    Wäre München näher an Hannover, also so nahe, wie ein DHL Bote Pakete werfen kann https://www.youtube.com/watch?v=tWjF5cAk9Ew dann würde ich spontan mit Ihnen eine DHL-Selbsthilfegruppe gründen. Wir würden bundesweit sicher ruckzuck ein paar Millionen Mitglieder erreichen und jedes Mitglied zahlt läppische €5,50 Mitgliedsbeitrag / Monat. Das ist 49 Cent preiswerter als die Onlinefrankierung eines Paketes bis 5kg.

    Gruß Heinrich
    von der AOK anerkannte DHL-Phobie

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  4. Herrlich ich kann nich mehr ;D Dieses Jahr haben wir tatsächlich auch mal Post bekommen… Zumindest erwarteten wir etwas ohne, dass es mein Vater wusste. Was gab es für ein Hallo als ich krank aus dem Bett fiel um ihn davon zu überzeugen dass wir mal die Tür aufmachen sollten und das die Pakete sehr wohl für uns wären und nicht für die Nachbarn. Fast tun sie mir ja schon Leid, die Paketboten zumal es wahrlich keine kleinen Pakete sind o.o

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  5. Ich bin die Frau Iwanow in unserem Haus. Ich kenne sie alle, die jungen und die älteren Paketboten. Attraktiv ist keiner und flirten tun sie auch nicht, da ich vermutlich ihrer Mutter ähnle 🙂 Aab und an biete ich auch ein Kaffeele an. Sie sind alle glücklich. Aber ich werde heute noch einen Zettel an die Tür hängen: Keine Pakete da, gar keine, damit ich meinen Abend genießen kann und weiterhin über eure Paketparade schmunzeln kann

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    1. Unser Hugo ist eine Ausnahme – ich vermute, dass der Rest der Paketboten so unter Stress steht, dass ihnen amouröse Gedanken gar nicht erst kommen. Die Einladung zum Kaffee hebt dich noch einmal deutlich über Familie Iwanow – das klingt nach einem Goldstück von Nachbarin.
      Schöne Weihnachtstage und liebe Grüße

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  6. Ach wie schön! Das Gewusel im Haus erinnert mich an einen interaktiven Adventskalender. Das Dorf, in dem meine Mutter wohnt, veranstaltet tatsächlich so etwas ähnliches, sodass an jedem Adventstag eine Tür oder ein Fenster in der Nachbarschaft geöffnet wird. In diesem Sinne noch einen frohen Advent. Das Christkind kommt morgen dann hoffentlich ganz ohne Klingeln einfach rein und bringt die Pakete. In die richtige Wohnung, versteht sich 😉

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  7. Und wenn der Schwerenöter Paul mit seiner „Affäre“ Hern Meier begegnet, wird der wahrscheinlich voller Verständnis sein – Du bist einfach nichts auf Dauer, das hat Herr Meier schon geahnt, aber so, wie wir ihn inzwischen kennen, ist er nicht froh darüber, daß er das schon immer gewußt hat, im Gegenteil, er wird voller Mitgefühl für Dich sein und Dir noch mehr Walnüsse zukommen lassen.
    Männer sind meistens nicht wirklich gemein, nur ein bißchen dumm.;-)

    Herrlich erzählt, wenn Du mal auf Lesereise bist und diese Geschichte als erste vorliest, kannst Du mit dem Telefonbuch weitermachen, die Leute werden Dich trotzdem lieben. Den Termin für Köln läßt Du mich dann hoffentlich wissen.

    Schöne Tage wünsche ich Dir, und ganz viele Geschenke zum Auspacken.

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