Teppich Klang

Obwohl das Jahr noch nicht zu Ende ist, bin ich mir sicher, dass die schlimmsten zwölf Stunden von 2019 bereits hinter mir liegen. Sie waren etwas ganz besonderes und völlig unerwartetes. Nur leider nicht im positiven Sinn. Mittlerweile spielt es auch keine Rolle mehr. Sie sind vorbei und ich kann beruhigt in die letzten fünf Wochen des Jahres gehen. Schlimmer als diese zwölf Stunden wird heuer nichts mehr. Auf seine Art ein schöner Gedanke. So schön und beruhigend, wie das eine Lied, das ich in den zwölf Stunden hörte. Es war das einzige, das die widerliche und zähe Stille durchbrach. Beim ersten Mal gefiel es mir nicht, beim dritten Mal hatte ich mich daran gewöhnt und nach sieben Stunden, in denen immer wieder die gleiche Playlist ablief, wartete ich schon darauf. Wenn man stundenlang sonst nichts zu tun hat, dann kann man auch 85 Minuten auf ein Lied warten.  Weiterlesen

Ich – unausstehlich

Wenn mir kalt ist, bin ich unausstehlich. Oft auch wenn ich Hunger habe und meistens, wenn ich zu wenig Schlaf bekomme. Ausnahmslos immer aber, wenn ich morgens feststelle, dass das Zuckerdöschen leer ist und irgendein Depp vergessen hat, das große Zuckerglas aus dem das Döschen gespeist wird, aufzufüllen. Blöd, dass er Depp meistens ich bin und ich niemanden verantwortlich machen kann. Dann bin ich unausstehlich und strecke meinem Spiegelbild beim Zähneputzen die Zunge raus. Das hat es verdient. So blöd, sich mindestens einmal monatlich den morgendlichen Kaffee zu versauen, kann auch nur die verschlafene und zerzauste Blondine im Spiegel sein. Momentan sei ich wie die Axt im Walde, sagt mir einer, der heute morgen ebenfalls gerne etwas Zucker in seinem Kaffee gehabt hätte und ich drossle meine Unausstehlichkeit ein wenig, weil ich ahne, dass die Kombination aus unausgeschlafen, verfroren und zuckerlos, vor sieben Uhr morgens, selbst für den geduldigsten Mann eine zu große Herausforderung darstellt. Bei meinem Nachbarn Paul, den ich kurze Zeit später im Müllkeller treffe, drossle ich gar nichts. Paul hat – als durchlaufenden Posten – Freundinnen, die halb so alt wie er sind und die haben mit Anfang zwanzig noch nicht gelernt, sich zusammen zu reißen. Ein weiteres motzendes Weib dürfte also nicht ins Gewicht fallen und ich pampe ihn zur Begrüßung erst einmal an, weil er mir den versifften und widerlich klebrigen Deckel der Mülltonne nicht auf hält.  Weiterlesen

Sommer-Erdbeer-Moos

Rutsch, sage ich noch, bevor ich mich neben meinen Nachbarn Paul auf den Boden fallen lasse. Weil er nicht schnell genug rutscht, falle ich in das weiche, moosige Gras unseres Innenhofes und lande erst nach einer 180 Grad Drehung auf seiner Decke. Rutsch, wiederholt er fragend und ob wir nun endlich soweit seien uns eine Decke zu teilen. Ich nicke. Ja, heute ist es soweit. Heute hat es 35 Grad und heute ist es ungefährlich sich eine Decke zu teilen. Mehr als atmen und liegen, passiert an solchen hochsommerlichen Tagen nicht. Nicht solang es hell ist. Nicht solang es hell ist, wiederholt er auch diesen Satz und ergänzt ihn mit einem grinsenden Fragezeichen. Matt nur boxe ich ihm in die Rippen und schließe die Augen. Heute ist es selbst mir zu warm. Seit Wochen steigen die Temperaturen und am heutigen Sonntag haben sie ihren Höhepunkt erreicht. Mehr als 35 Grad wird es nicht geben und mehr ist nicht zu ertragen. Ich will Meer, murmle ich und lache leise, als ich kein Meer, aber etwas Mineralwasser im Nacken spüre. Wo sind eigentlich die Nachbarskinder mit ihren Wasserpistolen, wenn man sie braucht? Mit deren Pistolen könnte man auch Frau Kubsch, den Neuzugang im Hinterhaus abschießen. Deren Blick spüre ich im Nacken ohne mich umzudrehen. Auf ihrem Balkon hält sie Wache. Dass sich auch wirklich jeder im Innenhof an die Kleiderordnung hält. Bis vor vier Wochen hatten wir keine. Dank Frau Kubsch jetzt schon. Jetzt ist es verboten sich im Hof auszuziehen. Das machten schon vorher nicht viele, aber ab und an lag eine der Studentinnen im Bikini unter den Kirschbäumen. Die sind jetzt in die Parkanlage umgezogen und das Verhältnis zwischen Paul und Frau Kubsch dauerhaft zerrüttet. Der hatte von seinem Balkon aus nämlich einen ziemlich guten Blick unter die Kirschbäume. Ich vermute, dass er nur deshalb jetzt selbst dort liegt. Zum Glück – für Frau Kubsch und mich – mehr oder wenig bekleidet. Weiterlesen

1.800.000 Atemzüge

Auf meinem Sofa hockt seit drei Tagen das heulende Elend. Vor vier Tagen noch war es eine meiner Freundinnen und mir im Bezug emotionaler Ausgeglichenheit weit überlegen. Jetzt nicht mehr. Ihr Mann hat seit Samstag ein neues Auto, eine neue Freundin und eine neue Telefonnummer. Was genau er sich zuerst angeschafft hat, weiß ich nicht. Meiner Freundin Suse präsentierte er vorgestern Abend aber Auto und Freundin gleichzeitig und weigerte sich die neue Nummer rauszugeben, als er mit einer Reisetasche unter dem Arm die gemeinsame Wohnung und das gemeinsame Leben verließ. Unschön. Die neue Freundin, vor allem aber die neue Telefonnummer, die es Suse unmöglich macht ihm all das zu sagen, was sie jetzt ersatzweise gegen die Wände meiner Wohnung brüllt. Wir haben alles durch. Wein und Schokolade. Analyse der WhatsApp Chats der vergangenen drei Jahre.  Sie das Internetstalking der Neuen und ich die Gewissheit, dass man auch mit zwei Jahrzehnten mehr auf dem Buckel so bescheuert wie eine angeschossene Zwanzigjährige ist. Selbstverständlich sind wir die Straße der ehemals gemeinsamen Wohnung in den letzten beiden Nächten mehrfach mit ausgeschaltetem Licht abgefahren, um anhand eines erleuchteten Küchenfensters auch nicht mehr als vorher zu wissen. Und natürlich hat sie betrunken E-Mails geschrieben von deren Abschicken ich sie solidaritäts angeschickert nicht abgehalten habe. Wir sind genauso blöd wie vor zwei Jahrzehnten, machen genau die gleichen Fehler und stellen jetzt nur fest, dass wir nach solchen Nächten morgens nicht mehr dramatisch wild, sondern zerknautscht verkatert aussehen. Mit zwanzig war verschmierte Wimperntusche ein Accessoire, heute das was es schon immer war – kosmetischer, bröckelnder Dreck.  

Nach 48 Stunden intensivster Freundschaftspflege brauche ich eine Pause und weil man sich die als gute Freundin nicht einfach nehmen kann, nutze ich Wimperntuschen verschmierte und Rotwein befleckte Kopfkissen als Ausrede um mich eine Stunde im Waschkeller zu erholen und mir Tipps für Liebeskummer bei Google, dem großen Bruder und Allwissenden zu holen. Gallseife, Bleiche, 60 Grad und ein Handy mit Internetzugang – mehr braucht man als gute Freundin heute nicht mehr. Dann mal los…

Google ist auch nicht mehr das was es mal war. Noch vor der Hauptwäsche gebe ich auf. Mein Nachbar Paul nicht. Der versucht noch immer seinen Fußabtreter in eine der Maschinen zu stopfen. Mein amüsierter Blick scheint ihn dabei zu stören und er macht eine Pause, indem er sich neben mich stellt und über meine Schulter auf das Display meines Handys schaut. Grinsend schüttelt er den Kopf und nimmt es mir aus der Hand. Mit „Schwachsinn“ kommentiert er die Kalenderweisheiten für frisch Getrennte und mit „harte Nacht?“, mein zerzaustes Aussehen. Ich zucke mit den Schultern, besser sehe ich nach einer durchwachten Nacht nicht aus – Suse blockiert heulend seit Stunden das Bad. Ich erzähl ihm von den Stunden im Auto vor einem hellen Küchenfenster, von geschriebenen und bereuten E-Mails und ein bis drei Gläsern zuviel. Wir schmunzeln darüber und lachen wie dumm, irrational und verletzlich einen eine Trennung doch noch immer machen kann. Wir lachen, bis wir verstummen, weil es eigentlich gar nichts zu lachen gibt, wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird und weil es doch eher zum Heulen ist, wenn ein Leben von heute auf morgen zerbricht. Wie geht es ihr, fragt er und ich zeige ihm ein Bild von uns beiden, dass wir kurz vorm Einschlafen geschossen haben. Da hielten wir uns für wild und ungestüm. Im Neonlicht des Waschkellers sehen wir darauf angeschlagen und traurig aus. Beide. Suse, weil sie es ist und ich, weil ich nichts tun kann, damit es ihr besser geht. Süß, sagt Paul und ich finde es süß, dass er lügt. Ob er soll, will er wissen und ich verstehe ihn nicht, bis er mit den Schultern zuckt und etwas von Gift mit Gift bekämpfen murmelt. 

Suse hat die Wäsche nach oben geholt und Paul getroffen, der auf seine Fußmatte wartete. Ich vermute er hat sein Rhett Butler Lächlen gelächelt. Sie waren beim Griechen, bei DEM Griechen. Dort werden um Mitternacht die Servietten in die Luft geworfen und dann wird auf den Tischen getanzt. Ein Ort an den man seine frisch getrennte beste Freundin als Frau sicher nicht schleppen würde. Ein Ort, den nur ein Kerl als passend empfinden würde. Als Suse um fünf in der Früh nach Hause kam und zu mir ins Bett kroch weinte sie ein bisschen bevor sie lachend rülpste. Ob der ganze Scheiß nicht zum Heulen lächerlich wäre, murmelte sie und wir lachten beide. Ohne Grund. Oder weil Weinen – begründet bei ihr,  solidarisch, bei mir – nach drei Tagen zu sehr in den Augen brennt. Vielleicht auch weil das mit dem „Gift bekämpft Gift“ gar nicht so falsch ist. Einer versaut es, einer macht es wieder gut. Bevor ich einschlafe, schreibe ich Paul eine SMS: „Danke“. 

Suse heult wieder. Zwischen dem Griechen, der Bar im Glockenbachviertel und ihrem interims Zuhause bei mir hat sie in den wohl einen Zwischenstopp im Hinterhaus eingelegt. Würde Paul an sein verdammtes Handy gehen oder die von ihr an ihn geschriebenen WhatsApp Nachrichten einen zweiten Haken zeigen, würde Suse jetzt nicht heulen. Gift vertreibt Gift. Mag sein, hält nur nicht lange. Meiner Nachbarin Judith erzähle ich es im Keller vor den Altglascontainern. Sie haut mir ein Gurkenglas in die Rippen und fragt ob ich mir solidarisch den Verstand weggetrunken hätte. Paul? Unser Paul?!? Sie muss mir das Glas nicht noch mal gegen den Arm schlagen. Ich nehm es ihr weg und nicke. Paul ist toll. Als Nachbar. Wahrscheinlich auch als guter Freund. Auch um zu vergessen, sich toll zu fühlen und wieder lebendig. Nach Paul schläft man bestimmt gut ein. Nur das Aufwachen, das kann schief gehen. 

Judith nimmt sich jetzt Suse an. Ich mache mir ein wenig Sorgen um meine Freundin. Ganz tief in mir drin, weiß ich ja, dass gar nichts hilft. Nur warten. Einatmen, ausatmen und einatmen. 1.800.000 Mal. Dann sind die ersten drei Monate geschafft und es wird besser. 

 

 

 

1. April

Der 1. April und ich, das ist wie Fasching und ich. Beides funktioniert nicht. Die Freude am Fasching ist mir abhanden gekommen, als meine Mutter mich im „Ungarische Prinzessin“ Kostüm in den Kindergarten schickte und mich alle für eine oberbayerische Stallmagd hielten. Der 1. April hat eine Weile Spaß gemacht. Im Alter von drei bis acht konnte ich meinen Vater an diesen Tagen quer durch das Viertel jagen und behaupten, irgendjemand benötigt seine Hilfe. Klappte immer. Zumindest erzählte man mir das als Kind. Heute vermute ich, dass mein Vater in aller Ruhe irgendwo ein Bier trank und später seine Tochter aus lauter Gutmütigkeit zum gelungenen Aprilscherz gratulierte. Später wurde ich kreativer und in manchen Jahren war es ganz lustig. Ich bin schnell zu amüsieren und lache wirklich gerne über meine eigenen Witze. Die anderen meistens nicht. Vorbei war es mit den Aprilscherzen als ich meiner Mutter und meinem damaligen Freund erzählte ich sei schwanger. Damals lebte ich in Italien, hatte mein Studium noch nicht abgeschlossen und war so pleite, dass ich mir sicher war, dass beide erst aus den Wolken und dann, wenn ich das erlösende „April, April“ rufen würde – der eine live, die andere fernmündlich – mir um den Hals fallen würden, . Leider verschätzte ich mich ganz gewaltig. Mein Hals, war für meinen Freund zwar durchaus von Interesse, aber eher um ihn mir umzudrehen. Vor lauter Schreck provozierte er einen Auffahrunfall und mein Lachen trug nicht zur Deeskalation bei. Meine Mutter dagegen war so enttäuscht und traurig, dass ich mir schwor, sie nie wieder in den April zu schicken. Schließlich ist es einer Mama sehr hoch anzurechnen, wenn sie nur den Bruchteil einer Sekunde zögert und dann sofort und ohne Zweifel versichert, dass alles wundervoll werden wird und ich auf sie zählen könnte. Seit dem findet der 1. April ohne mich statt. Weiterlesen

10717 Extragroß

Ob 1.500 Teile wohl reichen? Ich bin mir nicht sicher und konsultiere vorsichtshalber meine Kollegin. Ihr Brief muss warten. Das Zeug ist schließlich nicht billig und es war schon früher so, dass die begehrten Teile nur begrenzt verfügbar waren und meist auch nur in der falschen Farbe. 1.500, frage ich, reichen die? Sie zuckt mit den Schultern und tippt auf den Bildschirm. Vielleicht ja, aber noch wichtiger ist es, eine ordentliche Anzahl an Bodenplatten zu bestellen. Die waren schon damals, sie erinnert sich genau, Mangelware. Ich nicke und lege einen Satz besonders großer Bodenplatten in den virtuellen Einkaufskorb. Wenn man gerade im Begriff ist fast 75 Euro für Legobausteine auszugeben, dann kommt es auf die Bodenplatten nicht mehr an. Auch, weil diese nicht mehr nur in dunkelgrün, sondern in allen nur erdenklichen Farben zu haben sind. Ein Kollege aus dem Nachbarbüro wartet ungeduldig auf den zu unterschreibenden Brief und schüttelt jetzt den Kopf. Bodenplatten sind ja ganz ok, viel wichtiger aber sind die Räder. Genau die, sind früher doch immer ausgegangen. Räder und diese kleinen durchsichtigen Knöpfchen, die man als Sirenen verwenden konnte. Sirenen und Räder? Meine Kollegin und ich schütteln den Kopf und der wartende Zimmernachbar blickt über unsere Schultern auf den Bildschirm, der seit geraumer Zeit schon die Ebay Suchergebnisse anzeigt. Hier, er tippt energisch dagegen, das muss ich kaufen. Alle Kinder stehen auf Fahrzeuge, von den Steinen reichen ein paar Handvoll, aber die Räder und dünnen Plättchen, die zu Tragflächen werden, die sind wichtig für die Kinder.  Kinder? Wir sehen ihn fragend an und scheuchen ihn aus dem Büro, bevor er nachhaken kann. 4.500 Teile, frage ich die Kollegin und sie nickt. Wenn schon, dann das gesamt Programm. 75 Euro für drei Bodenplatten und 4.500 Teile – ein Schnäppchen.  Weiterlesen

Hinterfragen Sie nie ein perfektes Lächeln

Ende letzten Jahres sind mit binnen weniger Tage drei Menschen begegnet, die ich nicht kannte. Das wäre nicht ungewöhnlich, da sie aber alle im Besitz eines Hausschlüssels waren und sich an den Briefkästen zu schaffen machten, musste ich erkennen, dass ich meine Nachbarn anscheinend doch nicht so gut kenne, wie ich dachte. Da ich mich, neben Frau Obst, für die mit Abstand am besten informierte Bewohnerin halte, ist das eine Tatsache die mich irritierte und – vermutlich auch der erhöhten Kalorienzufuhr der Feiertage geschuldet – in eine Sinnkrise stürzte. Kannte ich überhaupt die anderen? Wusste ich von ihnen wirklich mehr als den Namen und die Eigenheiten bei der Mülltrennung? Beim Familienessen am zweiten Weihnachtsfeiertag dachte ich darüber nach. Zwischen 24 Verwandten kann man das in aller Ruhe machen, schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass – wenn man die jüngste Schwester ist – über einen und weniger mit einem gesprochen wird. Weiterlesen