Zwischen den Jahren

„Wenn die stille Zeit vorbei ist, wird es auch wieder ruhiger“, sagte Karl Valentin und ich wünschte er hätte recht. Nach einer so stillen Adventszeit wie der meinen, brauche ich Zeit um mich im neuen Jahr zu akklimatisieren. Mit etwas Glück werde ich 2021 wieder mehr soziale Kontakte haben. Das ist gut, aber daran muss ich mich erst wieder gewöhnen. Was ich am dritten Tag des noch jungen Jahres gar nicht gebrauchen kann, ist das wilde durcheinander Geplapper von Menschen. Menschen, die mir im Waschkeller gegenüber stehen und Menschen, die anscheinend wirklich viel zu sagen haben. Noch schlimmer, Menschen die auch noch eine Antwort wollen. Mein Nachbar Paul und seine aktuelle Freundin jedenfalls, scheinen genau darauf zu warten. Ich nickte schief lächelnd und hoffe das es reicht. Tut es nicht, denn beide blicken mich weiter abwartend an. Dann eben ehrlich. Ich sage ihnen, dass mich so ein Wortschwall im noch frischen Jahr wirklich überfordert und mir das heute gerade alles ein wenig zu früh ist. Paul verzieht die Stirn und teilt mir mit, dass es bereits nach elf Uhr sei. Kein Rhythmus mehr, murmle ich und stupse ihn mit der Hüfte zur Seite um an den Trockner zu gelangen und schiebe ein „geh weg“ hinterher. Er lacht, seine Freundin nicht. Die geht und bevor Paul ihr nachläuft, erkundigt er sich, seit wann ein gutes neues Jahr zu wünschen, zum Wortschwall wurde. Seit 2020 sage ich und er grinst sein Rhett Butler Grinsen, dass mich aus Gründen, die ich nicht auf den Dezember schieben kann überfordert. Vor den Briefkästen treffe ich auf Herrn Meier und nicke ihm zu. Eine Weile sieht er mich schweigend und wartend an und schüttelt dann grummelnd den Kopf. Es passt ihm nicht, dass ich seine Rolle übernommen habe und nicht als erste ein Gespräch beginne. Gutes Neues, wünscht er und ich sage danke und ebenfalls. Er wartet und als von mir nichts mehr kommt, schnaubt er und fühlt sich um eine Plauderei betrogen, von der er sonst behauptet, gut darauf verzichten zu können. Nicht reden zu können ist wohl doch etwas anderes als nicht reden zu wollen.  Es tut mir leid, aber jetzt ist es zu spät und Herr Meier eingeschnappt.

Eine halbe Stunde später sitze ich in Frau Iwanovs Küche und schäle Kartoffeln. Obwohl Frau Iwanov beständig auf mich einredet, ist es diesmal völlig in Ordnung, dass ich selbst nichts sage. Wenn einer so energisch und ohne Punkt und Komma in einem stark Akzentgefärbten Russisch-Deutsch Mischmasch redet, ist es besser, wenn der andere die Klappe hält. Leider verstehe ich nur die Hälfte, aber die beruhigt mich. Ich bin nicht plötzlich mundfaul oder verstockt geworden und mir sitzt auch nicht das letzte Jahr im Nacken. Frau Iwanov erklärt, dass ich einfach noch zwischen den Jahren festhänge. So etwas kann passieren und wenn ich ihr glauben darf, dann gar nicht einmal so selten. Wir Menschen sind für dies Tage zwischen Weihnachten und hl. Drei König einfach nicht gemacht. Tief in unserem inneren folgen wir dem Mondjahr, sagt Frau Iwanov, und nicht dem Sonnenjahr. Es sei also kein Wunder wenn man in diesen seltsamen Nicht-Tagen ein wenig aus dem Takt gerät. Ich nicke und vermute, dass die Nicht-Tage auch daran schuld sind, dass ich mich ausgesperrt habe. Frau Iwanov bestätigt das und schiebt mir weitere Kartoffeln zum Schälen vor die Nase. Ihr Mann bekommt die Tür auf, versichert sie mir und schnalzt mit der Zunge als ich den beim Geräusch eines Bohrers zusammen zucke. Schälen, befielt sie. Nur schälen und nicht denken. Obwohl ich mir Sorgen um meine Wohnungstür mache, schäle ich und bemühe mich, nicht zu denken. Leider fällt mir auch ohne denken nicht mehr ein, was ich in den letzten Nächten geträumt habe. Wüsste ich es noch, dann würde das noch frische Jahr etwas deutlicher vor mir liegen. Frau Iwanov hat mir erklärt, dass jede Nacht zwischen den Jahren als Orakel für einen der kommenden Monate gesehen werden kann. Den Oktober 2021 werde ich vorsichtshalber im Auge behalten, da ich mich dunkel an einen sehr seltsamen Traum heute Nacht erinnern kann. Wie ein Traum kommt es mir auch vor, als ich zwei Stunden später wieder in meiner Wohnung bin. In meinen Armen eine Schüssel mit etwa drei Kilo Rote Bete-Ei-Essiggurken-Apfel-Kartoffelsalat und in der Hosentasche ein paar neue Schlüssel. Ich möchte gar nicht wissen, warum Herr Iwanov Reserveschlösser für unser Haus bunkert und über die Kratzer an meiner Wohnungstür sehe ich hinweg, weil ich mir den Schlüsseldienst mit Sonntagszuschlag gespart habe. Als ich den Salat in die Küche räume sehe ich wie Paul sich mit seiner Freundin streitet und wenig später, wie sie die Straße entlang läuft. Er soll sie lassen, schreibe ich ihm eine SMS, vielleicht hängt sie einfach zwischen den Jahren. Und dann ob er Lust auf Kartoffelsalat hätte. Etwas Gesellschaft bis zur Überbrückung des Beginn des Sonnenjahres täte mir gut. Er antwortet mit drei Fragezeichen, steht wenig später aber vor der Tür. Wie schön, dass manche Männer nichts mehr hinterfragen, sobald man ihnen etwas zu essen vor die Nase stellt. Übrigens passt Pauls Wohnungsschlüssel jetzt auch in mein Schloss. Herr Iwanov half aus, als er sich vor einigen Monaten aussperrte. Ob ich das nun praktisch oder richtig blöd finde entscheide ich nächstes Jahr – also nach hl. Drei König. 

16 Gedanken zu “Zwischen den Jahren

  1. Liebe Mitzi,
    Du schreibst schon wieder Geschichten ins neue Jahr hinein. Die zurückliegenden Podcasts lassen hoffen, sie vorgelesen zu bekommen – beim schönen Adventskalender.
    Selbstaussperren ist offenbar nachbarschaftsfördernd. Vor einiger Zeit hatte ich großes Glück, dass ich einen Schlüssel bei der Nachbarin hatte, und sie auch zuhause war. Danke mit Lebkuchen.
    Schöne Grüße, Bernd

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    1. Lieber Bernd, ein zweiter Schlüssel bei einem Nachbarn ist wirklich Gold wert. Nicht nur weil die Schlüsseldienste recht teuer sind, sondern auch weil es doch zeigt, dass man einen Menschen in der Nähe hat den man eben auch den eigenen Schlüssel anvertraut. Der nächste Adventskalender ist noch etwas hin. Ich hoffe sehr dass ich bis dahin in 2021 auch wieder so lesen kann. Überhaupt, dass wir alle in diesem Jahr wieder das machen können was letztes nicht möglich war. Ich bin optimistisch und wünsche dir einen guten Start in das noch frische Jahr. Viele Grüße

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  2. Ein Hoch auf Familie Iwanov – Du hast nicht nur Hunderte von Euro gespart, sondern auch noch einen Salat dazubekommen. Daß allerdings Paul nun jederzeit Zugang zu Deiner Wohnung hat, ist ein wenig beunruhigend, vielleicht solltest Du Deine Nachbarskinder bitten, Dir ein „Bitte nicht stören“-Schild zu basteln.
    Ich befürchte, das „Zwischen den Jahren“-Gefühl wird noch eine Weile anhalten. Ich werde jedenfalls zugreifen, sobald man mir einen Impfstoff anbietet.

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    1. Eine gute Idee! Aber ich lass den Schlüssel meist von innen stecken, wenn ich daheim bin 😉
      Meine Nachbarn sind wirklich großartig und das großartigste ist, dass ich sie mir nicht ausdenken musste. Bis die Reihe mit dem Impfstoff an mir ist, wird es wohl noch dauern. Das ist aber auch ok. Ich denke ich bin schon mal froh, wenn meine Eltern dran sind. Um die habe ich mir am meisten Gedanken in den letzten Monaten gemacht.

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    1. Das denke ich auch. Er wird mir kaum die Bude ausräumen ;). Außerdem habe ich seinen auch – wir sichern uns gegenseitig ab. Und so langsam komme ich auch in 2021 an. Liebe Grüße

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  3. Meine Ersatzschlüssel haben meine Töchter, und auch ich lasse fast immer den Schlüssel von innen stecken, was in dem Fall vielleicht keine so gute Idee ist, aber ich habe panische Angst davor, den Schlüssel nicht rechtzeitig zu finden, sollte es mal brennen. – Ansonsten kann ich splendid isolation immer noch genießen und erschrecke vielmehr, wenn ich auf die Straße trete, und da ist alles so „normal“, wie es unter den gegebenen Umständen doch gar nicht sein dürfte.

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    1. Bei mir steckt er innen, damit ich ihn beim rausgehen nicht vergesse. Wenn ich erst von innen aufsperren muss, dann (so hoffe ich ) habe ich ihn bereits in der Hand und ziehe ihn auch ab. Wie gut das funktioniert kann man nachlesen….
      Ja, die Normalität erstaunt mich auch. Mancherorts eine die sich fremd und ungut anfühlt. Die echte dagegen, die hätte ich schon ganz gerne wieder.

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      1. Richtig, mich nicht aussperren ist auch ein Grund für den Schlüssel im Schloss. Man müsste in einer Welt leben, in der man nichts abschließen muss. Aber im Moment wäre ich schon froh, die Lebensbedingungen vom letzten Sommer zurück zu haben (möglichst inkl. Sommer).

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