Geschafft

Es war klar, dass ich dich in der Ecke stehe sah. Krankenhäuser sind einige der wenigen Orte, an denen du mir noch begegnest, seit dein Bild vor einigen Jahren zu verblassen begann. Nicht die Erinnerung – die bleibt. Wird sogar stärker und klarer. Aber dein Bild taucht nur noch selten auf und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es gut finde oder schrecklich, weil es dich noch mehr zu einer bloßen Erinnerung macht. Dass du hier stehst war zu erwarten. Schon letzte Woche, aber da warst du klug genug den Mund zu halten, oder ich nervös genug, um dich nicht wirklich wahrzunehmen. Heute schon. Heute sehe ich dein Lächeln. Das Lächeln, das längst eine Erinnerung wurde und heute ausnahmsweise mehr sein darf. Geschafft, fragt das Lächeln und ich nicke.

Nicke in Gedanken, weil Menschen einen schnell für bescheuert halten, wenn man längst Verstorbenen zunickt und ihr Lächeln erwidert. Ja, geschafft denke ich nickend und löse das Parkticket. Einen nahestehenden Menschen auf der Onkologie zu haben ist unangenehm, zwei sind mindestens einer zu viel. Dann ein Parkticket mit einem innerlichen „geschafft“ zu lösen ist ein nicht zu unterschätzendes Glück. Eines, das alles andere als selbstverständlich ist und eines, dass mich etwas zu viel an die Zeit mit euch erinnerte. Einer…das bekommt man hin. Zwei…schwierig. Aber wir haben auch das hinbekommen. So kann man es sehen, wenn man es mit idiotischem Optimismus betrachtet. Denn ich stehe schließlich hier immer noch und halte die Stellung. Eine Tatsache die ich nicht bedaure, aber auch nicht begrüße. Wir waren drei, hätten zwei sein können und sind jetzt eins. Besser als nichts, aber gut ist etwas anderes.

Gut ist das „geschafft“. Ein zweifaches Geschafft, von dem einer noch einen ganz schönen Weg vor sich hat, aber einen wichtigen, sehr wichtigen, unglaublich wichtigen Schritt geschafft hat. Ein anderer Mensch hat es jetzt schon wirklich geschafft hat und wird von mir nach Hause gefahren. Dieser Mensch ist auch ein Drittel einer kleiner Gruppe. Da sind wir noch drei und das ist gut. Super gut, wie ein kleiner Mensch aus meinem Umfeld sagen würde. Voll super gut. Stimmt. Das ist voll super gut.

Ich seh dich lächeln und die Klink im Rückspiegel. Für heute haben wir es geschafft.

2 Gedanken zu “Geschafft

  1. Parktickets oder gar einen längeren Aufenthalt dort zu lösen ist keinesfalls etwas, was gute Gefühle auslöst. Dort wieder, und das womöglich lebend und fürs Erste einigermaßen gesund wieder raus zu dürfen schon eher. Nicht jedem ist das vergönnt. Und zudem ist es meist eine so zähe, so qualvolle Angelegenheit. Rein, raus, neue Giftmischung ausprobieren, Schmerzen… nein, das ist nicht schön, das ist grauenvoll. Und am Ende lächelt der Tod. Nur, wenn man ihn schon erwartet, kann man in diesem Grinsen ein freundliches Lächeln erblicken.

    Man kann ihm, mit etwas Glück, noch mal von der Schippe springen (allein schon das ist fraglich: Hat er nicht vielmehr jene Hippe?). Aber er ist geduldig und kommt wieder. In einer Fortbildung erklärte einmal ein engagierter Freund der Reanimation: Wenn das jeder, auch jeder Ersthelfer, nur konsequent machen würde, dann kämen viel mehr Menschen mit dem Leben davon! – In der Pause nahm ich ihn beiseite und erklärte ihm den Unterschied zwischen Aufschub und endgültiger Lösung: Sie würden noch einige Zeit leben, das ja. Aber irgendwann ist es halt so weit.

    Damit müssen wir leben, zu leben lernen, und wenn wir es begriffen haben, damit sterben.

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