Dachschaden aber überlebensfähig

Früher sagte meine Mutter, wenn sie sich über mich ärgerte, dass sie mir einmal eine Tochter wünschen würde, die genau wie ich ist. Dann würde ich sehen, wie anstrengend und nervenaufreibend das bzw. ich doch gewesen sei. Da ich ihr den Wunsch bis heute nicht erfüllt habe, höre ich den Satz kaum noch. Ich dagegen weise sie noch immer mit großer Freude auf missratene Töchter in Funk und Fernsehen hin und werde nicht müde zu betonen, dass ich vielleicht ein wenig anstrengend bin und manchmal an den Nerven meiner Erzeuger zerrte, alles in allem aber ein echter Glücksgriff bin. Seit die Zeit, die ich nicht mehr zu Hause wohne, die Tage, die wir unter einem Dach verbracht haben, deutlich übersteigt, sieht meine Mutter das ähnlich. Ich würde ihr wirklich gerne sagen, dass auch ich mittlerweile der Meinung bin, dass ich ein anstrengendes Kind war, aber das kann ich nicht. Es wäre gelogen. Ich bin ein Kind der späten Siebziger Jahre und hatte einen ganz gewöhnlichen und  durchschnittlichen Dachschaden. Hatten wir alle. Heute wäre ich anstrengend, aber damals, da war ich die Norm.

Wenn ich heute zwei Kinder beobachten würde, die auf Rollschuhen stehend bzw auf einem Skateboard sitzend, eine steile Tiefgarageneinfahrt runter rasen, mit Karacho gegen das Blechtor knallen, nach oben gehen und den Vorgang wiederholen – stundenlang wiederholen – dann würde ich ihnen eine vermutlich eine geistige Behinderung unterstellen. Also einen überaus ausgeprägten Dachschaden. Heute. In den Achtzigern als ich das tat, war es völlig normal. Genauso normal und selbstverständlich, wie sich den kleinen Brunnen am Spielplatz mit Obdachlosen zu teilen. Die Penner (was in meiner Familie nicht abwertend, sondern gleichbedeutend mit „schläft im Park“ war) wuschen sich und wir plantschten oder holten Wasser um damit die Burggräben aus Sand zu befüllen. Ein Zusammenspiel der Generationen, das ich auch heute noch befürworte. Nicht jeder Mann ohne Wohnsitz zerrt das nächst beste Kind in die Büsche und Mitgefühl und Empathie lernen Kinder leichter, wenn sie sich mit Menschen am Rande der Gesellschaft beschäftigen. Vorhin telefonierte ich mit meiner Mutter und fragte, ob sie sich noch an die Penner erinnern konnte. Sie konnte. Leider widersprach sie mir, als ich die Vermutung anstellte, dass meine heutige Sozialkompetenz ihren Ursprung im Zusammenspiel der gesellschaftlichen Schichten hatte. Nein, meinte Mama, ich sei einfach immer dort gewesen wo es etwas zu essen gab. Ich hätte es plappernd und plaudernd fertig gebracht, einen dieser Penner dazu zu bewegen mir regelmäßig ein Eis am Kiosk zu kaufen.

Manipulatives Verhalten gepaart mit Verfressenheit. Das sagt nicht meine Mutter, sonder mein Freund, dem ich es gerade erzählte und der ein so tolles Kind wie ich es war, anscheinend überhaupt nicht zu schätzen weiß. Ich sei, so glaubt er von meinen Erzählungen zu wissen, auch ein nur oberflächlich Zuhörendes und recht stures Balg gewesen. Ostsonne flüstert er mir zu, grinst und geht in Deckung. Ich musste dreißig werden, bevor mir einer, dem ich besser als meinen Eltern zuhörte, dass es OstZONE und nicht OstSONNE heißt. Also bitte, wer hört schon genau hin, wenn die Eltern über die Verwandschaft sprechen. Außerdem hat es mir in der Ostsonne immer gut gefallen. Die Schokolade dort war hervorragend. Ich war ein Kind, man wird wir also nachsehen, dass ich politisch eher uninteressiert war. Und stur war ich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Geistig flexibel, offen für Anregungen und mit gesunder Neugier gesegnet. Ohne diese Attribute hätte ich dem Nachbarsjungen klipp und klar gesagt, dass das Sprengen des Garagentores eine blöde Idee ist. So aber lies ich mich vom Gegenteil überzeugen und half ihm über Tage, das Pulver aus den winzigen Sylvester Krachern zu kratzen, um damit einen Sprengsatz zu bauen. Keine Ahnung ob das heute noch geht, aber in den Achtzigern konnte man ab einer gewissen Menge an harmlosen Krachern, etwas ganz famoses und gar nicht mehr harmloses basteln. Falls meine Eltern sich beim Lesen jetzt fragen, wann wir den jemals ein Garagentor gesprengt hätten…. haben wir nicht. Elias hatte sich verkalkuliert. Aber das Schloss vom Garagentor seiner Mutter, das war hinüber und wir zogen es vor, damit besser nicht in Verbindung gebracht zu werden. Obwohl es sicher ganz normal gewesen wäre, dass Kinder auch mal was in die Luft jagen. 

Von Sonnidu werde ich meinem Freund nicht mehr erzählen. Wenn ich dem sage, dass einer den ich mal kannte „Sonnidu“ hieß, würde er wahrscheinlich ohne zu zögern „So wie du? entgegnen und ich käme mir reichlich blöd vor. Herr Sonnidu hieß nicht Herr Sonnidu. Als ich ihn mit fünf Jahren fragte wie er hieß antwortete er: „So wie du.“ Ein Witz. Ich hab nicht genau hingehört. Und das war und ist völlig ok. Ich würde so eine Tochter wie mich nehmen. Eine die Worte erfindet, nur die Hälfte hört und den Kopf die meiste Zeit in den Wolken hat. Eine die weiß, wie sie an ihr Eis kommt und eine die so lange mit Anlauf gegen ein Garagentor knallt bis ihr herrlich schwindlig ist. So eine wäre wie ich. Durchschnittlicher Dachschaden, aber überlebensfähig. 

 

36 Gedanken zu “Dachschaden aber überlebensfähig

  1. „Ich hätte es plappernd und plaudernd fertig gebracht, einen dieser Penner dazu zu bewegen mir regelmäßig ein Eis am Kiosk zu kaufen.“ – da musst du ja wirklich ein richtig wonnig-sonniges Kind gewesen sein, wenn dir einer mit wenig Geld ein Eis gekauft hat.
    Ich denke, dass dich dieses Miteinander doch positiv geprägt hat.
    Und das andere mit der Garagenabfahrt kenne ich noch, als ich schon lange erwachsen war, da haben das Jungen an unserer Garage auch gemacht – aber das Garagentor mochte das gar nicht.
    Grüßlis!!! Viele!!!

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    1. Wie beruhigend, dass auch andere so ein Hobby hatten. Meine Mama erzählte mir gestern, dass sie den Penner damals angesprochen hatte. Er hatte ja sicher wirklich wenig Geld und als Mutter ist es auch nicht gerade schön zu sehen, wenn die Tochter alle Ratschläge und Verbote vom Annehmen von Fremden in den Wind schlägt. Er meinte wohl, dass es ihm Freude macht, weil ich ihn an seine Kleine erinnerte. Es war dann ok.

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  2. A propos „Ostsonne“. Wir haben in der Grundschule immer das Lied vom kleinen Trompeter singen müssen. Da kam die Zeile vor: „… ein lustiges Rotgard ist im Blut“. Google gab es damals noch nicht, so dass ich nie wusste, was ein „Rotgard“ ist.
    Erst der Geschichtsunterricht lehrte mich, dass es das „Rotgardistenblut“ war.

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    1. Lustiges Rotgardistenblut….ich hab mir gerade den ganzen Text rausgesucht weil ich neugierig war. Es war also die Bezeichnung für den kleinen Trompeter und nicht etwa das Blut von gefallenen Rotgardisten wie ich erst annahm und mich wunderte, dass ihr das als Kinder gesungen habt. Wobei…wenn man aktuell „Bella Ciao“ anhört, dass zum Partysong geworden ist und dann den Text versteht. Da singt auch einer vom Sterben und seiner Grabstätte.

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      1. An große Stellen des Textes erinnere ich mich noch – doch wenn du jetzt schreibst, dass du den Text gelesen hast, mache ich das auch gleich noch einmal.
        Nicht alle Kindersoldaten heute werden zwangsweise kämpfen müssen – einige machen das sicher auch aus Begeisterung.
        Die unselige Propaganda im dritten Reich hat es ja auch verstanden, Kinder für den Krieg zu begeistern, da kann man es dem kleinen Trompeter auch nicht verübeln. –
        Es ist Sonne, ich werde bald rausgehen – obwohl, heute habe ich das erste Mal Muskelkater in der hinteren Beckenregion – gestern waren wohl zu viele Treppenstufen dabei.
        Und tschüss!

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  3. Haha, geile Kindheit. Meine Kinder sind auch cool.

    Und bin erst als Erwachsene wild geworden, musste mir aber trotzdem immer den Spruch deiner Mutter anhören. Vermutlich, weil mein Temperament anstrengend war, bzw. mit meiner Mutter nicht kompatibel.

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    1. Ich glaube den Spruch hört jeder und bei meiner Mutter war er auch nicht böse gemeint. Eher mit einem Augenverdrehen, das ganz normal ist. Wild war ich gar nicht. Nicht sehr. Aber trotzdem gut, dass wir meisten alleine draußen spielen konnten. 😉

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  4. Liebe Mitzi,
    so eine Tochter würde ich auch noch nehmen! 🙂
    Von meiner Mutter hörte ich Selbiges, vielleicht noch ein bisschen gehässiger, ich hatte wirklich Schiss als es dann soweit war und was soll ich dir sagen, ich bekam die beste Tochter der Welt – und das war bei ihrer Geburt so und ist bis heute so geblieben und meiner Mutter hab ich ne lange Nase gedreht 😉
    Aber ich habe auch einsehen müssen, dass ich keine einfache Tochter gewesen bin oder sage ich es richtiger so: ich bin nie die Tochter gewesen, die sich meine Mutter vorgestellt und gewünscht hat.
    Ich bin dankbar und froh, dass sich das ein und andere zwischen den Generationen auflösen ließ und lässt.
    Liebe Grüße
    Ulli

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    1. Klar, dass ich mich nehmen würde – ich ticke ja noch heute so wie als Kind. :).
      Meine Mutter meinte das nicht gehässig, eher im Sinne von „sei du mal Mama, dann siehst du, dass es nicht so leicht ist“. Das glaube ich ihr heute sofort. 😉

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    1. Ich glaube auch, dass wir früher freier waren. Auch ich noch. Meine Mutter war bei wirklich vielen Dingen entspannt und lies mich machen. Besonders hoch rechne ich ihr an, dass ich Geheimnisse haben durfte. In anderen Familien wollten Eltern alles wissen. Bei mir war es ok, zumindest empfand ich es so, dass ich nicht alles erzähle. Gerade später als Teenager.

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  5. Bei kleinem Ärger behauptete meine Mutter, mah habe mich im Krankenhaus wahrscheinlich mit einem anderen Kind vertauscht, unmöglich, daß ein solches Kind aus dieser Familie kommt. Bei stärkerem Ärger war ich offensichtich mit der Nachgeburt vertauscht worden, während man das eigentliche Kind entsorgt hatte. Nachgeburt? Was sollte das sein? Ich stellte mir vor, daß nach der Geburt eines Kindes immer ein zweites, nicht ganz so gutes geboren wurde, das dann irgendwie weggeworfen wird – da das anscheinend alle so machten, hatte mich das nicht besonders geschockt, es gab so vieles, was die Erwachsenen machten und das man als Kind nicht verstand. Und der Gedanke, statt ein normales Kind eine unvollkommene Nachgeburt zu sein, schockte mich nicht: Mein älterer Bruder war ein viel größerer Rabauke als ich, also waren wir wohl eine Familie von Nachgeburtskindern.

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    1. Den Spruch mit der Nachgeburt kenne ich aus Schulhof Witzen und habe es sehr lange Zeit auch nicht verstanden. Wohl besser so. Obwohl, so wie du erzählst macht man sich dann Gedanken und die sind mitunter noch viel weniger beruhigend. Nicht schlecht einen Bruder zu haben, der ebenfalls vertauscht oder verwechselt wurde ;).

      Dass ich vertauscht wurde, sagten meine Eltern nie. Allerdings war ich als Teenager überzeugt unmöglich in diese Familie zu gehören. An manchen Tagen war ich überzeugt, vertauscht zu sein 😉

      Liken

  6. Ein weiterer Grund weshalb ich mich vom Kinderkriegen definitiv distanziere…. Wobei ich ja noch ganz süß war (da gab es tatsächlich ganz andere Kaliber), aber ich als Teenager…. Hui. Ich mochte mich ja noch nicht einmal selbst. Schlechte Voraussetzung

    Aber ich ziehe meinen Hut vor dir, die Garagentorgeschichte klingt famos. Da ist mein Unternehmen meinen Sandkasten mit Hilfe meines Eimers und ner Schaufel in die Küche zu verfrachten ja noch harmlos.

    Manipulatives Verhalten gepaart mit Verfressenheit kommt mir dagegen sehr bekannt vor. Ich glaube mein Schuldenkontingent am Ende der Schulzeit bei meinen Klassenkameraden ähnelte dem von Dr. House bei Wilson. Ich habe es auch genauso wenig zurück gezahlt, sie haben es aber auch nie eingefordert. Wie gesagt ich als Teenager…

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    1. Würde man deine Mama fragen, dann könnte ich mir gut vorstellen, dass sie einen Sandkasten in der Küche nicht unbedingt dem Garagentor vorziehen wird. In den Kommentaren vorher ist geschrieben worden, dass man nicht unbedingt das Kind bekommt dass man selber war, einen aber jedes Exemplar vor neue Herausforderungen stellt. Das einzig beruhigende ist wahrscheinlich, dass man als Mutter am Ende irgendwie doch klarkommt. Mich hätte es nicht abgeschreckt. Dass ich jetzt keine habe lag wenigstens nicht am Garagentor 😉

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  7. Musste grad lachen, weil es mich an meine Kindheit erinnert! Wir rodelten einen Weg runter im Winter, wo am Ende eine Straße kreuzte. Wir hatten noch wenig Verkehr im Dorf. Wir rodelten immer über die Straße bis wir an den Zaun des dort befindlichen Hauses krachten! Einmal kam ein Bus! Doch mein Freund machte sich ganz flach auf der Rodel und rodelte unterm Bus durch! 70er Jahre Dachschaden! 🤣

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