164 Tage

164 Tage, sagte ich an Weihnachten zum mutigsten meiner Freunde und umarmte ihn zum Abschied so fest wie immer. 164 Tage, dachte ich mir als ich ihm auf dem Balkon stehend ins Auto steigen sah und hatte das erste Mal seit vielen Jahren keine Tränen in den Augen. 164 Tage ist weniger als die 365 Tage die wir gewohnt waren und eine Zeitspanne die ich mit trockenen Augen überbrücken konnte. Gut möglich, dass er der mutige, schon vor zwei Monaten ahnte, dass ich 164 Tage nicht durchhalten würde. 

112 Tage, rechnete ich meiner Kollegin am Freitag vor und empfand ihr glückliches Lächeln als unangebracht und der Zahl nicht angemessen. 112 Tage wiederholte ich und änderte den Tonfall von neutral zu bestimmt. Mhm, lächelt sie und bekundet Vorfreude, denn meine 112 Tage sind auch die ihren. Der mutigste meiner Freunde hat wie ich erkannt, dass es für mich keine bessere Italien-Reisebegleitung gibt und stieg schon während der ersten Stunde ihres Kennenlernens von du auf ihr um. Das war wichtig, denn für einen Dritten ist es unmöglich mich und ihn zu ertragen, wenn er bzw. sie nicht sofort und vollständig integriert wird. Das machen wir nicht mit jedem, aber mit ihr taten wir es sofort. 112 Tage sage ich im Abstand einer Stunde und starre auf den grünen Balken, der den Urlaub im Juni gekennzeichnet und unüblich für einen Bürokalender fett mit den Worten I-T-A-L-I-E-N gekennzeichnet ist. Die anderen sollen ruhig wissen, dass zumindest ich nicht mit Sicherheit sagen kann, je wieder zurück zu kommen. Das kann ich nie, wenn ich dort unten bin und brauche jemanden an meiner Seite, der mich daran erinnert, dass ich dort unten, das oben vermissen würde und mich eben damit abfinden muss, für den Rest des Lebens zwischen den Ländern zu hängen. München aufzugeben ist genauso wenig eine Option, wie 112 Tage lang nicht in Italien zu sein. 

Es war ein Fehler, den nächsten Besuch schon jetzt in den Kalender einzutragen. Genau vor meiner Nase ist der grüne Balken und macht mich ganz kirre. Weil sie Freitag hoffentlich genauso wenig wie ich zu tun hat, sage ich es meiner Kollegenfreundin in immer kürzeren Abständen. Erkläre ihr, dass es sich hier und jetzt ganz schlicht und banal um Sehnsucht handelt und Sehnsucht etwas ganz anderes als Vorfreude ist. Sie nickt und ich setze mich auf ihre Schreibtischkante, weil sie sicher versteht, dass man mit Sehnsucht im Bauch nicht vernünftig arbeiten kann. Es ist keine Elba, Mailand oder Cava Sehnsucht, erkläre ich weiter. Dann wäre es zu vier Fünftel die Sehnsucht nach dem mutigsten meiner Freunde gewesen, ohne den mir damals ein Stück fehlte. Jetzt ist es eine neun Zehntel Sehnsucht nach Italien und nur ein bisschen nach einem guten Freund. So wie damals, als er und ich nicht wir waren, ich aber auch ohne ihn ganz unbedingt und unausweichlich nach Italien musste. Eine Sehnsucht, wie damals, kurz vor dem Sprung. Ich rufe einen an, der damals vor dem Sprung an meiner Seite war und erkläre es auch ihm. Natürlich versteht er es, denn ich habe es ihm damals täglich erklärt. Auch, dass die Sehnsucht brennt kann er nachvollziehen und bittet mich zu verstehen, dass er gerade einen Termin hat und nicht sprechen kann. Er versteht es nicht, sonst hätte er den Termin verschoben. Natürlich, erkläre ich nun wieder der Freundin, die mit mir arbeitet, ändern sich die neun Zehntel, wenn ich erst einmal unten bin. Dann will ich ihn, den Mutigen natürlich sehen und dann ist es wie ein Halb. Also ich bin halb, wenn ich in Italien bin und ihn nicht mindestens einmal gesehen hätte. Dann wäre es mir egal ob ich für einen Kaffee mit ihm drei Stunden mit Zug hin und auch wieder zurück nach,zum Beispiel, Verona muss. Auch sechs Stunden sind noch in Ordnung, ach was…acht auch! Im Zustand akuter Italien Sehnsucht bin ich nicht mehr rational, sondern nur und ausschließlich emotional. Gepaart mit der Neigung zu Übersprunghandlungen und an Idiotismus grenzender Emotionalität. Eine wirklich schöne Kombination, sage ich meiner Kollegin und bin dann still. Sie sagt nichts mehr, sie weiß wahrscheinlich schon, dass ich die 112 Tage gerade deutlich reduziert habe.

64 Tage sind es. Dann ist Ostern und ich habe Urlaub. Ich werde eine Nichte oder einen Neffen fragen ob sie mit mir nach Verona fahren. In meiner alten Straße gibt es unzählige AirBNB Angebote und eines davon wird es werden. Ich wollte ihnen schon lange zeigen wo ich gelebt habe und bei der Auswahl an Kindern in meiner Familie stehen die Chancen gut, dass sich eines erbarmt. Ich kann nicht jeden fragen, denn wenn ich ehrlich zu mir selbst wäre, was ich bei Antritt der Fahrt nach Verona definitiv noch nicht sein werde, dann wüsste ich, dass es nicht die Endstation ist. Drei, vier Tage, aber dann, dann würde das eine Zehntel fehlen und die Sehnsucht kommen. Und weil ich mit Sehnsucht im Bauch, im Herzen und im Magen nicht rational bin, brauche ich dann einen Menschen an meiner Seite den ich am vorletzten Tag unseres Aufenthaltes mit den Worten: „Pack dein Zeug zusammen, wir müssen nach Genua.“, aufwecken kann. Oder Luino. Oder Lugano. Nur unterhalb von Rom wird es eng, aber alles andere geht sich für einen Kaffee, ein Brioche oder eine Pizza recht gut aus. Ob er es ahnt, der mutigste meiner Freunde? Es spielt keine Rolle. Ein Kaffee ist schon drin. Ich bin ja die Irre, die sich in den Zug setzt. Ich war es schon immer. 

17 Gedanken zu “164 Tage

  1. „Erkläre ihr, dass es sich hier und jetzt ganz schlicht und banal um Sehnsucht handelt und Sehnsucht etwas ganz anderes als Vorfreude ist.“ – da hast du wieder eine große wahrheit in kleine worte gepackt. das stimmt. und wie das stimmt! und wie schön ist es, dass du es dir behalten hast. das dich in den zug setzen, wenn es sein muss.

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