Ai, ai, ai….

Etwa alle drei Jahre stelle ich mich auf die Zehenspitzen und hole meine ältesten Italienisch-Lehrbücher aus dem Regal. Über die Jahre haben sich einige angesammelt. Verben und Zeiten, Grammatik Trainer, L’Italiano per gli affari (Geschäftsitalienisch), Verbentabellen, Grammatica di livello avanzato (Grammatik für Fortgeschritte und viele Übungsbücher, die ich ab und an nutze. Am liebsten ist mir aber Linea diretta – vier Bücher mit denen ich glaubte mir die Sprache selbst beibringen zu können. Ein halbes Jahr vor meinem Umzug kaufte ich sie und bis heute sind sie mir die liebsten. Die Grammatik ist gut, anschaulich und vor allem vollständig erklärt und die Übungen so umfangreich, dass ich die Lösungen auch nach all den Jahren noch nicht auswenig kann. Bis heute kann ich mich genau erinnern, wo ich welche Lektionen gelernt habe.

Kapitel 1 – 3 in München, kurz nachdem der mutigste meiner Freunde – und mein Freund – München für immer Richtung Italien verlassen hat. Sein und haben, schöne einfache Verben, die man herrlich auf dem Weg in die Uni vor sich her murmeln konnte. Ho – hai – ha – abbiamo – avete – hanno…wenn man das mit einem Lied im Kopf vor sich her spricht, klingt es wirklich sehr schön. Wenn Ihnen langweilig ist, probieren Sie es ruhig mal aus. Ordnungszahlen, Artikel bestimmt und unbestimmt. All das verbinde ich mit den ersten Versuchen mich an die Sprache zu gewöhnen und überspringe diese Kapitel, wenn ich mich ans wiederholen der Grammatik mache. Aber ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich manchmal noch esco – esci – esce vor mich hin plappere. Einfach so.

Kapitel 4 – 6 habe ich überwiegend auf Elba gelernt. Auch wenn meine Verschmelzung der Präpositionen recht eigenwillig war, begann man mich zu verstehen. Und wann immer mir das Verb occorrere begegnet denke ich dabei bis heute an ein Lied von Adriano Celentano. Ich hörte es als ich vor mich hin konjungierte. Der Unterschied von questo und quello und quale (dieser, jener) habe ich mir in einer Bar von einem Kindermädchen beibringen lassen. Wahrscheinlich habe ich es deshalb auch so lange immer verwechselt – auch sie war Deutsche und auf Elba kamen wir sogar mit unserem eigenwilligem Italienisch durch. Wiederhole ich diese Kapitel, dann riecht es nach Elba, Hochsommer und Cola.

Den Inhalt der Kapitel 7 – 13 musste ich nicht alleine lernen. Alles war dort steht, wurde mir in meinem ersten richtigen Sprachkurs in Mailand beigebracht. Bruno, der arme Kursleiter musste mir zuerst die deutsche Grammmatik beibringen. Dort – so würde ich heute behaupten – habe ich überhaupt erst begonnen in der Sprache zu sprechen und mehr als zwei Zeiten zu nutzen. Objektpronomen und reflixive Verben schmecken nach Brioche und Kaffee und das Gerundium klingt nach dem Rattern der Mailänder Trambahn. Vielleicht auch nach dem Trippeln der Ratten auf der Straße beim nächtlichen Heimkommen. Ich wohnte in einem sehr….eigenwilligem Viertel. Kapitel 14 – 15 und der zweite Band erinnern mich an meine Jahre in Verona. Außer den Mailänder Monaten habe ich keinen weiteren Sprachkurs besucht und die Buchhalterin meiner damaligen Firma kümmerte sich um meine Grammatik (und mein Vokabular, das etwas arg umgangssprachlich wurde). Raffa war großartig und alle paar Jahre fällt mir ein Zettel mit ihrer Handschrift in die Hände. Daneben meine Anmerkungen. Konjunktiv imperfekt = Begingung – condizionale presente = Folge. Se vincessi alla lotteria, per prima cosa comprerei una macchina. Der Beispielsatz steht da nicht, aber ich werde ihn vermutlich für den Rest meines Lebens nicht aus dem Kopf bekommen. Leider kann ich Bedingungssätze bis heute nicht in jedem Fall richtig sagen. Immer kommt mir die blöde Lotterie in den Kopf und während ich über die nachdenke, ist das Gespräch schon zu weit fortgeschritten. Conjunktivo und Condizionale werden daher gemäß Bauchgefühl verwendet. Eine wunderschöne Zeitreise ist das jedes Mal, wenn ich mich daran mache etwas Grammatik zu wiederholen. Und jedesmal stolpere ich über einen kleinen Text der in dem Übungsbuch abgedruckt ist. Mit jedem Jahr ist er seltsamer zu lesen. Hier:

Vielleicht ist Eitelkeit ein Makel, aber was ist falsch daran, sich um sein Äußeres zu kümmern und zu versuchen, die Farben dessen, was man trägt, geschmackvoll zu kombinieren? Nicht alle von uns sind von Natur aus schön, manche sind geradezu hässlich. Warum also nicht versuchen, die Fehler von Mutter Natur zu korrigieren oder zumindest nicht zur Schau zu stellen? Warum sollte eine etwas kräftigere Frau Weiß tragen, wenn Schwarz sie dünner aussehen lässt? Warum sollte man die Makel zeigen, die sich so leicht verbergen lassen? Niemand will hässlich sein.*“

Manche Menschen sind geradezu hässlich….herrlich. Und befremdlich. Eigentlich nur befremdlich. Fehler der Mutter Natur, die man doch bitte nicht zur Schau stellen solle und bitte unbedingt mit angemessener Kleidung zu verbergen hat. Ai, ai, ai… zum Glück war ich damals rank und schlank. Sonst hätte mich mein Italienisch Kurs in eine Essstörung katapultiert. Das Foto der „kräftigen“ Frau zeigt nämlich max. eine Größe 38. Aber der Grammatikteil ist nach wie vor großartig.

*im Original
Forse la vanita è un difetto, ma che c`e di male a curare il proprio aspetto, a cercare die combinare con gusto i colori di quello che si porta? Non tutti siamo belli per natura, anzi, alcuni sono decisamente brutti. Allora perchè non cercare di correggere o comunque di non ostenare gli errori di Madre Natura? Per quale motivo una donna un po´ robusta deve vestire di bianco, quando il nero la fa sembrare piu magra? Per quale ragione si devono mostrare quei difetti che è invece cosi facile nascondere? Nessuno vuole essere b
rutto.

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33 x 3 (plus 1)

Ach, scheiß drauf! Diese Worte sind mit Sicherheit die unpassendsten, um mit ihnen einen Text über Dante zu beginnen. Streichen Sie diese also bitte gedanklich und haben Sie Nachsicht mit mir. Das fällt Ihnen wahrscheinlich leichter, wenn Sie Shakespeare schon einmal im Original gelesen haben. Diesen Versuch habe ich selbst noch nicht unternommen, könnte mir aber gut vorstellen, die Bücher mit ebendiesen Worten zur Seite zu legen und nach der vertrauten deutschen Übersetzung zu greifen.

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Roza

Adesso sinistra, jetzt nach links, sage ich ohne mir sicher zu sein, ob wir wirklich schon hier abbiegen müssen. Das heißt, ich bin mir durchaus sicher, dass wir nach links müssen, nicht aber, ob die hier nach links führende Straße uns auch zum Ziel bringen wird. Die Straßenführung in Altstädten hat ihre Tücken. Die in italienischen Altstädten zum Beispiel, kann einen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen. Andere. Nicht uns, wir kennen diese Altstadt und erinnern uns an jede Gasse, als wären wir erst gestern Abend mit hohen Absätzen über das Kopfsteinpflaster gelaufen. Roza erinnert sich auch. Zum Beispiel an meine Rechtslinks-Schwäche, sobald ich in einem Auto sitze. Als ich erneut „links“ rufe, siehts sie mich an und grinst. Geht nicht, erklärt sie. Links sei die Adige, die Etsch, der Fuß, dessen Schleife die Altstadt umarmt und an dessen Ufer Roza und ich vor vielen Jahren gewohnt haben. Dann eben rechts, sage ich und rutsche wohlig seufzend tiefer in den Sitz. Das schöne an wirklich alten Altstädten ist, dass sich nichts verändert. Selbst nach zwanzig Jahren sehen sie noch genauso aus, wie an jenem Tag als man zuletzt gemeinsam dort gewesen war. Rechts murmle ich leise und bin mir sicher, dass wir jetzt wirklich abbiegen müssen. Roza erinnert sich anders und fährt weiter gerade aus. Egal…sie fährt, sie macht das. Ich schließe die Augen und öffne sie erst wieder, als ich gefragt werde, ob ich wusste, dass Calzedonia noch immer da ist. Ich nicke und schnalze gleichzeitig mit der Zunge. Ja, das wusste ich und auch, dass er sich noch immer dort befindet, wo er immer war. Wenn wir ihn jetzt also sehen, dann sind wir definitiv zu spät abgebogen und befinden uns mitten in der Fußgängerzone. Das leise Fluchen neben mir klingt vertraut und ich murmle rechts oder links, weil es jetzt auch schon egal ist. Ich bin froh, dass Roza fährt und sage ihr, dass sie das richtig gut macht. Ich soll den Mund halten, höre ich und schmunzle. Wenn man sich nach Jahrzehnten das erste Mal wieder sieht, dann ist es ein gutes Zeichen, dass man einander noch problemlos darum bitten kann, die Klappe zu halten.

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Che fine hai fatto? Roza

Seit Jahren spiele ich mit dem Gedanken Facebook zu löschen. aum ein Mehrwert und sehr viele Gründe diese Datenkrake mit ihrer fragwürdigen Monopolstellung nicht weiter mit persönlichen Informationen zu füttern. Nur selten poste ich dort etwas. Meine Blogartikel und die Bilder vergangener Lesungen, aber kaum etwas privates. Aus den bekannten Gründen. Und doch bin ich dort noch immer angemeldet und wünsche mir manchmal, dass es all die sozialen Netzwerke und Apps zur Kontaktaufnahme schon gegeben hätte, als ich in Italien lebte. Damals hatte ich weder ein Smartphone noch einen PC. Ich hatte ein kleines Telefonbuch in das ich die Handy- oder Festnetznummern händisch neben dem Namen eintrug. Dem Namen – Singular. In diesem Buch sind Nummern von Lello, Leo, Checo, Francesca, Raffa, Renzo, Nino, Roza und vielen mehr. Alle ohne Nachnamen. Die Namen wurden im Zug, am Strand oder am See so schnell eingetragen, wie man sich kennen lernte. Der Gedanke, dass die meisten ihre Handynummern in den kommenden Jahren ändern könnten, kam mir nicht, als ich zurück nach Deutschland ging. Wie dumm, von meinem jungen Ich, so gedankenlos gewesen zu sein. 95 % meiner Bekannten aus der damaligen Zeit habe ich deshalb aus den Augen verloren. In den ersten Monaten zurück in Deutschland passierte so viel, dass ich mich nicht bei allen regelmäßig meldete. Schon zwei Jahre später waren die meisten Nummern schon nicht mehr gültig und die E-Mail Adressen, die meine Bekannten meist selbst mit meinem Bleistift eingetragen haben, unleserlich oder ebenfalls veraltet. Auch meine Handynummer hatte sich geändert. Lello, Checo, Nino und Claudia sind aus meinem Leben verschwunden und es tut mir leid.

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Großmarktschule

Als ich im Schlafwagen des Zuges nach Italien aufwachte, erkannte ich die Gegend sofort. Die Zypressen, das Licht der aufgehenden Sonne und die sanften Hügel: Verona. Ein Zufall und doch hat es mich nicht gewundert, dass ich genau dort aufwachte, wo ich einige Jahre gelebt habe. Egal um welche ich Uhrzeit ich mit dem Zug durch Verona fahre – immer wache ich dort auf. Ein wenig, als würde mich die Stadt daran erinnern, dass ich hier, am Ufer der Etsch endgültig erwachsen wurde und man das Wiedersehen mit einer alten und vertrauten Lehrerin nicht einfach verschläft. Die Stadt im frühen Licht der aufgehenden Sonne erwacht und ihr Murmeln klingt nach einer Kollegin, die es sich vor Jahren zur Aufgabe machte, die junge Deutsche immer wieder daran zu erinnern, welche Werte es zu erhalten und zu pflegen gilt. Eine mütterliche und fürsorgliche Kollegin, die alles daran setze, dass ich die Flüche der italienischen LKW Fahrer verstand aber nicht selbst benutzte. Beim ersten Kaffee, noch im Zug, denke ich zufrieden lächelnd an sie. Nie werde ich ihr verraten, dass ich einen recht großen Teil der Schimpfworte und dialektgefärbten Ausdrücke durchaus benutze und mich sehr gut erinnere. Sie würde sich aber sicher freuen, wenn sie wüsste, dass ich es nie, nicht einmal versehentlich, in Anwesenheit meiner Freunde und Bekannten in Italien mache. Und glauben Sie mir, mit Ausdrücken, meine ich nicht harmlose Flüche wie „Scheiße“ oder „Mist“ – Großmarkthändler und LKW Fahrer haben anderes auf Lager. Wahrscheinlich nicht nur in Italien sondern überall auf der Welt. Mir tat es gut in diese Becken ungefilterter Sprache und ungeschliffener, aber herzlicher Umgangsformen geworfen zu werden. Kaum eine andere Rosskur hätte mir schneller zu dem nötigen Selbstbewusstsein in einem fremden Land verholfen und ich hätte mich wohl deutlich länger darauf verlassen, dass ich bei Problemen auf die Hilfe von Familie und Freunden zählen kann. Heute kann ich das noch immer, aber ich weiß, dass ich mich im Zweifel auch alleine in den kalten Wind stellen kann. Dann, wenn es rauer wird, kommt manchmal noch die Zwanzigjährige zum Vorschein, die mit einem LKW Fahrer oder Großhändler diskutieren muss. Dann wundere ich mich, wie sehr einen wenige Jahre prägen können, wenn sie nur zur richtigen Zeit, an der Schwelle zum Erwachsenwerden stattgefunden haben. Weiterlesen

Ganz anders gleich

An manchen Tagen und in manchen Momenten ist man an einem Ort und spürt zur gleichen Zeit unzählige andere Orte. Weiß genau, wie sie sich jetzt, um diese Stunde anfühlen, kennt ihren Geruch, ihre Geräusche und ahnt, dass der Moment nur wenige Schlucke Kaffee lang dauern wird. Es ist früh und hier auf meinem Balkon ist es, obwohl kühl, auch ungewöhnlich mild für einen Morgen so früh im Jahr. Kein Frösteln, aber die Kühle der Nacht ist noch deutlich spürbar. Genau so fühlten sich die ganzen frühen Morgenstunden in Verona an. Gegen sechs Uhr morgens war die Stadt dank der Nacht endlich ein wenig abgefrischt und im Frühjahr und Herbst spürte man die Kühle angenehm an den nackten Beinen. Ich mochte diesen Moment  von allen Tageszeiten am liebsten und saß oft auf einer Bank nahe der Arena, diesem Jahrtausende alten Steinbau, während die Stadt langsam erwachte. Zu dieser Tageszeit sah man nur wenige Menschen über die Piazza laufen und hörte meist nur den Besen der Straßenkehrer. Seltsamerweise fühlte sich der Morgen damals genauso an, wie der heute auf meinem Balkon. Verschiedene Jahreszeiten, verschiedene Leben, in einem dicken Pullover eingekuschelt heute, in einem lockeren Kleid mit flachen Sandalen damals, aber ein gleiches Gefühl. Wolken, wie sie nur frühmorgens zu sehen sind und Wolken, die nach einem schönen Tag schmecken und riechen. Weiterlesen

Dem Regal wäre es nicht egal

Entgegen der Annahme meiner Nachbarn befindet sich in meinem Keller kaum Gerümpel. Alles was ich dort lagere, hebe ich aus guten Grund auf. Dem einen oder anderem mag es übertrieben erscheinen einen kompletten Umzugskarton mit Kinderzeichnungen aufzubewahren, aber bei einer so großen Familie wie ich sie habe, ist es mit einer kleinen Schachtel nicht getan. Heute morgen zählte ich die kleinen Künstler an den Fingern ab – es sind insgesamt achtzehn (inklusive der beiden Nachbarskinder und dem Nachwuchs meiner beiden engsten Freunde). Achtzehn kleine Händepaare, die sich irgendwann einmal große Mühe gegeben haben. Schmierereien habe ich nie aufgehoben, nur die schönen Sachen und die müssen noch etwas bleiben. Künstlern zollt man Respekt. Auch wenn es selten so ist, so sollte es sein. Deshalb bleiben die Bilder, die Klorollengiraffen und die Einladungen zu Teddybären Teestunden noch ein paar Jahre bei mir. Auch die über Generationen von Tanten und Großmütter bemalten Ostereier will ich nicht weggeben, nur weil ich jedes Jahr höchstens zwölf davon aufhänge. Immer andere und jeden Frühling freue ich mich über die filigranen Erbstücke. Mit meinem Christbaumschmuck könnte ich vier Tannen dekorieren, aber auch hier, weiß ich bei fast jeder Kugel wie sie den Weg zu mir gefunden hat und die sehr große Krippe ist vom besten Freund meines Vaters und erinnert mich jedes Jahr an eine ganz besondere Männerfreundschaft. Nein, das meiste ist kein Gerümpel. Ganz im Gegenteil – es ist mein Leben, das manchmal aus Dingen besteht, die man nur einmal im Jahr braucht. Um diesem Leben wieder mehr Raum zu geben, habe ich heute noch einmal rigoros ausgemistet. Rollerblades, ein altes Paar Ski und mein Holzschlitten und alles was ich doppelt habe, weil man es mir schenkte, brachte ich in den Nachbarschaftsladen. Mein Keller war deutlich leerer und dann sah ich es. Ganz am Ende, hinter der Türe blitzte es und ich hörte das laute Schimpfen einer meiner besten Freundinnen.

Nie vorher und nie nachher hatte ich sie so laut und derbe fluchen gehört, wie an jenem Tag als wir gemeinsam zwei Regale durch die Altstadt Veronas schleppten. Eine völlig bekloppte Idee nannte sie es schon im Laden und eine Zumutung, wenig später auf der Straße. Der Balkon Julias, war ein antikes Scheißteil und die Touristen davor dumm glotzende Idioten. Sie hatte Recht, nur dass das Scheißteil das Regal und der Idiot ich gewesen bin, der die bekloppte Idee hatte, spontan zwei massive Eisenregal für die eben neu bezogene Wohnung zu kaufen und sie in Ermanglung eines Autos zu Fuß durch die Altstadt zu schleppen. Frauenpower versuchte ich mir meine Idee an der Kasse noch schön zu reden und ahnte doch schon nach zehn Metern, dass nicht einmal zwei starke Männer die Kartons ohne weiteres hätten tragen können. Wir schoben sie. Fluchend, schwitzend und streitend. Zwei Deutsche, die eine davon gerade in die Stadt gezogen, die andere zu Besuch und beide nach den ersten hundert Metern schon mit hochrotem Kopf. Ab und zu boten sich Touristen und Einheimische an, die sperrigen Kartons mit zu tragen. Kaum einer schaffte mehr als zwanzig Meter. Fünf Stunden – mit vielen Pausen, einer Pizza, drei Espressi und eine halbe Schachtel Zigarette – später, waren die Regale bei mir im ersten Stock. Es wurde einer der schönsten Abende, die ich in dieser Stadt verbracht habe. Wir tranken Wein aus Kaffeetassen, weil ich noch keine Gläser hatte und naschten Schokolade und Nüsse am Boden sitzend, weil die Kartons der Regale auf Bett und Sofa lagen. So wenig braucht man nur, wenn man Anfang zwanzig und sehr, sehr glücklich ist. Glücklich machten mich auch die Regal. Sie waren das erste was ich mir von italienischem Gehalt kaufte. Schon lange passen sie nicht mehr zu meiner Einrichtung und doch stehen sie noch immer in meinem Keller und erinnern mich an diesen verrückten Tag und wie herrlich stur ich damals war, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe.

Meine Regale steht jetzt bei Herrn Iwanow. Er sah mich den Keller ausräumen und fragte warum ich so schöne Regale nicht oben in der Wohnung aufstellen würde. Ich erzählte ihm die Geschichte und er revanchierte sich indem er mir seine Kellerabtteil und damit Teile seines Lebens zeigte. In meiner Küche steht jetzt ein etwa vierzig Jahre altes Matroschkapüppchen, das Herr Iwanow von seiner Jugendliebe geschenkt bekommen hat. Seine Frau mag sie nicht in der Wohnung haben und Herrn Iwanow tut es leid, sie im Keller zu lassen. Es macht mich glücklich, dass mein Regal jetzt wieder verwendet wird. Wir haben es schließlich nicht quer durch Verona geschleppt, nur um es dann in einem Keller versauern zu lassen.

Auf das Beitragsbild müssen Sie leider erst einmal verzichten. Der Zettel mit dem Titel klebt daran, aber ich vergaß ihn zu fotografieren. Bei Iwanows macht gerade keiner auf.

Saublöde Idee

Eine Scheißidee sei es gewesen, brülle ich in mein Handy, als es das vierte Mal binnen einer halben Stunde klingelt. Eine richtige Scheißidee – Ausrufezeichen, schieße ich verbal hinterher, bevor ich das Telefon in meine Handtasche werfe und auf allen Vieren versuche eines der vier Räder meines Trollys aus der Ritze des Gullis zu befreien. Die Sprache wechselnd, aber mit identischem Tonfall, brülle ich Sekunden später in Richtung eines Autos, dass ich die Straßenmitte sehr gerne verlassen würde – aber nicht ohne meinen Koffer. Fünf Minuten später entschuldige ich mich bei dem Autofahrer für meinen Tonfall und rechne ihm hoch an, dass dieser ihn lachend ignoriert hat, ausgestiegen war und das Rad meines Koffers aus der mistigen Gulliritze gezogen hat. Eine weitere Entschuldigung erfolgt fernmündlich, bei jenem Anrufer, der das Pech hatte mich kurz vor einem Hitzschlag zu fragen, ob er sich gelohnt hat – mein 36 Stunden Italienbesuch. Ja, hat es. Nur die letzte Stunde war scheiße. Aber da war ich selbst Schuld. Weiterlesen

Schön, tut aber fies weh.

Nach Norden, fragt mich ein Freund und ich schüttle den Kopf. Norden, höre ich ihn ein zweites Mal fragen und erinnere mich, dass man ein Kopfschütteln am Telefon nicht sieht. Nein oder doch, vielleicht. Ich weiß nicht in welche Richtung Norden liegt und bitte ihn stattdessen, sich mit dem Rücken zum Brunnen zu stellen und zur Arena zu schauen. Links daran vorbei und dann in die kleine, für Autos gesperrte Straße, erkläre ich und hoffe, dass nicht gerade doch ein Auto durch fährt. Kann man in Italien ja nie wissen. An der Apotheke vorbei, höre ich ihn fragen und nicke bevor ich zustimmend brumme. Es passt mir nicht, dass er da ist, wo ich sein will und es gefällt mir nicht, am Telefon den Stadtführer zu spielen. Ungewohnt fühlt es sich an und der blöde Kloß in meinem Magen macht es nicht besser. Die Reisewarnung für Italien ist seit drei Tagen aufgehoben und wenn ich wollte, dann könnte ich jetzt sofort nach Verona fahren. Ich könnte, so wie einige Münchner es schon machen, vor der Haustüre ins Auto steigen und erst am Corso Porta Nuova wieder aussteigen. Mit dem richtigen Auto reicht eine Tankfüllung. Theoretisch könnte ich sogar heute am Donnerstag Nachmittag losfahren, mit Freunden in Verona zu Abend essen und trotzdem morgen früh wieder pünktlich um neun in München arbeiten. Zugegeben, das wäre ziemlich verrückt, aber auch nicht das verrückteste was ich in den letzten zwei Jahrzehnten getan habe, wenn es um meine zweite Heimat geht. Komm halt, sagt mein Freund lachend und ich merke, dass es einfach noch zu früh ist. Weiterlesen

Da müssen Sie durch V

Ab Mai geht es hier wieder normal weiter. Vorausgesetzt, dass ich zurück komme. Gerade buche ich mein Flixbus Ticket und bin mir nicht wirklich sicher, ob ich es auch einlösen werde. Jetzt gerade besteht die gar nicht einmal kleine Wahrscheinlichkeit, dass ich vielleicht doch hier bleibe. Obwohl….es gibt auch sehr gute Gründe, wieder nach München zu fahren. Mein Blog ist voll damit. Ich werde wohl doch nach Hause fahren. Schließlich muss ich die drei Colombe (Oster Panettone) in Bayern abliefern. Die kann man mittlerweile zwar schon in Feinkostläden kaufen, aber meine Familie besteht darauf, dass ich sie liefere. Mache ich auch gerne. Mit drei großen, sperrigen Kartons reißt es sich besonders entspannt. Genauso wie mit den fünf Flaschen Wein, die mir meine Ex-Kollegen mit auf den Weg gegeben haben. Wenn ich mir die Flixbus Reisegruppe so ansehe, sollte ich mir eine Flasche mit nach drinnen nehmen. Ich kann sie womöglich brauchen.

Schön war es. Uns schön, dass Sie dabei waren. Bis bald.