Schnee

Den ersten Schnee des Jahres gibt es nur einmal und jedes Mal ist es etwas ganz besonderes. Wunderschön ist es, wenn man morgens aufwacht und ihn riecht noch bevor man die Augen öffnet und sieht, was man ahnt. Alles weiß. Dann fühlt es sich so an.. Anders, aber genauso schön ist es, wenn man spät abends vor die Türe tritt und mitten im Gespräch plötzlich merkt, dass es kein feiner Nieselregen ist, der die Nasenspitze kitzelt, sondern erste feine Schneeflocken. Dann muss man unbedingt stehen bleiben, den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Mindestens drei Atemzüge lang sollte man so stehen bleiben und es muss einem unbedingt egal sein, ob einen Menschen von hinten fast umrennen oder für bescheuert halten. Der erste Schnee in einem Jahr ist so schön und so wertvoll, dass einem alles egal sein sollte. Vielleicht nicht die Winterreifen, die man noch aufgezogen hat, aber sonst fast alles.

Was ist, fragte mich vor langem einer, der nicht mehr bei mir ist, und ich erinnere mich, dass ich damals für einen kurzen Moment in Erwägung zog unsere frische Beziehung sofort wieder zu beenden. Mit einem Mann der den ersten Schnee nicht zu schätzen weiß, konnte ich unmöglich den Rest meines Lebens verbringen. Das sagte ich ihm damals und er blieb lachend neben mir stehen. Er lachte und beobachtete wie die Schneeflocken auf meiner Nase schmolzen. Ich beendete die Beziehung nicht, denn ein Mann der nur lacht, wenn eine Frau nach zwei Wochen vom Rest des Lebens spricht, erschien mir mutig genug, um es mit ihm zu versuchen. Kalter Schnee und warmes Lachen, ist eine ganz wunderbare Kombination. Mit ihr verzeiht man dann auch den Schneeball, der einen mitten im Gesicht trifft. Man ist ihm nicht ausgewichen, weil man in einem Alter war in dem die meisten Männer nur noch halbherzig warfen und allenfalls auf die Beine oder Arme zielten. Er nicht. Er verstand, dass man im ersten Schnee wieder zum Kind werden musste und Schneebälle ausnahmslos mit aller Kraft geschleudert werden müssen, damit man bis ins hohe Alter gelenkig bleibt und nicht verlernt bei Zeiten auszuweichen. Wie wichtig das ist weiß man. Man muss im Leben so oft mit geradem Rücken dastehen, dass es eine Freude ist sich im ersten Schnee ducken zu dürfen. Und angreifen. Wann kann man im Alltag schon beherzt „Du Arsch!“ schreien und einem Mann auf den Rücken springen um sich zu rächen. Ein Mann mit dem ich den Rest des Lebens verbringen möchte, der darf bei einer Schneeballschlacht keine Rücksicht nehmen. Der muss wissen, dass ich zwar weniger Kraft habe, aber viel schneller und wendiger bin. Das hat es früher schon ausgeglichen und das tut es noch heute. Der weiß, dass Mädchen „Aua“ rufen, wenn sie Zeit schinden wollen und der antwortet „vergiss es“. Nicht im Leben, niemals im Leben, aber das Leben ist ja stehen geblieben, während die ersten Flocken fallen. Es wartet, während zwei sich im Schnee balgen und pausiert, während mehr Dreck als Schnee durch die Luft geworfen wird. Du spinnst, sagte er mir damals und ich, dass es nur so funktionieren könne. Zwei können nur eins werden, wenn sie die Augen schließen und dann einfach loslaufen. Gegen Wände, gegen die Zeit und gegen die Vernunft. 

Gestern fiel der erste Schnee und während ich durch die ersten Flocken rannte, war er neben mir. Schneller hat er gerufen und gelacht. Ich laufe noch immer gegen Wände, gegen die Vernunft und  wahrscheinlich auch gegen die Zeit. Wenn ich nicht mehr durch den Schnee laufe, dann ist er nicht mehr bei mir. Das ist ok. Er kommt wieder. Immer dann, wenn der erste Schnee fällt. Dann ducke ich mich nicht, dann renne ich ihm entgegen und nur dann, erlaube ich mir daran zu denken, dass er den Rest seines Lebens mit mir verbracht hat. Ein Rest, der in seiner flüchtigen Kürze ein schlechter Witz war.  „Du Arsch,“ flüstere ich und lache, weil man über schlechte Witze besser lacht als heult. 

 

30 Gedanken zu “Schnee

      1. Egal, aber den Zauber spürt man nur in Deiner Stadt, finde ich jedenfalls.
        Aber Schnee in Manhattan ist auch nicht schlecht 😉 Ich habe ihn sogar einmal in Südfrankreich erlebt, da waren dann die Palmen gepudert;-)

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  1. Liebe Mitzi,
    auf den ersten Schnee wartet Hannover noch, doch in deinem Beitrag isdt er schon zu erleben. . Deine romantischen Schilderungen des ersten Schnees wandelnd sich allmählich zu einer wehmütigen Hommage an den verlorenen Freund, tauen quasi weg, wie der Schnee von deiner Nasenspitze.

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  2. also wieder einer dieser texte, die mich so tief in mir drinnen rühren, die mir gänsehaut aufziehen, die ich wort für wort lesen will und doch verschlinge. wie lange hast du an diesem satz geschrieben? „Zwei können nur eins werden, wenn sie die Augen schließen und dann einfach loslaufen. Gegen Wände, gegen die Zeit und gegen die Vernunft.“ Vom Gewicht des Satzes müssen es Monate gewesen sein. Von seiner Flüssigkeit und Wahrhaftigkeit ein Wimpernschlag. Etwas, das man sich merken möchte. Ins Herz tätowieren.

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    1. Wahrscheinlich könnte ich solche Texte nicht so schreiben, wenn ich zuviel darüber nachdenke. Wenn ich Lesungen vorbereite, dann merke ich, dass manche Sätze komisch klingen. Sprachlich seltsam oder nicht rund. Trotzdem lasse ich sie meistens so, weil sie erstaunlicher Weise das was ich sagen will besser ausdrücken. Dass du den einen so empfindest wie du beschreibst, ist für mich wunderschön. Danke dir :-*

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      1. ich danke – dass du solche sätze schreibst und ich sie lesen und fühlen darf ❤ ich kenne das übrigens gut. viele dinge kommen irgendwo zwischen herz und unbewusstem. man merkt erst danach – oder durch die leser – dass sie zu herzstücken werden.

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  3. Der erste Schnee ist ein romantisches Versprechen und macht die Welt so wunderbar leise. Meistens verwandelt er sich aber rasch in schmutzigen, lauten Schneematsch. Kaum ein hoffnungsvolles Versprechen hält der Realität dauerhaft stand, meteorologisch und romantisch gesehen. Trotzdem immer wieder schön.

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    1. Leider kann ich dir bezüglich der Versprechen nicht widersprechen. Dennoch mag ich, dass du mit „immer wieder schön“ endest. Egal wie oft Versprechen nicht halten, es wäre traurig, sich nicht über sie zu freuen. Ein wenig Naivität ist in Ordnung.

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  4. Uff. Da weiß ich gar nicht, ob ich mich in Vorfreude auf den ersten Schnee, dem ich garantiert meine Nase entgegenstrecke werde, wie jedes Jahr, über Deinen Text freue soll, mich an Schneeballschlachten erinnern und auf kommende freuen mag, oder einfach traurig sein soll, ob der kurzen Zeit, die er neben sein durfte

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