Schicht im Schacht – U-Bahn Gedanken

Es gibt Menschen, die präventiv Dankesreden üben. Falls sie unerwartet den Oskar gewinnen, den Schlüssel der Stadt überreicht bekommen oder zum Elternsprecher der örtlichen Vorschule gewählt werden. All das ist in meinem Fall unwahrscheinlich. Punkt eins und drei sogar gänzlich auszuschließen. Eine Rede – oder in meinem Fall – letzte Worte habe ich dennoch parat. Wer so viel und so gerne wie ich spricht, dem widerstrebt es zu sterben ohne das letzte Wort zu haben. Meine letzten Worte sitzen. Ich weiß auch ganz genau an wen ich sie richten würde und heute morgen habe ich sie per WhatsApp geschickt. Sprachnachricht – zum Tippen war ich bereits zu schwach. Fast wäre ich nämlich in der Zwischenwelt der Münchner Verkehrsbetriebe verschwunden. Bevor ich es vergesse – die befindet sich am Harras und nein, es ist keine urbane Legende, dass an den Gleisen immer wieder Menschen auf unerklärliche Art verschwinden. Es ist eine Tatsache und heute morgen hat es mich fast erwischt.

img_1629In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag hat es wieder zu schneien begonnen. Dicke, schwere Flocken, die sich über die Stadt legten, als wollten sie all den Dreck und Lärm endgültig unter sich begraben. Den ganzen Sonntag und die ganze Nacht schneite es weiter. Wunderschön, wie Sie rechts sehen. Schnee macht glücklich, wenn er um kurz nach sechs Uhr morgens so wunderschön den Montag begrüßt. Glücklich macht es auch, dass die S-Bahn nur zehn Minuten Verspätung haben soll und der Schienenersatzverkehr erst hinter Schäftlarn und weit von meinem Arbeitsplatz entfernt beginnen soll. Zehn Minuten sind nichts. Zeit genug das Foto an Familie und Freunde zu schicken und sich über die tollen Winterstiefel zu freuen, die Zehen und Knöchel warmhalten, selbst wenn die nur in dünnen Strümpfen stecken. Aus zehn Minuten können fünfzehn werden. Absolut ok. Wir sprechen hier von den Münchner Verkehrsbetrieben, wenn die sich um fünf Minuten verschätzen, applaudieren wir. Zwanzig sind ein Witz, weil dann nix später kommt, sondern schlicht und einfach ausgefallen ist. Ein Witz sind auch die neuen Stiefel, die zwar warm, aber leider nicht wasserdicht sind. 

Trotzdem ist es schön, so früh am Morgen die Stadt beim Aufwachen zu beobachten. Schöner wäre es freilich mit warmen Füßen. Oder wenigstens trockenen. Meine sind jetzt nass und kalt. Das Leder hat nach einer Dreiviertelstunde die Umgebungstemperatur (-2 Grad) angenommen und dünne, nasse Strümpfe nerven. Irgendwann so sehr, dass mir der Schnee auf den Senkel geht. Nur mir, denn keiner meiner Kollegen steht am Bahnsteig. An anderen Tagen flüchte ich vor ihnen, weil ich noch zu müde zum Reden bin, aber heute….niemand da. Überhaupt ist es leer. Dafür, dass ich bereits 65 Minuten hier rum stehe, ist es gespenstisch leer. Mein Handy hat noch Empfang. Das ist beruhigend, so lässt sich ein schwerwiegendes, die Menschheit womöglich auslöschendes und mich vergessene habendes Unglück ausschließen. Man weiß ja aus Filmen, dass in solchen Fällen die Telefone grundsätzlich kein Netz mehr haben. Netz habe ich noch und beschwere mich bei meinen Eltern via SMS, über die Kälte und das Warten. Papa schickt mir einen Nikolaus Smiley und Mama ein Foto der verschneiten Tanne vor dem Wohnzimmerfenster. Danke. Ich werde erfrieren, aber wenigstens im Wissen, dass sie ihre Telefone im Griff haben.

Seit 90 Minuten stehe ich jetzt hier und bin mir sicher, dass die wenigen Menschen, die apathisch und bewegungslos am Bahnsteig stehen, nicht real sind. Keiner schimpft, keiner wundert sich und niemand spricht. Verstummt sind auch die Lautsprecher Durchsagen. Schon vor langer Zeit. Seit 85 Minuten herrscht Stille. Einen Moment noch möchte ich glauben, dass die MVG einfach aufgegeben haben, es für sinnlos erachten immer und immer wieder die gleiche Ansage laufen zu lassen und….aber nein, das gehört zu ihrem Programm. Auch wenn nichts mehr geht, die scheppernden Ansagen laufen immer. Um 08:30 Uhr geht das Licht am Bahnsteig aus und ich bin mir sicher, dass etwas ganz schlimmes passiert ist. Ich schreibs meinem Lieblingskollegen und er antwortet prompt: „Bahn kommt gleich. Ich bin schon drin.“ Ja, sie kam und ich wusste jetzt sicher, dass ich im Nimbus der Verkehrsbetriebe feststeckte. Sie fuhr auf einem Gleis an dem sonst nie etwas fährt. Ein Gleis, das nicht mal einen Bahnsteig hat. 

Zeit für die letzten Worte. Ich schrieb sie einer auf die Verlass ist: „Vernichte meine Tagebücher bevor sie irgendeiner aus meiner Familie in die Finger bekommt. Und nicht in die Papiertonne werfen. Ganz wichtig – nicht in die Papiertonne (Frau Obst!!!!)“

 

 

 

 

img_1633Ich war gerade dabei mir aus den Resten von Wegwerfkaffeebechern eine Isolierung für meine Füße zu basteln, als die beste Kollegin der Welt anrief. Sie würde mich jetzt holen, sagte sie. Zu spät hauchte ich schwach. Ich bin im Nimbus. Ein Lachen. Ja wirklich zu spät. Kurz nach neun und sie hätte keine Lust den ganzen Tag mein Telefon im Büro zu betreuen. 

Ich habs überlebt. Nur meine Tagebücher sind jetzt weg. 

P.S. Wo zum Henker waren Sie alle heute früh? 

Ich bin raus!

Dass Sie sich bei Fragen rund um den Schnee, seine Tücken, seine Schönheit und seine Eigenarten betreffend, vertrauensvoll an mich wenden können, wissen sowohl Sie, als treue Leser, als auch meine Bekannten, Freunde und Kollegen. Ich kenn mich aus. Ich kann Ihnen sagen ob Sie mit den Scheiten aus dem zugeschneiten Holzhaufen ein Feuer im Ofen im Gang bringen. Mir reicht ein Blick und ich weiß, ob das was wird oder nicht. Ich war so oft auf unserer eingeschneiten Hütte, dass ich sehr gut beurteilen kann ob ein Stück Holz direkt vor der Tür abgeklopft werden kann oder ob ich mich zwanzig Meter bis zum Schuppen durch Oberschenkelhohen Schnee wühlen muss, um welches zu holen. Wenn Sie 34 Mal gescheitert sind, dann bekommen Sie einen Blick dafür ob etwas angeschneit oder klatschnass ist. Ich kann Ihnen auch mit einem Blick aus dem Fenster sagen ob ein Spaziergang im verschneiten Wald schön ist oder ob das aufgrund des schweren Schnees eine saublöde Idee ist. Wenn Sie wie ich Ihrem Vater jahrelang nicht geglaubt haben und dann mal fast von einem den Schneemassen nicht standhaltenden Ast erschlagen wurden, dann schauen Sie da genauer und – wie mein Vater sagen würde – mit Hirn. Und, um meinem Lehrauftrag gerecht zu werden – nein, einem fallenden Ast können Sie nicht ausweichen. Besonders nicht in den Bergen. Da springen Sie beim Wegspringen, nämlich womöglich vom Weg und gleicht direkt ins Tal. Sie können mich auch fragen ob es ein schöner Skitag wird oder ob das ganze eine elende und eisige Plackerei wird. Ich hab mich so oft auf Eisplatten lang gelegt, bin mehr als einmal im Schneetreiben von der Piste abgekommen und hab schweren, nassen Schnee lange Jahre beim frühmorgendlichen Betrachten der Bilder einer Webcam für Pulverschnee gehalten. Mittlerweile rieche ich es. Ich rieche gute Schneetage und schmecke die schlechten.  Weiterlesen

Alltag – Pause III

Seit Freitag Mittag schneit es und seit dem frühen Abend ist die Stadt komplett weiß. Nur selten gibt es Schneefälle, die den Dreck der Stadt binnen Minuten verdecken. Als ich den Laden betrat, lag der Schnee nur auf den Rasenflächen, zwanzig Minuten später, waren Gehweg und Straßen weiß und nach dem Abendessen bewarfen mich zwei Kinder und ein Erwachsener mit großen, in der Luft zerfallenden Schneebällen. Sie schmolzen als ich in der U-Bahn saß und ihre Reste rannten mir in den Nacken. Ein Gefühl, das nur deshalb schön ist, weil es von den steif gefrorenen Fingern ablenkt. Sie tauen später. Mit einer heißen Tasse in der Hand tut es etwas weh, ist aber ein kleiner Preis, den man für so schönen und reichlichen Schnee gerne bezahlt. Die ganze Nacht über schneit es. Ich höre es, weil auf der Straße nichts zu hören ist. In meine kleine Seitenstraße kommt kein Schneepflug und die dicke weiße Schicht verschluckt die wenigen Autos, die bei diesem Wetter unterwegs sind. Bei Schneestille aufzuwachen ist besonders, weil man sich auf die gewohnten Geräusche nicht verlassen kann. Selbst die Glockenschläge hört man kaum. Zwischen den dicken Flocken ist dem Schall die Luft ausgegangen. 

Ludwig, dem Nachbarsjungen nicht. Er brüllt im Laubengang direkt vor meinem Fenster und wird erst leise, als er sich die dritte Handvoll Schnee in den Mund stopft. Man sollte ihm sagen, dass Schnee nicht in den Mund gehört. Meine Mutter tat es. Alle Mütter taten es. Ich nicht. Ich klopfe gegen die Scheibe und winke. Wieder bin ich das Ziel von Schneebällen. Auf der Arbeitsfläche in der Küche sitzend und mit einer Tasse Kaffee in der Hand beobachte ich die Geschosse, die gegen meine Scheibe fliegen. Noch hat er nicht genug Kraft um Schaden anzurichten und weil es schon egal ist, puste ich als Gruß von innen etwas Milchschaum  gegen das Fensterglas. Ludwig weiß es zu schätzen und verstärkt das Bombardement. Später als er längst weg ist, sitze ich noch immer im Schneidersitz zwischen Spüle und Herd und beglückwünsche mich für den Geistesblitz, die Milch gar nicht erst in den Kühlschrank zurück gestellt zu haben. So halte ich den dritten Kaffee des Morgens in der Hand und kann weiter das Schneetreiben beobachten. Draußen ist jetzt ein Schneesturm. Die Flocken wehen bis gegen mein Fenster und ich weiß, dass ich das Haus heute nicht verlassen werde. Pasta, Olivenöl und eine Ecke Parmesan. Das reicht. Es reichte das erste Jahr in Italien und es wird an diesem Wochenende reichen. Zumal ich, auf der Anrichte sitzend kaum Kalorien verbrenne. 

Was ich mache, fragt man und ich antworte nicht. Lese keine Nachrichten und überhöre das klingelnde Telefon bis weit in den Nachmittag hinein. Pause antworte ich jenen schließlich doch, die sich mehr als einmal gemeldet haben. Kaum etwas eignet sich besser für Pausen als windige Schneetage. Ab drei Uhr brennen die Kerzen am Christbaum und ich bin auf Tee umgestiegen. Sein Geruch passt zu dem Duft, des schon trockenen Baumes und ja, auch zum Schnee, der noch immer fällt. Um fünf Uhr habe ich den Moment verpasst, mich anzuziehen. Der Nachbarsjunge vor dem Fenster sieht es und lacht mich aus. Ich strecke ihm die Zunge raus und wir schneiden ein paar Minuten lang Grimassen durch das Küchenfenster. Als der Dampf des Nudelwassers die Scheibe endgültig blind macht, verschwindet er. Man könnte heute Abend doch ganz herrlich….nein, schreibe ich, heute kann ich nicht. Ich will dem Schnee noch ein wenig länger beim Fallen zusehen und bin eigentlich doch längst eingeschneit. Etwas, das mitten in der Stadt alles andere als alltäglich ist und ganz unbedingt zu einer Pause des Alltags führen muss. Die Wäsche kann warten, das Buch nicht, weil Schneefall stilles Lesen unterstützt. Von Resten des Vorratsschrankes kann man leben, ohne aus dem Fenster zu sehen nur sehr schwer, weil es dumm wäre den Blick vor etwas so schönem zu verschließen. 

Ob er sich neben mich setzen darf, fragt er und ich nicke. Gerne, aber nur wenn er still ist, damit wir das Fallen der Flocken auch wirklich hören oder es eben nicht hören, weil weniges so schön klingt, das kein Geräusch hat. Morgen ist Montag. Alltag. Heute ein weiterer Schneetag. Die Flocken haben nachgelassen. Das ist in Ordnung, solange es still bleibt. In meiner Seitenstraße sicher noch eine Weile. Lange genug um mit Kaffee drei und vier aus dem Küchenfenster zu schauen. Mit der ersten Teetasse die Lichter am Christbaum anzuzünden und das Nudelwasser ein paar Minuten beim Kochen zu beobachten. 

Alltag….Mehr Beiträge zum Thema finden sich hier:
Ulli hat und wird sie auf ihrem Blog zusammen tragen. Herzlichen Dank dafür.

Schnee

Den ersten Schnee des Jahres gibt es nur einmal und jedes Mal ist es etwas ganz besonderes. Wunderschön ist es, wenn man morgens aufwacht und ihn riecht noch bevor man die Augen öffnet und sieht, was man ahnt. Alles weiß. Dann fühlt es sich so an.. Anders, aber genauso schön ist es, wenn man spät abends vor die Türe tritt und mitten im Gespräch plötzlich merkt, dass es kein feiner Nieselregen ist, der die Nasenspitze kitzelt, sondern erste feine Schneeflocken. Dann muss man unbedingt stehen bleiben, den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Mindestens drei Atemzüge lang sollte man so stehen bleiben und es muss einem unbedingt egal sein, ob einen Menschen von hinten fast umrennen oder für bescheuert halten. Der erste Schnee in einem Jahr ist so schön und so wertvoll, dass einem alles egal sein sollte. Vielleicht nicht die Winterreifen, die man noch aufgezogen hat, aber sonst fast alles. Weiterlesen

Erinnert wider Willen

Sicher würde ich mich gerne an den 4. April vor einigen Jahren erinnern, vermutet Facebook und präsentiert mir ein Foto, unter dem mein Name verlinkt ist. An dieses besondere Ereignis, möchte ich mich doch sicher erinnern und es vielleicht mit meinen Freunden teilen, schlägt Facebook vor und weiß nicht, dass ich dieses Bild sicher nicht mit meinen Freunden teilen werde. Es weiß auch nicht, dass seine simple programmierte Software, mich tatsächlich an ein besonderes Ereignis erinnert hat und will nicht wissen, dass ich daran dennoch nicht erinnert werden möchte. Seit Jahren schon kratzt Facebook am Schorf des Zurückdenkens. Es weiß nicht, wie lange es gedauert hat, bis sich diese dünne Kruste gebildet hat und wie leicht sie durch ein dummes Foto wieder Risse bekommt. Es hat keine Ahnung, wie schwer man lernt, Erinnerungen zu steuern und wie vorsichtig man wird, wenn man ihnen noch misstrauisch begegnet und noch nicht gelehrt hat mit zurück gebliebenen Andenken umzugehen. Weiterlesen

Polyamo…was? II

Draußen schneit es und ein kalter Wind weht. Hier drinnen ist es warm und es gefällt mir, das muntere Treiben der Flocken zu beobachten während ich meine Hände einer großen Tasse Milchkaffee aufwärmen kann. Heute und hier braucht es etwas warmes, weil mich die Gespräche am Tisch kalt lassen. Es fällt mir schwer, die Begeisterung dieses Paares, das ich nicht kenne, zu teilen und schon jetzt nach nur einer halben Stunde, wäre ich lieber zu Hause geblieben. Drinnen bei mir, auf dem Sofa, eine Tasse Milchkaffee in der Hand und das Treiben der Schneeflocken beobachtend. Ich mag es, dass man in dem Dorf München, beim Frühstücken überdurchschnittlich oft Bekannte und Freunde trifft, weil wir doch immer die gleichen Orte aufsuchen. Es ist schön, sich mit Menschen zu unterhalten von denen man zuvor noch nichts wusste und die man jetzt nur kennen lernt, weil sie die Begleitung von jemanden sind, den man kennt. Es birgt das Risiko, sein Frühstück mit Menschen einzunehmen, die man nicht versteht und nach dem letzten Bissen seines Müslis auch gar nicht unbedingt verstehen möchte. Sitzt man erst einmal gemeinsam am Tisch, ist es schwierig diesen wieder zu verlassen ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Weiterlesen

Du Depp, Sie Depp, die Deppen

Herr Mu und ich sind jetzt per Du. In Bayern geht das manchmal ganz schnell und ohne, dass es einer dem anderen anbietet. Auf dem Berg zum Beispiel. Oder beim zufälligen Feststellen gleicher Interessen oder spontaner Sympathie. Noch häufiger auch bei ausgeprägter Antipathie. So ist eine Betitelung von „Sie Rindvieh“ selten und das „ess (3. Person Plural) Deppen“ weit geläufiger. Bei Herrn Mu und mir war es ähnlich.
Seit heute Nachmittag erleben wir hier in München einen, für die Jahreszeit nicht ungewöhnlichen Wintereinbruch mit dicken Flocken und einer auf den Gehwegen geschlossenen Schneedecke. Auf einer solchen rutschte eben Herr Mu aus. Ihm hat´s richtig die Füße weggezogen und ich hätte mir Sorgen gemacht, wenn sein Schimpfen nicht augenblicklich eingesetzt und reichlich derb erklungen hätte. Der Inhalt seiner Einkaufstaschen verteilte sich auf der weißen Pracht und ich dachte mir: „Du alter Depp!“ Ich dachte diese unfreundliche Formulierung, weil ich sah, dass er Birkenstock Schlappen trug und weil ich natürlich doch erschrocken bin und mir um den alten Herren Sorgen machte.

Erst als Herr Mu: „Du, gäh! Vorsicht! I gib da glei an oiden Deppen!“ rief, bemerkte ich, dass ich wohl laut gedacht hatte. Weil Herr Mu aber grinste, grinste ich auch und schimpfte ihn, seine Einkäufe einsammelnd, noch ein bisschen weiter aus, bevor ich ihm meinen Arm hinhielt und darauf bestand ihn nach Hause zu bringen. Mit den Schuhen im Schnee….recht intelligent sei das nicht, murmelte ich und schlenderte mit ihm gemeinsam zu seiner Wohnung. Dass Herr Mu, fast genau mir gegenüber wohnte, war mir neu und wir unterhielten uns so nett, dass ich nicht mehr auf den Schnee achtete und kurz vor seiner Haustür, fast der Länge nach hinfiel. Nur fast, denn Herr Mu, der sich bei mir untergehakt hatte, riss mich gerade noch nach oben. Jetzt war er mit dem Schimpfen an der Reihe. Er hätte nicht viel Ahnung von Schuhen, teilte er mir mit, aber dass das da an meinen Füßen nicht für Schnee geeignet war, würde auch er erkennen. „Aber sie g´falln da, oder?“ zog er mich feixend auf und bestand darauf, mich nun seinerseits, über die Straße bis zu meiner Wohnung zu begleiten, was ich rigoros ablehnte, indem ich mehrfach auf seine windigen Schlappen deutete.

Mein etwa achtzig Jähriger Nachbar, Herr Meier, kam vom Einkaufen und blieb neben uns stehen. Er sah uns kurz von oben bis unten an, blieb mit den Blick an unseren Schuhen hängen und murmelte: „Oana bläda wia da andere.“* Herr Meier geht die „Du“ oder „Sie“ Frage übrigens fast immer, indem er die Menschen einfach gar nicht direkt anspricht, sondern – direkt neben ihnen stehend – über sie spricht. Auch das ist in Bayern sehr beliebt.

*Einer dümmer als der andere