Tschuko

Ich liege unter dem Tisch. Nicht die ganze Zeit. Aber ab und zu. Denn das ist Tschukos aktueller Lieblingsplatz. Auf meinem Laminat rutschen ihm die Pfoten weg und dort ist einer der wenigen Plätze mit einem Teppich. Warm muss er es nicht haben. Als Husky ist er mir dankbar, dass ich die Heizung nicht ganz aufdrehe. Weil ich aber nicht frieren will, lege ich mich unter den Tisch, zu Tschuko. Er legt sich dicht vor mich, während ich lese und ich bin ganz froh, alleine zu wohnen. In meinem Alter ist es komisch, sich zum Lesen unter den Tisch zu legen. Tschuko und ich finden das völlig normal. Ab und zu leckt er mir über das Gesicht, wenn ich mich nicht schnell genug wegdrehe. Er weiß, dass ich das nicht mag und grinst mich dann an. Doch! Hunde können grinsen.

Nachts liegen wir nicht unter dem Tisch. Da gehe ich dann doch lieber in mein Bett und er liegt davor. Es wäre äußerst gemütlich, wenn er ebenfalls in meinem Bett liegen würde, aber ein Hund bleibt ein Hund und für mich gehören sie nicht ins Bett. Punkt. Aber davor. Die tiefen Atemzüge eines großen Hundes sind nämlich äußerst meditativ und mit einer solchen Fellkugel vor dem Bett, weiß man, dass einem nichts passieren kann. Weder Chucky die Mörderpuppe, noch die irren Nachbarn oder ein Großbrand können einen im Schlaf überraschen. Ob es stimmt? Unwichtig, wenn man mit der Gewissheit einschläft.

Es arbeitet sich auch viel schöner mit Tschuko im Schlepptau. Im Büro liegt er unter dem Tisch und seine Anwesenheit ist fast nicht spürbar. Aber in der Pause, da muss er raus und ich nutze die Gelegenheit eine Stunde durch den winterlichen Wald zu laufen. Eigentlich sind es zwei Stunden und damit 1,5 Stunden mehr als üblich. Meine Kollegen sagen nichts. So ein Hund braucht Auslauf, das verstehen sie. Auch, dass ich so verdreckt zurück komme, dass ich mich von Abteilungsfremden Menschen fernhalte. Mit den derben Stiefeln und der Schlammbespritzten Jeans lässt man mich besser nicht mal zum Empfang um ein Einschreiben abzuholen. Auch den Kaffee bringt man mir aus der Kantine mit. Ich finde es ganz herrlich ein Pflege-Frauchen zu sein.

Überhaupt ist das Leben schöner mit Hund. Ich stehe auch am Wochenende gerne früh auf und mag es meinen Kaffee im Thermobecher im Park in der Nachbarschaft zu trinken, während der Hund mich Gassi führt. Obwohl Tschuko schon ein älteres Semester ist, trabt er recht flott vor mir her und bring meinen Kreislauf in Schwung. Zieht mich ins Unterholz und weil ich da noch nie war, lasse ich mich überraschen, was wir dort finden. Am Samstag einen Obdachlosen mit heruntergelassenen Hosen, der sein morgendliches Geschäft verrichtete. Wir sind beide erschrocken und nach einem kurzen Guten Morgen konnte ich den Hund überzeugen, dass es der falsche Moment für eine Schmuseeinheit mit Wegbekanntschaften war.

Wir haben uns schnell aneinander gewöhnt. Ich mich an sein Schnarchen – bei Hunden mag ich das, was ich bei Männern schrecklich finde. Und er sich an mein beständiges Gebrabbel, mit dem ich Hunde und kleine Kinder großzügig versorge. Tschuko schläfert es wohl ein. Er wacht erst auf, wenn ich verstumme und auf dem Sofa eingeschlafen bin. Dann kommt er ab und zu unter dem Tisch hervor um zu sehen ob ich noch da bin. Mit ihm habe ich auch die Lifte zu den U-Bahnsteigen das erste Mal in meinem Leben ausprobiert. Ich mag keine Aufzüge, aber weil der Hund Treppen nicht schätzt und eine Rolltreppe mit diesen Fellpfoten nicht geht, lasse ich mich von ihm überzeugen, dass diese Todesmaschinen eigentlich nicht so schlimm sind.

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U-Bahnen mögen wir beide. Dank ihm haben wir auch richtig viel Platz. Während Mütter und Kinder von Mitreisenden blöd angeredet werden, wenn sie zu viel Platz verbrauchen, darf sich ein Husky mitten im Weg auf den Boden fallen lassen. Die Menschen scheinen gerne über die Fellkugel zu steigen und fast jeder lächelt den Hund an. Das freut mich, aber ich denke mir leise, dass es auch nicht schaden würde, wenn sie auch so ab und zu lächeln würden. Die Menschen. Die Alten mögen den Hund besonders. Und da wo ich mir sonst Geschichten ausdenke, bekomme ich sie in diesen Tagen erzählt. Vom ersten Hund den einer mal hatte. Und vom letzten Hund, den eine noch immer vermisst. Tschuko hört ihnen noch viel geduldiger als ich zu. Wahrscheinlich, weil er während der Erzählung hinter dem Ohr gekrault wird.

Bis ich ins Tierheim gehen kann, am ersten Tag meiner Rente, muss ich mich mit wertvollen Pflegehund-Wochenenden begnügen. Noch über ein Vierteljahrhundert. Sie verstehen, dass ich ihre Blogbeiträge zwar unter dem Tisch gelesen habe, aber nicht antworten konnte. Ich brauchte die Hand zum Kraulen.

Es grüßt Sie Ihr sehr, sehr glückliche und zufriedene Mitzi, die hoch entzückt ist, dass Tschukos Heulen tatsächlich ein wenig nach Wolf klingt. Frau Obst wedelt übrigens mit der Hausordnung und erliegt Tschukos Charme nicht mal in Ansatz. Wir haben sie nur angeknurrt. Also ich…der Hund hat nur gegrinst.

31 Gedanken zu “Tschuko

  1. Liebe Mitzi!

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Ein Leben mit Hund ist einfach wunderbar. Und man macht Dinge, die einem alleine nicht so viel Freude bereiten würden.
    Es stört mich überhaupt nicht, wenn Sie bei mir nicht mehr kommentieren und dafür dem lieben Tschuko einen Extra-Krauler von mir verpassen. Solch liebenswerte Gefährten darf man nicht zu kurz kommen lassen.
    Genießen Sie die Zweisamkeit mit Hund 🙂

    Herzliche Grüße und einen Nasenstupser an Tschuko
    Mallybeau

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  2. Liebe Mitzi, ich bin auch verliebt in Hunde, aber ganz besonders in einen, nämlich in Lenny. Er ist der Hund meines Sohnes und wir beide lieben uns innig. Er mich wahrscheinlich mehr wegen der garantierten Wienerwurst, die es immer bei mir gibt, ich ihn wegen seiner Zutraulichkeit, obwohl er auch anders kann.- Tschuko ist ein bildhübscher Kerl.
    Ich gucke gleich mal nach einem Foto. Lenny ist aus dem Tierheim geholt worden, als er 2 Jahre jung war, jetzt ist er schon 8 Jahre.
    Dieses Foto finde ich unheimlich witzig.

    Auch hier hat sich Lenny nicht aus der Ruhe bringen lassen, aufgeregt waren lediglich die „Oma“ und der „Papa“.

    Und tschüss!

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Clara, das Foto von Lenny sehe ich nicht. Aber auch ungesehen, glaube ich sofort, dass zwischen euch eine innige Zuneigung besteht – nicht nur wegen der Wiener ;).
      Ich finde es immer schön, wenn Hunde aus dem Tierheim kommen. Klar, da besteht ein Risiko weil man nicht weiß woher sie kommen und was sie erlebt haben. Dennoch….es gibt so viele, die da hocken und warten.

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  3. Hunde, so las ich gestern, sind einfach konstruierte Geschöpfe, ständig hungrige Mägen auf vier Pfoten. Bestechlich. Manchmal auf unerklärliche Weise störrisch. Aber dann gucken sie einen so an, dass man weiß, sie verstehen jedes Wort. Oder sogar noch mehr.

    Gefällt 3 Personen

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