S´Wuggerl

„Schau, des Wuggerl do“, hat mich mein Nachbar Herr Meier eben auf dem Heimweg aufgehalten und mit einer Kopfbewegung auf ein kleines Kind gedeutet. Schaut lieb aus, sage ich und werfe einen Blick über meine Schulter zu dem Wuggerl, dem kleinen Mädchen, das mitten auf dem Gehweg sitzt und in seinem rosa Schneeanzug und der Bommelmütze fast verschwindet. Ich nicke Herrn Meier, der neben Herrn Mu an der Bushaltestelle in der Sonne sitzt zu und wende mich ab um nach Hause zu gehen. Herr Meier hält mich zurück. Ich soll nicht nur blöd schauen, sondern mich um das Kind kümmern, blufft er mich an und Herr Mu nickt. Ja, das wäre angebracht. Ich sei schon die fünfte die an dem Mädchen einfach vorbei geht und es ignoriert.  Heute Nachmittag habe ich frei und viel zu erledigen. Im Gegensatz zu meinen Nachbarn sind Nachmittag ohne Büro für mich ein Luxus, der genutzt werden möchte. Ich frage die alten Herren, warum sie selbst denn nur blöd schauen würden, aber in der Sonne hocken blieben. Der alte Meier holt Luft, aber Herr Mu kommt ihm zu vor. Mit einer Strenge, die ich an ihm noch nicht gekannt habe, schickt auch er mich zu dem Kind. Genervt mache ich kehrt und gehe die zwanzig Meter bis zum rosa Wuggerl zurück. Frage das kleine Kind, was man so fragt. Wo denn die Mama sei und warum es ganz alleine hier sitzen würde. Der Boden sei, trotz der Sonne, zu kalt. Es sagt nichts, schaut mich nur an, steht auf und gibt mir die Hand um die ich nicht gebeten habe. Jetzt stehe ich hier mit einem fremden Kind an der Hand und schaue wirklich blöd. Von einer Mutter ist nichts zu sehen. Der Hauseingang leer, die parkenden Autos auch und weit und breit niemand zu sehen, der das stumme Ding vermisst. Vermissen muss es jemand. Auch wenn ich schlecht im schätzen bin, das Kind ist höchstens drei. Zu klein um alleine auf der Straße zu spielen. Ich frage es nach seinem Namen, bekomme keine Antwort, aber die kleine Hand hält fest die meine. Das Wuggerl und ich stehen einige Minuten verloren auf dem Gehweg und gehen dann zur Bushaltestelle, von der man die Straße im Blick hat, wenn Mama oder Papa doch noch kommen.

Die Mutter sei sicher im Rewe, vermutet Herr Meier und Herr Mu schüttelt den Kopf. Dann hätte man das Kind doch vor dem Supermarkt zu warten geheißen und nicht auf der anderen Straßenseite. Nein, die Mutter würde ganz sicher einen Parkplatzsuchen, meint er und Meier macht ein unwilliges Geräusch. Dann würde man sein kleines Kind doch im Auto lassen und nicht aussetzen. Nein, die Mutter sei eines der gedankenlosen Dinger, die weiß Gott was erledigt und gar nicht merkt, dass die Kleine schon weggelaufen ist. Womöglich eine Ausländerin, mischt sich ein mir fremder, ebenfalls schon älterer Herr, ein. Schmarrn, attestieren Herr Meier und Herr Mu gleichzeitig. Aus- oder Inländer sei nicht die Frage. Die Frage ist, wie dumm das Elternteil sein kann, wenn es ein so kleines Wuggerl einfach sitzen lässt. Mit dem Mädchen an der Hand versuche ich die schimpfende Renteransammlung zu unterbrechen, um zu erfahren, seit wann genau die Kleine denn nun eigentlich auf dem Gehsteig gesessen ist. Die Angaben schwanken zwischen fünf Minuten und einer Viertelstunde. Jedenfalls war sie schon da, als man vorhin, vor kurzem, gerade, gekommen ist. Sie, die Kleine würde jetzt bei Mu und Meier bleiben müssen, sie würden ja sehen, wenn die Mutter kommt und ich würde erst in den Supermarkt gehen, dann alle Klingeln am Hauseingang drücken und dann, wenn noch immer niemand den rosa Zwerg suchen würde, die Polizei anrufen. Beide schütteln den Kopf. Nein, ein kleines Mädchen könne man nicht bei ihnen lassen. Ausgeschlossen. Was, wenn´s zum weinen anfängt.

Das erste Mal in diesem Jahr bin ich froh, Frau Obst zu sehen. Auch sie ist auf dem Weg zum Einkaufen und ich reiche ihr die Hand des Mädchens, bevor ich nach einer kurzen Erklärung in den Supermarkt laufe. Die Mutter finde ich nicht. Die steht, als ich zurück zu Bushaltestelle gehe, vor meinen alten Nachbarn und brüllt sie wütend an. Was ihnen, den alten Idioten einfallen würde, das Kind über die Straße zur Bushaltestelle zu schleppen, will sie wissen. Sie hätte ihre Tochter sehr wohl im Auge gehabt. Wenn die so ein Theater mache und nach dem Spielplatz nicht reingehen wolle, dann müsse sie halt mal vor der Türe hocken bleiben. Alles hätte sie durch das Fenster gesehen und alles war in Ordnung bis ich ihr Kind zu den alten Deppen geschleppt habe.

Wenn ich wirklich wütend bin, so wütend dass mir die Luft weg bleibt, dann werde ich extrem ruhig. So ruhig, dass ich die Mutter in einem durchaus gemäßigtem Tonfall frage, ob sie ihr Hirn bei der Entbindung im Kreißsaal vergessen hat. Nein….Sie ahnen es…ich werde so ruhig, dass ich gar nichts mehr sagen kann. In diesem Fall war es egal. Das zweite Mal in diesem Jahr war ich froh, dass Frau Obst neben mir stand. Sie sagte all das was ich mir dachte und sie sagte es nicht ruhig. Sie stellte sich vor Herrn Mu und Herrn Meier und fragte die Mutter ob die noch ganz sauber sei. Das Kind lächelt Herrn Meier an und der lächelt zurück. Das Schimpfen der Frauen hören beide nicht. So ist es häufig. Die Alten und die ganz Jungen, verstehen sich ohne Worte.  Sie werden sich noch oft sehen, wenn die Kleine älter ist. Ich bin nach Hause gegangen und habe mich erst an der Kreuzung noch mal umgedreht. Das Wuggerl hat gewunken.

21 Gedanken zu “S´Wuggerl

  1. Dass einem Hunde zulaufen, hat man ja schon gehört. Doch bei Kindern ist es meist umgekehrt – die werden eher entführt als dass man sie so auf der Straße findet. – Vielleicht wäre es dem Wuggerl bei dieser Mutter besser gegangen, wenn es von einer kinderlieben Person entführt worden wäre. (Ich nun wieder mit leichter krimineller Ader)

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    1. Da wär ich mir nicht so sicher. Wenn meine Blagen mich genug geärgert hatten, konnte ich auch ganz schön tückisch werden, und ich glaube es der Mutter unbesehen, dass sie den keinen Trotzkopf die ganze Zeit im Auge hatte. Und … meistens, das muss ich ja zugeben, habe ich mich bei meinen eigene Trotzkopfaktionen hinterher auch nicht so gut gefühlt.
      S’Wuggerl hat’s doch genossen, oder etwa nicht?

      😀

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      1. Ich möchte der Mama gar nichts unterstellen. Als Tante kenn ich die Moment, wenn ein Zwerg so trotzig ist, dass man ihn im Supermarkt halt einfach auch mal auf dem Boden brüllen lässt, weil alles andere eh keinen Sinn mehr macht. Dann regen mich die Blicke und Ratschläge anderer auf.
        Aber hier, waren zwei Straßen. Und sie hätte mich sehen müssen. Ich fand es wirklich grenzwertig und hätte wohl trotzdem nichts gesagt. Dann aber Leute anmotzen, die sich Sorgen machen….das war daneben. Wahrscheinlich war die Mutter mit den Nerven am Ende. Verständlich. Trotzdem hoffe ich, dass in meiner Nachbarschaft die Leute nicht (wie zuerst ich) an kleinen Kindern einfach vorbei rennen.
        Das Wuggerl war ok. Das hat sich von allen wohl am wenigsten Gedanken gemacht 🙂

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    2. Ich versteh deinen Gedankengang.
      Weil die Mutter aber gar so ausflippte, will ich glauben, dass sie selbst sehr erschrocken ist und ihr in dem Moment vielleicht nur alles über den Kopf gewachsen ist. (Ich, mit meiner harmonischen Ader ;)…wir ergänzen uns gut)

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      1. Es gibt ja Zeiten im Jahr, wo ich dem Anfangsbuchstaben meines Familiennamens H… auch mit einem gewissen Harmoniebedürfnis begegne – aber meist denke ich eben leider doch, dass Missverständnisse nicht unter den Teppich gekehrt werden dürfen, sondern angesprochen werden müssen.
        Gute Ncht!

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  2. Hab mich mal wieder schlau machen müssen, liebe Mitzi. „Wuggerl“ sind einmal Lockenwickler und in Österreich „Schweinderl.“ Welche Nebenbedeutung hatten die Herren Mu und Meier wohl im Sinn? Wie hast du das verstanden? Darüberhinaus ist es irgendwie rührend, dass das Kind gleich deine Hand ergreift. Es spricht für dich.

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    1. Wuggerl, lieber Jules, ist vielleicht gar kein Wort. Ich wüsste keine Übersetzung und Lockenwickler hätte ich Wiggerl genannt. Ich glaube es ist eine Koseform, die vielleicht der gerade Sprechende formt und die man in Bayern oder Österreich versteht, wenn er dabei auf ein Kind deutet. Losgelöst von einem Zusammenhang, würde der Münchner es wahrscheinlich auch nicht zuordnen können.
      Ich fand die Geste auch sehr rührend. Kinder und Tiere schaffen es leicht, sich in eine Herz zu schleichen. Gut so.

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  3. Liebe Mitzi,
    ich finde, Sie haben großartig reagiert. Der ausgerasteten Mutter nicht zu sagen, wo sie ihr Hirn vergessen hat, finde ich auch nicht schlimm. Wenn sie es selbst sucht und wiederfindet, hilft ihr das viel mehr! 😉
    Gruß Heinrich

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