Schüssel zum Glück

Die Sonne schafft es nicht mehr über die Baumspitzen und die kleine Lichtung mitten im Wald bleibt im Schatten. Nur kurz nach Sonnenaufgang zeigten sich die Buchen, die Ahornbäume, die Büsche und die Fichten im herbstlichen Glanz. Nur der obere Raum unserer kleinen Hütte wird von den Sonnenstrahlen dieses schönen Herbsttages noch gewärmt und in helles Licht getaucht. Die breiten Betten dort oben sind am bequemsten, wenn es taghell ist und die Strahlen der Sonne sanft die Nasenspitze kitzeln. Früher wusste ich nicht warum es genau dann, tagsüber, wenn man gar nicht müde ist, dort oben so herrlich ist. Heute weiß ich es. Es liegt daran, dass man mitten am Tag die Muse und die Zeit hat, sich einfach auf oder in ein Bett zu legen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Natürlich kann man ein Buch lesen, aber fast immer lenken einen die vielen Geräusche ab und man legt die Geschichte der fremden Menschen zur Seite und wendet sich den eigenen Gedanken zu. Gedanken die einem sonst gar nicht kommen. Es mag an der Stille und ihren sanften Geräuschen liegen. Wind in den Baumwipfeln oder – wie an diesem Wochenende – das Fallen eines einzelnen Blattes. Wie laut ein einzelnes fallendes Blatt doch ist wenn es sich den Weg noch viele andere Bahnen muss, hört man nur hier oben. Weiterlesen

Ich bin raus!

Dass Sie sich bei Fragen rund um den Schnee, seine Tücken, seine Schönheit und seine Eigenarten betreffend, vertrauensvoll an mich wenden können, wissen sowohl Sie, als treue Leser, als auch meine Bekannten, Freunde und Kollegen. Ich kenn mich aus. Ich kann Ihnen sagen ob Sie mit den Scheiten aus dem zugeschneiten Holzhaufen ein Feuer im Ofen im Gang bringen. Mir reicht ein Blick und ich weiß, ob das was wird oder nicht. Ich war so oft auf unserer eingeschneiten Hütte, dass ich sehr gut beurteilen kann ob ein Stück Holz direkt vor der Tür abgeklopft werden kann oder ob ich mich zwanzig Meter bis zum Schuppen durch Oberschenkelhohen Schnee wühlen muss, um welches zu holen. Wenn Sie 34 Mal gescheitert sind, dann bekommen Sie einen Blick dafür ob etwas angeschneit oder klatschnass ist. Ich kann Ihnen auch mit einem Blick aus dem Fenster sagen ob ein Spaziergang im verschneiten Wald schön ist oder ob das aufgrund des schweren Schnees eine saublöde Idee ist. Wenn Sie wie ich Ihrem Vater jahrelang nicht geglaubt haben und dann mal fast von einem den Schneemassen nicht standhaltenden Ast erschlagen wurden, dann schauen Sie da genauer und – wie mein Vater sagen würde – mit Hirn. Und, um meinem Lehrauftrag gerecht zu werden – nein, einem fallenden Ast können Sie nicht ausweichen. Besonders nicht in den Bergen. Da springen Sie beim Wegspringen, nämlich womöglich vom Weg und gleicht direkt ins Tal. Sie können mich auch fragen ob es ein schöner Skitag wird oder ob das ganze eine elende und eisige Plackerei wird. Ich hab mich so oft auf Eisplatten lang gelegt, bin mehr als einmal im Schneetreiben von der Piste abgekommen und hab schweren, nassen Schnee lange Jahre beim frühmorgendlichen Betrachten der Bilder einer Webcam für Pulverschnee gehalten. Mittlerweile rieche ich es. Ich rieche gute Schneetage und schmecke die schlechten.  Weiterlesen

Tschuko

Ich liege unter dem Tisch. Nicht die ganze Zeit. Aber ab und zu. Denn das ist Tschukos aktueller Lieblingsplatz. Auf meinem Laminat rutschen ihm die Pfoten weg und dort ist einer der wenigen Plätze mit einem Teppich. Warm muss er es nicht haben. Als Husky ist er mir dankbar, dass ich die Heizung nicht ganz aufdrehe. Weil ich aber nicht frieren will, lege ich mich unter den Tisch, zu Tschuko. Er legt sich dicht vor mich, während ich lese und ich bin ganz froh, alleine zu wohnen. In meinem Alter ist es komisch, sich zum Lesen unter den Tisch zu legen. Tschuko und ich finden das völlig normal. Ab und zu leckt er mir über das Gesicht, wenn ich mich nicht schnell genug wegdrehe. Er weiß, dass ich das nicht mag und grinst mich dann an. Doch! Hunde können grinsen.

Nachts liegen wir nicht unter dem Tisch. Da gehe ich dann doch lieber in mein Bett und er liegt davor. Es wäre äußerst gemütlich, wenn er ebenfalls in meinem Bett liegen würde, aber ein Hund bleibt ein Hund und für mich gehören sie nicht ins Bett. Punkt. Aber davor. Die tiefen Atemzüge eines großen Hundes sind nämlich äußerst meditativ und mit einer solchen Fellkugel vor dem Bett, weiß man, dass einem nichts passieren kann. Weder Chucky die Mörderpuppe, noch die irren Nachbarn oder ein Großbrand können einen im Schlaf überraschen. Ob es stimmt? Unwichtig, wenn man mit der Gewissheit einschläft. Weiterlesen

Drei mal stark

Wer sich eine mit Ziegenfrischkäse gefüllte und mit Thymian gewürzte Dattel in den Mund schieben lässt und nur mit den Schultern zuckt, hat den feinen Geschmack nicht verdient. Die Datteln kommen aus Israel, sagte ich und nahm dir den Teller weg. Einen so weiten Weg legt man nicht zurück, um banalen Hunger zu stillen. Das hatten sie nicht verdient. Du würdest vor Hunger sterben, meintest du und ich überlegte ob der weite Weg durch einen Einsatz als Lebensretter gerechtfertigt werden würde. Ich lies es durchgehen und gab den Teller wieder frei. Weiterlesen

Ein Stück Unendlichkeit

Ich liege auf der Holzbank vor der Hütte und schaue in den Sternenhimmel. Hier oben ist es dunkler als in der Stadt. Nicht nur, dass man mehr Sterne sieht, sie funkeln auch um einiges heller und scheinen näher zu sein. Mit jeder Minute, die man in die Dunkelheit starrt werden es mehr. Den großen Wagen kenne ich. Auch den Jupiter finde ich schnell und Orion würde ich an seinem Gürtel erkennen, wenn er zu sehen wäre. In dieser Nacht zeigt er sich nicht. Der Sternenhimmel auf meiner Lichtung ist von den Wipfeln der Fichten, Eichen und Buchen begrenzt. Obwohl ich irgendwann nachts in einer Wüste in den Sternenhimmel blicken möchte, bin ich froh, hier nur einen Teil der Unendlichkeit über mir zu haben. Bei zu großer Weite verliere ich mich. Ein Stück Unendlichkeit dagegen, ist genau richtig.
Als alle eingeschlafen waren, bin ich noch einmal aufgestanden und nach draußen gegangen. Barfuß – das ist wichtig, weil ich das warme Holz der Bank unter mir spüren möchte, wenn über mir ein Stück Unendlichkeit schimmert. Ich bin nicht alleine, dass ist man hier nie. Eine Siebenschläfer Familie läuft über die Stromleitung, Glühwürmchen imitieren vom Himmel gefallene Sterne und überall im Wald raschelt es. Ich bin ein Angsthase, aber hier in der Dunkelheit fühle ich mich geborgen. Solange noch irgendjemand im Haus schläft, bin ich gerne alleine draußen. Seltsam, dass ich gerade die Unendlichkeit nicht teilen möchte. Sie würde für alle reichen.

„Seit Beginn der Urgeschichte sind rund hundert Milliarden menschliche Wesen auf Erden gewandelt. Eine sonderbare Zahl, denn durch einen merkwürdigen Zufall gibt es etwa hundert Milliarden Sterne in unserem begrenzten Universum der Milchstraße. Also scheint für jeden Menschen, der je gelebt hat, in unserm Teil des Alls ein Stern.“ So schreibt Clarke im Vorwort seines Buches Odyssee 2001. Ein schöner Gedanke. Könnte ich mir einen Stern aussuchen, dann würde ich Beteigeuze, die Schulter Orions, nehmen. Vor einigen Jahren erzählte ich es einem und er lachte, weil er wusste, dass ich einen Stern wählen würde, der gut zu erkennen und einfach wieder zu finden sei. Für ihn hatte ich Riegel, den Fuß Orions, gewählt. Er bat mich zu tauschen, da seine Schultern breiter als die meinen seien, aber ich war stur. Auch seine Füße waren größer als die meinen und Standfestigkeit erschien mir wichtiger, da wir uns eh Schulter an Schulter befanden, wenn ich mich zwei Stufen über ihn stellte. Damals nickte er und jetzt wo er nicht mehr da ist, sind es Beteigeuze und Riegel für die nächsten 13.000 Jahre noch immer. Danach ist Orion von Mitteleuropa aus nicht mehr zu sehen. Vermutlich denkt dann aber auch niemand mehr an uns. Vielleicht suchen wir uns dann einen anderen Stern oder ich weiß, welchen Stern er sich selbst gewählt hätte. Clark schreibt weiter, dass jeder dieser Sterne in unserer Milchstraße eine Sonne ist. „Oft eine hellere und herrlichere als der unsere kleine Sonne. Und viele – möglicherweise die meisten – dieser entfernten Sonnen besitzen Planeten, die sie umkreisen. Fraglos gibt es daher genügend Land im All, um jeden Typ menschlicher Spezies, vom ersten Affenmenschen bis zu uns, seinen eigenen privaten Himmel – oder seine eigene private Hölle finden zu lassen.“ Für eine Nacht waren wir Beteigeuze und Riegel – sie waren ja genau über uns. In allen anderen Nächten, befanden wir uns in einem anderen Teil des Universums. Irgendwo da oben gibt es zwei Sterne, die sich ganz nahe sind aber doch sehr unterschiedlich. Ich glaube sie sind weit weg von der Erde, denn die mochte er noch nie und ich bin in etwa 40 Jahren flexibel genug mir einen anderen Teil der Milchstraße anzusehen.

Um ehrlich zu sein, hatte ich Beteigeuze eh geklaut. Den hat vor Jahren schon der klügste meiner Freunde besetzt und das lange bevor ich per Anhalter durch die Galaxis gelesen habe. Zwei Tage später liege ich wieder auf der Bank vor der Hütte und schaue in die Sterne. Es ist bequemer, weil ich mich an den Klügsten meiner Freunde lehne. Heute ist es gut, dass es nicht still ist. Ich weiß, dass ein Stichwort reicht und er mir von faszinierenden Dingen erzählt. Von Laserbetriebenen Sonnensegeln, den Grenzen der Zeit oder den alten Sagen über Orion. Meine Freund plappern durcheinander und ich höre ihnen gerne zu. Hier unter dem kleinen Stück Unendlichkeit habe ich alles. Die Erinnerungen an all die Tage und Nächte, die ich hier oben verbracht habe. Jeder Holzbalken riecht nach Freundschaft und Familie, mit jedem Glas im Regal wurde schon auf etwas angestoßen und auf den Betten und Bänken wurde sich wichtiges und unwichtiges erzählt. In diesen Tagen ist Neues dazu gekommen und das Lachen wird sich in den Bodenbrettern festsetzen und die Treppenstufen werden sich jeden einzelnen Fußabdruck merken. Hier oben unter dem kleinen Stück Unendlichkeit ist auch viel Platz für die nächsten Jahre. Der eine oder andere Baum im Wald fällt einem Sturm zum Opfer, aber die Bäume auf dieser Lichtung sind wie die Menschen um mich herum. Die meisten bleiben ein Leben lang und nur wenige knicken um. Und selbst von diesen bleibt etwas zurück. Ihr Lachen im Holzboden, ihre Stimme unter dem Dach und die schlechten Träume in den Kissen. Wenn Orion in 13.000 Jahren auf der Lichtung nicht mehr zu sehen ist, wird meine Hütte nicht mehr stehen. Das muss sie auch nicht. Falls dann noch jemand an dieser Stelle steht, ahnt er auch so, dass es ein besonderer Ort ist.

Der Hirschkopf bleibt!

Den Streit eines Paares mitzuerleben berührt mich unangenehm. Es widerstrebt mir zu sehen, wie dünn die Schicht an Liebe ist, die über den harten Bodensatz von Egoismus, Sturheit und Gleichgültigkeit gestreut wurde. Wenn die Diskussion der Farbe von Sofakissen zu verbalen Totalausfällen führt, dann sollten Paare zum Therapeuten. Der Streit, der mich unangenehm berührte, amüsierte dich. Warum eine Therapie, meintest du. Ein kurzer Ikea Besuch am Samstag Nachmittag würde ihnen doch sehr deutlich machen, dass ihre Beziehung Mist ist. Weiterlesen

Furchtlos, wachsam und etwas verschroben

Wenn man mich fragt ob ich ein ängstlicher Mensch bin, schüttele ich vehement den Kopf. Mich kann man getrost im Wald aussetzen. Ich komme schon wieder zurück. Man könnte mich auch nachts über einen Friedhof laufen lassen. Dort  fühle ich mich sicherer als an einer ausgestorbenen, dunklen Bushaltestelle. In beiden Fällen gehe ich ganz rational und logisch an die Sache ran. Welcher potentielle Massenmörder ist denn so blöd und hockt sich auf einen Friedhof oder mitten in den Wald um auf ein Opfer zu warten? Womöglich kommt da monate- oder gar jahrelang nächtens niemand vorbei. Das Risiko in Aktenzeichen XY eine unfreiwillige Rolle zu bekommen, erscheint mir recht gering. Weiterlesen

Heute nur noch Birken

Die Stille hat mich angeschrien. Ich weiß nicht ob es ich war, die diesen Satz irgendwann gedacht habe, oder ob ich ihn gelesen und mir heimlich zu eigen machte. Es ist nicht wichtig. Dass Stille sehr laut werden kann, ist eine Erfahrung, die nicht nur einer Person gehört. Besonders laut war es an einem Nachmittag im März vor zwei Jahren, als ich fröstelnd in einem Birkenwäldchen stand und auf den breiten Rücken meines Vaters blickte.  Weiterlesen

Ein Schrank in einer Hütte im Wald

Mein Großvater sagte einmal, dass die meisten Menschen zu dumm seien um sich vor den richtigen Dingen zu fürchten. Ihre Furcht sei zu oft unbegründet und fremdgesteuert. Trauen könne man nur der Angst die urplötzlich im Magen zu pochen beginnt und an unsere Instinkte appelliert. Er war kein belesener Mann, mein Großvater. Ihm fehlte die Zeit für Bücher. 1914 geboren gab es in seinem Leben keinen Raum dafür. Weiterlesen

Eine Hütte im Wald

Wenn ich die Herbstsonne vor meinem Fenster auch um neun Uhr noch aussperre und ein Tag auf dem Sofa eine wenig verlockende Vorstellung ist, dann bin ich krank. Dann mag ich keine Bücher, keinen Radio und keine Ablenkung. Dann will ich nur schlafen. Kann ich es nicht, rolle ich mich wie ein kleines trotziges Kind ein und warte schmollend bis es besser wird. Am besten lässt man mich dann in Ruhe. Krank und nicht zu gleich ungeduldig und missmutig sein, kann ich nur an einem Ort. Einer kleinen Hütte in den Bergen. Weiterlesen