Drei mal stark

Wer sich eine mit Ziegenfrischkäse gefüllte und mit Thymian gewürzte Dattel in den Mund schieben lässt und nur mit den Schultern zuckt, hat den feinen Geschmack nicht verdient. Die Datteln kommen aus Israel, sagte ich und nahm dir den Teller weg. Einen so weiten Weg legt man nicht zurück, um banalen Hunger zu stillen. Das hatten sie nicht verdient. Du würdest vor Hunger sterben, meintest du und ich überlegte ob der weite Weg durch einen Einsatz als Lebensretter gerechtfertigt werden würde. Ich lies es durchgehen und gab den Teller wieder frei. Für deinen Bruder, der den weiten Weg der Früchte durchaus zu schätzen wusste, gab es billigsten Scheiblettenkäse vom Discounter. Perlen vor die Säue, nannte der die Datteln und bestand darauf, dass ich für ihn mitessen müsse. Es mutet seltsam an, einen Kranken mit billigem Mist zu füttern und selbst zu schlemmen. Irgendwann beginnt man aber effizient zu denken. Die Datteln waren viel zu weit gereist um respektlos behandelt zu werden und binnen Minuten in der Toilette zu landen. Ich sehr gut darin für zwei zu essen und übernahm die Aufgabe mit Hingabe. An manchen Abenden musste ich für drei schlemmen. Obwohl nur einer krank war, schloss sich der Zweite aus Solidarität an. Das darf man nicht. Man kann und muss Mitgefühl haben, aber man darf nicht mitleiden. Sonst wird man selbst krank und bürdet dem, der es wirklich ist auch noch ein schlechtes Gewissen auf. Um dich davon abzuhalten, übernahm ich neben dem Essen auch das Lachen für dich. Wenn einer nur herzhaft genug lacht, fällt es kaum auf, dass der andere nur die Mundwinkel verzieht.

Wenn einer an manchen Tagen nicht mehr hochkommt, dann kann man die Welt für ihn in eine kleines Zimmer schleppen. Man kann sich im Gras wälzen und sich dann nach Sonnencreme riechend zu ihm auf das Bett werfen. Dann bittet man ihn die Augen zuzumachen, damit er den Hauch einer Vorstellung von Sommer hat. Es ist nur ein Hauch, aber ein Hauch ist besser als nichts. Man kann auch den, der liegt, zum Lächeln bringen, indem man ihn bittet nicht den Todkranken zu spielen, während man selbst sich mit Sonnenbrand und Mückenstichen herum plagen muss. Jemand der eine gebrochene Schulter hat, lacht darüber kaum. Einer der weiß, dass er den nächsten Sommer nicht erlebt, ist längst in einem Stadium so dunklen Humors angelangt, dass er die Sonnencreme Frau mit letzter Kraft aus dem Bett wirft und ihr ein herzliches „Verpiss dich“ mit auf den Weg gibt. Wenn das Ende näher rückt, wird es einfach. Man isst und trinkt für einen mit und schleppt ihm den Alltag in all seinen Facetten ans Bett. Geht für ihn ins Kino, liest das Buch, dass er lesen wollte selbst und erzählt ihm den Inhalt. Man lebt ein Stück weit für ihn mit. Das geht ganz gut. Ich kann optimistisch für zwei sein. Ich kann auch wütend genug für zwei sein. Auch Angst kann ich für zwei haben. Wenn es nötig ist, dann lebe ich für eine Weile auch für zwei. Nur all das für drei Menschen zu machen, dass schaffe ich nicht. Das sei ok, sagtest du. Auch, dass wir raus müssten und es wichtig sei deinen Bruder für einige Zeit alleine zu lassen. Auf das letzte Lachen in der Runde müsse man aufpassen, er hätte es fast übersehen.

Mit dem Wald im Rücken saßen wir auf einer Decke und blickten über die Lichtung auf der meine kleine Hütte stand. Wir würden, wenn alles vorbei war, die größere daneben kaufen und sie neu aufbauen, versprachst du mir. Ich wusste, dass es gelogen war und du, dass ich keine Wahrheiten mehr ertragen hätte. Dass du es konntest, bezweifelte ich dennoch nicht. Deine Hände hätten alles gekonnt. Das Zeichnen des Planes und das Zuschneiden des Holzes. Diese Hände und Arme konnten alles und an diesem Wochenende mussten sie es auch. Bis ich mich hinsetzte, wusste ich nicht wie müde ich war. Als ich saß, teilte ich dir nur noch mit, dass ich für 48 Stunden nicht mehr aufstehen würde. Dann sagte ich nichts mehr. Wir blieben lange sitzen und an diesem Nachmittag warst du es, der mit Geschichten erzählte und mich zum Lachen brachte. Am Abend musstest du für zwei essen, weil ich zu müde zum kauen war. Die steile Treppe hast du mich Huckepack nach oben getragen und selbst die Zahnpasta für mich ausgedrückt. Nur geschlafen hast du nicht für mich. Wenn ich nachts aufwachte, sah ich dich im dunklen lächeln. Wir blieben über eine Woche und ich sagte kaum ein Wort. Das Reden hast du für mich übernommen. Nicht nur das Reden, auch das Kochen, das Einkaufen und das Lachen. Auch den Optimismus und die Hoffnung hast du für uns beide empfunden, weil ich nur noch leer war. Nachts auch die Angst und die Traurigkeit, die mich verstummen ließen. Wir blieben acht Tage an denen ich nicht viel mehr tat, als in deinen Armen zu liegen und mich an deiner Schulter anzulehnen.

Als wir zurück kamen, ging es deinem Bruder besser. Nicht lange, aber für drei musste ich trotzdem nie wieder einspringen. Nur das Lachen, das hast du mir überlassen, weil ich es besser konnte. Bis zum Ende warst du es, der stark geblieben ist und in vielen Nächten für drei geredet hat. Gedacht, höre ich dich leise lachend flüstern, ich habe für drei gedacht. Du bist die, die redet, ich bin der, der denkt. Vielleicht hast du recht. Du wärst sicher der einzige Mensch gewesen, dem ich es erlaubt hätte für mich zu denken.

22 Gedanken zu “Drei mal stark

  1. Datteln sind was Feines. Allerdings denke ich nicht ganz so effizient. Wenn jemand ein Essen genießen kann, bekommt er nur das Beste und alles, was gewünscht wird. Gerade weil es ja gut tun soll. Manchmal nimmt man ja Durchfall und Krämpfe (oder Schlimmeres) in Kauf, nur um den Geschmack von Datteln mit Ziegenkäse schlemmen zu können…

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    1. Es war ein wenig unser running gag, dass es sich nicht lohnen würde. In Wahrheit war dieser olle Käse eines der wenigen Lebensmittel, die er gut vertragen hat. Für Gäste und Kranke koche ich auch gerne nachts um drei noch. Effizienz, ernst gemeinte, ist da fehl am Platz, da hast du recht.
      Du hast recht. Diese Essen, von denen man weiß, dass sie einem nicht gut tun, sind häufig die, auf die man gerade Lust hat.

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      1. In manchen Lebenslagen hilft nur noch Humor, und wenn er doch so leise ist 🙂 Dann tröstet er und macht wehmütig zugleich. Besser man genießt solche Momente bewusst mit leisem Humor und freut sich, dass man gerade jetzt mit lieben Menschen zusammen sein kann, anstatt solch wertvollen Momente mit Betroffenheit zu trüben.

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  2. Datteln sind was feines ob in Keksen, Haferschleim oder als Erinnerung… Du hast ein geniales Talent zu Schreiben 🙂 Ich würde gerne von dir lernen…

    und mein Beileid. Aber vielleicht schlemmt er nun mit Vergnügen, lachend Datteln? Für zwei? 😉

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    1. Danke für die lieben Worte. Du musst doch gar nichts lernen. Ich war gerade auf deiner Seite und finde du schreibst so, als würdest du etwas erzählen. Flüssig und locker, auch wenn das Thema gar nicht locker ist. Ich muss öfter mal vorbei schauen.
      Die Vorstellung vom Schlemmen mit Vergnügen, gefällt mir!

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  3. „… Wenn einer an manchen Tagen nicht mehr hochkommt, dann kann man die Welt für ihn in eine kleines Zimmer schleppen. Man kann sich im Gras wälzen und sich dann nach Sonnencreme riechend zu ihm auf das Bett werfen …“
    Liebe Mitzi, haufenweise schöne Bilder und eine zum greifen nahe Atmosphäre die mich komplett aufsaugt und mitnimmt. In der Tat, eine schöne Schwere.

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