Januarort

Am 6. Januar wäre meine Großmutter 107 Jahre alt geworden. Obwohl sie sich anstrengte und ich insgeheim der festen Überzeugung war, dass sie die 100 locker schaffen würde, kam es nicht dazu. Leider, denn ich vermisse sie noch heute und hätte ihr gerne das ein oder andere erzählt. Auch zugehört hätte ich ihr sehr gerne noch einige Jahre mehr. Am liebsten aber, würde ich noch einmal im Winter auf dem Kanapee ihres kleinen Zimmers sitzen und gar nichts machen – bei ihr war es leicht. Nichts zu machen, ist eigentlich nämlich gar nicht leicht. Ganz im Gegenteil, nichts zu machen erfordert ein angeborenes Talent, jahrelange Übung oder einen Ort, der es einem ermöglicht einfach nur zu sein.

Die Stube meiner Großmutter war ein solcher Ort. Klein und vollgestellt beinhaltete sie alles was man brauchte um sich an einem Januartag wohlzufühlen. Zunächst einmal einen großen, trägen Bernhardiner der mitten im Raum auf dem Boden liegt und über den man selbst und die Großmutter mit großer Gelassenheit steigen muss. Einen, den man zwingend hinter den Ohren kraulen muss, wenn er sich doch einmal bewegt und einem den Kopf in den Schoß legt. Einen Hund zu streicheln ist ein Reflex. Bei unserem Bernhardiner – dieser rießigen Rasse mit besonders großem Kopf – war es zudem eine Form der Anerkennung. Die Stube meiner Großmutter war nicht groß. Der Tisch stand so eng am Kanapee und so genau auf den Stuhl meiner Großmutter ausgerichtet, dass wir Kinder meist über die Seitenlehne kletterten, wenn wir uns dort hinsetzten. Ich erinnere mich gut daran, dass ich mich immer wieder wunderte, wie es das Tier schaffte sich zwischen dem Stuhl und den Beinen meiner Großmutter unter den Tisch zu schieben und diesen mit dem Rücken gerade so sanft anzuheben, dass die Tassen und Teller darauf nur leise klirrten. Völlig unverständlich ist mir, wie es seinen großen, massigen Kopf zwischen den schmalen Spalt von Kanapee und Tischplatte schieben konnte und dann auf meinem Schoß platzierte. Das kraulen eines Hundekopfes unterbricht das Nichtstun übrigens nicht. Es ist ein Reflex und unterliegt nicht dem eigenen Willen. Auch die Nahrungsaufnahme bei meiner Großmutter erforderte keinerlei Entscheidung. Man setzte sich, bekam etwas vor die Nase gestellt und wusste, dass es genau das war, worauf man gerade unbändigen Appetit hatte. Man saß am Tisch und konnte sich unterhalten. Oder – was häufig vorkam – man war einfach nur da und hörte gemeinsam Radio. Das mochte ich besonders gerne. Oft lag ich dabei neben dem Hund am Boden. Schnauze an Gesicht und Pfote in Hand. Das war so gemütlich, dass ich manchmal eindöste und der Kraulreflex meiner freien Hand nachließ. Dann schleckte mir eine große Zunge über das Gesicht oder eine Pfote stupste meine Wange an. Leider hatte unser Bernhardiner beim Pfotenstupsen nicht viel Feingefühl und ich mehr als einmal eine Schramme an Hals oder Gesicht.
Ebenso schön war es am Fenster zu sitzen. Die Stube meiner Großmutter war im Obergeschoss am Hauseck gelegen. Als ihr Sohn heiratete und sie den Hof übergab zog sie nach oben. Altenteil nennt man es, unglaublich gemütlich war es. Klein freilich, weil der Hof selbst nicht groß war. Wenn aber eine Stube drei Fenster hat, dann muss sie nicht groß sein. Eines – das bei der Heizung – zeigte zur Straße. Dort saß meine Großmutter wenn sie das Tageslicht zum Nähen oder Stricken ausnutzen wollte. Man sah wer zur Kirche ging, ob viel Verkehr war und überblickte einen Teil des Dorfes. Beim anderen Fenster sah man ob der Nachbar im Garten war und konnte im Blumenkasten davor an Geranien riechen oder Schnittlauch ernten. Das dritte Fenster befand sich über der Küchenzeile und erlaubte es meiner Großmutter den Hof selbst im Blick zu behalten. Inklusive uns Kinder, was nicht immer von Vorteil war. Im Winter aber kann ich mich nicht erinnern, dass sie oft hinaus gerufen hat. 

In München liegt Schnee und ich stampfe zwischen den dicken Flocken an einem meiner Lieblingsorte vorbei. Er hätte ihr gefallen. Ein bisschen Ruhe in der Stadt, die ihr immer fremd geblieben ist, weil sie ihr Geburtshaus nie verlassen hat. Besucht hätte sie mich trotzdem und doch war es schöner zu ihr zu fahren. Auf dem Kanapee mit einer Katze auf dem Schoß zu sitzen, auf dem Boden beim Hund zu liegen oder Radio hörend aus dem Fenster zu schauen. Den winzigen Christbaum bewundern oder sich fragen, was eigentlich im Schrank ganz hinten im Raum ist. Alles war dort drin und doch könnte ich heute nicht mehr sagen was genau. Vielleicht würde ich sie fragen, wenn ich könnte. Wahrscheinlich aber, würde ich mir ein Plätzchen in den Mund schieben, meine Finger durch warmes lebendes Fell gleiten lassen und einfach nichts tun. Sie würde mich lassen. Auch das ist selten. Wer lässt einen Gast den einfach nur auf dem Boden liegen und gelassen über ihn hinweg steigt, ist ein ganz besonderer Mensch.  Um das zu können muss man in sich ruhen und schon so viel erlebt haben, dass einen das nun auch nicht mehr wundert. 107 hätte sie ruhig werden können. Ist ja kein Alter. 

31 Gedanken zu “Januarort

  1. Wäre sie doch 107 geworden. –
    Wer ging mit dem großen Hund Gassi – oder drehte er alleine seine Runden? Und massig Futter brauchte der sicher auch…
    Ich habe das gerne gelesen- und mir schöne Zimmerchen und Situationen vorstellen können!
    Gruß von Sonja

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    1. Hallo Sonja,
      meine Familie lebt auf einem Bauernhof und der Hund hatte reichlich Platz. Trotzdem machten wir (vor allem meine Oma) viele Spaziergänge mit ihm. Meistens aber „lief er mit“. Gefressen hat er bzw seine Nachfolger reichlich. Ich erinnere mich, dass einer der Hunde im Alter Magenprobleme bekam. Da meine Oma selbst ein Magengeschwür hatte, kochte sie sowohl für den Hund als auch für sich Schonkost.
      Liebe Grüße

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    1. Ich denke du hast gute Chancen, so etwas schon früher zu hören. 🙂
      Ich glaube in ganz vielen Fällen, sind die Wohnungen oder Häuser von Oma und Opa und die dort verlebten Tage etwas besonderes. Ich hätte das Glück noch als Erwachsene das ganze mit anderen Augen zu sehen und zu bemerken wie schönes bei ihr ist. Liebe Grüße

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    1. Da hast du recht, lieber Jules. Bei dir kann ich mir sehr gut vorstellen, dass du gut darin bist nichts zu tun und zugleich sehr viel wahrnimmst und damit eben doch etwas tust und es sehr viel später zu einer schönen Erzählung werden lässt. Liebe Grüße

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    1. Nein, hundertprozentig funktioniert es nie. Aber selbst das fast nichts tun ist ja gar nicht so leicht. Wie du schreibst…wenn es gelingt ist es mit Oma und Hund ein sehr schöner Moment.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende.

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  2. Meine alte Hündin hat uns letztes Jahr mit 14 verlassen müssen, es ging nicht mehr. Keine Angehörige einer so bewegungsruhigen Rasse wie der Sankt Berhards Hund. Als jungerwachsene Hündin öfter mal 20km am Fahrrad, kein Problem. Im Alter wurde das weniger, die Streicheleinheiten entsprechend mehr. Von daher ist das mit dem Bewegen, besonders wenn ein bißchen Platz ums Haus ist, immer relativ (Apropos relativ: mein Bruder hat schon vor langer Zeit die Theorie aufgestellt, dass Berhardiner und Foxterrier genau gleich viel Raum einnehmen. Die Beobachtung spricht dafür).
    Die Begleitumstände bei Oma ähneln sich… zumindest in der Erinnerung schmeckts bei Oma immer, gibt es immer etwas Interessantes und wird plötzlich das Nichtstun nicht langeweilig, sondern eine ganz einfache Übung. Zur Ruhe finden, gerade auch für Kinder eine wertvolle Übung. Die Omas und Hunde sehr gut befördern, hervorlocken können, denn eigentlich können Kinder das sehr gut. Und wenn sie sich dann wegträumen in irgendwelche Phantasiewelten…

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    1. Die Vermutung deines Bruders teile ich. Gleicher Raum, nur der kleinere hat am Ende des Tages fünf Mal so viel Strecke zurück gelegt. 14 Jahre ist ein schönes Hundealter, aber das bringt einem auch nichts, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind.
      Bei Kindern ist eine solche Omawohnung wie in meiner Erinnerung gerade im Moment bestimmt besonders schön. Aber gerade dort hin sollen ja viele nicht. Es wird einfach Zeit, dass dieser ganze Spuk langsam vorbei ist.

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