Diciassette anni fa – Diciasette!!!!

Der 22. März ist kein besonderer Tag. Heute morgen, als das Datum etwas in mir hervorrufen wollte, habe ich es überprüft. Ab und an kitzelt es in meinem Magen und ich weiß nicht recht warum. Meistens ist es ein Tag mit einem Geburtstag an den ich denken sollte und fast immer, rufe ich Tage später ein Mitglied meiner großen Familie an, um mich für das erneute Vergessen zu entschuldigen. Seit wir eine WhatsApp Gruppe haben, werde ich erinnert. Dort oder bei Kollegen über XING. Bei Freunden von Facebook und für Verweigerer der sozialen Medien hängt ein Kalender im Flur neben der Tür. Heute hat niemand Geburts- oder Namenstag und auch kein Todestag jährt sich. Und doch, irgendwas war heute. Kurz bevor ich das Büro verlasse, ahne ich es. Es ist ein Tag an den ich in all den Jahren zuvor noch nie gedacht habe. Ein Tag, mit der Wichtigkeit eines Meilensteins und doch ein Tag, dessen Datum ich mir nie merkte. Dass ich dieses Jahr daran denke, wundert mich. Weiterlesen

Ninis Painting

Er sagt, dass man mit mir man in keine Ausstellung gehen könne. Es sei verlorene Liebesmüh und gänzlich sinnlos zu versuchen, mir auch nur eines dieser Kunstwerke näher zu bringen. Meine Arroganz sei unerträglich und meine abweisende Körperhaltung eine Beleidigung für jeden, der mir etwas beibringen möchte und….. bla, bla, bla. Ich denke es. Sage es nicht laut, weil ich weiß, dass dies nur weitere Worte, aus einem mich langweilenden Mund, zur Folge hätte. Zwanzig. Zwanzig Worte noch, darf er sagen, dann stecke ich mir die Finger in die Ohren. Oder lege mir die Hände vor die Augen. Spiele ihm pantomimisch die drei Affen vor, die nichts hören, nichts sehen und nichts sagen wollen. Wenn er aber die zwanzig Worte, dieses allerletzte Kontingent, das ich ihm gewähre, überschreitet, dann werde ich etwas sagen. Dann werde ich ihn anflehen, doch bitte, bitte, endlich den Mund zu halten. Oder, durchaus im Bereich des Möglichen, ihn kommentarlos niederschlagen.

Kreative Menschen, die mag er und mich mag er, weil ich schreibe. Ich mag ihn auch. Ich mag ihn, obwohl er schreibt. Dinge, die nicht zu mir durch dringen. Gedichte, die mich nicht berühren und Worte die mir austauschbar erscheinen. Banaler Schwachsinn, sagte ich zu einem, der mich gut genug kennt, um mich nicht zu verraten und weiß, dass mein Urteil erst im Laufe der Jahre so hart geworden ist. Monatlich erhielt ich die fünfunddreißig Zeilen des aktuellen Werkes und wurde gezwungen mich zu äußern. Egal wie oft ich sagte, dass Lyrik mir fremd ist. Mich befremdet, überfordert und in seinem Fall verständnislos zurück lässt. Irgendwann sagte ich gar nichts mehr. Das war besser. Stille Zustimmung, wortloses Lob, meinte er; endlich Ruhe, dachte ich und war dumm genug, mit ihm ins Museum zu gehen. Den Lepanto Zyklus von Twombly hat er mir so gründlich versaut, dass ich ganze zwei Wochen kein Wort mehr mit ihm gesprochen habe. Zwölf Bilder in einem eigens für sie konzipierten Raum die so wunderbar sind, dass das Herz bei der Vorstellung sich eines nach dem anderen in Ruhe anzusehen, freudig zu klopfen beginnt. Es klopft, bis einer anfängt zu erklären und schildert was genau da zu sehen ist. Ja, ich habe die blutige Seeschlacht von Lepanto im ersten Moment für eine pittoreske Hafen Stimmung im Sonnenuntergang gehalten. Na und? Ist etwas, das vermeintlich wunderschön ist, nicht noch viel grausamer, wenn sich seine Brutalität sich erst auf den zweiten Blick offenbart? Und könnte es nicht sein, dass die schöne Stille, die erst dann laut wird, wenn man versteht, womöglich gewollt ist? Er meint nein und erklärt mir warum ich mich täusche. Halt die Klappe, murmle ich und imitiere in Gedanken drei Affen.

Ich sei das Schaf, das mit verschränkten Armen vor Bildern steht und nichts versteht. Sagt er. Ich höre ihm nicht zu, weil ich ja ein Schaf bin und Schafe Menschen in den seltensten Fällen Gehör schenken. Ein Schaf kann sich verlaufen. Verläuft sich in ein anderes Stockwerk. Läuft davon und wartet Schafdoof 30 Minuten auf dem Klo, bis es sich in Sicherheit wiegt. Dann steht es mit verschränkten Armen  vor seinem Lieblingsbild und genießt die Stille. Das Schaf war zu doof und erinnerte sich nicht daran, dass er, der alles besser weiß, es gut genug kennt um gewartet zu haben. Ich bin wieder ich und atme tief durch als er sich neben mich stellt. Kein Wort, sage ich und korrigiere mich. Ein Wort und ich rede nie wieder mit dir. Das ist mein Bild und ich erlaube dir nicht, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Mit verschränkten Armen zieht er sich zurück. Und weil er, der mich in den Wahnsinn treibt, auch einer meiner engsten Freunde ist, sitzt er später mit mir in der Sonne und fragt erst nach einer Stunde ob er wieder sprechen darf. Er darf. Nur nicht über „Ninis Painting“ von Cy Twombly. Kreide oder Bleistift, ich weiß es nicht und es ist mir egal, bedecken die Leinwand mit schwungvollen Schlaufen, die durch ihre Zeilenartige Anordnung an sich überschneidende Worte erinnern. Mal etwas dichter, mal etwas lockerer. Man kann nichts lesen und nichts erkennen. Ich habe es über viele Stunden versucht, bis ich zu verstehen glaubte, dass es darauf auch nicht ankommt. Ich las, dass es der plötzlich verstorbenen Frau des italienischen Galeristen Twoblys gewidmet ist. Und auch die Interpretation die ich im Internet (Journal21.ch Urs Meier) fand. „Was schreibt man in einer Totengabe? Es muss die Preisung des Lebens dieser Verstorbenen sein. Ein Nachruf, verschlüsselt in einer Manifestation reiner Schönheit.“ Eine einzigartige Erinnerung an ein zu Ende gegangenes Leben. 

Es gab eine Zeit in der ich vor diesem Bild stand und darin einen Namen suchte. So verbissen und so ausdauernd und so sicher, dass es der von dem sein musste, den ich nicht mehr an meiner Seite hatte, dass es mein Bild wurde. Eines das mich davon abgehalten hat, mit selbst die Finger wund zu schreiben. Wissend, dass es nichts bringen würde. Stundenlang vor einem Bild zu stehen und darin einen Namen zu suchen, das hilft. Weißt du, sag ich dem, der neben mir sitzt, man kann ja nicht einfach losbrüllen, wenn die Welt zusammen bricht. Er nickt und sagt noch immer nichts. Deswegen mag ich ihn. Und weil er mich alleine noch mal ein bisschen nach einem Namen suchen lässt.

Schnee

Den ersten Schnee des Jahres gibt es nur einmal und jedes Mal ist es etwas ganz besonderes. Wunderschön ist es, wenn man morgens aufwacht und ihn riecht noch bevor man die Augen öffnet und sieht, was man ahnt. Alles weiß. Dann fühlt es sich so an.. Anders, aber genauso schön ist es, wenn man spät abends vor die Türe tritt und mitten im Gespräch plötzlich merkt, dass es kein feiner Nieselregen ist, der die Nasenspitze kitzelt, sondern erste feine Schneeflocken. Dann muss man unbedingt stehen bleiben, den Kopf in den Nacken legen und die Augen schließen. Mindestens drei Atemzüge lang sollte man so stehen bleiben und es muss einem unbedingt egal sein, ob einen Menschen von hinten fast umrennen oder für bescheuert halten. Der erste Schnee in einem Jahr ist so schön und so wertvoll, dass einem alles egal sein sollte. Vielleicht nicht die Winterreifen, die man noch aufgezogen hat, aber sonst fast alles. Weiterlesen

Eduard ist schuld

Eine Wohnung im Erdgeschoss, würde uns nicht gefallen. Wir sind uns einig, auch wenn er meist die Augen ein wenig verdreht, weil meine Argumentation nicht unbedingt der seinen entspricht. Während ihn das fehlende Licht stört, ist es bei mir die tiefe Überzeugung mit einer Erdgeschosswohnung früher oder später unfreiwillig zum Protagonisten bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ zu werden. Schlendern wir abends durch die Straßen der Stadt, erklärt ich ihm jedes Mal, dass Rollläden Einbrecher nicht abhalten würden. Rollläden von Privatwohnung bestehen meist aus Plastik. Das macht Sinn, sie wären sonst ein wenig schwer, aber auch wieder nicht, den wer vertraut sein Leben schon einem Rohstoff an, der global gesehen ein großes Übel, aber sicher kein Schutz gegen maskierte Gauner ist. Als Kind hatte ich Angst vor Einbrechern. Kein Wunder, ich habe fast jede Folge von „Aktenzeichen XY ungelöst“ gesehen. Meist im Flur kauernd, weil meine Eltern zwar entspannt waren, die Sendung für ihre siebenjährige Tochter aber doch als unpassend empfanden. Ich sah sie mir durch einen Spalt in der Wohnzimmertüre an. Der dunkle, kühle Flur in dem ich hockte, machte die nachgestellten Szenen noch gruseliger und es war mir unverständlich, dass meine Eltern danach noch ruhig schlafen konnten. Schließlich wohnten wir im Erdgeschoss und waren damit prädestiniert künftig Opfer extrem gewalttätiger Männer mit schwarzen Mützen über dem Gesicht zu werden. Um das zu verhindern, blieb ich vorsichtshalber wach, bis meine Eltern schliefen, kontrollierte Fenster und Türen und versuchte nicht zu schlafen, damit ich meinen Vater wecken konnte, wenn einer versuchte einzusteigen. Dass das möglich war, wusste ich. Mein Vater ist Schlosser und behauptete immer, jede Türe öffnen zu können. Obwohl ich meinen Vater für den besten und talentiertesten Menschen der Welt hielt, dämmert mir schon im Grundschulalter, dass es womöglich mehr als einen Mann gab, der alle Türen öffnen konnte. Auf den wartete ich in den Nächten nach der Ausstrahlung der Sendung. Wäre er gekommen hätte ich meinem Vater den Rest überlassen und ihn mit lauten Rufen des Anfeuerns beim Ausschalten des Einbrechers unterstützt. Er und ich – wir hätten das hinbekommen. Es galt ja nur die Türe im Auge zu behalten und nach Kratzgeräuschen zu lauschen. Die Fenster waren durch massive Rollläden geschützt. Solche aus Eisen. Für die man einen Metallschneider brauchen würde, um einzusteigen. Ein Gerät, das ich aus der Werkstatt meines Vaters kannte und von dem ich wusste, dass es einen Höllenlärm veranstaltete.  So blöd, das zu benutzen wäre kein Einbrecher. Keiner, mit dem Papa und ich es nicht aufnehmen konnten. Weiterlesen

Um 06:05 Uhr – große Ferien

Grausam früh klingelt dieser Tage mein Wecker. So früh, dass mich noch keine Sonnenstrahlen wecken und ich den Kaffee in der Küche unter dem sanften Licht der Dunstabzugshaube zubereiten muss. Um kurz nach fünf bin ich zu müde für das grelle Deckenlicht und mache alles im Halbdunkel. Wenn ich noch schnell die Blumen auf dem Balkon gieße, erinnert mich die Dämmerung daran, dass der Herbst bereits vor der Türe steht. So war es in den großen Ferien immer. Uns Münchner Kinder hat man solange ich denken kann, stets erst mit dem August entlassen. Wenn endlich die freie Zeit begann, hatten wir den Sommer im Nacken und rannten mit bereits gebräunten Armen und Beinen und mit neuen Sommersprossen auf den Nasenspitzen in die endlos erscheinende Freiheit. Kaum waren die ersten Wochen vorbei, begann es bereits nach dem Herbst zu riechen. Wir rochen nichts, weil unsere Nasen vom vielen Chlor in den Freibädern, abgestumpft und verstopft waren. Aber unsere Mütter, die hörten wir sagen, dass man das Ende des Sommers bereits riechen konnte. Sie zeigten uns die ersten welken Blätter der Kastanien und sprachen von kürzer werdenden Tagen. Wir merkten davon nichts. Wer den ganzen Tag draußen verbrachte und um acht Uhr abends ins Bett geschickt wurde, der bemerkte das früher Dämmerlicht nicht. Es hätte uns auch nicht interessiert – wir befanden uns in den großen Ferien und unsere Körper waren bis unter die Haarspitzen voll mit Sommer.

Heute rieche ich es. Ich rieche den Herbst und sehe die Blätter, die noch grün und saftig sind, sich aber schon bereit machen, zu welken. Besonders früh morgens an der Tankstelle an der ich im Stehen einen Espresso trinke, um den Arbeitsbeginn noch ein klein wenig hinauszuzögern, so wie ich früher einmal um das Schulgebäude herum gelaufen bin, bevor ich mich schweren Herzens hinein begeben habe. Immer die Letzte vor dem Achtuhr-Läuten, bin ich heute im Büro die Erste. Ich mag die Ruhe des Morgens und ich stelle fest, dass ich seit einigen Tagen nach dem Sechs-Uhr-Morgens-Tankstellengeruch süchtig geworden bin. An jedem einzelnen Tag möchte ich, dem mutigsten meiner Freunde schreiben, dass es jetzt in diesem Moment so sehr nach Italien riecht, dass ich mich ganz seltsam fühle. Ich tue es nicht. Ich würde ihn wecken und ich weiß nicht ob er sich noch an den Geruch nach Italien erinnert und begreifen würde wovon ich spreche. Er lebt schon so lange in Italien, dass er womöglich vergessen hat, wie das deutsche Italien riecht. Es würde mir schwer fallen, es ihm zu erklären. Es riecht nach den großen Ferien, die wir nie Sommer-, sondern immer nur die großen Ferien genannt haben. Es riecht nach Spätsommer. Spätsommer, morgens um sechs Uhr, wenn die Luft noch kühl ist, man die Hitze, die der Tag mit sich bringt, aber schon erahnen kann. Ein Hauch, bereits welker Blätter und Gras, das vom Sommer schon erschöpft und nicht mehr saftig ist. Und – das ist das wichtigste, würde ich ihm erklären – man riecht es nur an einer Tankstelle. Das deutsche Italien riecht nach Benzin mit einer feinen, kaum wahrnehmbaren Kaffeenote. Kein guter Kaffee – Tankstellenkaffee.

So riecht es, weil es der Geruch unserer Kindheit ist. Wir alle sind in den großen Ferien zu nachtschlafender Zeit von unseren Eltern halb getragen, halb geschoben in ein bis unter das Dach vollgepacktes Auto gesetzt worden und mit ihnen gemeinsam in Richtung Süden aufgebrochen. Die erste Pause, meist wurden wir dann erst richtig wach, fand gegen sechs Uhr morgens statt. Übermüdete Väter, verschlafene Mütter und Kinder die an einer Tankstelle aus dem Auto krochen. Und dann, dann roch es eben genau so. Dann roch es nach Italien. Selbst wenn wir, wegen eines Staus noch in Österreich waren oder unser Ziel nicht Italien sondern Jugoslawien (damals noch ein Land) oder gar Griechenland war. Ich erinnere mich, dass meine Mutter spätestens bei der zweiten Pause behauptete, bereits das Meer riechen zu können. Vielleicht, würde es für sie um sechs Uhr morgens an meiner Tankstelle auch nach Meer riechen. Das könnte gut sein, weil Gerüche so subjektiv empfunden werden, wie Erinnerungen.

Bei Gelegenheit werde ich den mutigsten meiner Freunde fragen ob er weiß, was ich meine. Ich denke, er kennt den Geruch noch. Schließlich hat er ihn mit mir gemeinsam auch einige Male gerochen und wir waren in diesen Momenten genauso aufgeregt, zappelig und ungeduldig wie Achtjährige gewesen. Mit ihm roch ich den Duft der großen Ferien auf dem Weg nach Elba. Auch an einer Tankstelle unterhalb von Rom und auf dem Heimweg von Salerno. Morgen früh vielleicht, werde ich ihn fragen. Wenn er sich nicht erinnert, dann werde ich ihm sagen, dass er unbedingt nach München kommen muss. Ein Tag reicht – wichtig ist nur, dass die Sonne scheint und der Tag heiß wird. Das sollte er unbedingt, denn morgens um sechs im August an einer Tankstelle, da riecht es so sehr nach den großen Ferien, dass man heulen könnte vor tief empfundenen Glück. Ganz so wie damals, als endlich die Tore der Schule aufgingen und man raus konnte. Raus in einen endlosen Sommer.

Man darf nur nicht daran denken, dass man eigentlich ins Büro muss. Ich gebe mir noch drei Tage an der Tankstelle. Dann bin ich soweit und fahre nicht in die Arbeit sondern direkt weiter auf die Autobahn, über den Brenner und nach Italien. Oder Kroatien. Vielleicht auch nach Griechenland. Es könnte mir niemand verübeln – es ist August, da hat man große Ferien.

Ein Schatz

Meine Großmütter haben mir in meiner Kindheit viel erzählt. Geschichten um Geschichten aus dem Fundus ihrer Erinnerungen. Keine von beiden dachte sich je etwas aus oder las mir ein Märchen vor.  Die Erzählungen meiner Großmütter bestanden ausschließlich aus ihren Erinnerungen. Beide berichteten am liebsten von ihren großen Lieben. So weiß ich, dass der Martl, der Martin, die erste große Liebe meiner Großmutter mütterlicherseits war. Sie hat uns Kinder oft von ihm erzählt. Ich kann mich an ihre leuchtenden Augen und das warme Lächeln erinnern, wenn sie von ihm berichtete und erzählte wie schwer es mit einem ledigen Kind war. Er ist ihr weggestorben noch bevor sie ihn heiraten konnte, auch das wusste ich, und dass sie ihn nie vergessen konnte, war mir leicht zu verstehen. Die erste Liebe bleibt immer eine ganz besondere. Sie hat uns so oft von ihm erzählt und doch nicht alles. Oder ich kann mich nicht mehr richtig erinnern. Seltsamer Weise verschwinden die Details bei Erzählungen, die man besonders oft hört, am leichtesten. Gestern Abend hat sie es mir noch einmal erzählt. Ganz in Ruhe und ganz ausführlich. Hat erzählt und sich erinnert: Weiterlesen

Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt. Weiterlesen

Dante hätte gelacht

Ich mag den Mai nicht. Und weil ich nicht mag, bereite ich mich schon im April darauf vor ihm nicht zu mögen. Dann verabscheue ich den frühen Flieder, weil er schön ist, wo nichts schön zu sein hat. Das Erwachen der Natur ekelt mich an, weil es mich an das Vergängliche von allem Lebendigen erinnert. Und die ersten warmen Tage gehen mir auf die Nerven, weil ich wochenlang selbst in der Sonne friere. Auch damals mochte ich den Mai nicht, weil er der Monat des Abschieds war. Und auch damals habe ich schon im April getobt und gewütet. Im Mai hätte mir die Kraft gefehlt und ich konnte euch nicht ohne ein letztes Aufbäumen gehen lassen. Den einen, weil es unfair war, dass ihm das Leben einfach aus der Hand genommen wurde und dem anderen, weil er das seine sinnlos hinterher warf. Ihr musstet mir versprechen, nur Orte aufzusuchen, die mir nichts bedeuteten und die ich am besten gar nicht kenne. Weiterlesen

Zum Abschied ein Winken

Bevor meine Großmutter starb, winkte sie mir ein letztes Mal zu. Ich war zwölf Jahre alt und besuchte sie mit meinen Eltern im Krankenhaus. Weder an diesen, noch an die vorangegangenen Besuche kann ich mich heute noch erinnern. Als sie in die Klinik eingeliefert wurde ging es ihr schlecht und die fahle, matte Gestalt in dem weißen Bett hatte nichts mit dem Menschen zu tun, den ich Oma nannte. Beim letzten Mal, das erzählte man mir, war sie nicht mehr ansprechbar.  Ich selbst erinnere mich nicht. Nur das aller letzte Bild von ihr ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Zum Abschied drehte ich mich noch einmal um und sah durch den Spalt, der sich bereits schließenden Tür, dass sie die Hand hob, mir winkte und mich ansah. Ob sie lächelte weiß ich nicht. Es ist nicht wichtig. Meine Oma hat sich verabschiedet und meinem Mädchen-Ich ein schönes letztes Bild geschenkt. Es ist ein versöhnliches Bild. Eines, das man für den Rest seines Lebens im Herzen tragen kann und das mit den Jahren an Schönheit gewinnt. Weiterlesen

Duft-Atom

Ich wache auf und das Bett riecht nach dir. Dein Geruch haftet im Stoff der Kissenbezüge und hüllt mich ein. Sinnlos den Kopf unter der Decke zu vergraben, denn auch sie riecht nach dir. Das ganze Schlafzimmer riecht nach der, für dich so typischen, Mischung aus After Shave, einem Hauch kaltem Rauch und einer erdigen Note, von der ich bis heute nicht weiß, wie sie in deine Haare gelangt ist. Obwohl ich mir schon oft klar machte, dass es unmöglich ist, dass auch nur ein einziges winziges Atom von dir an meiner Bettwäsche haften geblieben ist, rieche ich dich. In machen Nächten wache ich auf, weil auch mein Unterarm, den ich unter meine Wange geschoben habe, nach dir duftet. Dann muss ich aufstehen und duschen. Mit dir auf dem Körper kann ich nicht wieder einschlafen. Weiterlesen