Eckes ESC

Meine Freunde wissen, dass es sinnlos ist mich zu Facebook Gruppen einzuladen. Ich reagiere so selten und so verspätet, dass es einfacher ist, mich anzurufen. Tim weiß es nicht. Als er und ich befreundet waren, gab es noch kein Facebook. Tim kann mich aber nicht anrufen, denn als wir befreundet waren gab es keine Handys und ich wohnte noch bei meinen Eltern im Kinderzimmer. Dass er es letzte Woche dennoch tat, wunderte mich. Mindestens so sehr wie die seltsame Facebook Gruppe „Eckes ESE“ zu der er mich zwei Monate zuvor hinzu fügte und die ich umgehend wieder verlassen hatte, weil ich nichts damit anfangen konnte. „Hey“, sagt er und seine Stimme, die ich sofort wieder erkenne wirft mich Jahrzehnte zurück. „Was machst du heute? Grand Prix schauen bei mir?“ Ich nicke, was am Telefon dämlich ist, und frage erst mit Verzögerung wo denn „bei ihm“  ist, da er doch vor einer Unendlichkeit nach Australien ausgewandert sei. Er lacht und ich erkenne darin das Lachen des Freundes, der er einmal gewesen war. Die alte Adresse. Seine Eltern wohnen noch immer über dem Tierpark, sind am  Wochenende nicht da und er, dessen neue Freunde auf einem anderen Kontinent leben, dachte der Besuch in der alten Heimat wäre doch eine gute Gelegenheit, die alten einmal wieder zu sehen. Ein wenig spontan, ja, aber da wir alle anscheinend Facebook Konten hätten, uns aber weigerten sie zu benutzen, hätte er sich daran gemacht uns anzurufen. Nicht leicht, sprudelt seine Stimme, die noch immer wie die eines Fünfzehnjährigen klingt, weil anscheinend keiner mehr im Telefonbuch stünde, aber die meisten Eltern schon noch und so konnte er sich in den letzten Stunden durchfragen. Drei fehlen noch, deshalb nur kurz. Um acht, ja? Und nimm mit, was du immer mitgenommen hast. Nur langsam komme ich in das heute zurück und bitte ihn mich kurz überlegen zu lassen. Eigentlich hätte ich keine Zeit und…. Tim unterbricht mich, indem er meinen alten Spitznamen benutzt. Echt, Mimi, du musst überlegen ob du mich und die anderen sehen willst?

Er hatte recht – ich musste nicht überlegen. Natürlich wollte ich sie sehen. Sie, die mir in meiner frühen Jugend so unendlich wichtig waren und die ich ausnahmslos alle auf dem Weg ins Erwachsenen Leben verloren hatte. Nicht einen, sondern alle. Zwischen dreizehn und siebzehn waren sie mir alles. Die meisten ein wenig älter als ich und alle aus meinem Viertel. Wir waren Freunde, so fest verbunden, dass kein Blatt Papier zwischen uns passte und so leichtsinnig und gedankenlos jung, dass wir gar nicht merkten, wie uns Um- und Auszüge, Studiengänge und Ausbildungen auseinander trieben. Um die Volljährigkeit herum flatterten wir in alle Himmelsrichtungen davon und tauchten so sehr in all das Neue und Aufregende ein, dass wir das Altbekannte für Jahre vergaßen. Irgendwann waren die anderen nur noch Namen, zu denen man keine neue Telefonnummer mehr hatte. Ausnahmen gab es. Jeder hielt an ein oder zwei Personen fest, aber wir zehn, die wir einmal eine Einheit waren, wir hatten uns verloren. Am Nachmittag des Grand Prix, der jetzt ESC heißt, sagte ich meine ursprüngliche Verabredung ab und sah mir die Facebook Konten der anderen an. Da waren sie alle, aber die Menschen dort kannte ich nicht. Sie waren erwachsen und ich kannte nur die Kinder oder Teenager. Fremd waren sie mir alle, bis auf eine, die rief ich an. Auch sie würde kommen. Der Babysitter für die Kinder bereits organisiert und überlegend, was sie früher eigentlich immer mitgenommen hatte, wenn wir uns trafen. Nudelsalat deiner Mutter, helfe ich ihr auf die Sprünge und überlege selbst ob es den pappsüßen Puffreis, den ich damals mitbrachte überhaupt noch zu kaufen gibt. Damals als wir jeden Grand Prix gemeinsam ansahen.

Es ist seltsam sie alle wieder zu sehen. Unschlüssig stehen zehn Erwachsene in einem alten Kinderzimmer und wundern sich, dass es unter dem Dach des elterlichen Hauses nicht nur überlebt, sondern sich scheinbar kaum verändert hat. Ein wenig mehr Arbeitszimmer, kein Bett mehr, aber noch immer der alte Kleiderschrank, die Regale und das karierte Sofa. Wir sind verlegen. Befangen, bis die Hymne der Eurovision, ertönt. Dann sind die Jahrzehnte urplötzlich wie weggewischt. Zehn Menschen, die sich einmal in und auswendig kannten und sich fremd wurden, fallen auf Sofa, Kissen und Boden. Reißen Chips- und Puffreistüten auf, verteilen Nudelsalat auf Teller und stoßen mit Cola, Bier und Lambrusco an. Später werden sie bei jeder Vergabe der Höchstpunktzahl einen großen Schluck Eckes Edelkirsch trinken und sich schütteln, weil sie vergessen haben, wie widerlich süß er schmeckte. Es ist ein Wunder, das wir zu zehnt sind. Ein Wunder, dass jeder gekommen ist und ein Wunder, dass wir nach wenigen Stunden überzeugt sind noch immer Freunde zu sein. Vielleicht weil die Teenagerjahre zu den prägendsten eines Lebens gehören oder vielleicht auch nur weil wir ein wenig zu oft am Eckes Edelkirsch genippt haben. Wahrscheinlich aber, weil wir einfach nur einen brauchten, der für ein paar Wochen zurück in der alten Heimat war und dort das vermisste, was er vor Jahrzehnten verlassen hatte.

Tim ist wieder in Australien und wir wissen, dass wir das Wunder des letzten Samstags nicht aufrecht erhalten können. Obwohl wir Nummern und Adressen austauschen, sind wir alt genug um zu wissen, dass es nie wieder so wie früher werden wird. Die Welt hat sich verändert und wir uns mit ihr. Und trotzdem, per Handschlag besiegeln wir, dass der Abend des ESC uns gehört und immer gehören wird. Denen, die wir einmal waren und denen, die wir noch immer für ein paar Stunden sein können. Wahrscheinlich werden wir nie oder nur selten tatsächlich wieder zu zehnt sein, obwohl…..wer weiß das schon. Wenn zehn Erwachsene beim Erklingen der Hymne feuchte Augen bekommen und sich aller Fremdheit zum Trotz in die Arme fallen, dann verbindet sie etwas starkes und wunderschönes. Danke Tim. Und danke G, S, T, N, A, M, M und H. Natürlich sind wir Freunde, wir hatten es nur vergessen. 

25 Gedanken zu “Eckes ESC

  1. da muss einer von außen kommen, der sich die Mühe macht. War bei uns so: einer, der in der Quinta wegziehen musste und seither unendliches Heimweh hatte,rief nach 60 Jahren alle an, die er finden konnte, und so trafen wir uns. War ein bisschen gespenstig, zumal nicht mehr alle am Leben waren, aber mit meinen beiden „engsten Freundinnen“ hatten wir einen kleinen neuen Frühling zu dritt.

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    1. Ja, es ist seltsam sich nach so langer Zeit wieder zu sehen. 60 Jahre… ich kann mir vorstellen dass das tatsächlich ein wenig gespenstisch ist. Umso schöner, wenn daraus eine neue Erinnerung wird.

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      1. Ja, eine starke Erinnerung, zumal ein Lehrerehepaar kam, beide über die 90. Die Frau war damals (in der Quinta) unsere Klassenlehrerin gewesen, der Mann unser Segellehrer. Wir waren beiden sehr verbunden gewesen. Und dann natürlich die Schicksale, von denen man hörte. Vertiefen ließ sich das alles natürlich nicht, jedenfalls nicht in meinem Fall, da ich zu weit weg bin. Aber es gab anschließend mit den beiden ehemaligen und nun wieder Freundinnen ein Hin und Her an Besuchen zwischen meiner alten und neuen Heimat.

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      2. Es ist schwer, über all die Jahre verbunden zu bleiben. Vielleicht sogar gar nicht machbar. Dann sind es die wenigen Begegnungen, die wertvoll sind. Wie schön, dass die Klassenlehrerin noch dabei war, bei ihrem stolzen Alter.

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  2. Das klingt doch nach einem wundervollen und gut genutzten Abend (abgesehen vom ESC, zumindest für mich). Ich bin immer wieder dankbar für die Art von Freundschaft, die innerhalb der ersten Minuten wieder aufflammt in denen man sich trifft sei es noch so lange her. Zeigt einem, dass das Leben doch ganz genial sein kann

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  3. Dann war es vielleicht doch nicht so ein riesiger Verlust, dass ich das letzte Klassentreffen = 55 Jahre Abitur wegen der „Horror“fahrt doch nicht besuchen konnte.
    Bei uns sind ja die 17Jahre noch viel länger her als bei dir!

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