Diciassette anni fa – Diciasette!!!!

Der 22. März ist kein besonderer Tag. Heute morgen, als das Datum etwas in mir hervorrufen wollte, habe ich es überprüft. Ab und an kitzelt es in meinem Magen und ich weiß nicht recht warum. Meistens ist es ein Tag mit einem Geburtstag an den ich denken sollte und fast immer, rufe ich Tage später ein Mitglied meiner großen Familie an, um mich für das erneute Vergessen zu entschuldigen. Seit wir eine WhatsApp Gruppe haben, werde ich erinnert. Dort oder bei Kollegen über XING. Bei Freunden von Facebook und für Verweigerer der sozialen Medien hängt ein Kalender im Flur neben der Tür. Heute hat niemand Geburts- oder Namenstag und auch kein Todestag jährt sich. Und doch, irgendwas war heute. Kurz bevor ich das Büro verlasse, ahne ich es. Es ist ein Tag an den ich in all den Jahren zuvor noch nie gedacht habe. Ein Tag, mit der Wichtigkeit eines Meilensteins und doch ein Tag, dessen Datum ich mir nie merkte. Dass ich dieses Jahr daran denke, wundert mich.

Daheim lasse ich die Tasche fallen, werfe die Schuhe in die Ecke und lasse mich ohne die Jacke auszuziehen auf den Boden vor der alten Kommode fallen. Dort, ganz hinten, sind die alten Kalender. Der älteste aus den Neunzigern. Mich interessiert 2002 und es stimmt. Es war der 22. März. 

Mit dem Kalender in der Hand bleibe ich  auf dem Boden sitzen, weil es nicht leicht ist aufzustehen, wenn man urplötzlich und mit ungeahnter Wucht 17 Jahre durch die Zeit geschleudert wird. Wenn die Eintragungen stimmen, und das tun sie immer, dann holte mich meine Freundin erst um 11.00 Uhr ab. Ich dachte es wäre früher gewesen. Jetzt aber erinnere ich mich, dass wir genau vor 17 Jahren um 16:12 Uhr kurz vor Verona auf der Autobahn waren. Während ich mich aus meiner Jacke schäle, klopft mein Herz ganz aufgeregt und es wundert mich nicht. Da ich gerade 17 Jahre zurück geflogen bin, ist es mein Herz natürlich auch und das hatte im Jahr 2002 ordentlich zu klopfen. Es fürchtete, dass wir den vereinbarten Termin zur Schlüsselübergabe meiner Wohnung verpassen würden. Meine Freundin muss mich früher abgeholt haben. Mit dem altersschwachen Passat meiner Schwester hätten wir es nie knapp sechs Stunden über den Brenner geschafft. Nicht so verkatert wie sie gewesen war und nicht mit einer vor Aufregung so schwachen Blase, wie ich sie an jenem Tag hatte. Obwohl….die alten Kalender stimmen meist und ich kann mich an keine Pause erinnern. Wir waren wohl doch schneller als gedacht.

Einzug -> Feuerwehr. Zwei Worte die nicht recht zusammen passen wollen. Weder geschrieben, noch erlebt. Und doch gehören sie in meinem Fall zusammen. Die kleinen Katastrophen liegen mir und heute vor 17 Jahren zog ich mit Hilfe der Feuerwehr in meine erste Wohnung in Verona ein. Ein bisschen sehr dramatisch, ein bisschen überzogen, aber rückblickend ein passender Start. Einer bei dem zwei junge Deutsche mit einer Klopapierrolle, einem Bügelbrett und einem vier Kilo schweren Porzellan Hund bewaffnet im Treppenhaus stehen und am Schloss einer italienischen Türe scheitern. Obwohl ich mich natürlich an all das erinnern kann, ist es heute anders. Das kleine Kalenderblatt ist eine Zeitmaschine und erinnert nicht, sondern wirft mich zurück. Michael. Natürlich steht an diesem Datum auch sein Name. Genau vor 17 Jahren um diese Zeit telefonierten wir. Er lachend und ruhig, wie immer. Ich heulend und panisch, wie selten. Gelacht habe ich erst später und weil ich den Kalender noch in der Hand halte, ist mir auch heute 2019 zum Heulen zu mute. 450 Kilometer von zu Hause entfernt neu anfangen wollen und dann an einer Türe scheitern? Das kann man doch keinem erzählen, dachte ich vor 17 Jahren und hätte mir nicht gelaubt, dass genau diese Geschichte zu einer der meist erzählten geworden ist. 

Hier vor der Kommode riecht es jetzt nach Italien und vor dem Fenster höre ich Stimmengewirr und das Knattern von Mofas. Nicht wirklich, es ist der kleine, alte Kalender der es mir vorgaukelt und mich nicht los lässt. Ich bleibe noch ein wenig hier am Boden sitzen. Bis neun Uhr etwa. Da konnten wir vor genau 17 Jahren endlich in die Wohnung. Mein Telefon liegt neben mir und ich schreibe meiner Freundin Melanie, um sie zu bitten sich um neun Uhr eine Flasche Rotwein aufzumachen. Den müssen wir dann trinken. Ich mit einem Kalender in der Hand und sie in Gedanken an Verona vor 17 Jahren. Und dann trinken wir fernmündlich synchron den ersten Schluck. Das taten wir damals nämlich auch. Anstoßen. Auf Italien, auf Verona und das was kommen würde. Heute werden wir auf all das was gekommen ist anstoßen. Das gute, das schöne und auch das traurige und hässliche, den alles hatte seine Berechtigung. Bei manchem fragen wir uns noch warum und sind uns sicher, dass man so eine Scheiße doch niemanden erzählen kann. Aber wer weiß, vielleicht wissen wir es in 17 Jahren und sitzen dann um neun Uhr abends vor einem Glas Rotwein und lachen darüber. In meinen Kalender schreibe ich unter den 22.03.2019 „Diciasette anni fa“ und werde mich in vielen Jahren erinnern wie seltsam es gewesen ist, stundenlang in München auf dem Boden zu sitzen und darauf zu warten, dass man in Verona endlich Zugang zu einer fensterlosen Wohnung hat. 

 

24 Gedanken zu “Diciassette anni fa – Diciasette!!!!

    1. Der Wohnraum war tatsächlich fensterlos. Küche und Bad auch und nur das Schlafzimmer hatte eines. Ein schreckliches dunkles Loch. Mit mangelhaften Italienischkenntnissen hatte ich es telefonisch gemietet und mir gedacht es würde schon passen. Es passte überhaupt nicht und zugleich doch ganz wunderbar, weil mir alles egal war, als ich endlich in Italien angekommen war. Umgezogen bin ich nach ein paar Monaten trotzdem 😉

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  1. Am 22. März hat meine Mama Geburtstag. Und an einem 22. März hatte ich tatsächlich mein ziemlich Vergessenswertes erstes Mal und doch weiß ich es noch, weil ich es schon damals für keine wirklich brillante Idee gehalten hatte, mich am Geburtstag meiner Mutter darauf einzulassen.

    Ich kenne das zurück katapultiert werden so gut. Bei mir nur selten durch ein Datum, umso öfter aber durch eine bestimmte Ubahn Station. Wenn ich im Waggon sitze und eben dort seit vielen Jahren nicht mehr aussteige, sehe ich mein jüngeres ich dort stehen, die vielen vielen Male, mit hüpfendem Herz, mit brechendem Herz. Und immer ist es für die kurze Zeit eine Art Vakuum in dem ich mich nicht daran erinnere, sondern für ein Augenzwinkern lang wieder die bin. Bis die Ubahn ruckelt und wieder anfährt und ich ein- oder ausatmend wieder in der Gegenwart lande.

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    1. Alles Gute zum Geburtstag für deine Mama.
      Wie gut ich mir das vorstellen kann, dieses Gefühl für einen kurzen Augenblick wieder ein anderes ich zu sein. Mir ging es heute ähnlich. So wie du die kurzen Augenblicke in der Bahn beschreibst, geht es mir manchmal in Italien oder wenn ich am Bahnhof stehe. Am Hauptbahnhof, ganz kurz nur, aber fast jedes Mal, denke ich an diese Augenblicke zurück.

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  2. Liebe Mitzi,
    was für eine wiederaufgearbeitete persönliche Erinnerung. Die Feuerwehr hilft.
    Mein Lieblingssatz der Münchner Kollegin aus der gemeinsamen beruflichen Weiterbildung: „Schaut auf die Helfer!“
    Gutes Frühlings-Wochenende
    Bernd

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    1. Wir sollten das einmal probieren, lieber Jules. Per Zufall einen Tag der letzten 25 raus suchen und dann etwas darüber schreiben. Irgendein Jahr, von dem wir beide alte Kalender haben. Was hältst du davon?

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      1. Ok. Damit kann ich auch dienen. Lass mich erwachsen sein ;)…..ein Datum ab 1996. Am schönsten wäre es, ohne das einer von uns mogelt und einen interessanten Tag heraus sucht. Such einen aus. Sollte bei mir nichts im Kalender stehen, dann ziehe ich den Joker ;).

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  3. Es ist gerade ein wenig gruselig fest zu stellen, dass ich 2002 gerade Mal vier Jahre alt gewesen bin. Dafür kann ich dich heute so viel besser verstehen. Mein Datum ist der 13. Februar als ich nach Island geflogen bin. Ist mittlerweile über ein Jahr lang her…. Die Zeit macht verrückte Dinge mit uns und unserer Umwelt. Ich war damals übrigens ähnlich panisch 😀 Aber was wolltest du eig. mit dem Koloss von Porzellanhund wenn ich fragen darf?

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    1. Ja, das ist für mich auch gruselig ;). Besonders weil mir all das über das du schreibst noch so bekannt vor kommt. Anders, klar, du bist anders, aber doch kommt es mir so vor als wäre ich erst vor ein paar Jahren in deinem Alter gewesen.
      Der Hund…am ersten Abend in meiner ersten eigenen Wohnung stand ich sehr verloren rum. Ich war Hals über Kopf ausgezogen und meinte, dass alleine zu wohnen, super sei und ich seit Jahren darauf gewartet hatte. Das stimmte auch, aber der erste Abend war schlimm. Noch keine Möbel und das Gefühl einfach nur allein zu sein. Mein Vormieter hat den Porzellan Hund im Wohnzimmer stehen gelassen. Vergessen oder nicht mehr gewollt. Seit dem begleitet er mich 🙂

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