Zum Abschied ein Winken

Bevor meine Großmutter starb, winkte sie mir ein letztes Mal zu. Ich war zwölf Jahre alt und besuchte sie mit meinen Eltern im Krankenhaus. Weder an diesen, noch an die vorangegangenen Besuche kann ich mich heute noch erinnern. Als sie in die Klinik eingeliefert wurde ging es ihr schlecht und die fahle, matte Gestalt in dem weißen Bett hatte nichts mit dem Menschen zu tun, den ich Oma nannte. Beim letzten Mal, das erzählte man mir, war sie nicht mehr ansprechbar.  Ich selbst erinnere mich nicht. Nur das aller letzte Bild von ihr ist in meiner Erinnerung haften geblieben. Zum Abschied drehte ich mich noch einmal um und sah durch den Spalt, der sich bereits schließenden Tür, dass sie die Hand hob, mir winkte und mich ansah. Ob sie lächelte weiß ich nicht. Es ist nicht wichtig. Meine Oma hat sich verabschiedet und meinem Mädchen-Ich ein schönes letztes Bild geschenkt. Es ist ein versöhnliches Bild. Eines, das man für den Rest seines Lebens im Herzen tragen kann und das mit den Jahren an Schönheit gewinnt.

Kinder die in einer großen Familie aufwachsen, lernen den Tod früh kennen. Urgroßeltern, entfernte Onkel und Tanten und später die Großeltern oder angeheirateten Cousinen aus entfernten Zweigen der Familie – es sterben viele Menschen, bevor die eigene Generation groß wird und die Anzahl der Taufen für einige Jahre die der Beerdigungen übersteigt. Ich habe nie verstanden, warum man Kinder von Beerdigungen fern hält und versucht ihnen etwas zu ersparen, das unabdingbar mit dem Leben verknüpft ist. Obwohl ich mich erinnere, dass mich die Beerdigungen traurig machten, waren sie doch immer ein angemessener Abschied. Ein Abschied an dem ich fast immer Dinge über die Verstorbenen erfuhr, die man mir zuvor noch nicht erzählt hatte. An die von meiner Großmutter kann ich mich trotzdem kaum erinnern. Nur das Winken, das habe ich auch heute noch deutlich vor Augen. So deutlich wie das zahnlose Lachen meiner anderen Großmutter an einem meiner letzten Besuche bei ihr. Ich war schon über dreißig und sie weit über neunzig. Schwach und alt war sie geworden und ich fütterte sie mit Joghurt, weil sie kaum noch etwas aß. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich ängstlich maßregelte, dass ich langsamer machen solle – die alte Frau käme mit dem Schlucken ja gar nicht mehr hinter her. Und ich erinnere mich an meine genervte Erwiderung, dass ich die kleinen Kinder unserer Familie beim Füttern schließlich auch nicht erstickt hätte und sie mich einfach machen lassen solle. Meine Großmutter lachte. Es war eines der letzten Male, dass ich sie herzhaft lachen sah. Auch das ein geschenktes Bild zum Abschied.

Beide schenkten mir einen letzten Moment, der die Erinnerungen an die beiden Frauen abrundete und für mich den Abschied symbolisiert. Schön war er nicht, aber bei der einen war es an der Zeit und bei der anderen wohl auch ein Stück weit eine Erlösung. In meinem Schmuckkästchen liegen die Dinge, die sie mir selbst lange vor ihrem Tod als Erinnerungen geschenkt haben. Die eine Glasperlen von einer Kette, mit der ich mich bei jedem Besuch geschmückt habe und ein Amulett meiner Urgroßmutter. Die andere eine Brosche, die sie selbst von ihrer Mutter bekommen hat und eine, die von ihrer ersten Liebe stammte. Im Kästchen meiner Großmütter ist noch mehr Schönes und Kostbares. Was sie nicht wissen konnten, ist, dass zwischen all den schönen Schmuckstücken das Wertvollste überhaupt verborgen liegt. Lege ich die Glasperlen ins Sonnenlicht, dann erscheint ein Regenbogen und in diesem – es ist ein Wunder – winkt mir meine Großmutter zu. Und während ich sie winken sehe, umarmt mich die Andere. Das tut sie immer, wenn ich das Kästchen öffne, denn – und auch das ist ein Wunder – es verströmt noch immer ihren Geruch. Er hat sich darin ganz fest verankert und ist so vertraut und warm wie eine Umarmung.

Von einem anderen bekam ich zum Abschied etwas, das mich noch heute rasend vor Wut macht. „Alles gesagt. Das war´s.“ Vier, mit gutem Willen fünf, Worte und das schlagen einer Tür. Wenn alte Menschen aus dem Leben scheiden, dann müssen sie einem etwas sanftes oder schönes mit auf den Weg geben. Etwas, das einen weinen und lächeln zu gleich lässt. Gehen andere, lange vor ihrer Zeit, dann tun sie gut daran, dem Zurückbleibenden etwas an den Kopf zu werfen, das ihn zornig und wild werden lässt. Ohne diese Wut, hätte ich die ersten Tage nicht überstanden. Und würden mich die letzten Worte nicht heute noch wütend und rasend machen, käme ich nicht durch den verdammten Mai. Das war´s?! Arrogantes, selbstgerechtes Arschloch!

31 Gedanken zu “Zum Abschied ein Winken

  1. Ein sehr toller warmer inniger Edit.
    Schöne Sätze hast du geformt in denen ich mich selbst erkenne / deine Stärke in Sätzen eine Atmosphäre zu schaffen die mich als Leser trägt ist mehr als das übliche.
    Toll.
    Dankeschön

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    1. Vielleicht tat er das.
      Albträume gibt es sicher viele. Unendlich viele Konstellationen die Trauer nicht ermöglichen, Abschiede vereiteln oder dafür Sorgen das Kinder oder ihre Eltern auf der Strecke bleiben.
      Die ganze Sterberei ist einfach Mist :-*

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      1. De nada, liebe Mitzi!

        (Lese übrigens mit großem (Lach-)Erfolg Freunden, Bekannten und Verwandten ab und zu Abschnitte aus deinem Büchlein vor, die Leute sind begeistert)…

        Liebe Morgengrüße vom Lu

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  2. mir scheint, wir haben eine gewisse verbindende energie erspürt, ein bisschen schräg, dass auch ich heute einen text über großeltern veröffentlicht habe, wenn auch in einem ganz anderen kontext. der gedanke, dem zu zum schluss raum gibst, der ist interessant und ja, das kann ich nachfühlen. wut ist manchmal überlebenswichtig.

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    1. Ich schau gleich mal „zu deinen Großeltern“.
      Ja, ich finde Wut im richtigen Moment ist eine gute Emotion. Sie verraucht…auch das ist gut. Neid, Missgunst und all die anderen Emotionen sind fiese Begleiter, die man viel schwerer wieder los wird.

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      1. oh ja, du sagst es. wut ist etwas kurzes, das aufflammt und das oft schützt. die anderen, die zerfressen einen nur von innen. und danke für deinen kommentar bei mir ❤ ich antworte darauf dann demnächst!

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  3. So erzählen kann man nur, wenn man die Gabe hat, die Welt nicht nur zu sehen und zu hören, sondern mit allen Sinnen zu erfassen. Es gelingt dir deshalb, dich fast vergessenen Eindrücken und Gefühlen anzunähern, dich auf eine Spurensuche zu begeben – und uns mitzunehmen.

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  4. Hallo, ich bin wie du der Meinung, dass der Tod zum Leben gehört und Kinder durchaus auch zur Beerdigung mitgehen können, wenn sie sich nicht mit Händen und Füßen sträuben. Meine Oma starb 1978, da waren die Urenkel 7 und 10 – und beide können sich noch daran erinnern.
    Beim Tod meiner Mutter 2013 waren andere Urenkel herangewachsen und inzwischen 7 und 12 Jahre. Sie haben dann beide das Grab mit Kastanien verziert.

    Es ist schön, dass du so an deine Omas denken kannst.
    Liebe Grüße von Clara

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    1. Das Verziehren des Grabes kenne ich auch von meiner Familie. Das was Kinder machen ist im Grunde ja nichts anderes, als das was auch wir Erwachsenen machen wenn man sich um das Grab kümmert obwohl man vielleicht gar nicht glaubt, dass es der Verstorbene noch mitbekommt. Es ist eine Art mit dem Abschied umzugehen.
      Liebe Grüße

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      1. Es war eine Baumbestattung, wo die Grabstellen ohne großen Schmuck bleiben. Wir haben alle Blumen mit ins Grab gegeben und nicht außen drauf gelegt. – Das Kastanienherz war eine sehr schöne Idee.

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      1. Stimmt, am Handy sehe ich so etwas auch nicht. – Die große Menge von Kastanien habe ich gesammelt, weil die Kinder dazu keine Zeit gehabt hätten. – Ich fand auch den Schriftzug „Uroma“ sehr schön.

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      2. Ich finde ihn auch schön. Er ist persönlich und passt zu einer Baumbestattung ganz besonders. Ich mag solche Gräber sehr gerne. Wenn man von mögen sprechen kann, aber du weißt sicher was ich meine.

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  5. Wichtig ist, dass man überhaupt Abschied nehmen kann.
    Bei meiner Exschwiegermutter konnte ich es nicht.
    Aber es gab ja Sätze und Situationen des Miteinanders, die man heranziehen kann.
    Bei meinem Sohn keine Worte.

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    1. Ganz ohne Abschied ist schwer. Leider wird man nicht gefragt und wenn man, wie du schreibst anderes als Erinnerung heranziehen kann, dann findet man vielleicht eine andere Art von Abschied.
      Dein Sohn…dafür gibt es keine Worte. Ich mag es mir gar nicht vorstellen.
      Ganz liebe Grüße.

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