Aufgetragen

In meinem ganzen Leben war ich vermutlich nur ein Mal lang so selbstbewusst, so über den Dingen stehend und so wenig Mainstream wie ich es mir vorher und später oft gewünscht habe. Es waren jene neun Monate in denen ich als Sechzehnjährige ausschließlich zwei Oberteile getragen habe. Ein enganliegendes Shirt mit kurzen Ärmeln aus schwarzem Samtimitat und ohne jeden Schnickschnack und ein als Skiunterwäsche deklariertes dünnstoffiges, freigeripptes hellblaues Unterhemd mit einem feinen roten Streifen über die Brust. Letzteres gehörte meinem Vater, wurde von mir einem Impuls folgend vom Wäscheständer genommen und noch feucht zu meinem Eigentum erklärt.  Dazu zwei Paar Jeans in einem Stadium zwischen perfekt eingetragen (meine Definition) und reif für die Tonne (Aussage meiner Mutter), sowie lachsfarbenen Chucks die ich, soweit ich mich erinnern kann, nur im Bett auszog. Chucks mit denen man aufgrund unzähliger Glasscherben durch die Isar stapfen konnte, die problemlos an den Füßen trockneten und die ich mehrmals aus dem Müll retten musste, weil Eltern nur selten die Bedeutung perfekter Turnschuhe zu schätzen wissen. Auf wenigen Fotos meiner Teenagerzeit finde ich mich hübscher als damals. Ungeschminkt, die langen Haare immer etwas zerzaust und recht zuversichtlich die nächsten sechzig bis siebzig Jahre erwartend. Wenig ist vom Teenager jener Tage geblieben. Das Unterhemd aber, das gibt es noch.

Seit Jahrzehnten liegt es ungetragen und vollgesogen mit sentimentalen Erinnerungen in jener Ecke meines Schrankes, die Kleidungsstücke beherbergt, die ich einmal sehr gerne hatte, aber beim besten Willen nicht mehr tragen kann. Das Unterhemd ist heute ein Stück Stoff, dass von meinem Vater in den Siebziger Jahren gekauft wurde, zwei Jahrzehnte auf Skipisten getragen wurde, ihm irgendwann selbst dafür zu verwaschen war,  nur noch bei körperlicher Arbeit hervorgekramt wurde und vermutlich entsorgt worden wäre, wenn seine Tochter es nicht urplötzlich zu ihrem Lieblingskleidungsstück erklärt hätte. Dort befindet sich auch eine rotkarierte Männerschlafanzughose die ich besaß weil wir mit Anfang zwanzig alle Männerschlafanzug- hosen kauften. Wenn mein Freund bei mir übernachtete, dann trug er sie und weil ich diesen Freund noch heute sehr liebe, die rotkarierte Hose aber längst fadenscheinig und kurz vor dem endgültigen Verfall steht, liegt auch sie jener Erinnerungsecke meines Schrankes und kann unmöglich weggeworfen werden. Getragen aber auch nicht – nicht wenn man Angst haben muss, dass sie die nächste Wäsche nicht mehr übersteht und dann für immer nur noch eine Erinnerung sein wird. Manche Stücke, die sich in dieser Ecke des Schrankes befinden, habe ich nie getragen. Die wunderbaren Pullover zum Beispiel, die ich beim Kauf herrlich fand, bei denen mir aber jemand sagte, dass sie mich in einen unförmigen seltsam blassen Schlumpf verwandeln würden. Zu herrlich um sie wegzuwerfen, aber zu unvorteilhaft um sie zu tragen, wurden sie dort vergessen. Oder die dicken Strickstrumpfhosen die leider nie in Mode kamen und die ich eigentlich zu Hause alleine auf dem Sofa tragen wollte und es doch nie tat. Bis zum Herbst 2020. Nicht gesehen zu werden, ist die optimale Voraussetzung für das Tragen vergessen geglaubter Lieblingskleidung. Können Sie sich vorstellen wie unglaublich bequem dicke, kaum kratzende Wollstrumpfhosen mit einem Paar selbstgestrickter Socken in Regenbogenfarben und einem Kaschmirpullover in senfgelb sind? Ich verrate es ihnen. Darin fühlen Sie sich so kuschelig geborgen wie mit einer Katze auf dem Schoß vor einem Holzofen sitzend, wenn es draußen schneit – inklusive einer sich nie leerenden Tasse heißer Schokolade. Es ist die perfekte Lockdown Kleidung. Dieser Meinung ist auch der Mann, der als einer der wenigen ab und an noch mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht und den Fundus vergessener und wieder entdeckter Lieblingskleidungsstücke von Woche zu Woche skeptischer begutachtet. Kürzlich erkundigte er sich nach meinen Ernährungsgewohnheiten während des Lockdowns und sorgte sich um meine arg blasse Gesichtsfarbe. Dass sie am Senfgelb des Pullovers lag, glaubte er erst, als ich ihn erstmals seit einer Woche auszog. Erstaunlich, sein Kommentar. Mit diesem bedachte er auch meine Ausdauer mit der ich seit Mitte November nur noch acht verschiedene Kleidungssstücke trage. Eine rotkarierte Männerschlafanzughose, Wollstrumpfhosen, einen viel zu großen, senfgelben Kaschmirpullover, ein Strickkleid mit Rollkragen aus Mailand, selbstgestrickte Socken meiner Schwägerin, ein Skiwäsche Unterhemd (das geklaute Erbstück) und eine Jeans die sich im Begriff der Auflösung befindet, vor fünfzehn Jahren aber so perfekt war, dass ich seither keine würdige Nachfolgerin gefunden habe. 

Es gibt Kleidungsstücke, die so viel mehr als Stoff und Faden sind. Ein halbes Leben steckt in ihnen und auch wenn man sie nicht mehr trägt, überdauern sie jeden Umzug und fristen ein erbärmliches Leben in einer Ecke des Schrankes, wo sie am Ende doch nur Platz wegnehmen. Meine nun nicht mehr. Sie tragen mich, ungesehen von den meisten, durch diesen zweiten Lockdown und bei jeder Wäsche, bei jedem hineinschlüpfen und jedem zusammenfalten verabschiede ich mich von ihnen. Die Strümpfe werden nach intensivem Tragen bereits ein wenig dünn und die Jeans wird bei einer der nächsten Wäschen wohl endgültig auseinander fallen. Es ist ok. Auch das Strickkleid und die Pyjamahose werden mich nicht mehr lange begleiten und wenn ich darin schlumpfig und unförmig anzusehen am Spiegel vorbei gehe, dann vermute ich, dass sich mein Freund darüber am meisten freut. Einzig das als Skiunterwäsche deklarierte dünnstoffige, freigerippte hellblaue Unterhemd mit einem feinen roten Streifen über der Brust hat es wieder in den Schrank geschafft. Allerdings nicht in meinen. Es wurde, noch feucht, vom Wäscheständer genommen und gehört nun einem anderen. 

 

 

 

 

38 Gedanken zu “Aufgetragen

  1. Das sind die Probleme beim Aufräumen und Trennen von Dingen oder Kleidung. An jedem Teil steckt eine unendliche Geschichte und man geht den Erinnerungen nach. Dann soll die Entscheidung fallen und man weigert sich auf diese Erinnerungsstücke zu verzichten auch wenn sie den Schrank überfüllen….. Wunderschön geschrieben. tom

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  2. Mitzi, als ich das hier las: „… und die ich mehrmals aus dem Müll retten musste, weil Eltern nur selten die Bedeutung perfekter Turnschuhe zu schätzen wissen“ hätte dich gleich und sofort mein Sohn umarmt und dir bestätigt, dass er auch unter so einer Mutter leiden musste, die noch vollkommen brauchbare Turnschuhe, die nach meiner Meinung nur noch aus Löchern bestanden, weggeworfen hat. Ich weiß nicht mehr, ob er sie noch „retten“ konnte oder ob er tatsächlich wochenlang mit mir geschmollt hat, weil irreversibel.
    Und tschüss sagt Rabenmutter Clara

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    1. Du liebe Rabenmutter, ich glaube da haben immer beide Recht. Das Kind, weil die Turnschuhe noch nicht ganz zerfallen und man so sehr an ihnen hängt – und die Mutter, die neutraler darauf blickt und erkennt, dass das kein vernünftiger Schuh mehr ist 😉

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      1. Hösi, mit Mode Treffen sie bei mir auf taube Ohren. Ich weiß, dass nicht meine Schwägerin Ausgelacht hat, weil ich noch Hosen mit einem breiteren Hosenbein getragen habe. Mode ist mir wirklich fast egal. Aber zerlumpt und zerrissen dürfen Schuhe Für mich nicht sein und damals auch nicht für meine Kinder.

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      2. Verzeihung für das „Hösi“ – am Handy spreche ich ja alle meine Kommentare und lese danach nicht immer Korrektur – und nach dem Erscheinen konnte ich nichts mehr verbessern.
        Aber ich stimme mit ihrer Meinung überein!

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      3. @ Clara

        Liebe Clara,
        als ich Hösi las, musste ich herzlich lachen. Und passt es nicht vorzüglich zum Thema?
        Man könnte meinen, in Ihrem Handy ist die Künstliche Intelligenz schon drinnen… 😉
        Herzliche Grüße
        Hösi… äh Herr Ösi

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  3. Wie du aus dem gebrauchten Zeug so herrliche Geschichten schreibst, ist das eigentliche Wunder, liebe Mitzi. Ein wenig sorge ich mich um das Unterhemd. ich hoffe, der oder die neue Besitzer-in weiß es gebührend zu schätzen, auch wenn er-sie die Geschichte nicht kennt und ihr nicht „sentimental“ verbunden ist? Ähnliches dachte ich heute, als ich im Haus einer Freundin war, die es seit 20 Jahren bewohnt, aber das Haus ist mindestens 200 Jahre alt. Da kommen Geister sie besuchen – und sie weiß überhaupt nicht, um wen es sich handelt.

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    1. Der neue Besitzer wird von mir streng überwacht und ich will nicht ausschließen, dass das Unterhemd früher oder später zu mir zurück wandert. Geschichten von alten Häusern sind spannend. Die eine oder andere will man vielleicht gar nicht wissen, aber ich habe oft das Gefühl, dass ein kleines Bisschen von alten Bewohnern in den Mauern hängen bleibt.
      Auf die Geschichte kam ich weil hier im Blog momentan viel über die eigenen Räume geschrieben wurde und mir ein Buch „Abenteuerliche Reise durch meine Zimmer“ empfohlen wurde. In diesem Fall stupste mich der Gedanke also von außen an.

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  4. Danke für diese wunderbare Modenschau, die die Berliner Fashion Week definitiv um Längen schlägt. Eine Ecke mit ehemaligen Lieblingssachen, die ich nicht mehr trage, habe ich auch. Leider bietet mir auch der Lockdown keine Chance, sie mal wieder anzuziehen. Ich würde in den Klamotten Atemnot bekommen – auch ohne Corona. So ein Mist!

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  5. Liebe Mitzi,
    Deine Schilderung, wie Du Klamotten aufträgst, finde ich anziehend, ich meine ansprechend. Zu modischen, generationellen und narrativen Fragen haben sich die vorangehenden Kommentare schon geäußert.
    Hier mag ich gerne ergänzen, dass Du Dich mit dem Auftragen alter Schätze bewahrend und umweltfreundlich kleidest. Oft genug halten sich die älteren Sachen deutlich besser als Neuware. Und sie sind liebgewonnen wie gute alte Freundschaften.
    Schöne Grüße
    Bernd

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    1. Lieber Bernd, das ist mir auch schon aufgefallen. Das Unterhemd zum Beispiel…manches heute überlebt kaum 20 Wäschen. Und auch wenn es diesmal unabsichtlich war, gefiel mir der Gedanke ein Jahr mal wenig neues zu kaufen. Etwas, das mir sonst leider viel zu selten gelingt. Vielleicht trägt Corona dazu bei, dass ich es künftig öfter schaffe.
      Viele Grüße

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  6. Ich bin da leider immer etwas radikaler, um dann nach gut 6 Monaten oder einem Jahr zu denken, hej, wo ich eigentlich der lange, rote Samtrock hin … tja, ich glaub ich mache mir jetzt auch so eine Ecke im Schrank.
    Eine wieder wunderbar geschriebene Geschichte aus deinem Leben, ob nun real oder fiktiv!
    Herzliche Grüße
    Ulli

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  7. ❤ ich habe einen haufen bandshirts, die so ein dasein fristen. zu schade und wertvoll, um noch getragen zu werden, da die prints das oftmalige waschen nicht überstehen. erinnerungen an konzertwinter und festivalsommer, weit weg von pandemie und anderen großen dingen die einem erst passieren wenn man "erwachsen" ist. ich beneide dihc allerdings sehr drum, dass du noch in deine jeans von vor 15 jahren reinpasst.

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    1. Das eine oder andere Kleidungsstück kann ich auch nicht auftragen. Das will ich tatsächlich behalten, einfach als Erinnerungsspeicher. Ich würde mich übrigens auch sehr freuen wenn wir uralte Jeans noch passen würden. Gerade in Corona Zeiten. Diese allerdings stammt aus einer Zeit wo ich recht mopsig war und weit geschnitten war. So viel Ehrlichkeit muss sein 😂

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