Geschichtsträchtig

Schön, oder? Frage ich Herrn Mu an der Bushaltestelle und deute auf die sanft fallenden Schneeflocken. Herr Mu schüttelt den Kopf und ich muss ihm genauer als sonst in die Augen zu sehen um dort das Grinsen zu entdecken, das ohne FFP2 Maske die Hälfte seines Gesichtes eingenommen hätte. Na, recht greißlig ist es, meint er und dann, dass Schnee in der Stadt eigentlich nie schön sei, weil man ihn der Gelegenheit beraube die Scheußlichkeit der betonierten Straße zu überdecken. Das stimmt und dennoch gefallen mir die dicken Flocken die es vom Himmel schneit. Wenn sie sich anstrengen, dann bleiben sie auch auf der Straße liegen. Unser Viertel gehört zu jenen in denen der Schneepflug immer zuletzt vorbei kommt. Das ist greißlig, wenn man alt und wacklig auf den Beinen ist, aber ziemlich schön, wenn man gerne durch verschneite Straßen läuft. Ich verbringe meine Mittagspause bei Herrn Mu an der Bushaltestelle. Seit so viele im Homeoffice sind, fehlt es ihm dort an Gesprächspartnern und mir an Geschichten aus Bus und Bahn.  Weiterlesen

Anders Weihnachten

Weihnachten ist mir heilig. Da bin ich kompromisslos. Es ist mir schnuppe, ob sich die ganze Welt über den Konsumrausch oder den fehlenden Schnee echauffiert. Ab dem ersten Advent bin ich in Weihnachtsstimmung. Keinen Tag eher und keinen Tag später. Weihnachten ist mir heilig. Der Wahnsinn drum herum ist mir egal. Von meinem Weihnachten habe ich eine klare Vorstellung. Es gibt fünf Fixpunkte: Der Baum – die Kirche – der Brunch mit Freunden – der eine Freund aus Italien – der familiäre Wahnsinn. Diese fünf Dinge müssen sein. Alles andere zu planen wäre sinnlos. Die Katastrophen, das Schöne und das Schlimme im Leben fragen nicht nach Weihnachten. Sie kommen einfach. Springen einen hinterrücks an und werfen einen zu Boden. Man muss sie dann um diese fünf Punkte herum drapieren.

Bis zum 24.12.2019 wäre mir kaum etwas eingefallen, was mein Weihnachten ändern sollte. 2020 hat gezeigt, dass sich binnen weniger Monate alles ändern kann. 

Seltsam ruhig war es gestern Abend. Das dröhnen der Weihnachtslieder in der Kneipe unter mir fehlte. An hl. Abend wird es selbst in einer Münchner Fußballkneipe ruhig, am Vorabend dagegen nie. Vielleicht fiel es mir deshalb so unangenehm auf, wie ruhig es auf der Straße nach neun Uhr abends jetzt ist. Die Sirene eines Krankenwagens wirkte in der ausgestorbenen Stadt noch schrill und bedrückend und nur die Kerzen am eben aufgestellten und geschmückten Christbaum konnten das hässliche Geräusch mit ihrem warmen Licht übertönen. Gestern Abend hörte man in meiner Straße nur wenig – heute Abend vermutlich gar nichts. In meiner Wohnung wird es besonders still sein. Ich hoffe es wird eine weiche und warme Stille sein, vielleicht aber auch eine unangenehm laute und kratzige. Ein so stilles Weihnachten kenne ich nicht und ich vermisse das Chaos, das mich seit Jahrzehnten durch diesen Tag trägt. Schöne Weihnachten schreiben meine beiden älteste Freundinnen, die ich seit dem Sandkasten kenne und schicken augenzwinkernd Fotos vom Chaos ihrer Kinder, die den Abend nicht erwarten können. Ich verstehe den Hinweis. Mir ist es zu ruhig, sie könnten besonders nach den letzten Wochen gut eine Stunde Ruhe vertragen. Egal in welcher Konstellation wir den heutigen Tag verbringen – er ist ungewohnt und anders. Heute werden wir uns nicht in der Kirche um die Arme fallen. Der erste Punkt meiner unumstößlichen Weihnachtstradition ist ersatzlos gestrichen.

Kurz vor zehn und ich sitze noch im Schlafanzug bei der dritten Tasse Kaffee vor dem Adventskranz und höre Radio. All die Jahre davor stand ich um diese Zeit im Bad, hatte die Zahnbürste im Mund und trug mit frisch aufgetragenen Nagellack einen Kampf mit meinen Haaren aus. Die störrischen Haare gewannen immer und ich nehme es ihnen übel, dass sie ausgerechnet heute perfekt fallen ohne dass ich sie auch nur gekämmt hätte. Heute Vormittag sieht sie keiner. Der Brunch mit Freunden, bei dem wir uns Jahr für Jahr in der selben kleinen Wohnung versammeln und ich mich immer frage, wie so viele Leute überhaupt hineinpassen, fällt aus. 40 Menschen aller Altersgruppen auf ebenso viele Quadratmeter zu pressen, ist immer Wahnsinn – bisher ein herrlicher, dieses Jahr ein dummer Wahnsinn. Wir werden uns über Zoom sehen. Ich sie, sie mich nicht, da die Kamera an meinem Rechner kaputt ist. Ich bleibe im Schlafanzug, werde der Tradition halber aber natürlich mit einem Glas Champagner mit allen anstoßen und alleine vor dem Bildschirm sitzend mit ihnen „Last Christmas“ und „War is over“ singen. Wüsste man nicht, dass dies der Ersatz für meine zweite unumstößliche Weihnachtstradition ist, müsste man sich Sorgen machen. Vormittags mit einer Pulle Schampus alleine im Schlafanzug Wham Lieder grölen – das klingt nach einem emotionalen Zustand nahe des Abgrunds. Vielleicht beschreibt es das nahe Ende dieses Jahres aber auch besser als alles andere. Hoch die Tassen, da kommen wir jetzt auch noch durch! 

Wenn meine Freundinnen denken, Weihnachten mit ein bis zwei Kindern ist anstrengend, dann lächeln meine Schwestern milde. In unserer Familie ist es nicht anstrengend, aber der Höhepunkt eines wunderschönen familiären Chaos. Dieses Jahr nicht. Selbst bei großzügiger Auslegung der gelockerten Kontaktbeschränkungen an den Feiertagen, würden wir diese mit Leichtigkeit sprengen. Wir sind viele. Sehr viele. Zu viele für 2020. Dennoch sind sie da und nur das macht es erträglich, sie dieses Jahr nicht zu sehen, weil wir uns aufteilen müssen. Das und die Tatsache, dass ich Nachmittags zu meinen Eltern fahre und weiß warum ich die letzten zwei Wochen wirklich fast niemanden mehr getroffen habe. Die zwei sind die wichtigsten und weil ich ahne, dass wir es auch zu dritt schaffen ein schlichtes gemütliches Essen in familiäres Chaos zu verwandeln. Darin sind wir gut – der dritte Punkt meiner unumstößlichen Weihnachtstradition ist gesichert. Heute Nachmittag ist es bis neun Uhr (nächtliche Ausgangssperre – ich versuch noch die richtige Betonung zu finden, um es etwas weihnachtlicher klingen zu lassen) ist es nicht ruhig und das ist gut so, denn danach wird es wieder sehr still. Die Nachbarskinder werden nicht klingeln und mir ihre Geschenke zeigen und mein Nachbar Paul wird nicht um Wein, Salz oder Schokolade bettelnd vor der Tür stehen – sie sind bei ihren Eltern, die sie in diesem Jahr viel zu selten gesehen haben. Als Ausgleich hingen in der Stille unseres Hauses ungewöhnlich viele Tütchen mit kleinen Geschenken an den Türen. Das Jahr hat uns gezeigt wie gern wir uns alle haben und unter meinem Baum lagen selten so viele Päckchen wie heuer. Der Baum….der vierte Punkt unumstößlicher Weihnachtstradition. Selten war er mir wichtiger und doch macht er mich ein wenig traurig.

Der mutigste meiner Freunde wird nicht kommen. Er ist dort wo ich dieses Jahr zu selten war – in seiner Wohnung am Meer in Italien – und kann nicht zu mir und seiner Familie. Er ist der fünfte und vielleicht der wichtigste Punkt meines Weihnachtens. Er gehört zu den Menschen mit denen ich Weihnachten auch in einem überfüllten Zug bei Neapel, einer sterilen und hässlichen Küche, bei zerstrittenen Freunden oder frierend in einer Wohnung ohne Heizung glücklich wäre. Wir haben es getestet, alles davon. Ein paar Bilder davon unten. Vielleicht wird er mir den Hals umdrehen wollen, weil ich sie öffentlich poste. Egal. Bis der Lockdown vorbei ist, wird der Wunsch verflogen sein. 

Anders Weihnachten…seltsam, nicht wahr? In einer meiner Weihnachtskarten steht: „Ein ganz besonderes Jahr neigt sich dem Ende zu…Wir haben gelernt, fünf statt drei Bälle zu jonglieren, mit den Augen zu lächeln, uns auf Distanz nah zu sein und uns über Selbstverständlichkeiten zu freuen.“ In diesem Sinne wünsche ich Ihnen trotz allem oder gerade wegen allem, frohe Weihnachten. Anders, aber wir werden es uns schön machen. Weihnachten ist Weihnachten ist Weihnachten. Das lassen wir uns von einer dummen Pandemie nicht nehmen. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss den Champagner entkorken und mich schleunigst in eine Weihnachtskleidchen werfen und etwas herrichten – die Chance, dass Facetime Anrufe kommen ist mir dann doch etwas zu groß. Schick und hübsch mit einem Gläschen in der Hand alleine – das ist charmant. So wie ich hier gerade sitze, der Anfang vom Ende. Und das ist noch lange nicht erreicht – das Ende! Durchhalten! Eine Umarmung aus München und herzliche Grüße.

 

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November – da müssen wir durch

Rückblickend, war der Oktober ein einziges großes Glück. Ich konnte einen Großteil der wegen Corona verschobenen Lesungen nachholen und galoppierte fünf Wochen lang durch das, was eigentlich auf ein halbes Jahr verteilt gewesen wäre. Atemlos wäre das Wort, das ich wählen würde, müsste ich diesen Monat beschreiben und es wäre durchaus positiv behaftet. Negativer, das gleiche Wort einen Monat später. Ich fühle mich ein wenig, als hätte jemand auf die Stopptaste gedrückt und uns zurück in den Frühling geworfen. Zurück auf Start, aber im Wissen, dass die zweite Runde um einiges härter als die erste werden wird. Der November hat gerade erst angefangen und doch schon so viel bereit gehalten, dass es leicht für den Rest dieses Herbstes reichen würde. Mein Freundeskreis befindet sich abwechselnd in Quarantäne, mindestens ein Kindergarten- oder Schulkind kann muss gerade immer zu Hause bleiben und jeder hat nun schon Coronafälle im näheren Bekanntenkreis gehabt. Bis jetzt ist hier bei mir und meinem Umfeld alles gut gegangen, aber dieser Herbst hält uns auf Trapp und macht es uns schwer, frei zu atmen. Und wenn man es doch einmal tut, dann hört man von Menschen, die fern sind und doch sehr nahe stehen, dass sie in Wien so großes Glück hatten, dass einem ganz schlecht wird. Er macht es uns nicht leicht, dieser Herbst und auch der Winter flüstert schon leise, dass man sich besser auf holprige und ungewohnte Feiertage einstellen sollte.  Weiterlesen

Herbstkerzen

Heute Nachmittag kommt er in den Keller, verspreche ich meiner Nachbarin, als wir uns im Laubengang treffen und deute auf den Sonnenschirm. Ohne das wir uns je abgesprochen hätten, ist sie es, die sich seit Jahren um die Bepflanzung unseres gemeinsamen Laubengang-Balkons kümmert, während ich den Rest übernehme. Viel ist es nicht, aber das wenige wechselt mit den Jahreszeiten und dieses Jahr bin ich spät dran. Den Sonnenschirm zum Beispiel, hätte ich schon Anfang September  in den Keller räumen können. Als ich aus Italien zurück kam und mit den Koffern in der Hand vor meiner Wohnungstür stand, erreichten die Sonnenstrahlen gerade noch eine Ecke unseres gemeinsamen grünen Wohnzimmers. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Tag ein wenig wehmütig an die vielen Frühlings- und Sommertage zurück dachte, die hinter mir lagen. In diesem verrückten Coronajahr war unser kleiner Laubengang wichtiger als je zuvor. Er verband uns mit den Nachbarn und als wir uns mit kaum jemand treffen konnten, legten meine Nachbarin und ich unsere Haushalte zusammen, um uns dem Wahnsinn gemeinsam entgegen zu stemmen. Trotz allem war es ein schöner Sommer und wir genossen den Frühling so gut es ging, während die Welt still stand. In den kommenden Wochen vergaß ich den Sonnenschirm. Bis März brauchen wir ihn nicht und doch habe ich ihn noch immer nicht in den Keller geräumt. Heute werde ich ihn nach unten bringen und – auch wenn es noch zu früh ist – nach der Lichterkette suchen. Wenn die Tage kürzer werden, leuchtet sie ab halb fünf vor meinem Küchenfenster und taucht den winterlichen Laubengang in ein gemütliches Licht. Ein Licht, das Geborgenheit ausstrahlt und ein kleiner Ersatz für ein fehlendes Kaminfeuer ist. In diesem Herbst werde ich sie etwas früher anbringen. Geborgenheit werden wir brauchen, das spüren wir schon jetzt. Weiterlesen

Immer – nur nicht 2020

Es gibt Tage, die sind immer gleich. Egal wie alt man ist, egal wie das restliche Jahr sich gestaltet, an diesen wenigen Tagen im Jahr ist alles wie immer. Es sind Tage, auf die man sich verlassen kann. Tage, die seit Jahrzehnten vielleicht nicht identisch, aber doch sehr ähnlich verlaufen und einem durchschnittlich verrückten Leben das Minimum an Planungssicherheit und Verlässlichkeit geben, das es braucht. In diesem Jahr gibt es sie nicht. Im Jahr 2020 werden selbst jene Tage, auf die man sich sonst felsenfest verlassen konnte, einfach weggespült. Heuer kann man sich auf nichts verlassen und heute spüre ich es auf unangenehme Weise überdeutlich. Weiterlesen

Wurfsendung und Weinschorle

Den besten meiner Freunde erkenne ich immer. In rauchgeschwängerten, dampfigen und unübersichtlichen Clubs; mitten in einem Rapsfeld stehend; im Fasching mit eine tief ins Gesicht gezogenen Hutkrempe und am Marienplatz zwischen tausenden von Touristen. Selbst wenn er gestern nicht alleine vor dem Kino am Sendlinger Tor gestanden wäre, hätte ich ihn trotz Sonnenbrille und Mundschutz erkannt. Seine 193 Zentimeter sind mir vertraut und es braucht mehr als zehn Corona-Wochen um sich fremd zu werden. Am 15. März lag er auf meinem Sofa als ich spät abends eine E-Mail las, die von Kollegen zu Kollegen geschickt wurde und deren Inhalt uns an diesem Sonntag vor zehn Wochen noch erstaunte. Der beste meiner Freunde lümmelte neben mir, als wir überraschend und sehr konsequent ins Home Office geschickt wurden. Passend und stimmig, dass ich die erste Weinschorle „draußen“ mit ihm trinke. In den vergangenen 25 Jahren haben wir uns schon öfter zehn Wochen lang nicht gesehen. Das Leben kam dazwischen, das kann passieren. Dass wir uns zwei Monate lang nicht sehen konnten und durften, war neu. Neu auch, dass wir uns zur Begrüßung nicht umarmten. Auch wenn es bei ihm und mir vermutlich ungefährlich ist. Meine Wange (mit Sommerflachen Schuhen) wäre bei ihm gerade mal auf Brusthöhe und wenn man kurz die Luft anhält, dann…..wir haben es gelassen.  Weiterlesen

Andersostern

Dieses Jahr fällt Ostern aus, schreibt mir eine und ich ärgere mich über die Engstirnigkeit dieses Satzes. Es fällt nicht aus, weil es gar nicht ausfallen kann und es ihm, dem Osterfest wahrscheinlich herzlich egal ist, ob man große Teile der Weltbevölkerung unter Hausarrest gestellt hat. Natürlich wäre es schön heute mit den Eltern zusammen zu sein. Die meinen vermisse ich an diesem Ostersonntag sehr. Und ganz sicher werde ich es morgen bedauern nicht mit den Geschwistern, Nichten und Neffen und dem beständig wachsendem Anhang der Heranwachsenden einen Tag familiären Chaos und übersprudelndem Familiengefühls zu genießen. Dennoch…Ostern ist auch dieses Jahr. Anders. Vielleicht, ganz sicher sogar, nicht so schön, aber es ist. Hier in München hat es Nachsehen mit uns und schenkt uns einen Frühlingstag der schöner nicht sein könnte. Freilich wäre es an der Isar, im Wald oder in den Bergen noch etwas schöner, aber heute muss man eben nehmen was man hat. Löwenzahn an Häuserecken und blühende Bäume und Büsche. Aus Sturheit optimistisch? Ja und dieses Jahr auch aus Trotz. Weiterlesen

Guarnizioni – grazie Maria!

Googelt man München erfährt man, dass München am 48. Breiten- und am 11. Längengrad liegt. Dem Durchschnittsmenschen sagt das wahrscheinlich nichts, trotzdem könnte man meine Heimatstadt theoretisch recht gut geographisch verorten. Viel besser und richtiger beschreibt es aber Thomas Grasberger. Der hat in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für München“ nämlich recht gut erkannt, dass München dazu neigt, seine Lage und Größe – abhängig von der Jahreszeit – zu verändern. Jetzt in den Osterferien zum Beispiel, erstreckt sich München bis an den Gardasee. Befinden sich kurz vor Weihnachten die meisten Münchner am Nachmittag in der Nähe des Marienplatzes sind sie jetzt im April in Riva, Torbole, Garda oder Bardolino zu finden. Das Zentrum Münchens liegt also am Ostufer des Gardasees. Da kann der Italiener noch so sehr darauf pochen, dass es sich bei den genannten Orten um italienische Dörfer handelt – spätestens wenn er die Uferpromenade entlang schlendert, muss er zugeben, dass Bayern in den Sommermonaten beträchtlich an Fläche gewonnen hat. Normalerweise. Dieses Jahr nicht. Dieses Jahr, Corona sei Dank, bleibt München bei seiner Fläche von etwa 311 Quadratkilometern. Da kann´s schon mal a bisserl eng werden, jetzt wo die Grenzen zu sind. Nicht einmal mehr nach Garmisch, Mittenwald oder Kufstein können wir ausweichen. Und bevor Sie mich korrigieren, ich weiß, dass Kufstein in Österreich liegt, aber eben auch nur theoretisch. Ab Frühling (vor Corona) ist es ein Vorort von München. Der Österreicher sieht es anders, aber mei…es ist wie es ist. Daheim bleiben sollen wir, heißt es, und wir fragen uns wie das gehen soll, wenn daheim am April doch erst nach dem Brenner so richtig anfängt. Weiterlesen

Corona Home Office XV

Die vierte Woche ist besser als die dritte. Mein Nachbar Paul behauptet, es sei die bisher beste. Jetzt gerade in diesem Moment empfinde ich es auch so. Es ist eine gute Woche, wenn es einem gelingt auszublenden, dass uns die Heimarbeit von unseren Firmen nicht als Geschenk, sondern als Schutz vor einer unsichtbaren Gefahr verordnet wurde. Die dritte Woche war unschön. Fast alle die ich kenne, empfinden es so. Die erste Woche surreal, die zweite ganz ok, die dritte aber in dem Bewusstsein, dass die Einschläge dichter werden und näher kommen. In Italien starb ein Vater von einer, hier in München liegt die Mutter von einem auf der Intensivstation und es fällt einem schwer tröstende Worte zu schreiben. Längst ist Corona nicht mehr weit weg und egal wie sehr die Augen zusammen gekniffen werden, man spürt, dass man mitten drin hockt. Besonders bedrückend waren die Mittagspausen, die man – auch in Bayern noch erlaubt – draußen verbrachte, um alleine durch das stille Viertel zu laufen. Blühende Büsche, zartgrüne Bäume und knallgelbe Löwenzahnblüten zwischen Gehwegritzen verhießen einen schönen Frühlingstag. Gegen die unzähligen Schilder an Türen und Schaufenstern kamen sie nicht an. Wegen Corona geschlossen, klärten sie auf und fast auf jedem wurde dem Vorbeigehenden gewünscht, dass er doch bitte gesund bleiben möge. Imperativ. Bleiben Sie gesund! Wir versuchten es. Die dritte Woche war unangenehm.  Weiterlesen

Corona Home Office X

Gestern Mittag habe ich gegen die Wand geklopft, um zu sehen, ob nebenan noch einer ist. Es war ein wenig arg ruhig in meiner Wohnung. Nach zwei Wochen fast ein wenig zu ruhig. Nach 14 Tagen bin ich soweit zuzugeben, dass mir der Krach einer Kollegin fehlt. Einer, die ich sonst im Türrahmen meines Büros stehend frage, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat und ob es wirklich nötig ist, die Schubladen in der Kaffeeküche des Büros mit einer Hüftbewegung zu zuknallen. Sie muss gespürt haben, dass sie mir fehlte, den genau zu dem Zeitpunkt wo sie sich sonst ein Brot in der Küche schmiert hat sie mich angerufen und mir die grundlegenden Funktionen vom Teams Videoanruf erklärt.

  1. Die Küchentür im Hintergrund hat geschlossen zu sein, wirkt professioneller.
  2. Die Kamera am Laptop muss ich nicht mit dem „zum direkten Verzehr geeignet“ Aufkleber der Avokado zupappen – sie hat einen Schieber vor der Linse.
  3. Lässt sich die Küchentüre hinter dem Schreibtisch aufgrund des über zwei Wochen gesammelten Altpapiers nicht mehr schließen, kann man den Hintergrund weichzeichnen lassen.
  4. Punkt 3. gilt nur für den Hintergrund und leider nicht für die Person die vor dem Laptop sitzt.

Danke. Auch für das laute Lachen am anderen Ende der Stadt. Nachdem ich die Schubladen und Schranktüren in meiner Küche alle drei Mal laut scheppernd zugeschmissen haben, vermisste ich sie gleich etwas weniger. Ich mag sie nämlich wirklich, weil ich Menschen ohne Filter grundsätzlich sehr gerne habe. Die Kollegen sind noch da. Das ist schön. Um Teile meines Freundekreises mache ich mir mehr Sorgen.

Der beste meiner Freunde ist gerade auf Facebook online und teilt seine neusten Erkenntnisse. Er schreibt, dass er ein Sonnenstrahl an einem bewölkten Tag ist. Er ist wie das Meer, schreibt er, aufregend anzusehen, aber gefährlich, wenn man ihn wütend macht. Es ist kurz vor neun und ich teile unter seinem Post meine neuste Erkenntnis: „Die Ausgangsbeschränkung verleitet uns dazu seltsame Dinge zu tun.“ Anders ist es mir nicht zu erklären, dass auf Facebook gerade Stadt-Land-Fluss mit dem Anfangsbuchstaben des Namens gespielt wird. Ohne zu googeln steht da. Man muss schon ein bisschen nachdenken, damit einem ein Name mit dem Anfangsbuchstaben des eigenen Vornamens einfällt. Geschenkt, wir haben einfach zu viel Zeit. Zeit genug um „Klicke auf deine Geburtsperle und offenbare deinen dominantesten Chrarakterzug“ auf Facebook zu spielen. Ok, der seine ist Stärke. Und er ist ein Sonnenstrahl an einem bewölkten Tag. Das stimmt sogar. Für mich ist er das. Auf meine Geburtsperle (am Rande….was für ein herrliches, bescheuertes Wort….Geburtsperle. Ob man damit bei Scrabble durchkommen würde?) klicke ich nicht, sage ich dem der ab und zu mit einem Glas Wein vor meiner Türe steht am Telefon. Er gähnt und zuckt mit den Schultern (Facetime…) Ich kann ruhig klicken, sagt er. Seit ich Oliver Pocher bei Instragram folge, sei eh schon alles zu spät. Er schläft noch eine Runde und ich denke über seinen letzten Satz nach. Oliver Pocher….das ist nur noch einen Klick von Mario Barth entfernt. Zwei Wochen….langsam wird es eng. Meine Geburtsperle würde mich nun doch interessieren. Kann man da anklicken, ohne das die anderen das sehen?