Und wenn die Welt untergeht!

Ohne die verdammte Pandemie würde ich jetzt am Meer sitzen. Nein, stehen – in Cogoleto regnet es gerade. Das wäre mir sehr wahrscheinlich aber völlig egal. Nachdem ich die Fahrt fünf Mal verschieben musste, wäre mir heute alles egal, weil ich endlich wieder am Meer stehen würde. Gegen elf Uhr wäre ich angekommen und hätte bis jetzt mindesten schon fünf Kaffee getrunken und wäre vier Kilometer am Strand bis Arenzano entlang gelaufen. Bei jedem einzelnen Kaffee hätte ich eine SMS an meinen Freund geschrieben und gefragt wie lange er noch arbeiten muss und ihn gleichzeitig gebeten langsam zu fahren, weil die Straßen nass und glitschig sind. Ich hätte ihn tierisch genervt und Ausschau nach Menschen gehalten, die ich bereits kenne. Wäre mir wider Erwarten doch langweilig geworden, wäre ich in jene Metzgerei gegangen in der ich vorletztes Jahr wie eine Idiotin gehackten Hund bestellt habe. Irgendwann muss ich dort noch klarstellen, dass ich diese zwei Worte – Fleisch und Hund – seit zwanzig Jahren verwechsle und das nichts mit einen Italienischkenntnissen zu tun hat. Vielleicht hätte ich heute die Chance und das schlechte Wetter genutzt. Stattdessen sitze ich auf meinem Balkon in der Sonne, überlege schon wieder ob der Hund nun Carne oder Cane ist und habe meinen Besuch wieder verschieben müssen. Das erste Mal ist es mir egal. Es ist egal, weil ich in sechs Wochen in Italien sein werde. Und wenn wir dann mitten in der vierten Welle stecken, ist mir auch das egal – in sechs Wochen bin ich unten. Und wenn die Welt untergeht, ich fahre!

Heute wäre es eh nix gewesen. 16 Grad und Regen. Da ist es hier mit 20 Grad und Sonne schöner. Zweckoptimismus? Vielleicht. Aber heute ist es wirklich ok, schreibe ich dem mutigsten meiner Freunde, weil wir uns in sechs Wochen ja sehen. Das erste Mal schalte ich das Radio nicht ab, wenn ein italienisches Lied kommt und traue mich an die alte Playlist heran. Sechs Wochen sind nicht lange. Ein Wimpernschlag. Blödsinn. Sechs Wochen sind verdammt lang, aber heute würde es ja eh regnen und in sechs Wochen regnet es sicher nicht und wenn, dann wärmer. Heute morgen habe ich das erste Mal nicht die Augen zugemacht als das verdammte Autobahnschild auftauchte. Keine halbe Stunde auf der Autobahn und schon ist der Brenner und Verona angeschrieben. Das letzte halbe Jahr habe ich es gehasst. In Zeiten der Corona Pandemie sind es hässliche Schilder. Kurz vor unserer Hütte ist die Autobahn leer. Ein paar Pendler, ein paar Bewohner der Grenzorte und LKWs. Für alle anderen ist Endstation. Das schöne Gefühl von früher, jetzt einfach weiterfahren zu können, ist einem lauten und kalten STOPP gewichen. Sehnsucht ist ein Scheißgefühl. Obwohl…Sehnsucht war ein Scheißgefühl. Sechs Monate lang, seit heute nicht mehr. Auch die Gleise unter der Brücke über die ich vorhin ging, mag ich wieder. Sie führen direkt nach Österreich, über den Brenner und nach Verona. In den letzten Monaten war für mich in Kiefersfelden Endstation, aber in sechs Wochen…. Es sind schöne Gleise und das leichte Ziehen im Bauch fühlt sich wieder gut an. Für mich – für meine Umfeld wird es jetzt wieder etwas anstrengend werden. Um sie vorzuwarnen, schreibe ich in alle WhatsApp Gruppen, dass ich in sechs Wochen nach Italien fahren werde. Notfalls mit dem Rad, wenn es sein muss mit dem Firmennotebook im Rucksack, aber fahren werde ich und das teile ich jetzt allen mit. Ausrufezeichen. Die ersten nach oben gestreckten Daumen nach oben kommen als Antwort. Bei Bedarf würde der eine oder andere mich persönlich runter fahren, wird angeboten. Was freundlich klingt, bedeutet zwischen den Zeilen, dass sie das Sehnsuchtsbündel in ihrer Mitte gerne großzügig weiterreichen würden und ich längst anstrengend geworden bin. 

In Cogoleto hat der Regen nachgelassen und in München ziehen Wolken auf. Das ist ok. Vielleicht nutze ich das schlechte Wetter um die Sommersachen aus dem Keller zu holen. Die ersten Tropfen fallen und die App auf meinem Handy sagt, dass sich in Ligurien gerade die Sonne durch die Wolken schiebt. Wäre ich dort, würde ich jetzt einen Aperitif trinken und noch mal fragen, wie lange der mutigste meiner Freunde arbeiten muss. Bevor es richtig zu regnen beginnt laufe ich noch einmal zur Brücke in meinem Viertel. Die Gleise dort führen direkt nach Italien und ich will sicher sein, dass sie noch immer da sind. Sechs Wochen. Und wenn die Welt untergeht – in sechs Wochen fahre ich. 

24 Gedanken zu “Und wenn die Welt untergeht!

  1. Ich habe nicht ganz verstanden, warum dich einer fahren soll, aber nach Italien kanns du in sechs Wochen ganz sicher! Ich drücke die Daumen, dass nicht irgendwas dazwischen kommt, dein Impftermin zum Beispiel. Dieser in den Sternen stehende Termin hält uns derzeit davon ab, konkrete Pläne für August in die andere Richtung zu machen, mich zieht es nach Deutschland, zu meiner Mutter und meiner Familie.
    Saluti e a presto in Italia!

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    1. Sie meinten damit, dass sie mich auch gerne selbst nach Italien fahren, um sich mein Gejammere, dass ich runter möchte nicht mehr anhören zu müssen ;). Ich denke auch, dass es in sechs Wochen wieder geht. Die Daumen sind gedrückt, dass du bald in die andere Richtung aufbrechen kannst. Saluti 🙂

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  2. Was für ein Blödsinn auch, was für eine Barbarei: seit sechs Monatn sind in der EU Landesgrenzen; die wir schon vergessen hatten, unpassierbar geworden. Und das wegen eines Virus, der sich an Landesgrenzen nicht hält. So als ob der bayrische und der italienische Virus unterschiedliche Sorten wären. Bei uns hier in Griechenand ist seit gestern wieder erlaubt, von einem Nomos zum andern zu fahren. wie großzügig. ich darf also wieder nach Athen. Auf die Inseln freilich nur nach Tests. Oder nach ner Impfung. Wie ich all diese Maßnahmen hasse! Sie sind so sinnlos.

    also in sechs Wochen – möge es so sein! Doch nachdem wir alle diese Politik geduldet haben, würde es mich nicht wundern, es passiert was anderes, was uns am Reisen hindert. .

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    1. Sollte etwas dazwischen kommen, dann werde ich mit dem Fahrrad durchs Dickicht krabbeln, Gerda. Ich muss einfach diesen einen Freund umarmen und das wird klappen. Wollen wir hoffen, dass bald echte Normalität einkehrt. Ohne Tests und ohne An- und Abmeldungen.

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  3. Was sind schon sechs Wochen im Vergleich zu der langen Zeit, die du schon ohne ausgekommen bist? Ich sage: Der Endspurt ist immer am härtesten. Aber sechs Wochen schaffst du! 😃
    Und „cave canem“ – Hüte dich vor dem Hund – kommt ganz ohne r aus. Also cane (Hund), nicht carne (Fleisch). So merke ich mir den Unterschied. Ob das jetzt verständlich war? 🤔 Auf alle Fälle habe ich damals bei diesem Satz im Lateinunterricht aufgepasst. 😄

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    1. Stimmt auch wieder 🙂 Die bekomme ich jetzt noch rum. Aktuell versuche ich mir zu merken, dass Hund weniger Buchstaben als Fleisch hat und deshalb das r beim Hund fehlt. Während ich das schreibe, merke ich wie bescheuert das klingt. 😉 Aber danke – solange ich mir nicht cave carnem merke, ist das auch gut!
      Liebe Grüße

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  4. Komisch, in China verwechseln sie auch gern Fleisch und Hund… obwohl sie der eigenen Landessprache durchaus mächtig sind…

    Ist es jetzt blöd, dir eine gute Fahrt zu wünschen und einen wunderschönen Urlaub, wenn es doch erst in sechs Wochen losgeht? Egal, ich tu es.

    Und eins bin ich mir sicher. Die Welt wird auch in sechs Wochen nicht untergegangen sein. Mit Weltuntergängen, glaub mir, kenn ich mich aus… 😉

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  5. In sechs Wochen! Da ganz sicher!
    Ich glaube, dass fast ausnahmslos alle das Jammern verstehen. Fast alle haben solche Sehnsuchtsorte, und sei es bloß das Kino um die Ecke. „Cogoleto“ klingt nur schöner, nach Eis und Vespa und blauglitzerndem Wasser und nach viel Lachen und amore. Vielleicht will man Dich fahren, um etwas teilzuhaben und den schönen Namen auch mal auszusprechen.
    Ich wünsche wunderschöne kommende sechs Wochen.

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    1. Danke, dir. Ich finde auch, dass der Name so ganz typisch für Italien klingt.
      Meine Freunde würden mich wahrscheinlich direkt hinter der Landesgrenze aus dem Auto werfen, um ihre Ruhe zu haben. Diesmal. Ansonsten sind sie gerne mit dabei.

      Liebe Grüße

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  6. Ohne Ironie und ohne Scherz: Ich habe schon richtig Mitleid mit dir, weil du ja so mit Italien verwachsen und verwoben bist, hättest du von Jens Spahn eine Sondergenehmigung bekommen müssen. Ich hätte unterschrieben auf der Petition für Mitzi!
    Lieben Gruß

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  7. so schön! ich freue mich so für dich, auch wenn mein inneres vor sehnsucht pocht und blutet, denn italien, sehnsucht ist ein scheißgefühl, aber auch ein schönes, weil es etwas gibt, wo es einen hinzieht, weil es etwas gibt, dort drüben, in der zukunft. du wirst fahren und uns davon erzählen und ich werde es lesen und lächeln und das ziehen im bauch spüren, das ich so oft bei deinen texten habe.

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    1. Ja, ich werde fahren. Auch wenn das mit dem Flug nicht klappt. 🙄In dem kleinen Ort komme ich nicht an einen PCR Test und überhaupt…es ist ein einziges Chaos. Ich bin nun doch beim Zug gelandet, was mir eh lieber ist. Und langsam ankommen ist eigentlich viel schöner, wenn man so lange auf etwas gewartet hat. Das Ziehen im Bauch ist schon wieder da. 💚

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