Weihnachten gefaltet und ungebügelt

In meinem ersten Jahr hier schrieb ich, dass mir Weihnachten heilig ist. Ein fester Plan? Unnötig, es kommt eh anders. Ein paar fixe unumstößliche Termine? Ja, weil Weihnachten auch Tradition ist. Wem es nicht gefällt, der möge sich gefällige eigene Traditionen schaffen und diese bei Bedarf jährlich ändern, schrieb ich. Nun gut, dann machen wir das eben. Nicht weil wir wollen, sondern weil diese unsägliche Pandemie noch immer den Takt vorgibt. Es hilft ja nichts, dann ändern wir unsere Traditionen also das zweite Mal in Folge – Traditionen, die ehrlich gesagt so perfekt waren, dass Änderungen, wenn es nach mir geht, völlig unnötig wären. Leider sieht Corona das etwas anders. Und weil man mit einem Virus nicht diskutieren kann, hilft nur sturer Optimismus. Fünf ganz elementar wichtige Dinge gibt es: Den Baum – den Brunch mit Freunden – die Kirche – den eine Freund aus Italien – und den familiäre Wahnsinn. Diese fünf Dinge müssen sein. Alles andere zu planen wäre sinnlos. Die Katastrophen, das Schöne und das Schlimme im Leben fragen nicht nach Weihnachten. Sie kommen einfach. Springen einen hinterrücks an und werfen einen zu Boden. Man muss sie dann um diese fünf Punkte herum drapieren. Ähnlich wie die scheußlichen Christbaumkugeln, die man nicht aufhängen will, die aber dazu gehören.

Egal was passiert, ich stelle einen Baum auf. Ich schleppe ihn durch die Stadt und schmücke ihn. Heulend vielleicht. Oder wütend. Meistens aber glücklich. Gegen emotionale Ausnahmezustände wirkt die Konstante eines Christbaumes wie eine Umarmung. Emotional gefestigt, riecht das Monstrum einfach nur gut und macht ein schönes Licht. In Pandemie Jahren hilft ein Christbaum auch bei der Akzeptanz, dass der Brunch mit gefühlt 100 und realen mindestens 40 Personen in einer Schwabinger Altbauwohnung definitiv nicht statt finden wird. Das Ansehen des Baumes tröstet auch über die leise Ahnung hinweg, dass diese Tradition wahrscheinlich dauerhaft verschwinden wird. Ein solcher fantastischer Wahnsinn – so viele Menschen aus so vielen familiären Konstellationen an einem Feiertag für einige Stunden herauszulösen – ist ein Wunder. Wenn man es unterbricht, wird es nie wieder so werden wie es war. Das ist traurig, aber die Welt dreht sich weiter und man lernt, das manche Dinge schwinden. Also aktuell vier Konstanten. Das ist mehr als letztes Jahr, denn die Kirche findet statt. Mit Platzkarten und Reservierungen für die meine Freundinnen und ich ein wenig zu blöd waren und jetzt in weit entfernten Reihen sitzen. Ich kann mir vorstellen, dass unser Mütter und große Teile der Gemeinde, angesichts dieses Missgeschicks erleichtert aufatmen. Der Gottesdienst ist ohne unser Gekicher und dem heimlichen Getuschel möglicherweise um einiges besinnlicher. Das ist also ok. Viel wichtiger ist ja, dass wir uns davor und danach in die Arme fallen und frohe Weihnachten wünschen können. Baum und Kirche – das sind schon mal zwei Dinge und damit ein die Basis für ein schönes Fest. Dann wird es unangenehm. Der eine Freund, der wichtige und der besondere aus Italien, der kann auch dieses Jahr nicht kommen. Dass wir seit über zwanzig Jahren den hl. Abend gemeinsam verbringen ist wie der Brunch ein kleines Wunder. Diese aber eines, das Pausen und Unterbrechungen überstehen wird. Diese Freundschaft übersteht eine Pandemie. Wir pausieren und setzen sobald es wieder geht nahtlos an, das haben wir uns fest versprochen. Er wird dem familiären Wahnsinn entgehen. Und wenn ihn das heute Abend traurig macht, dann erinnere ich ihn, dass er nicht nur seine Familie nicht sehen wird, sondern auch meiner entgeht – das könnte ihn aufheitern. Denn eine Familie ist wunderbar, zwei werden….sagen wir vorsichtig ein wenig herausfordernd. Bei mir hätte er neben meiner engsten Kernfamilie nämlich gleich noch eine weitere präsentiert bekommen. Am besten erholt er sich dieses Jahr einfach, den die „neue“ Familie wird gerade zur Tradition und unsere beiden wachsen beständig. Mir selbst bleibt der familiäre Wahnsinn und nach der Zwangspause letztes Jahr ist er mir sehr willkommen. Drei von fünf Konstanten also. Damit kann ich mich – weil ich muss – anfreunden. Auch anfreunden kann ich mich mit dem erstmals deutlich kleineren Baum. Ihn habe ich ausschließlich mit den alten goldenen und roten Kugeln geschmückt, die ich von Eltern und Großeltern geerbt habe. Ein besonders schönes Bäumchen und gerade noch so groß, dass ich diesmal nicht das ganze Wohnzimmer umräumen musste. Ich glaube das ist der Abschied von großen Bäumen – um ehrlich zu sein, gefällt mir der kleine fast besser. Vielleicht auch, weil der in den uralten Keramikständer passt, der sonst nicht zum Einsatz gekommen wäre. Vielleicht auch, weil so die neue dritte Familie um den Tisch passt und überhaupt, weil Konstanten wunderbar sind, sich manchmal aber ruhig ändern können.

Weihnachten ist Weihnachten ist Weihnachten. Es übersteht selbst Pandemiejahre. Es ist wie die alte Tischdecke aus schwerer Baumwolle, die mir meine Mutter vor vielen Jahren zum Auszug mitgab. Manchmal muss ich sie falten und die Kanten umschlagen, damit sie passt. Im nächsten Jahr dann reicht es sie wieder glatt zu streichen und die Ecken aufzubügeln. Alte Baumwolle übersteht alles. Weihnachten auch.

22 Gedanken zu “Weihnachten gefaltet und ungebügelt

  1. Hallo Mitze, da ich niemals im Leben eine große Familie hatte, weiß ich nicht genau, wie ich das fände. Kirche und Weihnachtsbaum waren natürlich lange Jahre auch Tradition, eben so wie bestimmtes Essen. Aber es geht auch ohne.
    Kleine Bäume könntest du doch bei Bedarf auf einen Hocker stellen, wenn er dir zu klein ist. – In der alten Wohnung hatte ich meinen letzten echten Weihnachtsbaum – zugeschneit auf dem Balkon hat er mir sehr gefallen.
    Ganz lieben Gruß zu dir

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  2. Wunderbarer Text! Alles wird wieder gut – nur so kann man diese Pandemie – die uns wer weiß wer geschickt hat – überstehen, zumindest denke ich so! Weihnachten ist ja fast vorbei – ich hoffe, es war doch irgendwie nett! Ganz herzliche Grüße aus Österreich!

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  3. Weihnachten ist Weihnachten ist Weihnachten.. ja. vor allem ist Weihnachten irgendwie das, was in uns ist und wenn wir uns das erhalten, übersteht es glaube ich auch die Pandemie. Zumindest war das mein Fazit aus zwei pandemischen Weihnachtsjahren, die alles verändert haben.

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  4. Weihnachten hat für mich eigentlich keine Bedeutung – freie Tage, schön, der Rest geht mir eher auf die Nerven. Aber Traditionen finde ich auch gut, ich bin immer zu meiner Schwester und ihrer Familie gefahren, schön, die wenigstens einmal im Jahr zu sehen, gutes Essen, quatschen, mal wieder in Norddeutschland spazierengehen. Nun habe ich meine Fahrkarte verfallen lassen, wegen Omikron, ich wollte mich nicht anstecken und die Famiie gefährden, so eine Zugfahrt ist ja immer eine Großveranstaltung. Das zweite Jahr, in dem ich nicht hingefahren bin. Schade schade. Aber trotzdem habe ich die Weihnachtszeit genossen, keine Hektik, keine Verpflichtungen, keine Sorgen um den rechtzeitigen Zuganschluß, wenig Kontakt, ausschlafen, nichtstun – herrlich. Den Besuch hole ich im Sommer nach, dann ist es da sowieso viel schöner.
    Komm gut ins neue Jahr, Mitzi! Italien wartet auf Dich.:-)

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    1. Das zweite Jahr in Folge…das ist für Traditionen wirklich blöd. Aber familiäre Traditionen überdauern meistens auch solche Pausen, zum Glück. Schön zu lesen, dass du schöne Feiertage hattest. Meine waren auch ruhiger als sonst – aber ich habe sie genossen.
      Komm gut ins neue Jahr. Das wird gut. 2022 schreibt sich so schön (sagt meine Kollegin und die hat eigentlich immer Recht)

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  5. Wer sagte noch: „Und wenn morgen die Welt unterginge oder eine Pandemie käme, ich wollte heute doch die Kerzen am Baum anzünden?“ Ach so, ja. Ich.
    Aber davon gehe ich mal aus: schon Goethe sagte, dass wir die Feste gefälligst so feiern sollen, wie sie fallen. Und egal, wie viele (nerv!) oder wenige (traurig.) kommen können. Also tun wir das. Im Jahreslauf. Weihnachten ist nur einmal (wenn auch sprichwörtlich öfter als gewisse andere Dinge), Ostern, Pfingsten, Geburtstag, Namenstag, egal, was noch: alles nur einmal. Im Jahr.
    Gut, in Ordnung, wer Maria oder Peter heißt kann mogeln. In Sachen Namenstag. Aber sonst. Also ziehen wir das durch, das, was geht: das Fest, das Feiern an und für sich.
    Und wenn ich ganz alleine dasitze (so war’s nicht, alle Kinder waren da)!

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