Carpe… bloß nichts

Letzter Tag, höre ich dich leise fragen und nicke fröstelnd. Du weißt, dass ich keine letzten Tage mag. Sie sind mir zuwider, weil sie Erwartungen wecken, die selten erfüllt werden. Einen letzten Tag hat man gefälligst zu etwas Besonderem zu machen und das Jahresende muss ordentlich mit Konfetti beworfen werden, damit man auf Instagram und Facebook mit den entsprechenden Bildern glänzen kann. Ich glänze nie. Ich bin die, die sich um Mitternacht das Seidentop mit einer zu eng am Körper gehaltenen Wunderkerze versaut, sich genau vor dem Silvesterkuss ein Stück Lachs in den Mund schiebt oder gerade in der Kloschlange steht, wenn die letzten Sekunden runter gezählt werden. Abschiede sind mir verhasst. Selbst die von einem Jahr, das mit 365 Akten nun wirklich seine Schuldigkeit getan hat. Ich hasse es, nicht zu wissen was kommt.
Ob das nicht Teil des Deals sei, erkundigst du dich und ich schüttle den Kopf. Nein, ich möchte wissen, was kommt. Haarklein, detailliert und mit der Garantie auf ein Happy End. Fast schon wütend sehe ich dich den Kopf schütteln. Ich hätte noch immer nicht gelernt, mit meinen Wünschen vorsichtiger zu sein. Eine Garantie auf ein Happy End, sei der unverschämteste und auch dümmste Wunsch, von dem du je gehört hast. Wie naiv ich noch immer sei. Man dürfe auf keinen Fall wissen, was kommt. Weiterlesen

Loslassen – buon viaggio, Mutiger.

Als ich eben die Tür aufsperrte, roch es nach Italien. Ein feiner Hauch nur, aber ganz eindeutig, hing der Duft des Landes, in dem ein Teil meines Herzens für immer wohnen bleibt, in der Luft. Im Bad ganz besonders. Da hängt ein noch feuchtes Handtuch zum Trocknen über der Türe und verströmt den ganz eigenen Geruch einer kleinen Mittelmeerinsel. Sie, die Insel, riecht ein wenig nach einem Boss After Shave, aber ich erkenne darin ganz eindeutig Italien. Auch am Duft des Sofa- und Kopfkissen erahne ich mein Sehnsuchtsland. Das Sofakissen verströmt Mailand, im Schlafzimmer riecht es nach Verona. Ich spinne, würde mir der mutigste meiner Freunde vermutlich attestieren und hat trotzdem nur kurz gegrinst als ich ihm mit dem Kissen im Arm nachlief und ihn bat, mir etwas von Italien da zu lassen. Jetzt hängt es hier zwischen den Nadeln meines Christbaums und flackert zwischen den Flammen des Adventkranzes. Am 25.12 eines jeden Jahres macht mich Italien ein wenig traurig, weil es mich an den Abschied erinnerte. Einen, den wir jedes Jahr haben und von dem man meinen könnte, dass man sich längst an ihn gewöhnt haben müsste. Wir verabschieden uns, seit wir uns kennen, ein halbes Leben lang, und müssten uns längst daran gewöhnt haben. Mir fällt es schwer und ich habe mich mehr als einmal gefragt, ob der Preis in Form beständiger Abschiede nicht ein wenig zu hoch ist. Weiterlesen

Wegen des Clowns. Und wegen dir.

Er weiß es noch nicht, aber er wird heute Nacht heute bei mir bleiben. Ich fasse den Entschluss, als wir das Kino verlassen. Noch aber sage ich es ihm nicht.  Zu offensichtlich ist es, zu gewollt und ich schäme mich ein wenig. Ich lade ihn auf einen Drink ein. Ein Absacker nach dem Film. Rede und lache seinen Einwand, morgen früh raus zu müssen, einfach weg. Es ist leicht, ihn zu einem weiteren Glas zu animieren. Zu leicht, denke ich mir auf dem Weg zur Bar und frage mich kurz ob es schon immer so leicht war. Vor leeren Gläsern sitzend, bitte ich ihn, mich nach Hause zu bringen. Meine Wohnung liegt auf deinem Heimweg und meine Straße ist mir heute zu dunkel. Er kann nicht ablehnen. Dunkle Straßen sind ein Argument, dem man sich nach Jahren der Freundschaft nicht erwehren kann. Vielleicht kann man sich als Mann einem solchen Argument auch nie erwehren. Ich habe nicht gelogen. Heute ist mir die Straße zu dunkel und ich könnte sie nicht alleine gehen. Nicht wegen der Dunkelheit und nicht, weil ich weiß, dass irgendetwas nicht stimmt. Weiterlesen

Flitter im Magen

Die Ski stehen in der hintersten Ecke des Kellers und klemmen zwischen alten Regalen und wuchtigen Terracottatöpfen. Die Bindungen hängen aneinander und mit jedem Zerren und Reißen verhaken sie sich mehr ineinander. Man muss sehr wütend sein, um als Frau mit einem Fußtritt einen Tontopf zu zerbrechen und ein Paar Skistöcke zu verbiegen. Leichter geht es, wenn man erfährt, dass der Mann den man zu heiraten beabsichtigte, seit über zwei Jahren eine weitere Beziehung führt. Dann räumt man einen Keller nicht aus, sondern wütet darin so energisch, dass sich die Muskelpakete des Umzugsunternehmens dezent im Hintergrund halten und sich jeden Kommentar verkneifen, wenn man sie bittet genau die Hälft des Kleiderschrankes abzubauen. Sie kennen das. Ich kannte es nicht. Ich hatte bisher nur eine Beziehung, die ich nach ihrer Beendigung als pure Zeitverschwendung empfand. Um eine solche Beziehung weint man nicht. Man zerschlägt Terracottatöpfe, schimpft sich selbst einen Idioten und hat eine solche Wut im Bauch, dass man über sich selbst erschrickt. Die kaputten Ski ließ ich damals im Keller liegen und dachte an sie nach kurzer Zeit genauso wenig, wie an den Mann, den ich zurück gelassen hatte. Sechs Jahre pure Zeitverschwendung. Toben, schreien und wüten, wie nie zu vor und dann….abhaken. Heiße Luft hinterlässt keine Erinnerungen. Nicht einmal unschöne. Weiterlesen

Feiern wie 1999 – keine Lust

Lasst uns meinen Geburtstag feiern, wie damals 1999, schreibt er und ich habe keine Lust mehr. 1999 war ein anderes Jahrtausend. Mit Partys, die mir nicht im Gedächtnis geblieben sind, weil 1999 jeden Tage eine Party war. Er schreibt uns, wen er eingeladen hat und ich habe noch weniger Lust. Trotz der charmanten und humorvollen Kurzbeschreibungen, zieht es mich – die er im Text zur Erotik Bloggerin gemacht hat – nicht wirklich hin. 1999? Das war vor 17 Jahren. Es war gut. Heute ist auch gut. Aber lass uns feiern wie 1999 klingt bescheuert. Oder nicht, frage ich dich und du zuckst mit den Schultern. Die ganze Zeit schon musterst du mich und deine Mundwinkel umspielt das Lächeln, das ich manchmal nicht mag weil es mich neckt und verspottet, wenn ich trotzig auf meine Unlust und meine schlechte Laune bestehe. Weiterlesen

Ein Stück Unendlichkeit

Ich liege auf der Holzbank vor der Hütte und schaue in den Sternenhimmel. Hier oben ist es dunkler als in der Stadt. Nicht nur, dass man mehr Sterne sieht, sie funkeln auch um einiges heller und scheinen näher zu sein. Mit jeder Minute, die man in die Dunkelheit starrt werden es mehr. Den großen Wagen kenne ich. Auch den Jupiter finde ich schnell und Orion würde ich an seinem Gürtel erkennen, wenn er zu sehen wäre. In dieser Nacht zeigt er sich nicht. Der Sternenhimmel auf meiner Lichtung ist von den Wipfeln der Fichten, Eichen und Buchen begrenzt. Obwohl ich irgendwann nachts in einer Wüste in den Sternenhimmel blicken möchte, bin ich froh, hier nur einen Teil der Unendlichkeit über mir zu haben. Bei zu großer Weite verliere ich mich. Ein Stück Unendlichkeit dagegen, ist genau richtig.
Als alle eingeschlafen waren, bin ich noch einmal aufgestanden und nach draußen gegangen. Barfuß – das ist wichtig, weil ich das warme Holz der Bank unter mir spüren möchte, wenn über mir ein Stück Unendlichkeit schimmert. Ich bin nicht alleine, dass ist man hier nie. Eine Siebenschläfer Familie läuft über die Stromleitung, Glühwürmchen imitieren vom Himmel gefallene Sterne und überall im Wald raschelt es. Ich bin ein Angsthase, aber hier in der Dunkelheit fühle ich mich geborgen. Solange noch irgendjemand im Haus schläft, bin ich gerne alleine draußen. Seltsam, dass ich gerade die Unendlichkeit nicht teilen möchte. Sie würde für alle reichen.

„Seit Beginn der Urgeschichte sind rund hundert Milliarden menschliche Wesen auf Erden gewandelt. Eine sonderbare Zahl, denn durch einen merkwürdigen Zufall gibt es etwa hundert Milliarden Sterne in unserem begrenzten Universum der Milchstraße. Also scheint für jeden Menschen, der je gelebt hat, in unserm Teil des Alls ein Stern.“ So schreibt Clarke im Vorwort seines Buches Odyssee 2001. Ein schöner Gedanke. Könnte ich mir einen Stern aussuchen, dann würde ich Beteigeuze, die Schulter Orions, nehmen. Vor einigen Jahren erzählte ich es einem und er lachte, weil er wusste, dass ich einen Stern wählen würde, der gut zu erkennen und einfach wieder zu finden sei. Für ihn hatte ich Riegel, den Fuß Orions, gewählt. Er bat mich zu tauschen, da seine Schultern breiter als die meinen seien, aber ich war stur. Auch seine Füße waren größer als die meinen und Standfestigkeit erschien mir wichtiger, da wir uns eh Schulter an Schulter befanden, wenn ich mich zwei Stufen über ihn stellte. Damals nickte er und jetzt wo er nicht mehr da ist, sind es Beteigeuze und Riegel für die nächsten 13.000 Jahre noch immer. Danach ist Orion von Mitteleuropa aus nicht mehr zu sehen. Vermutlich denkt dann aber auch niemand mehr an uns. Vielleicht suchen wir uns dann einen anderen Stern oder ich weiß, welchen Stern er sich selbst gewählt hätte. Clark schreibt weiter, dass jeder dieser Sterne in unserer Milchstraße eine Sonne ist. „Oft eine hellere und herrlichere als der unsere kleine Sonne. Und viele – möglicherweise die meisten – dieser entfernten Sonnen besitzen Planeten, die sie umkreisen. Fraglos gibt es daher genügend Land im All, um jeden Typ menschlicher Spezies, vom ersten Affenmenschen bis zu uns, seinen eigenen privaten Himmel – oder seine eigene private Hölle finden zu lassen.“ Für eine Nacht waren wir Beteigeuze und Riegel – sie waren ja genau über uns. In allen anderen Nächten, befanden wir uns in einem anderen Teil des Universums. Irgendwo da oben gibt es zwei Sterne, die sich ganz nahe sind aber doch sehr unterschiedlich. Ich glaube sie sind weit weg von der Erde, denn die mochte er noch nie und ich bin in etwa 40 Jahren flexibel genug mir einen anderen Teil der Milchstraße anzusehen.

Um ehrlich zu sein, hatte ich Beteigeuze eh geklaut. Den hat vor Jahren schon der klügste meiner Freunde besetzt und das lange bevor ich per Anhalter durch die Galaxis gelesen habe. Zwei Tage später liege ich wieder auf der Bank vor der Hütte und schaue in die Sterne. Es ist bequemer, weil ich mich an den Klügsten meiner Freunde lehne. Heute ist es gut, dass es nicht still ist. Ich weiß, dass ein Stichwort reicht und er mir von faszinierenden Dingen erzählt. Von Laserbetriebenen Sonnensegeln, den Grenzen der Zeit oder den alten Sagen über Orion. Meine Freund plappern durcheinander und ich höre ihnen gerne zu. Hier unter dem kleinen Stück Unendlichkeit habe ich alles. Die Erinnerungen an all die Tage und Nächte, die ich hier oben verbracht habe. Jeder Holzbalken riecht nach Freundschaft und Familie, mit jedem Glas im Regal wurde schon auf etwas angestoßen und auf den Betten und Bänken wurde sich wichtiges und unwichtiges erzählt. In diesen Tagen ist Neues dazu gekommen und das Lachen wird sich in den Bodenbrettern festsetzen und die Treppenstufen werden sich jeden einzelnen Fußabdruck merken. Hier oben unter dem kleinen Stück Unendlichkeit ist auch viel Platz für die nächsten Jahre. Der eine oder andere Baum im Wald fällt einem Sturm zum Opfer, aber die Bäume auf dieser Lichtung sind wie die Menschen um mich herum. Die meisten bleiben ein Leben lang und nur wenige knicken um. Und selbst von diesen bleibt etwas zurück. Ihr Lachen im Holzboden, ihre Stimme unter dem Dach und die schlechten Träume in den Kissen. Wenn Orion in 13.000 Jahren auf der Lichtung nicht mehr zu sehen ist, wird meine Hütte nicht mehr stehen. Das muss sie auch nicht. Falls dann noch jemand an dieser Stelle steht, ahnt er auch so, dass es ein besonderer Ort ist.

Sákis brüllt „stop“!

Tage wie dieser machen mich unruhig. An Tagen wie diesen zuckt schon beim Aufwachen ein Erinnerungsfetzen durch meinen Kopf und lässt mich Lachen. Man wacht ja gerne mit einem Lachen auf und ich will mich nicht beschweren. Dennoch sind Tage wie dieser, an denen ich mich andauernd an etwas erinnere, ein wenig anstrengend weil ich mich schlecht auf andere Dinge konzentrieren kann. Es ist ein bisschen wie Weihnachten. Da schleppt man auch Erinnerungsfetzen aus Jahrzehnten mit sich herum und denkt alle paar Minuten an liebgewonnen Traditionen oder kleine Katastrophen aus den vergangenen Jahren. Alle paar Minuten klopft das Gedächtnis an die Stirn und präsentiert eine neue Erinnerung. Heute morgen wachte ich auf, weil in meinem Kopf jemand „Stop“ brüllte. Da wusste ich, heute ist es wieder so weit. Heute ist der Tag des Grand Prix Eurovision de la Chanson. Weiterlesen