Konstant blöd glotzend

Neun. Neun Jahre sind es, sage ich dem mutigsten meiner Freunde und zeige ihm das älteste der „Wir vor dem Christbaum-Fotos“ auf dem Display meines Telefons. Warum wir keine Bilder von den Jahren davor haben, erkundige ich mich und er sieht mich schmunzelnd an, bis ich verstehe, dass die Handykameras davor noch viel zu schlecht waren und wir meist keine Kamera mit uns herum schleppten. Es sind mehr als neun Weihnachten, die wir gemeinsam verbracht haben und an jedes einzelne kann ich mich erinnern. An manche ein wenig verschwommen, an die meisten aber so klar und deutlich als lägen sie erst wenige Tage zurück. Wenn ich ehrlich bin, dann vermische ich die Jahre und das was heraus kommt, ist ein großes Erinnerungsknäul mit einem Faden, der die Jahre verbindet, der aber kaum noch zu entwirren ist.

Ich habe mehr als neun Bilder. Vorhin habe ich sie aus den Kisten geholt und auf der Festplatte des Rechners gefunden. Ab und an hatten wir wohl doch einen Fotoapparat dabei. Auf den ältesten sind wir jung. Schrecklich jung und ich sehe in meinem Lachen die Furchtlosigkeit mit der ich an jenem Weihnachten meinen Umzug nach Italien plante. Knapp über zwanzig und der festen Überzeugung, dass die Welt nur auf mich gewartet hat. Ein Trugschluss, aber selbst wenn ich könnte, würde ich es meinem zwanzigjährigen Ich nicht verraten. Ich kenne mich gut genug zu wissen, dass ich damals nicht einmal mir selbst geglaubt hätte. Auf dem nächsten Bild des nächsten Weihnachten lächle ich ein wenig trotzig. Niemand hat in Italien auf mich gewartet, aber das erzählte ich bei meinem Besuch in München nicht und schwindelte, dass sich die Balken bogen, weil ich bereits ahnte, dass es trotz allem eine wunderbare Zeit werden würde. Im Jahr darauf strahle ich.  Schwindeln musste ich an diesem Weihnachten nicht mehr, alles war gut gegangen und ich in Verona angekommen. Ein Weihnachten später sehe ich älter aus. Dank der Jahre im Ausland war ich erwachsen geworden. Dann fehlen ein paar Jahre. Sechs Weihnachten lang, habe ich den mutigsten meiner Freunde nicht gesehen. In diesen Jahren war ich unsichtbar und hätte ich in ihnen nicht den besten meiner Freunde kennen gelernt, dann hätte ich mich sang und klanglos aufgelöst. Erst im siebten Jahr bin ich aufgewacht und die Fotoreihe geht weiter.

Ein kleiner Baum in einem winzigen Appartement mit kaum mehr Platz als für mich und den mutigsten meiner Freunde. Ich sehe so müde aus, als wäre ich gerade erst aufgestanden. Nicht ganz falsch. An diesem Weihnachten war das Lachen und das freie Atmen noch ungewohnt. Im Jahr darauf hatte ich es wieder gelernt und er legte mir ein Stück Italien und eine Schachtel der früheren Furchtlosigkeit auf den Tisch. Mit ihr schleppte ich mich durch das nächste Jahr. Seit den Weihnachten im winzigen Appartement reißt die Fotoreihe nicht mehr ab und auf jedem der Bilder sieht man, dass ich glücklich bin. Selbst auf jenen, die für Jahre stehen in denen ich wunderbare Menschen verloren habe oder Angst vor dem nächsten Jahr hatte. Dass die Welt auf mich wartete, glaubte ich in diesen Jahren nicht mehr. Dass sie gut werden würden, aber immer. Ich gehöre zu jenen Menschen, die Konstanten brauchen, an denen sie sich festhalten können. Weihnachten und er ist eine davon. Eine ganz besonders stabile. Kein Jahr ist gleich und doch gleichen sie sich. Egal ob wir in einer kargen Küche sitzen, bei Freunden neben deren Baum stehen, auf meinem Sofa liegen, Laserpunkten auf der Straße nachlaufen oder wie dieses Jahr um kurz vor zwei Uhr nachts frierend und zähneklapperd durch die Stadt laufen um den größten und prachtvollsten Christbaum zu sehen.

Der mutigste meiner Freunde ist längst nicht mehr nur der Mutige, weil er alles hinter sich ließ um nach Italien zu gehen. Für mich ist er es, weil ich durch ihn mutig und furchtlos sein kann. Was soll mir auch passieren? Im schlimmsten Fall muss ich nur 365 Tage durchhalten. Dann ist wieder Weihnachten und spätestens dann ist alles wieder gut. Das war es immer und wird sich vermutlich nicht mehr ändern. 365 Tage sind machbar. Ich bestreite sie ja nicht alleine. Neben dem mutigsten, gibt es den klügsten meiner Freunde und die Reihe der Fotos mit ihm reicht noch ein paar Jahre weiter zurück. Auch er trägt den Namen, dem ich ihn hier vor Jahren gegeben habe, längst nicht nur weil er es wirklich ist – der klügste. Er ist der, der mich davon abhält Fehler zu begehen und mir den Kopf gerade rückt, wenn es nötig ist. Er zwingt mich, nicht dumm zu sein. Und er ist der Einzige, der es schafft, dass ich ihm seine Ehrlichkeit nicht übel nehme. Es wundert mich nicht, dass auf dem liebsten meiner Weihnachtsbilder beide neben mir stehen. Es ist das einzige Foto, dass ich im Geldbeutel mit mir trage und das wichtigste. Gesehen hat es außer mir noch niemand. Von allen Fotos ist es leider auch das, auf dem ich Rekordverdächtig blöd glotze und mir gerade ein Plätzchen in den Mund stecke. 

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42 Gedanken zu “Konstant blöd glotzend

    1. Die schlimmen Bilder würde ich ja auch nicht für viel Geld hier hochladen ;).
      Die zwei mag ich auch sehr und schwarz weiß ist schon immer eine ganz tolle Kombi um Bilder ein wenig verschwommen zu machen. Aber im Ernst. Ich mag die Bilder alle, einfach weil es schöne Erinnerungen sind. Nur manchmal frage ich mich, wie wir es schaffen drei Jahre in Folge nicht eines fertig zu bringen, auf dem wir beide halbwegs normal schauen.

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      1. Weil ihr keine Schauspieler seid.😊
        Ich könnte mir vorstellen, dass Du einen fantastischen Text schreiben könntest, warum Du glaubst, auf Fotos nicht gut auszusehen. Ein Problem, das wohl (fast )jeder kennt. LG

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      2. Ich könnte das vielleicht. Aber Spaß würde es nicht machen. Wer will sich schon mit Speckfalten in der falschen Sitzposition befassen. Also mit den eigenen *lol.
        Außerdem….wir kennen es wirklich alle selbst und seit es Digitalbilder gibt können wir einfach löschen und die schönsten Schnappschüsse behalten. Ein großes Glück!

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  1. Liebe Mitzi,
    es ist völlig egal, wie sie auf Fotos schauen. Wichtig ist, dass sie die Fotos noch haben.
    Ich habe im späteren Leben alle Fotos der Kindheit, Jugend und dem „mittleren Leben“ verloren.
    Ich weiß noch nicht, ob ich das dauerhaft tragisch finde, oder nur manchmal je nach Stimmung, oder ob es egal ist, da wir ja HEUTE leben und nicht in der Vergangenheit.
    Aber die Erinnerungen durch Fotos unterstützen zu können, ist schon eine feine Sache.
    Auch wenn Sie das subjektive „blöde Glotzen“ vorbeugend erwähnen, ist das nur für IHR Gefühl wichtig. Für alle anderen nicht!
    Gruß Heinrich

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    1. Lieber Heinrich, gerne würde ich sagen, dass es egal ist, weil die Erinnerung in Ihnen steckt und nicht auf Papier. Das stimmt und doch wäre es geschwindelt. Fotos sind kleine, herrliche Zeitmaschinen. Trotzdem sind die Erinnerungen am Ende wichtiger und ich hoffe, dass Sie unter Ihrem Hut eine famos funktionierende Zeitmaschine haben, die womöglich auch noch die unschönen Erinnerungen ganz nach hinten packt und die schönen weit nach vorne.
      Das richtig blöde Glotzen habe ich Ihnen und den anderen erspart, ich will ja niemanden verschrecken ;):

      Herzliche Grüße
      Mitzi

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  2. Hallo Mitzi,
    freundschaftliche und weihnachtliche Konstanten erfüllen uns. Bei mir sind es vor allem die Chorfreunde, und dies nicht nur zu Weihnachten. Wenn auch Momentaufnahmen manchmal nicht so ganz gefallen, bleiben die Blicke vielfältig in Bewegung.
    Schöne Grüße, Bernd

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    1. Lieber Bernd, sehr schön gesagt. Sie sind wertvoll diese Momentaufnahmen und am Ende ist es nicht wichtig wie gut man getroffen ist, solange man sich mit Hilfe der Bilde an den Moment erinnert.
      Alles Gute und Liebe für die letzten Tage im Jahr. Dass singen gut für das Befinden ist, ist ja längst bewiesen. Dass es auch große Freude bereitet, glaube ich sofort.
      Viele Grüße
      Mitzi

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  3. Hat mich angerührt, deine Weihnachtskonstanten-Erzählung. Ist eine Zeit, in der man Erinnerungen hervorkramt, die man selbst hat, aber sonst schon fast niemand mehr. Mögen dir die Menschen, mit denen du Weihnachten gemeinsam erinnerst, noch lange erhalten bleiben. Liebe Grüße dir!

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  4. Hallo Mitzi, Italien hat auch auf einen Teil meiner Familie eine extreme Anziehungskraft – nicht nur für den Urlaub. Mein Enkel hat ein Schuljahr (10 Monate) in Milano verbracht und kam als perfekter Italiener zurück. Er liebte nicht nur seine Gasteltern, sondern auch die zwei Gastgeschwister. Deswegen ist er dieses Jahr am zweiten Feiertag nach Mailand aufgebrochen. Vielleicht will er sogar dort studieren – warum nicht.
    Lieben Gruß zu dir

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    1. Warum nicht. Italien hat den Vorteil, dass es nicht aus der Welt ist. Notfalls kann man schnell mal nach Hause. Nur will man das meistens gar nicht, weil sich das Heimweh in Grenzen hält. Italien ist anders, aber meistens nicht fremd genug. Ich glaube es schadet nicht, in jungen Jahren ein bisschen fremde Luft zu schnuppern. Macht erwachsen.
      Liebe Grüße

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      1. Meine Tochter, dieses Mathematik Genie, hat ihr drittes Studienjahr an der Lomonossow-Universität in Moskau verbracht. Die in Dresden haben ihr nämlich gesagt, dass sie für sie nichts mehr hätten, weil sie alles schon in irgendwelchen Sonderkursen gehabt hat. Das hat geprägt.

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      2. Leider kann ich diese Lorbeeren nicht für mich verbuchen. Ich bin sprachlich und witz-lich nicht blöd, aber wegen Mathematik bin ich extra in den Sprachzweig des Gymnasiums gegangen, damit ich mich nicht so mit Naturwissenschaften rumärgern muss.
        Wenn ich jetzt mal schlecht kopfrechnen kann, sage ich immer, das habe ich alles meiner Tochter vererbt, da ist nichts mehr für mich übrig geblieben.

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      3. Die Story ging ja noch weiter. Nach dem dritten Studienjahr in Moskau war die Wende. Also beschloss das Mathegenie, zum besten aller Mathematikprofessoren nach Tübingen zu gehen und sich mutig genug bis zu ihm durchzukämpfen. Der wollte sie erst abkanzeln, was sie sich denn so einfallen ließe – aber als er hörte, was sie schon alles gemacht hat, wollte er es zuerst nicht glauben, weil das alles Themen für Diplomanden und Doktoranden sind.
        Doch er überzeugte sich vom Wahrheitsgehalt der Angaben und sie sollte SOFORT bei ihm anfangen – mit weiblichen Genies lässt sich noch besser angeben als mit männlichen, davon gibt es mehr.
        Aber im Wohnheim war kein Zimmer frei – und die getrennt lebenden Eltern konnten keine Wohnung sponsern.
        Was machte das Professorchen? Er überredete seine Frau, das Dachzimmer herzurichten und sie wohnte dort ca. 6 Monate, bis im Internat ein Zimmer frei wurde, – Und nach einem Jahr ging sie eh nach Heidelberg, weil auch der Tübinger Professor nur bestimmte Lehrgebiete hatte. – Gott sei Dank verstehe ich von der Mathematik gerade noch die Dreisatzrechnung.

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      4. Ab dem Dachzimmer könnte es die Vorlage für einen fast zu perfekten Film sein. Glück und Verstand, was für eine herrliche Kombination. Ich bewundere Menschen, die Mathematik begreifen. Faszinierend aber für mich unverständlich. Bis zum Dreisatz komme ich mit, aber dann…..

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      5. …. lassen wir die anderen ihre Mathematiktreppen allein steigen.
        Sie war an der Uni schon fast bis zur Professur durchgeplant – aber sie wollte nicht Mathematikerin werden. Sie hat noch ein zweites Studium absolviert und ist unterrichtet jetzt im Gynasium Mathematik und Physik – für Russisch gibt es zu wenig Interessenten.

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  5. von blöd glotzen kann ich hier eigentlich gar nix finden und der rest, oh ja. diese art von konstanten, es ist wie nachhause kommen. es ist der grund, warum ich weihnachten so liebe, warum trotzdem für mich viel schwermut drumherum ist, weil es nur einmal im jahr ist, auch wenn es auf der anderen seite gut so ist. ach, weihnachten.

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    1. Halb so alt stimmt wohl. Weihnachten haben wir jetzt zwanzig zusammen – da müsstest du mithalten können. Gold wert ist er allemal und sobald einem das blöd glotzen egal ist, stehen die Chancen für eine richtig lange Freundschaft sehr gut.

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