Der Pfosten ist noch da

Lebt Ben noch in Australien, frage ich einer meiner ältesten Freundinnen und beiße mir auf die Unterlippe, während ich auf die Antwort warte. Ich sollte es wissen. Sollte wissen, wo ein Mensch wohnt, den ich zehn Jahre meines Lebens jeden Tag gesehen habe. Auch sollte ich seine Telefonnummer eingespeichert haben und mich zumindest einmal im Jahr bei ihm melden. Ich weiß es nicht und habe mich seit mindesten fünfzehn Jahren nicht bei ihm gemeldet. Es kostet mich fünf weitere Anfragen im Freundeskreis, bis ich seine Telefonnummer bekomme. Sie ist neu und ich erfahre, dass Ben mittlerweile in Neuseeland lebt. Nicht ganz Australien, aber immerhin war die Vermutung richtig, dass Europa ihn noch immer nicht lockt. Ben…allein der Name lässt mich grinsen. Ein verlegenes, vor allem aber bedauerndes Grinsen, weil dieser Name wie kein anderer für meine späten Teenagerjahre steht. Erste Party, das erste Mal im Schlauchboot die Isar entlang, das erste Mal ohne Erwachsene an den Gardasee, das erste Mal auf der Vespa und vor allem, die erste WG. All das und vieles Meer ist mit Ben verbunden. Und auch die Erinnerung an die erste wichtige Freundschaft die ungewollt und unbemerkt endete. Er war der Erste aus der Clique der verschwunden ist. Der Rest ist zum Teil noch heute befreundet. Ben, ging ins Ausland und trotz aller ehrlich gemeinter Vorsätze haben wir es nicht geschafft die enge Freundschaft zu erhalten. Ich speichere seine Nummer und schicke ihm kommentarlos fünf Screenshots von meinem Handy:

Ob Ben mitten in der Nacht wach ist oder von mir geweckt wurde, weiß ich nicht, aber er antwortet sofort. Mitzi, fragt er und entschuldigt sich, weil er die Nummer nicht eingespeichert hat. Fragt ob ich es bin und ich könnte heulen, weil er natürlich richtig liegt und nur richtig liegen kann, weil er sich an das dumme, weiß/rot gestreifte Ding, das er vor Jahrzehnten in die WG schleppte noch immer erinnern kann. Er tippt viel zu schnell und ich komme mit dem Antworten nicht hinterher. Lese nur und lache laut auf dem Balkon sitzend. Ben fragt wo ich die alten SMS ausgegraben habe; schreibt, dass er vor Lachen fast hinten über gekippt ist und wie schön es ist, von mir zu hören. Ich setze zur Antwort an und will erklären, als er es selbst bemerkt. Die Nachrichten sind nicht die unseren. In jender Nacht, als Ben mit einem rot/weiß gestreiften Straßenrandbegrenzungspfosen (wie auch immer sie wirklich heißen mögen) in einer Telefonzelle stand, mich anrief und ziemlich betrunken etwas von „echt total Hunger“, von „falscher S-Bahn“ und „etwas am Bahnhof gefunden“ erzählte, da gab es noch keine Handys. Auch heißt er nicht Florian und FFP2 Masken kannten wir damals nicht. Trotzdem ist es faszinierend, dass mir so viele Jahre später mein Neffe und seine Freundin einen fast identischen Dialog vorlesen und netter Weise später mailen.

Ben und ich haben uns eine Stunden lang hin und her geschrieben und haben dann weitere zwei telefoniert . Am Ende frage ich Ben ob er es auch so unglaublich schräg findet, dass sich dieses Telefonat anfühlt, als hätten wir uns zwei und nicht zwanzig Jahre lang nicht gehört. Ben verneint und meint, das sei bei engen Freunden völlig normal. An seine Stimme höre ich, dass er schwindelt. Als ich schon auflegen will, fragt er mich, was aus dem Pfosten oder Säule eigentlich geworden ist. Ben hat sich die Nummer von Franz, einem anderen Mitglied unserer damaligen Clique geben lassen, um sich zu erkundigen ob das Ding womöglich noch immer auf dem Dachboden von Franz Eltern rumsteht. Wir wissen alle drei, dass es völlig egal ist ob und wo es ist. Es braucht aber anscheinend einen Aufhänger und Grund um nach so vielen Jahren wieder bei jemandem anzurufen, von dem nicht mehr wusste, wie sehr man ihn eigentlich vermisst. Ben wird uns besuchen. Beiläufig meinte er, dass manches gerade nicht so gut läuft und ein paar Abende mit Freunden ganz nett wären.

Die Säule ist bei Jana. Lehnt in der Garage ihrer Eltern beim Stoppschild das Alex (genau…auch ein alter Freund) irgendwann mitten in der Nacht anschleppte. Da sich keiner sicher war, ob die „Fundstücke“ nicht vielleicht doch nicht gefunden wurden, hat sie da beim Auszug abgestellt und sie stehen dort noch immer. Vielleicht nimmt Ben sie nach Neuseeland mit. Vielleicht lässt er sie aber auch hier, um ab und zu nach ihr zu sehen. Das ist manchmal leichter, als zuzugeben, dass man Heimweh hat.

7 Gedanken zu “Der Pfosten ist noch da

  1. da hat das Rechtschreibprogramm wieder ein echt süßen Fehler eingebaut oder duchgelassen. So vieles Meer… das paßt. Nicht nur zu einer Trennung zu den Antipoden tief unten im Pazifik. Sondern auch zu der, die hier schreibt. Die es immer wieder ans Meer, auf diese Halbinsel, die nun mal viel Küste hat, zieht. (Neuseeland ist auch sehr schön. Und hat hervorragendes Essen! Nur waren es Angelsachsen, die dort siedelten und das Land der Maori erschwindelten. Was bedeutet: die Küche wird nicht in allen Teilen den Rohstoffen gerecht. Kann sich nicht mit Italien messen. Schade.)
    Das andere… ja nun. Die alten Freunde. Haben wir nicht alle viele, viele aus den Augen verloren? Ganz oder so wie hier, es gibt noch jemanden, der jemanden kennt, der die Nummer haben könnte… man wüßte schon gerne, was aus diesen oder jenen Leutchen geworden ist, die man noch da hinten im Gedächnis mit sich herumträgt.

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    1. Oje…da ist das Rechtschreibprogramm wahrscheinlich unschuldig und es war ein freudscher Vertipper. Kein Wunder bei der Hitze würde etwas mehr Meer auch wirklich gut tun.
      Ja, ich vermute wir alle haben in den Windungen unserer Erinnerung so ein paar Namen die ab und an aufblitzen und doch schon lange verschwunden sind.

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    1. Bei mir auch. Auch wenn es nicht im Text steht, dachte ich an die Freunde, die irgendwann und ohne Grund verloren gegangen sind. Schon seltsam, dass Menschen von denen man sich nicht vorstellen konnte, dass sie irgendwann nicht mehr „da“ sind, doch plötzlich weg sind.

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