37,4 Grad kleines, großes Glück

Bei jeder meiner Lesungen, gibt es diesen einen kurzen Moment, in dem mir bewusst wird was für ein unglaubliches Glück ich doch habe. Dann lese und erzähle ich und denke gleichzeitig für wenige Sekunden daran wie verrückt und wunderschön das Ganze jetzt gerade doch eigentlich ist. In der nächsten Sekunde ermahne ich mich, mich doch bitte auf das was ich gerade mache zu konzentrieren und nicht mit den Gedanken ab zu schweifen. Dann ist es aber schon zu spät, dann lächle ich bereits. Ich kann gar nicht anders, weil man doch lächeln muss, wenn man glücklich ist, finden Sie nicht?

Gestern Abend konnte ich in aller Ruhe darüber nachdenken. Mitten in der Lesung. Gute 4 Minuten lang. Das ist das Glück, wenn man nicht alleine, sondern mit einem Musiker gemeinsam einen Abend bestreitet. Während er sang und Gitarre spielte, genoss ich das kleine, große, sprudelnde Glück in meinem Magen. Es ist ja nicht selbstverständlich dass man planlos und einem Impuls folgend einen Blog aufmacht, fröhlich drauf los schreibt und dann von einem kleinen, aber sehr feinen Theater Ensemble angeschrieben und gefragt wird, ob man aus diesen Texten den mal lesen möchte. Aus dem kleinen Glück wird dann ein großes, wenn es sich bei diesen Menschen, die einen eingeladen haben, um ganz fantastische Menschen handelt, mit denen man sehr sehr viele schöne Abende und schöne Lesungen erleben wird. Lesungen bei denen nicht die Hälfte des Publikums nach den ersten Minuten aufsteht, obwohl ich ihnen das bei der ersten überhaupt nicht übel genommen hätte. Ein Glück auch, dass bisher nur zwei Leute eingeschlafen sind. Ein kleines Glück, denn es hätten mehr sein können, und ein großes, weil beide nicht schnarchten.

Glück ist es auch, einen Freund zu haben dessen Schwester eine Agentur für Autoren und Lesungen besitzt. Und das, ist tatsächlich nur Glück. Reines Glück. Dann hätte es diese Frau nicht gegeben, dann hätte mich, ganz sicher keine Agentur unter ihre Fittiche genommen. So viel Realismus muss sein. Das Lied dauert noch und ich kann darüber nachdenken, an welchen tollen Orten ich schon lesen durfte. Besonders freut es mich, wenn ich ein zweites Mal eingeladen werde. Theater sind besonders schön. Da bin ich aber selten. Vielleicht ist das auch ganz gut so, weil wenn etwas schief geht, dann geht es eigentlich nur dort immer so richtig schief. Ein Glück hier, wenn keiner mitbekommt dass man mit dem Stuhl fast soweit zurück gerutscht wäre, dass man hinten in den Spalt zwischen Vorhang und Bühnenbretter geknallt wäre. Ein noch größeres Glück, wenn niemand sich beschwert dass man etwas völlig anderes als angekündigt liest, weil man das was man dabei hat plötzlich banal und dämlich findet und sich Minuten vor dem Beginn um entscheidet.

Ich denke sogar gerne an die zwei Lesungen ohne Publikum zurück. Bei der einen war es sogar einer der schönsten Abende überhaupt, und das obwohl nur ein einziges Ehepaar gekommen ist. Anders war dieser Abend, aber wichtig. Er lehrte mich, dass ich doch auch über lange Strecken freisprechen kann. An diesem Abend musste ich es, weil man zwei Personen nicht einfach etwas vorlesen kann. In einem so kleinen Rahmen muss man erzählen und es ist schön danach zu wissen dass es funktioniert. Die zweite Lesung ohne Publikum war in einem Einkaufszentrum und ich war zum Glück nicht alleine sondern mit drei weiteren Autoren. Zu lesen, wenn einem die vorübergehenden Menschen sehr deutlich das Gefühl geben, dass man eher stört und sie sich fragen was zum Teufel man da eigentlich macht, ist hart. Ist man zu viert, dann kann man es mit Humor nehmen. Und nach 3 Stunden Lesenacht, die dort keine Sau interessiert, hatte man wenigstens einen Abend mit netten Kollegen.

Buchhandlungen sind auch schön. Eigentlich ist alles schön. Auch die Lesungen an der VHS. Und genau das sage ich, dass das Lied vorbei ist und ich weiter machen muss: “Schön ist es heute, hier bei Ihnen.” Weitermachen darf, denn es war vorgestern ein wirklich sehr sehr schöner Abend. Was für ein großes Glück ich doch habe. Pech haben nur Sie, weil ich gerade auf einer Wiese unter einer Kastanie liege und das alles in mein Handy tippe. Wenn Sie Glück haben sind nicht allzu viele Buchstabendreher drin. Ich fürchte allerdings, dass dies nicht der Fall sein wird. Nebenbei esse ich nämlich noch Kirschen und versuche mir die Kerne nicht aufs Kleid zu spucken. Mit etwas Glück schaffe ich das. Was ich auch mit viel Glück nicht mehr schaffen werde, ist die Kurve zum Titel dieses Beitrags. Er resultiert aus der Temperaturanzeige in den Bus in dem ich gestern zur Lesung gefahren bin. Damit man mir glaubt habe ich sie fotografiert. Schön ist das alles. So gar nicht selbstverständlich und nur mit viel Glück überhaupt möglich. Und das bei 37,4 Grad…zum Glück war das Thema Italien, da passt die Temperatur.

17 Gedanken zu “37,4 Grad kleines, großes Glück

    1. Nicht alle. Oder sie sind kaputt, oder man möchte Energie sparen. Bei meinem kleinen Bus über Land lief jedenfalls keine. Man übersteht es auch. Und dem glücklichen Lächeln schadet es am Ende auch nicht 🙂

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  1. Ein Glück ist das schon alles. Besonders, dass du zu schreiben angefangen hast und dass dich dein Talent bis hierher gebracht hat. Wirklich, ich würde Deinen Blog sehr vermissen, würde es ihn nicht geben. Und wenn du dann in ein paar Jahren im Frankfurter Literaturhaus liest, dann würde ich gerne das Glück haben, auch im Publikum sitzen zu dürfen. 😃

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  2. Eigentlich ist alles schön kommt ein bißchen heftig daher. Aber was will man jemandem kleinlich übel nehmen, der lächelt! Der Glück hat, glücklich ist, Glück aussendet und damit auch andere froh macht. Solange nach den unsachgemäß gehaltenen Kühen nicht die Glückssender als Klimaschädlinge (statt Autos, Industrie, Granaten, Überbevölkerung…) enttarnt werden können wir nicht genug davon bekommen.

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