Sanft und gelassen brüllend (II)

Ich bin ein sehr geduldiger Mensch. Da können Sie jeden fragen. Ich bin auch eine ausgesprochen gelassene und in sich ruhende Person. Auch hier können Sie sich gerne erkundigen. Man wird Ihnen bestätigen, dass ich das bin. Im größten Chaos bin ich der Fels in der Brandung. Wenn ich – wie ich es mit großer Freude regelmäßig mache – Lesungen für Autorenkollegen organisiere, dann bringt mich so schnell nichts aus der Ruhe. Der eine oder andere ruft sogar extra mich an, wenn es ein Problem gibt. Gerne dann, wenn es sich um selbstverschuldete Probleme handelt. Ich mag ja besonders gerne Telefonate die mit: „Du Mitz, ich wäre morgen eigentlich in Wörkelbeck….“, beginnen. Da ahne ich sofort, dass der oder die Anrufende morgen ganz sicher nicht in Wörkelbeck sein wird, weil er oder sie sich gerade im Familienurlaub auf Cran Canaria befinden und den Termin komplett verschwitzt haben. Ein extremes Beispiel, aber es kommt vor. Eines meiner größten Talente ist es dann, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Irgendwie klappt es immer und ich freu mich wenn am Ende alle glücklich und zufrieden sind. Ehrlich gesagt…bei so einer Wörkelbeck Sache ist am Ende wahrscheinlich einer doch nicht zufrieden, aber das ist wie gesagt ein seltenes und extremes Beispiel. Viel häufiger kommt es vor, dass einer auf Instagram eine Story postet und freudig verkündigt, dass er in Großkopfhausen liest und sich schon sehr auf die Veranstaltung freut. Dann kommentiere ich gerne und frage ob er wirklich einen ganzen Monat vorher schon anreist. Mit etwas Glück, steigt der, der den Monat verwechselt hat, dann noch schnell wieder aus dem Zug aus. Wirklich oft kommt das aber auch nicht vor. Aber fast wäre es einmal schon passiert.

Normal – und das passiert wirklich ständigt – ist, dass sich Termine verschieben. Oft. Sehr oft. Fast schon normal ist es seit zwei Jahren. In unserer Excelliste gehen uns mittlerweile die Farben aus, mit denene wir die Verschiebungen kennzeichnen. Da ist es natürlich gut, wenn man den Überblick behält. Also ich. Und das tue ich. Da können Sie wirklich jeden fragen. Man wird Ihnen bestätigen, dass ich das bin. Im größten Chaos bin ich der Fels in der Brandung. Das dritte Mal eine komplette Lesereise verschieben? Warum nicht – machen wir gerne. Meine eigenen Lesungen notiere ich in einem großen Wandkalender, einem kleinen Taschenkalender und meinem Handy. Da kann nix passieren. Können Sie jeden fragen. Nur vielleicht nicht die nachstehenden Personen, denen ich heute Nachmittag in unterschiedlicher Intensität ins Handy gebrüllt habe:

Dem mutigsten meiner Freunde in Italien:

Dem brüllte ich ins Ohr, dass er unseren gemeinsamen Urlaub im August vergessen könne. Seine Nachfrage warum und was genau passiert sei, habe ich ignoriert und das Telefonat beendet um…

….meine Freundin anzurufen und ihr genauso laut, aber mit weinerlichem Unterton ins Ohr zu brüllen, dass:

Ich eine Lesung vergessen habe und deswegen genau in der Mitte unserers seit Monaten geplanten Urlaubs eine Lesung zu machen. Ihre Nachfrage ob man da noch etwas schieben könne, beantwortete ich mit einem NEIN, legte auf und rief…

…bei der Lufthansa an, um mich nach möglichen Flügen an einem Mittwoch morgen und einem Donnerstag Abend von Genua nach München und zurück zu erkundigen. Dort legte ich auf, weil mich diese Variante extrem viel Kosten würde. Nicht zuletzt an schlechtem Gewissen, weil man nicht zwei Mal durch halb Europa fliegt, nur weil man zu blöd war seinen Kalender zu pflegen.

Schaue ich mir meine Telefonliste von 16:30 Uhr bis 17:20 Uhr an, dann habe ich wohl noch mehr Menschen ins Ohr gebrüllt und sie darüber in Kenntnis gesetzt, dass ich der größte Volltrottel der Stadt sei. Ruhig und gelassen war ich nicht und als Fels in der Brandung würden sie mich sicher nicht beschreiben. Eher als Felsbrocken der verbal ungebremst einen Abhand runter rollt.

Um 17:22 Uhr habe ich dann den Veranstalter angerufen. Ruhig und gelassen habe ich nachgefragt ob es den schon viele Anmeldungen für die Lesung in der ersten Augustwoche gäbe. Man teilte mir mit, dass dieser Termin doch im Januar schon verschoben wurde. Ende Juli und ob es noch passen würde. Klar, sagte ich total ruhig und dass ich nur mal nachfragen wollte. Das schadet ja nie. Fand der Veranstalter auch. Die folgende Stunde habe ich vier Leute (die Lufthansa nicht) angerufen und ihnen mitgeteilt, dass sie meinen vorherigen Anruf bitte einfach ignorieren sollen – passt alles. Wie ja immer bei mir. Ich hab meine Termine im Griff.

Sie finden Sie übrigens hier: https://mitziirsaj.com/lesungen-print/

18 Gedanken zu “Sanft und gelassen brüllend (II)

  1. Ich musste sehr lachen und konnte mir den Schreck förmlich vorstellen. Aus allen Wolken wäre ich gefallen. Und dann auch noch Flüge ändern in den Sommerferien – vermutlich hätte ein Vollcharter auch nicht weniger gekostet. 😄 Ein Glück liest du ganz entspannt Ende Juli. 😃

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    1. Ups..ich dachte ich hätte dir gleich geantwortet. Sorry. Es gibt gar keine Flüge. Ich versuche die immer zu vermeiden. So oft wie ich runter fahre, hätte ich sonst wirklich ein übel schlechtes Gewissen. Manche Flüge lassen sich nicht vermeiden, die meinen ja schon. Obwohl es so herrlich einfach und schnell wäre. 😉

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  2. Niemand hat je behauptet, dass Felsen immer ruhig auf ihrem Platz verharren und still sein müssen. Da müssen wir gar nicht skandinavische Trolle bemühen, das kann jeder bestätigen, der schon mal eine Mure niedergehen sah. Und selbst der Fels, auf den vor langer, langer Zeit jemand eine Kirche bauen wollte, war der erste, der aufgeregt mit einem langen Besteckmesser rumfuchtelte, als es um eng wurde. Also, für mich wär das nix. Ich wär durchgedreht. Das hängt so zusammen: ich komme gern pünktlich. Überpünktlich! Und wenn ich in Streß gerade, Termine sich jagen, dann komme ich – ja, das ist auch eine irre Streßreaktion – häufig zu früh! Deutlich.
    Das gefällt auch niemandem, weder mir noch den von mir Heimgesuchten.

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    1. Aber das ist wenigstens ein Grund, den man gut verstehen kann. Die Heimgesuchten müssen einfach froh sein, dass du da bist. Ich behaupte in solchen Fällen immer…obwohl…ne, ich grinse dann eigentlich nur verlegen. Aber ich kenne das mit dem Zufrühkommen.

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  3. ja den überblick über verschobene termine zu behalten ist glaube ich eine ganz eigene kunst. diejenigen, die das beherrschen, sind mir suspekt. ich hab jedenfalls irgendwie jede lust an kalendern verloren und gehe jetzt relativ unorganisiert durchs leben, weil ich mich noch nicht dran gewöhnt hab, dass für viele die pandemie eh beendet ist und dinge wieder stattfinden.

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    1. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich schaffe es in manchen Wochen nicht mal die ganzen Kommentare (deiner) aus dem Spam zu holen und wenn der Spamordner nicht schuld ist, dann ich. Im Moment habe ich ständig das Gefühl irgendwas schon wieder zu vergessen. Priorisieren wäre angebracht. Und zwar nicht, um geordnet und völlig strukturiert durchs Leben zu gehen, sondern um den SChwerpunkt wieder auf die Dinge zu setzten die schön sind und mir wichtig sind. Jetzt erst mal Kirschen essen und hier ein bisschen stöbern – eindeutig zwei Dinge, auf denen der Fokus heute liegen soll. Liebe Grüße zu dir.

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  4. Ich habe bei der Lufthansa angerufen und wollte mich erkundigen, ob die Terminals in Wörkelbeck und Großkopfhausen nun endlich fertiggestellt wären oder ob ich mit Berliner Verhältnissen rechnen müsste.
    Man hat mir vor der Nase aufgelegt…

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