Passt schon

Passt schon, sagt man in München gerne, wenn gar nichts passt. Wenn so viel im argen liegt, dass man nicht recht weiß, wo man anfangen soll, dann sagt man „passt schon“. Das ist wie „wird schon“, wenn einem unklar ist, wie überhaupt irgendwas wieder werden kann. Der Sonne am heutigen Sonntag ist das egal. Sie scheint und wenigstens das ist schön. Mehr als schön – es hilft, weil Sonnenstrahlen im Frühjahr nicht nur das Gesicht, sondern auch das Herz erwärmen und es leichter machen die Gedanken zu ordnen. Sie zu beruhigen ist angesichts der Nachrichten nur schwer möglich, aber ein paar Atemzüge mit geschlossenen Augen in der Sonne sind angenehm. Den Menschen in meinem Viertel scheint es ähnlich zu gehen. Sie sitzen auf den Bänken, legen den Kopf in den Nacken, schließen die Augen und strecken die Nasenspitze in die Sonne. Das tut gut, man sieht es ihnen an. Mir wahrscheinlich auch. Das und die Ruhe, die nicht ungewöhnlich ist, da ich nicht in einem Café sondern auf einer Bank auf dem Friedhof sitze. Bei so viel Scheußlichkeit ist hier, trotz des oft traurigen Ortes, viel Schönes zu sehen.

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Nein

„Unser Ziel, auch mein Ziel, ist, dass wir im Laufe dieses Jahrzehnts eine der handlungsfähigsten, schlagkräftigsten Armeen in Europa bekommen. Eine der am besten ausgerüsteten Armeen in Europa, weil das der Bedeutung Deutschlands, unserer Verantwortung in Europa entspricht”, sagte der FDP Chef Christian Lindner im ARD „Morgenmagazin”.

Nein, das kann nicht die Lösung sein. Verantwortung übernehmen – selbstverständlich. Aber ein Europa mit schlagkräftigen Armeen, klingt für mich nach einer Zukunft, die nichts gutes verheißt. Soll und muss das Ziel nicht sein, irgendwann eben keine Armeen mehr zu brauchen? Naiv und dumm, diese Vorstellung? Ja, wahrscheinlich. Dennoch ein erstrebenswertes Ziel. Eines, dass man und wenn es noch so unwahrscheinlich ist, nicht aufgeben sollte.

100 Milliarden für die Bundeswehr? Auch für mich steht außer Frage, dass die Ukraine in ihrer verzweifelten Lage unterstützt werden muss. Ob als Konsequenz aber eine derart hoher Etat in die Bundeswehr gepumpt werden muss? Der Weg zu Frieden war doch noch nie eine schlagkräftige Armee.

Am Ende stopfen wir doch immer und immer wieder nur Löcher. Fukushima führt zum Aus für die Atomenergie. Aber nur, bis man merkt, dass die aktuellen Sanktionen gegen Russland dann doch Auswirkungen haben könnten, die Überlegungen rechtfertigen, den einen oder anderen Meiler wieder anzuwerfen. Erneuerbare Energien natürlich gerne, machen wir, aber langsam, so akut ist es dann doch noch nicht und für die Klimakatastrophe sucht man eine Lösung wenn es dann endgültig zu spät ist. Jetzt ist erst mal kein Geld dafür da. Verstehen Sie mich nicht falsch…jeder Cent der Flüchtenden oder Hilfsbedürftigen zu gute kommt, soll und muss fließen. Vielleicht, wahrscheinlich ist es richtig Waffen an die Ukraine zu liefern. Ich hab meine Meinung dazu noch nicht zu Ende gedacht. Aber die Aussage Lindners ist für mich nur schwer zu ertragen.

Ich bewundere die vielen unglaublich gut geschriebenen, Meinungsstarken und ausgewogenen Artikel zu all dem was in den letzten Tagen passiert ist. Ich kann es nicht. Bei Themen wie diesen brauche ich ein Gegenüber, einen Küchentisch und dann gerne eine lange Diskussion in der ich durchaus eine Meinung habe. Schriftlich leider nicht. Schriftlich bin ich in diesem Fall der Grobmotoriker. In diesem Sinne…es ist zum Heulen, zum Kotzen und zum Fürchten.

Zu viel

Feierabend. Eigentlich. Ein letztes Telefonat, nur schnell, weil ich das was mir eine Frau weit über die achtzig handschriftlich geschrieben hat, beim besten Willen nicht entziffern kann. Hoffend auf eine belanglose Frage, nur kurz anrufen und dann den Rechner runter fahren. Freitag Nachmittag und die Luft ist raus. Kurz noch, dann haben wir auch das weg. Hoffentlich.

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Endgültig löschen, bitte

Ich kann jetzt nicht, sage ich meinem Nachbarn Paul und lasse ihn selbst in meiner Küche nach all dem suchen, was einzukaufen, er vergessen hat. Anfang März gerne, vertröste ich meine Freundin und kann ihr nicht erklären, dass ich im Jahr 2001 festhänge und mir 2022 unendlich weit entfernt scheint. Meinen Freund bitte ich noch darum mir die hintersten Kartons aus dem Schrank zu holen und schüttele ihm zum Abschied die Hand, was ihn irritiert aber auch schmunzeln lässt. Ich bin irgendwo in den 90igern und da kannten wir uns noch nicht. Er verlässt das Chaos meiner Wohnung, bleibt in der Gegenwart und lässt mich und meine Vergangenheit alleine. Ich bat ihn nicht, zu gehen. Ein uraltes Mixtape hat ihn vertrieben und ich kann ihn verstehen – es ist schrecklich und nur die Erinnerung an die Person, die es mir schenkte, lässt es jetzt noch einmal meine Küche beschallen. Ein aller letztes Mal, dann kann es weg. Muss es weg, weil es mir nicht mehr wichtig ist.

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Frühling jetzt – 2022


12.02.2022. Ein schönes Datum für den Frühjahrsanfang, finden Sie nicht? Und kommen Sie mir bitte nicht mit Erklärungen, dass der Frühling nicht heute beginnt. Heute, am 12.02.2022 hat er begonnen. Vielleicht nicht bei Ihnen, aber ganz sicher bei mir. Also in München. Präzise, nach dem Überqueren der Isar und dem betreten der Viertel, die sich der Durchschnittsmünchner leider kaum noch leisten kann, da ist seit heute Frühling. Und weil das ganz München schon vor dem ersten Kaffee gespürt hat, trifft es sich auch genau dort – in der Innenstadt. Wenn eine ganze Stadt in ihr Zentrum pilgert, kann es freilich schnell ein wenig eng werden. Das stört uns aber nicht. Die Pandemie ist beendet – das ist sie ja jedes Jahr wenn es warm wird. Fünf Grad bei strahlendem Sonnenschein sind grad recht, für einen Münchner, den es nach dem Winter nach draußen treibt. Wir rutschen einfach ein wenig zusammen und sehen die Aufkleber, die um den nötigen Abstand zwischen Stühlen und Tischen bitten, eh nicht, weil die unter Unmengen von Decken verschwinden. Decken, die von Wirten, Cafés und Bars hastig vom Speicher geholt und auf die unglaublich kalten Metallstühle geworfen wurden. Der Münchner sitzt seit heute nämlich wieder draußen und blinzelt unter der Mütze in die Sonne, während er in den behandschuhten Händen den ersten Aperol Spritz des Jahres trinkt. Den ersten unter freiem Himmel und mit einem leicht arroganten Grinsen auf den Lippen, wenn sich italienische Touristen in den Innenräumen der Bars aufwärmen. Keine Ahnung vom Frühling haben die, denkt sich der Münchner und dreht seinen Stuhl in die genau gleiche Richtung wie die restliche Stadt – mit dem Gesicht in Richtung Sonne. Sonst lohnt sich die zuvor neu gekaufte Sonnenbrille ja nicht. In der Innenstadt ist die so unverschämt teuer, dass man sie ab jetzt am besten gar nicht mehr absetzt. Warum auch? Es ist ja Frühling.

Das muss man sich freilich immer vor Augen halten, sonst spürt man die herannahende Blasenentzündung überdeutlich und fragt sich am Ende noch, wie man so blöd sein konnte, sich ein Getränk mit Eiswürfeln zu bestellen. Weg mit den Wintergedanken und ein paar Bilder nach Italien zu den Freuden geschickt. Schon so warm, fragen Sie und wir schwindeln – warm ist schließlich ein nicht genau definierter Begriff – so hemmungslos, dass uns vor Scham gleich ein bisschen wärmer wird. Aber schön ist er schon, der erste Frühlingstag. Leute schauen, das ist schön, nach all den Monaten die man drinnen verbracht hat. Und wichtig. Vor lauter Homeoffice weiß man sonst ja gar nicht mehr, was man im Moment so trägt. Schick, schick. Ich auch. Glaube ich zumindest, den in der Spiegelung der Schaufenster sehe ich mich bei den vielen Leuten natürlich nicht. Heut ist wirklich die ganze Stadt auf den Beinen. Schön ist das! Vielleicht nicht überall, aber in München ist es herrlich. Heut, am ersten Frühlingstag. So schön zu sehen, dass es uns alle noch gibt. Da darf man schon ein bisschen sentimental werden, beim zweiten Spritz, der schon nicht mehr ganz so kalt wie der erste ist. Der Kellner hat die Eiswürfel vergessen, was angesichts des Windes der um die Ecke pfeift auch völlig ok ist. Außerdem rennt er sich die Hacken ab, weil er nicht nur die Sitzenden, sondern auch all die am Rand stehenden bedienen muss. Es ist ja wirklich die ganze Stadt hier. Oder zumindest ein Großteil. Die Haidhauser sind wahrscheinlich in ihrem Viertel geblieben. Das ist so gentrifiziert und hat zugleich noch so hübsche alte Häuser, dass man den Berg eigentlich wirklich nicht runter muss. Und an der Isar werden wahrscheinlich auch recht viele sein. Aber der Rest, der ist hier und blinzelt in die Sonne. Selbst wenn er im Schatten sitzt. Das muss so sein. Wenn man den Frühling Anfang Februar einläutet, dann muss man sich ein bisschen selbst anschwindeln und einreden, dass es auch an der zugigen Ecken schon so warm, wie an den sonnigen und windgeschützten Hauswänden ist. Der durchschnittliche Münchner kann das gut.

Der Nachbarsjung, schiebt die Mütze nach oben, grinst mich an und sagt, dass ich spinne. Ich zucke mit den Schultern, schaue ob mein Schal noch richtig über seinen Schultern liegt und erkundige mich ob die heiße Schokolade und die warme Suppe gut sind. Er nickt und sieht nicht verfroren aus. Ein echter Münchner. Die spinnen alle sagt er und meint die ganze Stadt. Ja, sage ich. Endlich wieder. Pünktlich zum Frühlingsanfang.

Passt. Alles gut.

Die Sonne ist zurück – heute, das erste Mal seit Ende September letzten Jahres – schafften es ihre Strahlen zurück in meinen Laubengang. Nur wenige und nur ganz außen an der Hauswand, aber immerhin. Seltsam, wie sehr man sich nach dunklen Monaten über einen kleinen Fleck Sonne freuen kann. Vor vielen Jahren stand ich ähnlich wie heute mit einem Espresso in der Hand in der Küche und freute mich über die Rückkehr des Lichts. So sehr, dass ich euch erzählte, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Ein paar Wochen noch, dann würden die Strahlen das Fenster erreichen und endlich würde es dann in meiner Wohnung an schönen Tagen nicht nur vormittags, sondern auch vom späten Nachmittag an, einen Raum geben, der vom schönsten Licht von allen erleuchtet wird. Die Mokka stand auf dem Herd und der Kaffee blubbert genauso fröhlich, wie meine Stimme klang. Auch heute blubbert sie – es ist noch immer die selbe – nur meine Stimme fehlt, weil ihr seit langem nicht mehr hinter mir im winzigen Schlauch der Küche steht. Fehl am Platz war sie, die Stimme, auch damals gewesen. Unbedacht über kommende Monate plaudernd und wie so oft vergessend, dass einer längst nicht mehr in Monaten und immer seltener in Wochen rechnete. Einzig Tage waren relevant, weil sie kurz genug waren, um sich einigermaßen sicher sein zu können, von ihnen auch die letzten Stunde zu erleben.

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Bitte nur mit Bademantel

Kennen Sie das verschmitzte Grinsen von Michel aus Lönneberger in der Fernsehverfilmung des Astrid Lindgreen Romans? Dann können Sie sich vorstellen, wie mein Vater gut vierzig Jahre später schmunzelte, als ich ihn fragte wo zum Henker wir hier eigentlich gelandet waren. Eine halbe Stunde zuvor beobachtete ich am Beckenrand stehend, wie mein Vater im Wasser einer Therme – halb treibend, halb schwimmend – von mehreren Frauen gleichzeitig langsam eingekesselt wurde. In dieser, eines Dokumentarfilms würdigen Szene, war mein Vater ein putziges, aber durchaus stattliches Tierchen, das sich, keiner Gefahr bewusst, genüsslich im Wasserloch räkelt, während sich die Hyänen langsam aber stetig von allen Seiten nähern. Am Beckenrand stehend hatte ich einen guten Überblick und beobachtet, leicht verstört das Jagdverhalten der Badegäste. Verstört, da sich in der Regel sich nur meine Mutter an meinen Vater heran pirscht und das meist weder raffiniert unauffällig, noch schleichend und schmeichelnd, sondern schlicht und einfach durch das Betreten eines Raumes ihrer gemeinsam genutzten Wohnung. Hier aber rotteten sich Frauen zusammen, bei denen sofort meine Alarmglocken schrillten. Weniger weil ich mir Sorgen um die Standhaftigkeit meines Vaters machte, sondern vielmehr weil ich Frauen, die solche Badekappen tragen, alles zutraue. Auch einen Kampf um Leben um Tod. Und genau das spielte sich in den Becken dieser Therme ab: Kämpfe. Die Weibchen balgen sich um die wenigen Männchen, die es geschafft hatten Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder zu überleben und jetzt noch ohne fremde Hilfe in die Becken steigen konnten. Viele waren es nicht Der Anteil an Männern dürfte in etwa so hoch wie in einem Hebammenlehrgang im vorherigen Jahrtausend gewesen sein. Meinen väterlichen Michel aus Lönneberga, im Wasserloch schien es nicht zu stören.

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Corona Homeoffice XXXI

Noch fünf Wochen und diese kleine aber feine Rubrik feiert ihr zweijähriges Jubiläum. Wer hätte das gedacht? Ich sicher nicht und ich vermute auch kaum jemand von Ihnen. Zum Glück, denn hätte man uns im Februar 2020 gesagt, dass im Februar 2022 (aufgerundet, denn auf zwei Tage kommt es nun wirklich nicht mehr an) gar nichts vorbei ist, sondern – ganz im Gegenteil – der Wahnsinn immer neue Formen annimmt, dann hätten wir in unsere Fenster keine von Kindern liebevoll gezeichnete Regenbogen mit „Andrá tutto bene“ oder hier hin München mit „Alles wird gut“ geklebt, sondern Pappschilder mit „Habt mich doch alle gern“ (im besten Fall…im realistischeren vermutlich etwas derber). Verstehen Sie mich nicht falsch, es liegt mir fern über die verschiedensten Coronamaßnahmen zu wettern, 3G zu verdammen oder mich über die Maskenpflicht zu echauffieren. Ich muss nur gestehen, dass ich dabei bin komplett den Überblick zu verlieren und mich mittlerweile von einer zwölfjährigen über die gängigen Regeln aufklären lasse, weil ich selbst sie nicht mehr täglich verfolge. Und wie Sie wissen….die ändern sich unglaublich schnell. Wenn Sie dann noch das Bundesland oder gar das Land verlassen, dann stehen Sie im Wald.

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Alles ganz normal

Laut der Studie einer Partnervermittlungsbörse, streiten sich Paare am häufigsten über herumliegende Kleidungsstücke, die Unordnung in der Küche oder die Lautstärke von TV und/oder Radio. Ich halte diese Studie für nicht sonderlich repräsentativ, da ich erstens selbst Teil eines Paares bin und mich über diese Dinge noch nie ernsthaft gestritten habe und zweites, in einem hellhörigen Mietshaus lebe und damit die Beziehungen von gut einer Handvoll anderer Paare unangenehm nah miterleben darf. Bei dem einen oder anderem würde ich mir wünschen, dass sie den Fernseher lauter drehen und es mir so ersparen ihre Konflikte fast wörtlich mitzuerleben. Vielleicht könnte man sich aber darauf einigen, dass es am Ende aber tatsächlich die banalen und alltäglichen Dinge sind, die eine Beziehung killen. Mein Freund und ich, wir sind ein sehr durchschnittliches Paar. Kreativ werden wir nur wenn wir uns streiten – genau gesagt bei den Gründen. Die sind weder banal, noch erscheinen sie in Statistiken. Ein Grund stolz zu sein, ist das vermutlich aber nicht. Stolz könnten wir allenfalls darauf sein, seit über einer dreiviertel Stunde über ein – für einen der Beteiligten sehr schmerzhaftes – Thema zu diskutieren ohne uns Türen knallend anzubrüllen. Das betreiben meine Nachbarn über mir nämlich zeitgleich und jedes Mal wenn oben eine Tür zugeschlagen wird und gleichzeitig „dann verpiss dich doch“ geplärrt wird, fühlen wir uns sofort etwas besser. Kultivierter – wir brüllen nicht. Wir streiten ja nicht mal richtig. Wir diskutieren.

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