Kirschen gespuckt

Kirschen gegessen
Wasser getrunken
Bauchweh bekommen
Ins Krankenhaus gekommen
Gestorben

An den Kinderreim aus meiner Kindheit dachte ich heute vor vier Jahren. Man stand im Kreis, warf sich einen Ball zu und wenn man ihn fallen lies, musste man eine Zeile des Reimes aufsagen. Bei der fünften Zeile war man raus. Heute vor vier Jahren war ich auch raus. Ein Kilo Kirschen auf nüchternen Magen, 34 Grad und ein paar Schlucke zuviel des brackigen Seewassers hatten mich schachmatt gesetzt. Mir war schlecht und ich übergab mich in die Büsche am Seeufer. Eine Stunde ging es mir noch gut und ich hatte die letzte der Kirschen fotografiert. Das Bild ist noch heute das Titelbild meines Blogs. Vor vier Jahren wusste ich noch nicht, dass es das werden würde. Da wusste ich noch gar nichts. Weder, dass ich wieder mit dem Schreiben beginnen würde, noch das ich mir wenige Stunden später eine Domain sichern und eine Homepage erstellen würde. Ich wusste nur, dass ein Kilo Kirschen mit Seewasser eine wirklich üble Kombination sind und „kotzend in den Büschen hängend“ eigentlich eine ganz passende Beschreibung für meinen Gemütszustand und mein Leben im allgemeinen waren. Weiterlesen

Geht nicht mehr

Dein stummes Kopfschütteln bittet mich den Mund zu halten und der Blick in deinen Augen sagt mir, dass es dir ernst ist. Sag nichts, bittest du mich und ich sehe, dass du weißt, dass ich nicht still sein werde. Ich war es. Über Wochen und über Monate hinweg. Habe nichts gesagt, weil es mich nichts angeht und weil man sich in die Leben anderer nicht einmischt. Nicht, wenn es sich um Bekannte und nicht um Freunde handelt. Es gibt Dinge, die unausgesprochen bleiben müssen, wenn niemand danach fragt. Und doch fragen sie, blicken Beifall heischend in die Runde und suhlen sich in ihren Problemen, die gleich viel schicker klingen, wenn man ihnen ein wenig Dramatik um die Schultern legt. Ich sehe dich. Sehe wie du an der Bar stehst und mir nach einem letzten bittenden Blick den Rücken zuwendest. Wärst du noch wirklich hier, würdest du dir jetzt einen Gin Tonic bestellen, ihn in Ruhe trinken und dann, fünfzehn Minuten später, wortlos meine Hand nehmen und mich vom Schlachtfeld dieses Tisches ziehen. Du hättest nichts gesagt. Wärst in der Runde gesessen und nur am Spiel deiner Gesichtsmuskeln hätte man erahnen können, wie zuwider dir dieses Gespräch ist. Wahrscheinlich nicht einmal das. Abscheu und Widerwillen ist nur schwer zu erkennen, wenn sie sich hinter einem süffisanten Schmunzeln verbergen. Ich hätte es gesehen und sehe es auch jetzt in deinem Rücken. Idioten, sagt dein Rücken und ich sage es auch. Laut und deutlich. Nur ohne das süffisante Schmunzeln, das die Schärfe aus den Worten genommen hätte. Glückwunsch murmelt dein Rücken und ich vermisse deine Hand, die mich aus dem emotionalen Schlachtfeld dieses Abends führt. Jeder Blick ein Vorwurf und jeder Atemzug ein zerbrochenes Glas. Mund halten. Drei Atemzüge lang, dann entschuldigen, aufstehen und gehen, sagt dein Rücken und ich höre auf ihn. Schadensbegrenzung war eine deiner Kernkompetenzen. Weiterlesen

Frau Obst wird alt

Es geht ihr nicht gut. Das warme Wetter macht ihr zu schaffen und wenn man sie sieht, dann schleicht sie nur langsam durch das Treppenhaus. Sie ist alt geworden, unsere Nachbarin. In diesen Tagen könnte man es auf das Wetter schieben. Wer die 80 erreicht hat, den schlauchten die Temperaturen von weit über 30 Grad die momentan in der Stadt herrschen. Es wundert einen nicht, wenn ältere Nachbarn ein wenig ruhiger, langsamer und stiller unterwegs sind und sich während der Sonnenstunden gar blicken lassen. In anderen Jahren hätten wir unsere Witze gemacht. Hätten uns beglückwünscht dass die Hitze und die Sonne unsere Nachbarin Frau Obst endlich einmal zum verstummen bringt. Kaum einer hätte ihr schimpfen vermisst und ein jeder wäre über die Ruhe froh gewesen. In diesem Jahr nicht. Weiterlesen

Anstrengendes Sommer-ich

Unverschämt sei ich, sagt der, der ab und zu mit einer Flasche Wein vor meiner Türe steht. Er hat nicht unrecht und weil er lacht, während er es sagt, darf er es wiederholen. Es ist unverschämt, so sehr den Sommer zu genießen wie ich es tue. Ich arbeite, das ja. Aber ansonsten genieße ich. Er tippt eine an irgendwelchen Studien und ich halte die nackten Zehen in die Sonne vor seinem Dachfenster. Mit einer Weinschorle in der Hand. Unverschämt murmelt er als ich mich wegen des schwindenden Sonnenflecks verabschiede und in die Küche gehe um meine Zehen dort in die warmen Strahlen zu halten.

Anstrengend sei ich, sagen die Kollegen. Und weil sie wegen mir bereits mehrfach dieses Jahr ihre Urlaube verschieben und mich reihum vertreten mussten, dürfen sie das sagen. Ich hopse durch die Flure. Das ist anstrengend, besonders weil meine gute Laune angesichts unseres derzeitigen Arbeitsvolumens unangebracht erscheint. Dass sie alle Lächeln freut mich. Ich stecke sie an. Wenn einer hopst, kann man keine schlechte Laune haben. Das ist wie mit Pinguinen. Die kann man nicht watscheln sehen, ohne zu schmunzeln.

Ganz toll, schreibt der mutigste meiner Freunde sarkastisch als ich ihm einen Screenshot schicke der zeigt, dass bei ihm in Italien und bei mir in Deutschland gerade 33 Grad sind. Weil er einen wutschnaubenden Smiley anfügt, verzichte ich darauf ihm zu schreiben, dass ich das fantastisch finde und meine Zehen jetzt bestimmt schon so braun wie die seinen sind.

Nur meine Mutter die Bilder von einer Wanderung schickt, frage ich ob es nicht etwas zu warm ist. Ist es nicht. Sie geht im Schatten und trägt wie ich die Sonne im Herzen.

Ich würde Ihnen so gerne so vieles erzählen und mache mir doch nur Notizen. Meine Beine hängen aus Fenstern, meine Finger pflücken Erdbeeren und ich muss den Tomaten auf meinem Balkon beim Wachsen zusehen. Und Herzklopfen muss ich auch haben. Wegen einem der seine Beine zu meinen aus den Fenstern hängt, wenn die Sonne untergegangen ist und wegen der dritten Brenner Überquerung in ein paar Wochen.

Spontan sei das schon gewesen, sagt meine Freundin und ich bin froh, dass sie es mir nicht übel nimmt das ich ihr „können ja mal schauen“ zum Anlass nahm, uns ohne Rücksprache neun Nächte auf einem Hügel mit Meerblick in Ligurien einzubuchen und ihren Resturlaub und ihr Auto zu verplanen. Es ist Sommer. Da bin ich manchmal anstrengend. Und weil ich das weiß ist es auch ok, dass Freund, Kollegen und Freunde mich immer öfter bitten, mich doch einfach raus zu setzen und der Tomate beim wachsen zuzusehen. Da gehe ich ihnen nicht auf die Nerven.

Wenn Sie mich suchen…ich bin bei den Tomaten.

Italienische Tage

Auf der Straße vor meinem Fenster fährt ein Mofa vorbei. Es rattert, stottert, stoppt und läuft eine Weile im Leerlauf bevor es knatternd und stinkend wendet und die Straße zurück fährt. Das muss es wohl, denn wäre es nur einmal unter meinem Fenster vorbei gefahren, dann hätte der Lärm seiner dünnen Reifen und seines scheppernden Auspuffes womöglich nicht gereicht um mich zu wecken. In Italien wird man so geweckt. Jedenfalls dann, wenn man in einer kleinen Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster wohnt. In München auch. Auf wundersame Weise knattern die Mofas in München aber nur im Hochsommer so laut unter meiner Wohnung vorbei. Im Halbschlaf und noch in den Traumresten gefangen bin ich mir nicht sicher ob ich in München bin. Es ist so heiß, dass ich mir die Haare zum Schlafen nach oben gebunden und die Bettdecke vor Tagen schon gegen ein dünnes Leintuch ausgetauscht habe. Es ist das gleiche blasgrüne Tuch in dem ich schon in Verona geschlafen habe. Alt und an manchen Stellen fadenscheinig dünn – perfekt für Nächte in denen es nicht mehr abkühlt. Hässlich ist es, höre ich und schiebe den, der es sagt zur Seite, so wie ich es vor Jahren mit einem anderen gemacht habe. Italienische Nächte sind herrlich. Für Intimitäten, die ein Minimum an Körpereinsatz voraussetzen, aber nicht zu gebrauchen. Es ist zu warm. Weiterlesen

Papier-Glück

Glück besteht aus Papier. Den gebastelten Fliegern der Dreijährigen, dem Zebra des Achtjährigen, den Zeichnungen Ludwigs und den Zeilen von Jules.

Ein jedes Stück wertvoll und einzigartig. Danke.