Randnotiz

Mit der richtigen Person, im richtigen Moment am Randstein sitzen, wenn es Mitte Oktober noch nach Sommer riecht. Die Prosecco Reste trinken und sich denken: den mag ich, der ist lieb. Kleines, großes Glück.

Nicht petzen

Kinder mochte ich schon immer. Als ich selbst eines war uns seit ich keines mehr sein darf, noch viel mehr. Wenn Sie selbst welche haben, dann muss ich Ihnen nicht erklären, wie unglaublich schön sich ein Beinchen oder Ärmchen von einem vier Monate alten kleinen Bündel Leben anfühlt. Wenn Sie noch nie eines gestreichelt haben, dann müssen Sie mir glauben, dass sich Haut nie wunderbarer anfühlt als in den ersten Lebensjahren. Nein, auch nicht die von einem Menschen, den Sie sehr lieben. Ein Kind liebt man anders. Vielleicht nicht mehr, aber irgendetwas in unseren Genen sorgt dafür, dass wir im Zusammenhang mit einem kleines Kind, zu dem wir eine Bindung haben, selbstloser und furchtloser handeln als für unsere besten Freunde. Die kommen schon irgendwie klar, wenn der Kampfhund des Nachbarn von der Leine gelassen wird. Da stellen wir uns mal besser nicht in den Weg. Bei einem Kind denken wir nicht mal darüber nach. Den Köter machen wir platt. Mit links. In fremde Streitgespräche mische ich mich nicht ein. Auch nicht in die meiner erwachsenen Geschwister. Nach zwei, drei Jahren, reden die schon wieder miteinander. Ein bisschen Ruhe schadet ihnen und mir nicht. Macht jemand meine Nichte blöd an, dann nehme ich das persönlich. Auch wenn sie schon einen Führerschein hat. Wer ihr blöd kommt, hat ein Problem mit mir. Bei den kleinsten meiner Nichten und Neffen werde ich zur Löwentante und schalte mögliche Angreifer verbal aber notfalls auch mit vollstem Körpereinsatz aus. Ich mag Kinder wirklich und kann super mit ihnen umgehen. Die wissen das auch. Nur die Eltern, die sehen mich manchmal etwas komisch an. Weiterlesen

Herr Meier heißt Hans

Es sind die Glocken, die ihnen das Kreuz brechen, sagt mein Nachbar Herr Meier und deutet auf ein paar duzend Trauergäste, die sich vor der Aussegnungshalle des Münchner Ostfriedhofes versammelt haben und sich mit Taschentüchern die Augenwinkel trocknen. Scheiß Glocken, sage ich und setzte mich zu ihm auf die Bank in die Sonne. Sie bringen einen nur zum Heulen und das Weinen ist etwas intimes, erkläre ich. Intim fragt der Meier und ich nicke. Ja, sehr intim. Das sollte man den Friedhofskirchen Glockengießern sagen, damit sie ihren Glocken nicht dieses furchtbare Geläut ins Eisen schmieden. Scheiß Glocken, sag ich nochmal trotzig und mein Nachbar lacht leise. Ob ich heute schlecht gelaunt sei, will er wissen und erwartet keine Antwort. Viel mehr interessiert ihn das Treiben auf dem Friedhof. Mit großem Interesse verfolgt er das Kommen und Gehen der Trauergemeinden und äußert sich abfällig grinsend über Frauen, die auf hohen Schuhen über den Kies stöckeln. Als ob der das noch sehen würde, sagt er und deutet unbestimmt nach oben, wo er den Verstorbenen wohl vermutet. Dem ist jetzt alles wurscht, sagt er und es klingt auf seltsame Art tröstlich. So tröstlich wie neben ihm in der Sonne zu sitzen. Obwohl er unablässig redet, strahlt er eine angenehme Ruhe aus. Als ein Sarg aus der Aussegnungshalle geschoben wird, steht er auf, zieht seinen Hut und ist still bis der Trauerzug vorbei ist. Dann holt er eine Zeitungsseite aus der Hosentasche und setzt sich wieder. Umständlich streicht er sie glatt. Hedwig Angermeier, liest er vor. 93 Jahre, sei sie gewesen. Er nickt zufrieden. In dem Alter ist die Hebamme nicht mehr schuld murmelt er und sieht dem Sarg noch ein wenig hinter her. Ich folge seinem Blick und bleibe bei ihm sitzen, bis neue Trauergäste kommen. Das sind meine, sag ich und steh auf. Weiterlesen

Es wird

Über die Macht der Rhetorik in der Antike hätte sie gerne etwas geschrieben, sagt sie und wirft ein Beispiel zwischen die alten Grabsteine des alten Münchner Nordfriedhofes, durch den wir im Sonnenlicht des Nachmittags schlendern. Gerade noch waren wir woanders. In der U-Bahn und bei einem anderen Thema und schon sind wir es wieder. Der Moment über ihr Beispiel nachzudenken ist verstrichen und ich lächle nickend über den nächsten Gedanken, der zwischen den alten Bäumen aufblitzt und ihrem wachen Verstand entspringt. Ein Verstand der nicht stillsteht und Gedanken so schnell und sprunghaft in den Raum ihres Geistes wirft, das wohl nur ein Bruchteil den Weg über ihre Lippen findet. Sie plappert und plaudert und doch hört man, dass fast alles was sie sagt, schon einmal an-, be- oder durchdacht wurde. Ihr Verstand ist flinker als der meine und ich spüre, dass sie im Begriff ist mich zu überholen. Bei ihr trete ich gerne zurück. Bin still, damit ihren Gedanken mehr Raum bleibt. Gedanken, von denen mir die meisten noch vertraut sind, manche aber bereits vergessen waren und jetzt wieder durch ihren hübschen Mund geformt und ausgesprochen werden. Fasziniert werfe ich ihr ein Stichwort zu und lache als sie es stirnrunzelnd aufschnappt, kurz darauf kaut und es dann in ganz neuem Gewand ausspuckt. Es war zu einfach. Für geworfene Stichworte ist er zu schlau, der Verstand, und das Zuhören zu schön. Längst sind wir auf Augenhöhe und werden es jetzt die nächsten Jahre bleiben. Ihr Geist ist wacher und flinker, der meine ruhiger und erfahrener. Heute morgen wünschte ich mir im Lotto zu gewinnen. Viel lieber aber möchte ich, dass sie weiter anruft, wenn sie in der Stadt ist und mir von der Macht der Rhetorik in der Antike erzählt. Oder von Platon. Von gestern Abend und von letzter Woche. Von Seneca. Vom Hund und der Katze und von allem was ihr durch den Kopf schießt. Weniges ist faszinierender als eine Neunzehnjährige, die gestern noch ein kleines Mädchen war. Weiterlesen

Randnotiz

Ich habe heute nicht im Lotto gewonnen.
Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit Statistiken – ich hatte es im Gefühl und mein Gefühl täuscht mich sonst nicht.

Ich werde also weiter schreiben. Das hätte ich eh, aber vermutlich am Meer.

Und bevor Sie mir jetzt die Nachteile eines Lottogewinns aufzählen oder mir erklären, dass es mir doch gut geht (ich weiß, dass es das tut, nicht zuletzt wegen Ihnen), entschuldigen Sie mich bitte, ich muss einen Flug stornieren und versuchen etwas aus dem Briefkasten zu fischen.

Schönen Abend, wir sehen uns hier ja weiterhin.
In einer Stunde freue ich mich darüber auch wieder.

😉

Eduard ist schuld

Eine Wohnung im Erdgeschoss, würde uns nicht gefallen. Wir sind uns einig, auch wenn er meist die Augen ein wenig verdreht, weil meine Argumentation nicht unbedingt der seinen entspricht. Während ihn das fehlende Licht stört, ist es bei mir die tiefe Überzeugung mit einer Erdgeschosswohnung früher oder später unfreiwillig zum Protagonisten bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ zu werden. Schlendern wir abends durch die Straßen der Stadt, erklärt ich ihm jedes Mal, dass Rollläden Einbrecher nicht abhalten würden. Rollläden von Privatwohnung bestehen meist aus Plastik. Das macht Sinn, sie wären sonst ein wenig schwer, aber auch wieder nicht, den wer vertraut sein Leben schon einem Rohstoff an, der global gesehen ein großes Übel, aber sicher kein Schutz gegen maskierte Gauner ist. Als Kind hatte ich Angst vor Einbrechern. Kein Wunder, ich habe fast jede Folge von „Aktenzeichen XY ungelöst“ gesehen. Meist im Flur kauernd, weil meine Eltern zwar entspannt waren, die Sendung für ihre siebenjährige Tochter aber doch als unpassend empfanden. Ich sah sie mir durch einen Spalt in der Wohnzimmertüre an. Der dunkle, kühle Flur in dem ich hockte, machte die nachgestellten Szenen noch gruseliger und es war mir unverständlich, dass meine Eltern danach noch ruhig schlafen konnten. Schließlich wohnten wir im Erdgeschoss und waren damit prädestiniert künftig Opfer extrem gewalttätiger Männer mit schwarzen Mützen über dem Gesicht zu werden. Um das zu verhindern, blieb ich vorsichtshalber wach, bis meine Eltern schliefen, kontrollierte Fenster und Türen und versuchte nicht zu schlafen, damit ich meinen Vater wecken konnte, wenn einer versuchte einzusteigen. Dass das möglich war, wusste ich. Mein Vater ist Schlosser und behauptete immer, jede Türe öffnen zu können. Obwohl ich meinen Vater für den besten und talentiertesten Menschen der Welt hielt, dämmert mir schon im Grundschulalter, dass es womöglich mehr als einen Mann gab, der alle Türen öffnen konnte. Auf den wartete ich in den Nächten nach der Ausstrahlung der Sendung. Wäre er gekommen hätte ich meinem Vater den Rest überlassen und ihn mit lauten Rufen des Anfeuerns beim Ausschalten des Einbrechers unterstützt. Er und ich – wir hätten das hinbekommen. Es galt ja nur die Türe im Auge zu behalten und nach Kratzgeräuschen zu lauschen. Die Fenster waren durch massive Rollläden geschützt. Solche aus Eisen. Für die man einen Metallschneider brauchen würde, um einzusteigen. Ein Gerät, das ich aus der Werkstatt meines Vaters kannte und von dem ich wusste, dass es einen Höllenlärm veranstaltete.  So blöd, das zu benutzen wäre kein Einbrecher. Keiner, mit dem Papa und ich es nicht aufnehmen konnten. Weiterlesen

Wahlfreiheit II – 14.10.

Kalt wird´s, sagt Herr Mu, als ich ihn gestern morgen an der Bushaltestelle treffe. Das Wetter meint er nicht. Auf der anderen Straßenseite steht am Straßenschild ein Wahlplakat der AfD und auf das ist unser Blick gerichtet. Ist es schon, sage ich und frage mich, ob ich Uli Henkels Lächeln genauso beängstigend wie das von Chucky, der Mörderpuppe finden würde, wenn ich nicht wüsste, wofür seine Partei steht. Herr Mu, kennt Chucky nicht, aber er kennt das Parteiprogram der AfD und das ist wichtiger. An der Bushaltestelle sitzend führt er einen stillen aber eindrucksvollen Wahlkampf. Er würde warten, sagt er, auf einen der etwas pro AfD sagt, dann würde er antworten. Was, das hätte er sich lange überlegt und jetzt wartet er. Auf einen eben, dem er all das sagen kann. Mir sagt er es nicht und als ich ihn frage, warum nicht, zieht er die Augenbrauen nach oben. Weil ich so blöd, hoffentlich nicht bin. Nein, er wartet auf einen Dummen. Oder einen der Angst hat. Denn das sind die gefährlichen und vielleicht die, bei denen es sich lohnt. Meinem Nachbarn, Herrn Meier sagt er auch nichts. Der kickt im vorbei gehen seit Wochen gegen jedes AfD Plakat und dem muss man nichts erklären. Außer vielleicht, dass es ihn bei einem seiner Tritte früher oder später hinhauen wird, weil er schon wieder ohne Stock unterwegs ist. Reden muss man, sagt Herr Mu, und zuhören, das hätten die da oben längst verlernt und das ist so wichtig. Er winkt mir beim Einsteigen in den Bus mit den Briefwahlunterlagen, die seit Mitte letzter Woche neben ihm liegen. Vielleicht fängt ja so einer zum Reden an. Einer, dem er sagen könnte, was da wirklich im Programm der AfD steht.

Und dann endlich heute morgen kommt eine. Auf der anderen Straßenseite kommt sie an und richtet das vom Meier angekickte Plakat wieder gerade und setzt sich dann zu uns. Besser, sagt sie und deutet mit dem Kopf auf das wieder waagrechte Chucky Lächeln von Herrn Henkel. Was gefällt ihnen denn an dem, frage ich und lächle vermutlich ebenfalls wie eine Mörderpuppe. Nicht nur Herr Mu, kennt das AfD Programm. Ich habe es auch gelesen. Das sag ich ihr jetzt. Mit einem eiskalten Klumpen im Magen habe ich über die unverhohlene Ausgrenzung gehandicapter Menschen schon im Kindesalter gelesen. Mit Brechreiz über die Aushebelung der Gleichberechtigung und den Rückschritten zu einem Frauenbild, das längst überholt geglaubt ist. Kopfschüttelnd über nicht zukunftsfähige Energiegewinnungsmethoden und fassungslos über die Herabwürdigung von Kultur, die nicht mehr förderungswürdig durch den Staat zu sein scheint. Was genau jetzt, frage ich die irritierte Frau und zähle noch einmal die Eckpunkte auf. Herr Muh stöhnt und ich lächle. Oder doch die Flüchtlinge, erkundige ich mich. Traun´s sich nachts nimmer raus, frage ich und leg ihr meine Hand auf den Unterarm. Ich auch bald nimmer, sag ich. Nicht solang der da drüben so scheinheilig, verlogen und gefährlich grinst. Da kommt mir immer das Frühstück hoch.

Herr Mu und ich sind uns einig. In die Politik gehe ich nicht. Aber zum Wählen. Am 14.10. Was es nicht werden wird, können Sie sich vermutlich denken.