Sepp das Original

Schon Oktober. Gerade erst war noch Hochsommer und jetzt schon Oktober. Das ist ok, die Monate waren voll und schön. Fast immer. Nur schön, wäre ja langweilig, sagt mein Nachbar Herr Mu und ganz ohne Sorgen, meint er, spürt man nicht, wie schön die Tage sind an denen alles passt. Tage wie heute. Tage, an denen sich der Herbst von seiner schönsten Seite zeigt. An einem solchen Oktobertag lernte ich Sepp kennen. Ihn, einige Momente nach seinem Auto, das in die Einfahrt vor meinem Haus rollte. Obwohl man Sepp sicher keinen ruhigen und leisen Mann nennen konnte – sein Auto war um einiges lauter als er. Zu laut und zu scheppernd, als das ich ihm eine angenehme, 265 Kilometer dauernde Fahrt zugetraut hätte. Ehrlich gesagt, nicht nur der Blechkiste. Der Mann darin war ganz wie sein Auto. Alt, dröhnend, stur (das sah man sofort in den Augen) und scheppernd (sein Lachen). Nur wegen des Lachens stieg ich bei dem über Siebzigjährigen ein. Und nur weil er wie eine Mischung aus dem Almöhi von Heidi und der Karrikatur eines bayerischen Originals aussah, hatte ich einige Wochen vorher einem gemeinsamen Auftritt zugestimmt. Wer so aussah, schien mir etwas besonderes zu sein.

Viel hat man mir nicht über ihn erzählt. Eigentlich nur, dass er mit Pfannkuchen jongliert und mir einen Link geschickt. Den hier. Wie der jonglierende Sepp und ich, die lesende Mitzi zusammen passen sollten, lies man im Dunklen. Beim ersten und einzigen Telefonat im Vorfeld fasste Sepp das Konzept des „Bayerischen Abends“ in Knittlingen wie folgt zusammen: „Mei, du machst dei Sach. I mach´ des meine.“ (Nun ja, du machst dein Ding und ich das meine). Mein Ding machen, das konnte ich und ehrlich gesagt war es mir auch egal, was der Sepp machen würde. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits schon mehr als einmal in seltsamer Kombination aufgetreten und die Erfahrung hatte gezeigt, dass Künstler (zu denen ich selbst mich nicht zähle) sowieso unberechnbar sind.

Sepp war beides. Ein Künstler und unberechenbar. Im Auto erzählte er mir von seinem Leben. Wenn Sie eine Stunde Zeit hätten, könnte ich es knapp, sehr knapp, für Sie zusammenfassen. Sinnlos es hier zu versuchen. Mit einer alten Ente fuhr er durch ganz Europa. Als Künstler, als Jongleur, Musiker und Clown. War nicht unbekannt und trat mit so skurilen Charakteren auf, dass ich jeden einzelnen davon gerne kennen gelernt hätte. Als skuril zählt die Volksmusikerin Stefanie Hertel sicher nicht. Bei „Verstehen Sie Spaß“ lernte Sepp sie kennen. Hier auf YouTube. Was er vom Drehttag erzählt war weit lustiger, als das was dort zu sehen ist. Trinkfest war er, als Junger gern in die eine oder andere Rauferei verwickelt und fast immer mit einem blauen Auge (im Wortsinn) davon gekommen. Vieles erzählte er mir während unserer 265 Kilometer langen fahrt. Wir hatten Zeit, sein Auto war für Geschwindigkeit nicht ausgerichtet. Gas gab er erst, als wir ankamem.

Ganz am Anfang, indem er den Veranstaltern, die er zum Glück kannte, erklärte, dass ihr Kartoffelsalat nicht schmeckt und die Zubereitung des Leberkäses für die Gäste vorsorglich selbst übernahm, dann indem er uns beiden erst einmal ein Bier besorgte und schließlich als er vor das Publikum trat. Was genau er machen würde und wie ich mich darin einfügen sollte, blieb mir bis dahin ein Rätsel. Sepp machte sein Ding. Sein Sach´wie es auf bayerisch heißt und das machte er gut. Einer wie der Sepp weiß, was sein jeweiliges Publikum will. Das in Knittlingen: Lachen von der ersten Minute an, Mitsingen bei Liedern das es kennt und schmunzelnd seine kleinen Geschichten dazwischen hören. In denen spannte er dann den Bogen zu mir, die immer abwechselnd mit ihm auftreten sollte. Eine Münchnerin hätte er heute dabei, erzählte er und dann was den typischen Münchner zu einem rechten Deppen macht. Danke, Sepp. Anfangs hab ich gelacht. Dann wollt ich ihm den Hals umdrehen. Erst recht, als ich später meine erste Geschichte vorgelesen und in freundliche, aber sehr verhaltene Geschichter geblickt habe. Ganz hinten in das von Sepp, der mir lachend die Zunge rausstreckte. Ab dem Moment war Sepp das Ziel meiner Witze. Anstelle meines Protagonisten, Herrn Meier, wurde Sepp zum alten, liebenswerten Grantler und zwischen meinen Geschichten stritt ich lachend mit ihm ob die meisten Deppen nun in München oder nicht doch am Tegernsee bei ihm wohnten. Das Publikum stimmte ab. Sepp hat gewonnen. Natürlich. Er war der Künstler und er hat mich mitgezogen. Es ist wie beim Tanzen. Auf der Bühne sollte nur einer führen, sonst wirds chaotisch. Am besten der, der es besser kann und der, der weiß wie die neben ihm nicht untergehen.

Zwei Mal war ich mit Sepp in Knittlingen und hab mich mehr als einmal mit ihm in München getroffen. Schön war es und immer habe ich mir vorgenommen, seiner Einladung an den Tegernee zu folgen. Bei jedem Telefonat habe ich es versprochen. Bald und später, sagte ich. Zwei wirklich saudumme Worte, wie der Sepp meinte und scheppernd lachte. Er hat übrigens Recht gehabt, der Sepp. Die Münchner sind Deppen und ich der größte von allen. Sonst hätte ich ihn besucht, draußen am Tegernsee. Nicht bald und nicht später, sondern gleich. Zum Beispiel an einem so schönen Herbsttag wie heute. Schön ist er, dieser Oktobertag. Perfekt für einen Ausflug zum Tegernsee, aber jetzt ist es zu spät. Den Sepp gibt es nämlich nicht mehr.

Bald und später sind wirklich zwei unglaublich dumme Worte, wenn es um Freundschaften geht.

Machs gut, Sepp! Du fehlst.

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