Es reicht, sagen meine Freunde. Sforza Italia, sage ich.

Dass Sportwetten ein ernstes Unterfangen sind, durfte ich in den letzten Tagen am eigenen Leib erfahren. Ich lächle jetzt nicht mehr, wenn ich meine Tipps abgebe, sondern kaue hoch konzentriert auf meiner Unterlippe. Auch dass es an der Spitze einsam ist, habe ich gemerkt. Meine Kollegen sagen mir nicht mehr, was sie getippt haben und die Gespräche verstummen, wenn ich das Büro betreten. Obwohl ich aktuell nur an Platz zwei liege, mag man mir nicht mehr verraten, was im Kollegenkreis getippt wurde. In den letzten Wochen begriff ich, dass man sich einem höchst komplexen Thema auch ohne einen Funken Ahnung nähern kann, wenn man nur die nötige Leidenschaft an den Tag legt und sich Hals über Kopf hineinstürzt. Wie gerne würde ich über meine neu erlangte Kompetenz sprechen und mich austauschen. Es gibt ja noch so vieles, was ich lernen kann. Leider geht es nicht. Über Fußball spricht man nicht mehr mit mir. Weiterlesen

Ein Stück Unendlichkeit

Ich liege auf der Holzbank vor der Hütte und schaue in den Sternenhimmel. Hier oben ist es dunkler als in der Stadt. Nicht nur, dass man mehr Sterne sieht, sie funkeln auch um einiges heller und scheinen näher zu sein. Mit jeder Minute, die man in die Dunkelheit starrt werden es mehr. Den großen Wagen kenne ich. Auch den Jupiter finde ich schnell und Orion würde ich an seinem Gürtel erkennen, wenn er zu sehen wäre. In dieser Nacht zeigt er sich nicht. Der Sternenhimmel auf meiner Lichtung ist von den Wipfeln der Fichten, Eichen und Buchen begrenzt. Obwohl ich irgendwann nachts in einer Wüste in den Sternenhimmel blicken möchte, bin ich froh, hier nur einen Teil der Unendlichkeit über mir zu haben. Bei zu großer Weite verliere ich mich. Ein Stück Unendlichkeit dagegen, ist genau richtig.
Als alle eingeschlafen waren, bin ich noch einmal aufgestanden und nach draußen gegangen. Barfuß – das ist wichtig, weil ich das warme Holz der Bank unter mir spüren möchte, wenn über mir ein Stück Unendlichkeit schimmert. Ich bin nicht alleine, dass ist man hier nie. Eine Siebenschläfer Familie läuft über die Stromleitung, Glühwürmchen imitieren vom Himmel gefallene Sterne und überall im Wald raschelt es. Ich bin ein Angsthase, aber hier in der Dunkelheit fühle ich mich geborgen. Solange noch irgendjemand im Haus schläft, bin ich gerne alleine draußen. Seltsam, dass ich gerade die Unendlichkeit nicht teilen möchte. Sie würde für alle reichen.

„Seit Beginn der Urgeschichte sind rund hundert Milliarden menschliche Wesen auf Erden gewandelt. Eine sonderbare Zahl, denn durch einen merkwürdigen Zufall gibt es etwa hundert Milliarden Sterne in unserem begrenzten Universum der Milchstraße. Also scheint für jeden Menschen, der je gelebt hat, in unserm Teil des Alls ein Stern.“ So schreibt Clarke im Vorwort seines Buches Odyssee 2001. Ein schöner Gedanke. Könnte ich mir einen Stern aussuchen, dann würde ich Beteigeuze, die Schulter Orions, nehmen. Vor einigen Jahren erzählte ich es einem und er lachte, weil er wusste, dass ich einen Stern wählen würde, der gut zu erkennen und einfach wieder zu finden sei. Für ihn hatte ich Riegel, den Fuß Orions, gewählt. Er bat mich zu tauschen, da seine Schultern breiter als die meinen seien, aber ich war stur. Auch seine Füße waren größer als die meinen und Standfestigkeit erschien mir wichtiger, da wir uns eh Schulter an Schulter befanden, wenn ich mich zwei Stufen über ihn stellte. Damals nickte er und jetzt wo er nicht mehr da ist, sind es Beteigeuze und Riegel für die nächsten 13.000 Jahre noch immer. Danach ist Orion von Mitteleuropa aus nicht mehr zu sehen. Vermutlich denkt dann aber auch niemand mehr an uns. Vielleicht suchen wir uns dann einen anderen Stern oder ich weiß, welchen Stern er sich selbst gewählt hätte. Clark schreibt weiter, dass jeder dieser Sterne in unserer Milchstraße eine Sonne ist. „Oft eine hellere und herrlichere als der unsere kleine Sonne. Und viele – möglicherweise die meisten – dieser entfernten Sonnen besitzen Planeten, die sie umkreisen. Fraglos gibt es daher genügend Land im All, um jeden Typ menschlicher Spezies, vom ersten Affenmenschen bis zu uns, seinen eigenen privaten Himmel – oder seine eigene private Hölle finden zu lassen.“ Für eine Nacht waren wir Beteigeuze und Riegel – sie waren ja genau über uns. In allen anderen Nächten, befanden wir uns in einem anderen Teil des Universums. Irgendwo da oben gibt es zwei Sterne, die sich ganz nahe sind aber doch sehr unterschiedlich. Ich glaube sie sind weit weg von der Erde, denn die mochte er noch nie und ich bin in etwa 40 Jahren flexibel genug mir einen anderen Teil der Milchstraße anzusehen.

Um ehrlich zu sein, hatte ich Beteigeuze eh geklaut. Den hat vor Jahren schon der klügste meiner Freunde besetzt und das lange bevor ich per Anhalter durch die Galaxis gelesen habe. Zwei Tage später liege ich wieder auf der Bank vor der Hütte und schaue in die Sterne. Es ist bequemer, weil ich mich an den Klügsten meiner Freunde lehne. Heute ist es gut, dass es nicht still ist. Ich weiß, dass ein Stichwort reicht und er mir von faszinierenden Dingen erzählt. Von Laserbetriebenen Sonnensegeln, den Grenzen der Zeit oder den alten Sagen über Orion. Meine Freund plappern durcheinander und ich höre ihnen gerne zu. Hier unter dem kleinen Stück Unendlichkeit habe ich alles. Die Erinnerungen an all die Tage und Nächte, die ich hier oben verbracht habe. Jeder Holzbalken riecht nach Freundschaft und Familie, mit jedem Glas im Regal wurde schon auf etwas angestoßen und auf den Betten und Bänken wurde sich wichtiges und unwichtiges erzählt. In diesen Tagen ist Neues dazu gekommen und das Lachen wird sich in den Bodenbrettern festsetzen und die Treppenstufen werden sich jeden einzelnen Fußabdruck merken. Hier oben unter dem kleinen Stück Unendlichkeit ist auch viel Platz für die nächsten Jahre. Der eine oder andere Baum im Wald fällt einem Sturm zum Opfer, aber die Bäume auf dieser Lichtung sind wie die Menschen um mich herum. Die meisten bleiben ein Leben lang und nur wenige knicken um. Und selbst von diesen bleibt etwas zurück. Ihr Lachen im Holzboden, ihre Stimme unter dem Dach und die schlechten Träume in den Kissen. Wenn Orion in 13.000 Jahren auf der Lichtung nicht mehr zu sehen ist, wird meine Hütte nicht mehr stehen. Das muss sie auch nicht. Falls dann noch jemand an dieser Stelle steht, ahnt er auch so, dass es ein besonderer Ort ist.

Frankenstein und die EM

Der klügste meiner Freunde meinte vor kurzem, dass man sich für ausnahmslos alle Themen begeistern könne, wenn sie nur mit Leidenschaft und Herzblut vorgetragen werden. Ich bezweifelte, dass dies auch auf mich zutreffen würde und nannte als Beispiel Fußball. Dafür würde ich mich nie begeistern können. Der Klügste grinste und sah es als persönliche Herausforderung. Wenige Tage später wurde ich mit Pasta geködert und musste mir mit ihm ein Champions League Spiel ansehen. 22 schwitzende Männer und ein Ball? Er würde es nicht schaffen, mich für diesen Blödsinn zu begeistern.  Weiterlesen

Sákis brüllt „stop“!

Tage wie dieser machen mich unruhig. An Tagen wie diesen zuckt schon beim Aufwachen ein Erinnerungsfetzen durch meinen Kopf und lässt mich Lachen. Man wacht ja gerne mit einem Lachen auf und ich will mich nicht beschweren. Dennoch sind Tage wie dieser, an denen ich mich andauernd an etwas erinnere, ein wenig anstrengend weil ich mich schlecht auf andere Dinge konzentrieren kann. Es ist ein bisschen wie Weihnachten. Da schleppt man auch Erinnerungsfetzen aus Jahrzehnten mit sich herum und denkt alle paar Minuten an liebgewonnen Traditionen oder kleine Katastrophen aus den vergangenen Jahren. Alle paar Minuten klopft das Gedächtnis an die Stirn und präsentiert eine neue Erinnerung. Heute morgen wachte ich auf, weil in meinem Kopf jemand „Stop“ brüllte. Da wusste ich, heute ist es wieder so weit. Heute ist der Tag des Grand Prix Eurovision de la Chanson. Weiterlesen

Reden lassen… U-Bahn Gedanken

Die etwa 30 jährige Mutter beklagt sich in der vollbesetzten U-Bahn bei ihrem Mann, dass er ihr schon wieder nicht zuhört. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass er ihr bereits seit zwei Stationen still zuhört, ihre Sätze aber kaum Informationen enthalten. Sie beklagt sich nur mit wehleidiger Stimme darüber, dass man ihren Worten kein Gehört schenkt. Eine glatte Lüge. Notgedrungen lauscht nicht nur ihr Gatte dem Lamento, sondern mit mir noch ein Duzend weiterer Personen, die das Pech haben in Hörweiter ihrer nicht nur anklagenden, sondern auch lauten Stimme zu sitzen. Weiterlesen

Jeden Tag schön hässlich

In meinem Wohnzimmer beginnt die blaue Stunde, der kurze Moment zwischen dem Untergehen der Sonne und dem Einbruch der Nacht, mit einem letzten Aufbäumen goldenen Lichts. Die letzten Sonnstrahlen leuchten über die Hausdächer genau in mein Küchenfenster. Sie tauchen meine hässlichen beigen Hängeschränke in ein strahlendes und funkelndes Licht. Als man irgendwann in den achtziger Jahren die Küche einbaute, hielt man noch nichts von Hochglanz-Flächen. Meine Schränke verzeihen Fingertappser und ihre raue Fläche ist nicht kaputt zu bekommen. Robust und praktisch musste es damals sein. Hässlich beschreiben es nachfolgende Generationen. Weiterlesen

Bitte…(sprechen Sie das Wort in der gewünschten Emotion aus)

Robbie Williams und ich pflegten über lange Jahre ein sehr innige, fast schon intime Beziehung. Zugegeben, sie war etwas einseitig. Aber meine Leidenschaft reichte locker für uns beide. Zum Leidwesen meines damaligen Freundes, der an meinem Verstand zu zweifeln begann, als ich mich in den Tiefen des Internets auf die Suche nach einem 1,85 m großen Pappaufsteller dieses Mannes begab. (Das dieser nicht für unser Schlafzimmer bestimmt war und letztendlich der Grund ist, dass ich heute hier schreibe können Sie  hier nachlesen.) An den Rand der Verzweiflung getrieben habe ich ihn aber erst, als meine bisher geheim gehaltene Leidenschaft in über 250 Kinos weltweit öffentlich gemacht wurde. Weiterlesen

Verschonen Sie mich mit Silvester-Vorfreude!

Freuen Sie sich auf den heutigen Silvester-Abend? Sind Sie schon gespannt was er bringen wird?  Laufen Sie aufgeregt und hibbelig durch die Wohnung und überlegen Sie, was Sie anziehen können? Dann laufen Sie mal schön weiter. Ich würde Ihnen die Laune verderben. Bei mir bekommen Sie heute nur ein Glas lauwarmen Weißwein. Nicht später. Später ist er kalt – gerade ist er noch lauwarm, aber ich brauche ihn jetzt. Wenn Sie bleiben, müssen Sie ein Glas davon mit mir trinken. Anders ist die Silvester-Euphorie nicht zu ertragen. Weiterlesen

Nicht erinnern

Früher glaubte ich, dass meine Erinnerungen nur mir gehören. Ich alleine könne bestimmen welche Erlebnisse in den Schubladen meines Gedächtnisses aufbewahrt werden und nur ich würde entscheiden, wann darin gewühlt werden darf. Heute weiß ich, dass das Öffnen einer Penatencreme-Dose reicht, um hilflos von Erinnerungen überflutet zu werden. Ich weiß auch, dass man stundenlang ertrinken und dabei weiter atmen kann. Man kann bis ganz auf den Grund der Schublade sinken, sich im Seegras vergessener Gefühle verstricken und erst durch das Klingeln des Telefons wieder auftauchen. Es ist ganz einfach. Und ganz grässlich. Weiterlesen

Erwartungen

Geht es um übertriebene Erwartungen, bin ich ganz vorne mit dabei. Ich erwarte grundsätzlich Großes. Dass dieser Wunsch vermessen ist, meistens nicht realisierbar und fast immer in die Hose geht, ist mir dabei egal. Wüsste ich morgens schon, dass mich ein absolut durchschnittlicher Tag erwartet, hätte  ich keine Lust aufstehen. Großes zu erwarten  ist bei mir normal. Ebenso wie die fast immer darauf folgende Ernüchterung. Ich kann gut damit leben. Einen kleinen Rückschlag stecke ich leicht weg. Der nächste Tag verspricht schließlich erneut Großes. Weiterlesen