Frankenstein und die EM

Der klügste meiner Freunde meinte vor kurzem, dass man sich für ausnahmslos alle Themen begeistern könne, wenn sie nur mit Leidenschaft und Herzblut vorgetragen werden. Ich bezweifelte, dass dies auch auf mich zutreffen würde und nannte als Beispiel Fußball. Dafür würde ich mich nie begeistern können. Der Klügste grinste und sah es als persönliche Herausforderung. Wenige Tage später wurde ich mit Pasta geködert und musste mir mit ihm ein Champions League Spiel ansehen. 22 schwitzende Männer und ein Ball? Er würde es nicht schaffen, mich für diesen Blödsinn zu begeistern. Der Klügste kennt mich aber gut genug um zu wissen mit welchen Randinformationen er mein Interesse wecken würde. Zu jedem Spieler und zu jeder Mannschaft gibt es spannende Geschichte zu erzählen. Lachen Sie nicht, ich hätte es auch nicht für möglich gehalten. Zum Beispiel, dass der Trainer von Atletico Madrid, Diego Simeone, schon mal einen zweiten Ball ins Spiel wirft, nur um den Gegner zu irritieren. Nach dem dritten Abend kannte ich jeden Spieler vom FC Bayern und der Klügste füttert meine Neugier amüsiert und selbst ein wenig überrascht. Ab und zu rutschte mir im Büro etwas von dem heraus, was ich am Vorabend gelernt hatte. Die männlichen Kollegen schauten irritiert, aber nicht amüsiert. Es kann also nicht ganz falsch oder allzu dumm gewesen sein. Ich war selbst überrascht, als ich einen von ihnen korrigiere und das zweite Tor eines Spieles dem richtigen Torschützen zuordnete. Schnell begann ich meinen Kollegen unheimlich zu werden und lud mich selbst zur nächsten Partie wieder beim Klügsten ein. Bereits die Vorberichte auf Sky wollte ich sehen. Jetzt wollte ich auch wissen, was an diesem Zeug dran ist. Mein einziger Beitrag bei Fußball Gesprächen war bis dahin eine Ankdote wie ich Ribery  nachts um halb zwei einmal auf Fuß gestiegen bin und ihn anbluffte weil er so saudumm vor dem Frauenklo in Weg stand. Es scheint ihm nicht geschadet zu haben, also dem Fuß. Denn er spielt ja noch. Im Büro fing man an mich in die Gespräche mit einzubeziehen. Das wollte ich aber nicht. Fußball Gespräche langweilen mich noch immer. Aber das Tippspiel der Firma….das reizte mich.

Ich meldete mich an und gab mir den friedfertigen Namen „ich_mach_euch_platt“. Der Admin, wies mich darauf hin, dass der Name möglicherweise unangenehm auffallen könne. Es würde ja um den Spaß gehen und zwischen Eurobienchen, Pumuckel und EMHELD2016 würde man sofort erkennen, dass ich mich hinter dem aggressiven Namen verstecken würde. Vermutlich hatte er recht. Ich bin in den letzten Tagen bereits unangenehm aufgefallen, als ich einen Tipp-Partner mit den Worten „Spinnst du? Du hast doch keine Ahnung von Fußball. Ich will gewinnen“ ablehnte. Möglicherweise kam es auch nicht so gut an, dass ich gleich am Anfang vorschlug den Einsatz von 10 auf 100 Euro zu erhöhen, weil ich seit längerem mit dem Gedanken an eine Fernreise spiele. Ich musste mich zügeln, erkannte aber dass es bereits zu spät war. Bei Fußball verstehe ich jetzt keinen Spaß mehr. Warum um alles in der Welt sind die Quoten für Belgien so hoch? Ernsthaft?  Torschützenkönig Müller? Griezmann, meine Lieben – ich habs ja schon im Archiv unserem Praktikanten erklärt. Er ist auch der einzige der weiß, hinter welchem Synonym ich mich verberge. Aktuell denkt man ich sei „Schlaand_23“. Bin ich natürlich nicht. Mein Name ist unscheinbar. Nicht aber mein Auftreten wenn es um diese Tippgemeinschaft geht. Gestern meinten sie, man könne von den Einsätzen ja ein gemeinschaftliches Grillen veranstalten. Mir rutschte ein „Spinnt ihr? Von meinem Gewinn?!?“ heraus. Sie sahen mich genauso fassungslos wie der Klügste meiner Freude an, als er am Dienstag bei mir zum Grillen war. Ich teilte ihm mit, dass er erst etwas zu essen bekommen würde, wenn er meine Tippabgaben für das erste Wochenende geprüft hätte.  Mit knurrendem Magen ging er die Liste durch. Ersetzte Müller durch Griezmann und wurde ernsthaft ungehalten als ich ihm auch die Getränke verweigerte und mitteilte, dass er mir zuvor bitte schlüssig erklären solle, warum Wales neben England und Schottland antreten dürfe und wir nicht mit Ost- und Westdeutschland. Das sei doch hochgradig unfair. Während ich überlegte ob es Sinn macht neben Deutschland vielleicht noch Bayern ins Rennen zu schicken, verweigerte ich ihm den Zugang zum Nudelsalat. Mit vollem Magen denkt es sich schlecht und meine Tippabgabe musste perfekt sein.

Als wir endlich aßen, war er ungewöhnlich still. Auch danach. Erst später sagte er, dass er in den stillen Minuten darüber nachgedacht hatte, wann ihm das Ganze entglitten war. Er hätte ein vom Ehrgeiz zerfressenes Monster geschaffen. So schlimm kann es nicht sein. Denn erstens lachte er dabei und zweitens werde ich mir das Spiel morgen mit ihm ansehen. Ein klein wenig ernst war es ihm mit der Aussage vielleicht doch. Er meinte, es sei besser wir würden uns das Spiel zu Hause ansehen und nicht in eine Kneipe gehen. Ich glaube er hat mit meinem  Exfreund telefoniert. Im EM Finale 2000 kam es zu einem unangenehmen Zwischenfall in einer italienischen Kneipe. Eine blonde Deutsche, die aus purere Langeweile ein Frankreich Trikot trug war daran nicht ganz unschuldig. Sagt mein Freund. Ich sage, dass ein Spiel doch nur dann lustig ist, wenn mindestens einer für die gegnerische Mannschaft ist. Sollten Sie während der EM in Italien sein…..Italiener sehen das anders. Und bevor Sie in den Kommentaren Ihre und meine Zeit mit Nettigkeiten versüßen, lassen Sie mich lieber wissen wen Sie in Gruppe F ganz vorne sehen. Ich glaube der Hunger hat dazu geführt, dass der Klügste da nicht mehr genug nachdachte und jetzt geht er nicht mehr ans Telefon….

 

 

46 Gedanken zu “Frankenstein und die EM

  1. ich schmeiß mich wech….vor lachen natürlich…ich habe wenig ahnung von fußball (außer, dass das mit einem ball gespielt wird – sagt ja schon der name – und das der in ein tor muss. ach ja. 22 menschen auf dem spielfeld plus schiedsrichter. keine ahnung, wieviele von denen da noch rum hüpfen). aber jetzt kauf ich morgen ein trikot (schland) und gebe mit meinem erlesenen (oh, das wort ist auch zwei-deutig – schön) wissen an. herzlichen dank liebste mitzi

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  2. Herrlich! Liebe Mitzi, ich habe gerade soherzlichst gelacht. Wäre ich nicht so träge, ich könnte dieses Experiment auch in meiner Firma starten.

    Wenn ich jetzt vorschlage, dass jeder Spieler seinen eigenen Ball bekommt, damit sie nicht alle einem einzigen hinterher laufen müssen … mache ich dir dann deine Gewinnchancen beim Tippspiel kaputt?

    Essensentzug ist übrigens böse. Ich würde auch nicht mehr ans Telefon gehen.

    LG, Veronika

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  3. Liebe Mitzi!
    Sehr schön. Sie gehen mit dem nötigen Ehrgeiz und der richtigen Härte die Sache an. Nur so kann man gewinnen! Bitte lassen Sie mich wissen, wie hoch Ihr Gewinn am Ende war. Sollten Sie in Zukunft nur noch Blogbeiträge aus der Karibik schreiben, werde ich in Zukunft meine Tips bei Ihnen einholen! 🙂
    Herzliche Grüße
    Mallybeau Fußballkuh

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    1. Liebe Mallybeau,
      wie schön, dass sie mich verstehen. Leider wurde mein Vorschlag, den Einsatz zu erhöhen nicht angenommen. Vielleicht ist das auch ganz gut so – was soll ich dauerhaft in der Karibik. Wenn sich wider Erwarten etwas tut, dann lasse ich es Sie wissen.
      Herzlichst
      Mitzi

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      1. Rotwild dürfte in Bayern die häufigste Hirschart sein. Dicht gefolgt vom damischen Hirsch (nicht zu verwechseln mit dem deutlich selteneren Damhirsch).
        Aber der Marcel Hirscher ist jedenfalls einer, der schafft in einer Minute mehr Tore als zwei komplette Fußballmannschaften in 90 Minuten. 🙂

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      2. Ah…..jetzt dämmert es mir und Google bestätigt mich, dass ich den Herrn doch kenne nur nicht beim Fußball. DAS sind die Tore mit denen ich schon immer mehr anfangen konnte. Die nächsten Wochen aber nicht – ich bin ja jetzt mitten drin. 😉

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      3. Die Hirscherdämmerung. 🙂
        Das war natürlich fies. Aber ich bin wahrscheinlich eine der seltenen Ausnahmen, die des klügsten deiner Freunde Regel bestätigen. Fußball lässt mich sowas von kalt – dagegen wirkt jeder Eisberg feurig. Und mit den Slalomtoren lässt sich wunderbar sticheln. 🙂
        Ja, du bist da jetzt mitten drin. Und aus der Nummer kommst du nicht mehr raus. 😉 [sagt mir meine innere Stimme]

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  4. Herrlich! Ich kann dem Ganzen auch nur was abgewinnen, weil man vorher, nachher oder währenddessen gemeinsam grillt, Burger isst oder Pizza bäckt. Kuchen hab ich mal versucht, kam nicht gut an. Tippen kann ich nicht erfolgreich, ich nehme immer hübsch zueinander passende Zahlen und lasse die Mannschaft gewinnen, von der ich entweder schonmal was gehört habe oder lasse den Underdog gewinnen. Ich liege übrigens immer daneben.Fragt sich, weshalb… Danke für einen herzhaften Lacher zu später Stunde 🙂

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  5. Genial, Mitzi!!!! ich verstehe auch nix von Fussball….kann Deine Ribery Story noch toppen…..habe im jugendlichen Leichtsinn einem erfolgreichen berühmten Bundesliga Profi (den ich nicht kannte) gesagt, dass Fussball geistlos sei 😉 Er hat es sportlich genommen 😉

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  6. Ach Mitzi, gerade hatte ich noch etwas Muffelkopp Laune, aber jetzt musste ich beim lesen so dolle lachen, dass mein Gesicht zumindest nach Honigkuchenpferd aussieht. In Gruppe F steht Portugal an der Spitze und das ist ein Jammer, da man so die ganze EM über diesen fürchterlichen Ronaldo ertragen muss.

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  7. Mit deinem sehr amüsanten Text ist der Auftakt der EM ist schon mal gelungen, liebe Mitzi. Obwohl ich mich nicht richtig für Fußball begeistern kann, interessiere ich mich für die Kollektiverfahrungen und derlei Verhaltensweisen, wie du sie so anschaulich darstellst. Wollte ich diese Vorgänge ethnologisch erfassen, würde dein Text beispielhaft in die Sammlung gehören.

    Beste Grüße,
    Jules

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  8. Gruppe F?

    Portugal mit Ronaldo könnte man, wenn man denn wollte, vorne sehen, aber, wer will das schon?
    Herr Ösi sicher nicht!
    Der tippt ganz klar auf seine Ösiländer.
    Und sollten die ausscheiden, dann auf Island.
    Oder auf Andorra. Oder auf Vatikan Stadt.
    Aber nie und nimmer auf die Ronaldonen.
    Ösiland wird Europameister. Vielleicht sogar der erste Weltmeister bei einer Europameisterschaft.
    Und wenn nicht?
    Dann guckt Herr Ösi nie wieder Fußball.
    Pasta!

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    1. Vatikan Stadt? Mit dem Beistand von ganz oben ist das aber etwas unfair. Ich habe mich auch für Österreich entschieden. Wenn es einer verdient hat bei einer EM Weltmeister zu werden, dann die Nachbarn. Tipp gesetzt. Danke 🙂

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      1. Klar bist Du eine Traumfrau ! Allein schon, was ich von Dir und Deine Schreibe kenne,macht Dich natürlich zu einer ;-)… Von den anderen Werten weiß ich ja leider nix. Alles Liebe, Nessy

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