Ganz umsonst. U-Bahn Gedanken

Für meine Monatskarte des Münchner Nahverkehrs bezahle ich über 70 €. Bis vor kurzem habe ich mich über diesen hohen Preis geärgert. Es ist ein bisschen viel für regelmäßige Verspätungen, unangenehme Geruchsbelästigungen und missmutige Gesichter, die einen den Tag schon vor 7:00 Uhr morgens verderben. Erst vor kurzem habe ich entdeckt, dass mir für 70 € monatlich weit mehr geboten wird. Damit meine ich nicht die lächerlichen Nachrichtenfragmente, welche auf den kürzlich installierten Monitoren in den U-Bahnen zu lesen sind. Ich bekomme auch keinen Rabatt und keine Mitgliederzeitung. Ich bekomme etwas viel besseres.

Das Unterhaltungsprogramm des Münchner Nahverkehrs ist vergleichbar mit einem Bonusprogramm, in dessen Genuss nur langjährige Mitglieder kommen. Die ersten 30 Jahre kann man damit noch nichts anfangen. Da ärgert man sich über die harschen Zurechtweisungen eines Busfahrers, die Verspätungen und den Horror wenn man mit den Öffentlichen zu einer Prüfung fahren muss. Man kann über die Nacht-Linien noch nicht lachen und weiß noch nicht, dass sie synonym für „Geh zu Fuß, du naiver Idiot“ stehen.  Es ist eine Freude! Man kann sie nur noch nicht wirklich genießen. Nach über einem Vierteljahrhundert sieht das anders aus. Dann beginnt man den Wahnsinn zu lieben und ist ein Teil von ihm geworden. Nach 30 Jahren versucht man gar nicht mehr, die Stoßzeiten zu vermeiden. Ganz im Gegenteil. Man wählt mit Bedacht die am stärksten frequentierten Zeiten des Nahverkehrs um ein Teil von ihm zu sein. Experten schaffen sich extra große Rücksäcke an, um täglich aufs neue mit den Schulranzen zu konkurrieren und sie den bemitleidenswerten Idioten, die keine haben, gegen den Bauch oder ins Gesicht zu rammen. Mindestens im Jahr sollte man versuchen Christbäume, Gardinenstangen und Möbelstücke zu transportieren oder versuchen zwischen 06:30 und 09:00 Uhr werktags ein Fahrrad in die U-Bahn zu stopfen. So richtig dazu gehört man erst, wenn es einem gelungen ist. Oder bei Goldmitgliedschaften. Die bekommt man nach 60 Jahren und darf sich dann mit dem Rollator am Spaß beteiligen oder mit dem Krückstock zuschlagen. Nur gegen die Schienbeine der anderen Fahrgäste natürlich und nur wenn man zugleich altersmilde und etwas verwirrt lächelt.

Ich selbst bin ja noch nicht lange Ehren-Mitglied. Dass ich diesen Status schon erreicht habe, wurde mir erst vor einigen Wochen bewusst. Da stand ich in der völlig überfüllten U-Bahn und wir steckten im Tunnel fest. Nach 5 Minuten kam die Durchsage, dass die Stammstrecke der S-Bahn gesperrt sei. Schon seit einer Stunde. Neben mir begann eine junge Frau wütend zu schnauben. Warum der Idiot von U-Bahn Schaffner das nicht schon eine Station früher durch gesagt habe. Da hätte man schließlich noch umsteigen und das Nadelöhr der Stammstrecke umgehen können. Warum er nichts sagte, wenn es schon seit einer Stunde so sei. Wir, die wir gute 15 Jahre mehr auf dem Buckel hatten, sahen sie mitleidig lächelnd an. Und auf einmal ahnte ich, dass ich jetzt endlich den Status eines vollwertigen MVG Nutzers erreicht habe. Umfahren? Bin ich des Wahnsinns? Ich will da rein! Ich will ein Teil von ihm sein.

Dass ich es längst bin, zeigt sich daran, dass mich MVG Mitarbeiter nicht mehr ansprechen. Eigentlich sind diese Mitarbeiter unsichtbar. Die Informationsschalter sind immer geschlossen und wenn man eine Frage hat, dann muss man sich eine App herunter laden. Sichtbar werden sie nur, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Dann rückt diese geballte Kompetenz des Münchner Nahverkehrs aus. Deutlich erkennbar durch Uniformen in Einheitsgrößen. Das muss so sein, denn es gehört zum Rahmenprogram, auf das ich mit jeder Station mehr freue. Herrlich, der 1,93 m große Herr in Hochwasserhosen und Hemdknöpfen, die seinen Bauch kaum halten können. Reizend auch der kleine, schmächtige  der die Hosen bei jedem dritten Schritt nach oben ziehen muss und in der Uniformjacke fast verschwindet. Oder die Dame – wir legen in München wert auf Gleichberechtigung – die mit forschem Schritt die zu enge Hose aus ihrem ausladenden Gesäß zu zupfen versucht. Zu dritt schreiten sie über den Bahnsteig und ignorieren die Münchner. Die kommen schon irgendwie zurecht. Sie suchen sich gerne Gruppen von Italienern oder Asiaten die hilflos auf die Anzeigetafeln blicken und sich wundern warum seit einer Stunde kein Zug einfährt. Dann fragen sie mürrisch lächelnd:

„Need help?“
„Si, grazie!“ oder „Yes, please!“

So leicht ist das in München beim MVG nicht. Die Antwort kommt prompt „No Änglisch.“ und die drei gehen weiter. Man will uns Monatskarten Abonnenten ja teilhaben lassen und irgendein Ortskundiger wird dem armen ausländischen Volk schon erklären wie es zum Flughafen kommt. Das ist Mitmach-Theater und alte Damen mit Rollatoren kommen so auch mal wieder zu zwischen menschlichen Kontakten. Vornehmlich am Abend. Gerne mag ich eine, die ich schon öfter sah. Ich bin überzeugt davon, dass sie eigentlich kein Englisch spricht. Aber sie kann mittlerweile ganz gut den Weg zur Bayernkaserne erklären. Da mussten in letzter Zeit viele am Hauptbahnhof gestrandete Flüchtlinge hin. Zu denen ist das Kompetenz Team des MVG eigentlich ganz freundlich. Das hilft aber nicht viel, weil sie selbst nicht wissen, wie man da hin kommt. Man könnte den armen Menschen natürlich einen U-Bahn Plan geben oder genau aufzeichnen wie man da hinkommt. Machen wir aber nicht. Wir schreiben nur eine Adresse auf und die steht auf keinem U-Bahn Plan. Das einzig gute daran ist, dass wir so ins Gespräch kommen. Auch die Rollatoren Dame weiß mittlerweile was rot (die Farbe der richtigen Linie)  auf Englisch heißt und kann sie wenigstens auf das richtige Gleis schicken. Andere erklären, dass sie zwei Mal umsteigen und dann noch ein ganzes Stück zu Fuß weiter müssen. Manchmal bringt sie auch einer hin. Um diese armen Gruppen kümmern wir uns. Für Touristen fühlen wir uns nicht zuständig. Ich muss zugeben, dass wir da eher grinsend beobachten wie die versuchen am Informationsschalter Hilfe bekommen. Herzzerreissende Dialoge. Ich hab es mal auf Deutsch übersetzt, den dieses grausame Englisch kann ich nicht wieder geben:

„Zum Flughafen?“
„Ja.“
„Wie komme ich da hin?“
„S-Bahn“
„Welche muss ich denn nehmen?“
„Störung“
„Was bedeutet das für meinen Flug?“
„Nix gutes.“

Sollten Sie mal in München festhängen, halten Sie nach mir Ausschau. Ich helfe Ihnen schon weiter. Aber eigentlich sollten Sie einfach sitzen bleiben und das Spektakel ein bisschen genießen. Sonst lohnen sich die 12,80 Euro zum Flughafen nicht.

 

 

 

 

54 Gedanken zu “Ganz umsonst. U-Bahn Gedanken

  1. lach mich schlapp!!!
    griiiins….das könnte auch über die Frankfurter Öffis geschrieben sein…

    wobei unsere Monatskarten nicht so günstig sind, stolze 87 Euronen kosten die mich.
    Aber immerhin kann ich abends nach 19 Uhr jemand kostenlos mitnehmen und ebenfall das gesamte Wochenende und an den Feiertagen.

    Angenehmer wird es aber trotzdem nicht…. lach…

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      1. München ist auch ansonsten teurer als Ffm.
        Deshalb wunderte ich mich, dass die Karte so günstig ist.

        Lachen kann man immer mal wieder über die Öffis….das bleibt nicht aus 😉

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  2. Ich besaß auch mal so eine Monatskarte, immer rundherum um die Innenstadt von Institut zu Institut, aber da gab es nur Straßenbahnen und Busse, jedoch das von dir geschilderte Procedere unterschied sich nicht wesentlich.

    🙂

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      1. Ne, ne, ich rede von München mit den grantelnden Busfahrern und den vollgepfropften Verkehrsmitteln in den sechzigern Jahren, als ich dort mal einige Zeit lebte. Seitdem kenne ich auch den Ruf: „Aussteigen lassen, bitte.“ Auf bayrisch hört sich das ein wenig anders an und es hatte für mich Norddeutsche eine Zeit gedauert, bis ich den Ausruf als eine solche Bitte erkannte.
        Sprachlich hatte ich sowieso damals gedacht, im Ausland gelandet zu sein, selbst wenn mein Hauswirt „nach der Schreibe“ sprach, blieb die Verständigung zu Beginn schwierig.

        🙂

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      2. Ach so 🙂
        Die Dialekte sind wirklich gewöhnungsbedürftig und ich habe das Gefühl, dass es noch schwerer zu verstehen wird, wenn sich einer Mühe gibt Hochdeutsch zu reden und ihm dabei die Zunge verknotet im Weg ist. Mir geht’s in anderen Bundesländern auch so – da frag ich mich manchmal ob ich so langsam bin oder alle anderen nuscheln. 🙂

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  3. Danke, liebe Mitzi!
    Nun weiß ich, dass ich als Gelegenheitsfahrerin längst nicht dazugehöre – hier bei uns, wo es nur die Tram, keine Ubahn gibt. Und die Regiokarte ist deutlich günstiger mit 51€, habe ich aber nicht. Doch weiß ich das jetzt und werde bei meinen nächsten Fahrten, die anstehen, ganz anders in die volle Bahn schauen. 🙂

    Liebe Grüße,
    Silbia

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  4. Das ist hier auf dem Lande ganz anders. Da wartet die Busfahrerin schon mal, wenn ich etwas spät dran bin. Aber der Bus fährt im Unterschied zur Bahn regelmäßig und fast pünktlich. Der Zug ist angenehm voll, man setzt sich immer schön auf den gleichen Platz und meidet den Blickkontakt. Bei Verspätungen ist kein Personal da, wozu auch? Zugausfälle werden durchgesagt, allerdings so spät, dass man es auch allein gemerkt hat.

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  5. Schade ist halt nur, dass der unbestreitbare Unterhaltungswert erst dann richtig genießbar wird, wenn man nicht irgendwo hin MUSS. Sofort! (spätestens) [Im Klartext – so richtig genießbar ist das nie. Es sei denn, man hockt in sicherem Abstand am AdW und liest darüber…]

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  6. HIHI, klingt verlockend. Rucksack im Gesicht und Rollator gegen die Knie, ja das ist in Wien auch so, allerdings kostet da die JAHREskarte nur 365. Du gestattest ein bissl Werbung, weil wenn ihr euch eh nicht um die Touristen kümmert, können die ja alle zu uns kommen. Da können sie auch noch Geisterbahn fahren im Prater. Dieses Zusatzvergnügen ist natürlich extra zu bezahlen …

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    1. Mach ruhig Werbung für diese wunderschöne Stadt. Mich muss man nicht überreden…ich freu mich immer wenn ich dort bin. Wien hat ein ganz besonderes Flair und die Karten für die Öffentlichen sind wirklich günstig. Selbst ein orientierungsloser Mensch wie ich, findet sich da gut zurecht.
      Ach Wien….liebe Grüße dorthin

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  7. Du bist du wahnsinnig!!!! 😀
    Wenn ich die Stoßzeiten irgendwie vermeiden kann, dann tue ich dass…
    Rush Hour ist auf meiner Stammroute der Horror, egal wie amüsante Geschichten ich bekomme. Mich kostet das Ticket 40€ plus Fähre 🙂 Auch ganz praktisch, ich benutze sie zwar fast nie, aber haben oder nichthaben….

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    1. Mit Fähre topst du natürlich meine lahme U-Bahn ;).

      Ich komm ja nicht aus….ich muss ins Büro und die Rush Hour dauert so lange, dass ich nicht ausweichen kann. Mit dem Versuch darüber zu lachen vermeide ich es wahnsinnig zu werden 😉 (Klappt nicht immer 😉 )

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  8. Ich weiß nicht, ob du’s mitbekommen hast, liebe Mitzi. Gestern war ja eine Stellwerksstörung und über 6 Stunden lang ging es auf ein paar Linien (U3 & U6) nur mit vielen Verspätungsminuten und Ausfällen voran. Da habe ich mir lustigerweise auch gedacht, dass ich wohl ruhiger und abgeklärter werde. Während sich Schüler*-/ und StudentInnen und sehr junge Berufstätige sehr hektisch aufregten, habe ich mich gefreut, dass der charmante U-Bahnfahrer (in meiner Vorstellung passt zu der charmanten Stimme auch nur ein charmantes Äußeres) nette Weisheiten von sich gab („Ich kann leider nicht mehr Platz hineinzaubern, also warten Sie entweder auf den nächsten Zug oder ziehen Sie ihren Bauch ein, wenn Sie mit selbigem die Lichtschranke versperren“) und dass er lieber an den Bahnhöfen gewartet hat, statt mitten im Tunnel stecken zu bleiben. Ich bezahle übrigens weit weniger für meine Monatskarte… hat die „zentrale Lage“ wohl doch sein Gutes….
    Viele Grüße 🙂

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    1. Ja, vier Ringe haben ihren Preis ;). Ich muss für die Arbeit leider raus – sonst wäre meine Wohnung auch schön zentral gelegen.
      Gestern spielte ich nicht mit. Ich hab mir aufgrund des Wetters den Tag freigenommen und die Sonne genossen. Zum Glück wenn ich dich von 6 Stunden berichten höre. Ich brauch zwar die U2 aber meistens breitet sich das Chaos ja großräumig aus. Das mit dem Bauch ist typisch und sehr sympathisch.

      Liebe Grüße

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  9. Ich lebe in Berlin und fahre seit 10 Jahren konsequent mit dem Rad. Wenn das Wetter Hölle spielt, leiste ich mir (manchmal) ein Taxi. Das entspannt das Verhältnis zu den Öffentlichen, auch wenn Busfahrer/innen die Radfahrer/innen als natürliche Feinde ansehen. Aber doch, die Öffentlichen (und die BVG leistet sich Sachen, da fällt man wirklich vom Stühlchen) sind am Ende irgendwie doch ziemlich gut. Wir haben eine riesige Strecke. Ist schon irre. Und wenn man nicht in den größten Stoßzeiten fährt, erlebt man manchmal Sachen, die in keinem Buch stehen. – Nein, ich habe keine Verwandte oder Freunde, die bei der BVG arbeiten…

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    1. Ich hätte dir keine Werbung unterstellt. 😉
      So wirklich zu schätzen weiß man es wohl erst, wenn man es nicht mehr nutzen könnte. Das Rad ist aber im Sommer auch mir lieber – da weiß ich wenigstens was mich erwartet.

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  10. Haha sehr unterhaltsam geschrieben. Bin auch schon in den verschiedensten Städten U-Bahn gefahren und Berlin z.b. nimmt sich da nicht viel 😉 Da könnte man auch einiges berichten. U-Bahnfahrer sind verrückt 😀 Autofahrer sowieso 😀

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