Nicht erinnern

Früher glaubte ich, dass meine Erinnerungen nur mir gehören. Ich alleine könne bestimmen welche Erlebnisse in den Schubladen meines Gedächtnisses aufbewahrt werden und nur ich würde entscheiden, wann darin gewühlt werden darf. Heute weiß ich, dass das Öffnen einer Penatencreme-Dose reicht, um hilflos von Erinnerungen überflutet zu werden. Ich weiß auch, dass man stundenlang ertrinken und dabei weiter atmen kann. Man kann bis ganz auf den Grund der Schublade sinken, sich im Seegras vergessener Gefühle verstricken und erst durch das Klingeln des Telefons wieder auftauchen. Es ist ganz einfach. Und ganz grässlich.

Mein Vater steht auf der Leiter und streicht die Decke meiner Küche. Er ist verschnupft. Ich sehe die kleinen, weißen Farbspritzer auf seinem Gesicht und die gerötete Haut unter seiner Nase. Ich halten ihm die kleine Dose hin und lache, als er einen farbverschmierten Finger hinein taucht um einen dicken Balken Creme unter der Nase zu verteilen. Während auch er lacht und wieder auf die Leiter steigt, ertrinke ich.

Eine 200 Gramm Penatencreme-Dose reicht für Jahre. Man kann sie nicht aufbrauchen. Angebrochen steht sie im Bad und speichert die Erinnerungen ihrer Benutzung zuverlässiger als ein Tagebuch. Das letzte Mal als ich sie öffnete, tauchte ich meinen eigenen Finger hinein und verteilte das zähe Zeug auf aufgeschürften Knien. Meinem eigenen und dessen, den ich am meisten vermisse. Wir waren laufen. Er lief geradeaus. Ich, ihn anlächelnd, genau vor seine Füße. Jemanden lächelnd zu Fall zu bringen, liegt mir, meinte er und nahm mir zu Hause die Dose aus der Hand. Im Deckel stand der Slogan: „Wir schützen was wir lieben.“ Ich solle mir daran ein Beispiel nehmen und nicht umrennen, was mich liebte. Als er nicht mehr zurück kam, schob ich die Dose hinter das Erkältungsbad und unter die Kälteschutzcreme. Wenn man das was man liebt, nicht schützen kann, will man nicht daran erinnert werden. Man nimmt die Dose und lässt sie verschwinden, als könnte man damit eine Schublade schließen. Längst sollte man gelernt haben, dass es nichts bringt eine neue, erinnerungsfreie Creme zu kaufen. Im Deckel der Neuen steht: „Schutz und Geborgenheit für ein ganzes Leben.“ Die Werbung hält ihre Versprechen genauso wenig wie die Liebe. Für einen Teil, den Deckel vielleicht, stimmte es. Geborgenheit bis zum Ende. Der Topf zum Deckel bleibt nach dem Ende aber alleine und ziemlich schutzlos zurück. Da mag der Inhalt noch so oft umfassenden Wundschutz versprechen. Er ist nicht wasserfest, der Schutz, und hilft nicht gegen plötzliches Ertrinken. Eine Cremedose ohne Deckel ist sinnlos.

Mein Telefon klingelt und ich schraube den Deckel auf die Dose. Schnell stecke ich sie meinem Vater in die Tasche. Sie wird ihm ein Leben lang reichen und wenn er sie öffnet läuft er nicht Gefahr zu ertrinken. Er wird nicht fallen uns sich höchstens an Nackenschmerzen erinnern. Verursacht durch seine Tochter, deren Küche er kurz nach Weihnachten gestrichen hat. Er wird daran denken, dass er sehr viel Spachtelmasse benötigt hat, weil ich Dinge so stürmisch und wütend von der Wand gerissen habe, dass sich die Farbe löste. Warum wird er nicht fragen und ich werde es ihm nicht erzählen. Es reicht, dass er über meine Wandfarbe, die „Manhatten“ heißt, lachen konnte. In Manhatten waren wir nie. Eine unbekannte Stadt an der Küchenwand zu haben, erscheint mir ungefährlich zu sein. Morgen kommt das Bad dran. Auch hier müssen  Löcher zugespachtelt werden. Nicht die, die der den ich am meisten vermisse, hinterlassen hat. Die dürfen bleiben. Sie müssen sogar bleiben. Ich hätte Angst aus Versehen nicht nur die Löcher sondern gleich ganze Schubladen dauerhaft zu verschließen. Vor allem die, mit der Erinnerung an die Geborgenheit. Sonst wüsste ich vielleicht nicht mehr, dass das Gefühl der Geborgenheit auch auf dem Sofa mit einem anderen entstehen kann. Einem den ich auch schon umrannte. Einem der geblieben ist und bei dem der Raum um einige Grad wärmer wird, wenn er nur neben mir sitzt. Ich schenk ihm eine Dose Penatencreme. Die mit „Schutz und Geborgenheit für ein ganzes Leben.“ Er wird wissen, dass es ein Versprechen ist. Und eine Bitte.

 

 

 

23 Gedanken zu “Nicht erinnern

  1. Es ist immer eine Bitte und selbst in der eigenen Familie ein Versprechen, das manchmal schwer zu halten ist… ein aufmerksam, sensibler Vergleich einer Wundcreme und ihre Auswirkung zu Narben auf der Seele… einmal mehr verlässt das Blumenmädchen leise lächelnd deinen Erzählraum… LG 😀

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  2. Mein Erinnerung ist Kaloderma Gelee und du hast wirklich eine Schublade aufgezogen, denn dieses Kosmetikum war das einzige, das mein Vater je benutzte. Nur der Geruch schon erinnert mich schmerzlich, denn mein Vater war viel zu früh gestorben, aber auch gleich tauchen Bilder seiner Eigenwilligkeit und seiner Besonderheit auf, die ich viel lieber denke. Aber immerhin, die Erinnerung ist da, und mit der gehe ich jetzt ins neue Jahr. Um 12°° Uhr rief er uns mit dem Sektglas in der Hand zu: „Prost Neujahr, schiet dem olen Jahr.“
    Na denn.

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    1. Gerüche sind auch gemein und überfallen einen schnell mal hinterrücks. Wenn die Erinnerungen aber irgendwann schön geworden sind, dann ist schnüffelt man ganz gerne an den alten Dingen. Die 12 Uhr Erinnerung deines Vaters ist ein schönes Bild.
      Damit geht man sicher gern ins neue Jahr.
      Guten Rutsch! Komm gut rüber!
      Liebe Grüße

      Gefällt 1 Person

  3. Bisher habe ich den Geruch von Penatencreme für ziemlich banal gehalten. Aber wegen ihrer Konsistenz scheint sie ein guter Erinnerungsspeicher zu sein. Bei dir hat er intensive Bilder und Erinnerungen bewahrt. Ich finde es tröstlich, dass du aus diesen wehmütigen Erinnerungen ein wunderschönes Stück Literatur machen kannst, liebe Mitzi, so glaubwürdig und echt, so tief gefühlt und weitab von dem Gefühlskitsch, den man in vielen Blogs zu lesen kriegt.
    Blitzlichtartig zeigst du wenige Details, aber deutlich und scharf, Das Wehmütige wird übermalt, aber nicht übertüncht, und was noch durchschimmert ist gemildert vom Humor einer herzensklugen Frau, mit dem Hinweis auf die Wandfarbe Manhattan. ( Ich nehme an Mahnhatten ist ein Tippfehler, passt aber auch.)
    Indem ich das schreibe, denke ich, eigentlich bin ich zu matschig im Kopf und werde dem Text und seiner Autorin nicht gerecht. Jedenfalls ist dein Erinnerungstext wirklich meisterhaft, besser meisterinnenhaft geschrieben.

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  4. Danke für´s Erinnern. Und so schön, wenn die eigenen Gedanken irgendwo anders zu lesen sind. Ich dachte ebenfalls schon immer, dass der Geruch von Penatencreme und auch die Konsistenz unverwechselbar und unvergesslich sind.
    Meine kleine Dose ist uralt … und wird einfach nicht leer.

    Gefällt 1 Person

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