Bitte…(sprechen Sie das Wort in der gewünschten Emotion aus)

Robbie Williams und ich pflegten über lange Jahre ein sehr innige, fast schon intime Beziehung. Zugegeben, sie war etwas einseitig. Aber meine Leidenschaft reichte locker für uns beide. Zum Leidwesen meines damaligen Freundes, der an meinem Verstand zu zweifeln begann, als ich mich in den Tiefen des Internets auf die Suche nach einem 1,85 m großen Pappaufsteller dieses Mannes begab. (Das dieser nicht für unser Schlafzimmer bestimmt war und letztendlich der Grund ist, dass ich heute hier schreibe können Sie  hier nachlesen.) An den Rand der Verzweiflung getrieben habe ich ihn aber erst, als meine bisher geheim gehaltene Leidenschaft in über 250 Kinos weltweit öffentlich gemacht wurde. Während dieser Zeit lernte ich ein faszinierendes Talent meines Freundes kennen. Er schaffte es, in das kleine Wort „bitte“ mehr Emotionen einfließen zu lassen, als in den kompletten sieben Jahren unserer Beziehung.

Es fing mit einem besorgten „bitte“ an, als ich auf allen Vieren vom Sofa in Richtung Badezimmer kroch. Es ging mir nicht besonders gut. Ich hatte Kopfschmerzen, die mir die Tränen in die Augen trieben, sah am Rande meines Blickfeldes kleine Lichtblitze und mir war so schwindlig, das ich nicht mehr gerade gehen konnte. Gehen wollte ich auch gar nicht. Ich wollte meinen Koffer fertig packen, um am nächsten Tag nach London zu einem Robbie Williams Konzert zu fliegen. Nach drei Jahren Bühnenabstinenz war es der erste Auftritt vor nur 3.000 Zuschauern. Die Karten hatte meine Freundin gewonnen. Nachdem ich meinem Chef bereits mit der Kündigung gedroht hatte, wenn er mir keinen Urlaub genehmigte, konnten mich Kopfschmerzen nicht von der Abreise abhalten. Das „bitte“ meines Freundes duldete keine Widerspruch als er mich ins Krankenhaus schaffte. Ungläubig klang es, als ich ihm, am Tropf in der Notaufnahme hängend, erklärte, dass eine Entzündung des Sehnervs, kein Beinbruch sei. Ich würde dann eben eine Sonnenbrille aufsetzen und nicht in das gleißende Licht der Bühne blicken. Er ergänzte sein „bitte“ um ein „sehr“ mit Ausrufezeichen, als er mich zum Flughafen fuhr und in die Obhut meiner Freundin übergab. Ich flog nach London und er verstummte. Zunächst.

Am nächsten Tag hörte ich mich stellvertretend für ihn dann  häufig selbst „bitte“ murmeln. Im Gegensatz zu ihm, reichte mir ein Wort nicht und ich flüsterte zu mir selbst eher ein „Oh bitte, ist das peinlich“. Ich stellte nämlich schnell fest, dass ich wohl doch kein echter Fan war. Ein echter Fan hätte es genossen, zwölf Stunden lang im Nieselregen auf dem Boden vor einer Konzerthalle zu sitzen und sich den Hintern abzufrieren. Ein echter Fan hätte auch gewusst, dass dieses elitäre Konzert  in weltweit 250 Kinos live übertragen wird und hätte sich hübsch zurecht gemacht. Ich dagegen hatte mich in einen gemütlichen Rollkragenpullover geworfen und einen alten Mantel gewählt, weil ich wusste dass ich stundenlang auf dem Boden hocken würde. Natürlich ungeschminkt. Meinen tränenden Augen konnte ich keine Wimperntusche zumuten und ich sah so schlecht und verschwommen, dass mir mein morgendliches Spiegelbild nicht zu denken gab. Ein echter Fan, hätte auch den Bassisten der Band erkannt. Ich nicht. Im Roundhouse gibt es ein kleines Café in dem man sich den Tee selbst zapfen konnte. Sofern man die komplizierte Maschine bedienen konnte. Für mich übernahm das ein ausgesprochen hilfsbereiter Mann, der sein Geld nicht als Teezapfer sondern als Bassist verdiente. Der Fan in mir flackerte kurzzeitig auf, als die Türen zur Konzerthalle sich öffneten und ich hinter meiner Freundin herrannte um mir einen Platz in der ersten Reihe zu sichern. Ein euphorisches Gefühl übermannte mich, bis ich der Länge nach hinfiel und nicht euphorisch, aber sehr emotional „Oh bitte!“ schrie. In die erste Reihe kam ich trotzdem. Ich muss wohl schon so übel und krank ausgesehen haben, dass man gerne ein Stück von mir abrückte. Alle, bis auf eine Frau um die Fünfzig, die mir gerade einmal bis zur Brust reichte. Das ist selten und natürlich lies ich es zu, dass sie halb vor mir stand.

Zwei Stunden warten, während einem von hinten tausend Leute ins Kreuz drücken. Ein Erlebnis, das ich nur genießen konnte, weil ich dank Fieber nahe dem Delirium war und überhaupt nichts mehr mitbekam. Als es endlich losging brauchte ich etwa eine halbe Stunde bis sich meine Augen an das grelle Licht der Bühne gewöhnt hatten und die rasenden Kopfschmerzen zu einem dumpfen, zähflüssigen Brei wurden. Ich tauschte die Sonnenbrille gegen eine normal aus. Ein scheußliches Ding, das ich nur dann trug, wenn Kontaktlinsen sich verboten. Die Brille erfüllte ihren Zweck und ich erkannte den freundlichen, älteren Herrn vom Teeautomaten wieder. Es war nicht schwer. Die Halle klein und er fast greifbar nah direkt vor mir. In jedem Konzert gibt es die Momente wo es ganz still wird und eine dramaturgische Pause eintritt. Ich nutzte sie um laut und plötzlich aufgewacht zu brüllen „Oh! It´s you!“ Genau in diesem Moment stand Herr Willliams neben besagtem Bassisten und ich schwöre Ihnen, er hat´s gehört und mich angesehen als wäre ich bekloppt. Meine Freundin sah mich mit genau dem gleichen Blick an und bat mich den Mund zu halten.

Ich sah diesen Blick in den folgenden Tagen noch öfter. Viele waren damals im Kino gewesen und haben sich das Konzert live angesehen. Allen die mich kannten, sprang ich – in der ersten Reihe gut sichtbar – sofort ins Auge.  Ich habe es mir später auf YouTube angesehen und vor Scham den Blick gesenkt. Nicht weil ich ungeschminkt, zerzaust und verheult aussah. Nein, weil vor meiner Brust ein Schild war auf dem deutlich lesbar „Robbie, I love you“ stand. Die kleinwüchsige Frau, zu der es gehörte, die sah man nicht. Man sah nur mich und das Schild. Freunde und Bekannte, die nicht im Kino waren, sahen es auf Facebook. Man fand es lustig es wieder und wieder auf meine Seite zu stellen. Mein Freund fand es nicht lustig. Sprach man ihn darauf an, hob er nur die abwehrend die Hand und murmelte leise „bitte….“.

Bitte…fragen Sie mich nicht nach dem Youtube Link oder Fotos.

 

 

39 Gedanken zu “Bitte…(sprechen Sie das Wort in der gewünschten Emotion aus)

      1. ganz sicher…..er ist ein mieser, na gut mässiger Sänger, aber das ist so was von egal……schreib mal einen Text, wie er wohl sein würde, wenn das Leben aus ihm einen Erwachsenen machen sollte…..die Stelle war übrigens genial von Dir ausgesucht, so erlebt man ihn selten, er spielt meist die Rolle des grossen Jungen 😉

        schade, den Spermien Teil hätte ich auch gern gesehen 😉

        So oder so hat er „many demons inside“……egal……dieses Lächeln und alles ist vergeben 😉 Ich verstehe Dich voll und ganz! Und beim Lied sexed up lebt er es voll aus 😉

        der Rest dann unter 4 Augen 😉

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    1. Vergiss es! Das lässt meine Eitelkeit nicht zu.
      Das Bild würdest du nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Ohne dir Oberflächlichkeit unterstellen zu wollen….es würde unsere hübsche Blog-Freundschaft nachhaltig und negativ beeinflussen. Da kann ich auf meinem Profilbild noch so oft die Arme vor das Gesicht schlagen, du würdest mich immer verheult, fiebrig und liebeskrank in Erinnerung behalten und leise „O dioh!“ (Ein Oh Dio – Oh Gott mit verrutschtem h) flüstern.

      Gefällt 2 Personen

    1. Du ahnst es liebe, Rita. Es macht mich stolz. Sonst hätte ich es ja nicht gebeichtet ;). Mit dem Bassisten bin ich auf Facebook noch immer verlinkt. Ich und 4378 andere, die er wohl ebenso wenig kennt wie mich. Aber zumindest meiner Nichte konnte ich damit für einen kurzen Moment imponieren. Da fällt mir ein, dass das junge Volk es vielleicht sogar fertig bekommt diesen Videoschnippsel auch nach sieben Jahren noch zu finden. Ich muss den Text löschen! 😉

      Gefällt 3 Personen

      1. … wie könnte er dich kennen, er hat nie etwas von dir gelesen und ist nie mit deinen Worten gereist… beim nächsten Konzert nimmst du dir ein Schild mit “ INTONE the word PLEASE“…

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  1. Bei diesem Beitrag ist mein Schmunzler an einer ganz anderen Stelle!!
    Mich interessiert vielmehr die vielen Variationen der Prosodie von „bitte“. Mag fachlich begründet sein, dass mich das mehr interessiert oder weil ich Sprachmelodien generell mag…

    Auch, wenn ich damit sicher einen dicken Fettnapf betrete und gaaanz allein damit stehe: ich mag den Künstler nicht.
    Aber da man sich über Kunst g e s c h m a c k niemals streitet, ist das nur zweitrangig… 😉

    Schmunzelgrüße von Silbia

    Gefällt 3 Personen

    1. Ach, gar nicht. Der Fettnapf gebührt nach obigen ganz alleine mir ;).
      Prosodie…ich gestehe, dass ich Google bemühen musste und freue mich, dass du so lieb bist und sogar einem Robbie Williams Text noch etwas abgewinnen konntest ;).

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  2. Oh ja, schon Take That (die ich heimlich hörte, da es mir als Punkgöre dann doch peinlich war) fand ich nur wegen ihm gut und diese Zuneigung hielt lange an, bis ein gewisser Joaquin Phoenix ihm den Rang ablief! Aber ach! in alten Gefühlen schwelgen ist doch so schön!

    Gefällt 2 Personen

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