Es reicht, sagen meine Freunde. Sforza Italia, sage ich.

Dass Sportwetten ein ernstes Unterfangen sind, durfte ich in den letzten Tagen am eigenen Leib erfahren. Ich lächle jetzt nicht mehr, wenn ich meine Tipps abgebe, sondern kaue hoch konzentriert auf meiner Unterlippe. Auch dass es an der Spitze einsam ist, habe ich gemerkt. Meine Kollegen sagen mir nicht mehr, was sie getippt haben und die Gespräche verstummen, wenn ich das Büro betreten. Obwohl ich aktuell nur an Platz zwei liege, mag man mir nicht mehr verraten, was im Kollegenkreis getippt wurde. In den letzten Wochen begriff ich, dass man sich einem höchst komplexen Thema auch ohne einen Funken Ahnung nähern kann, wenn man nur die nötige Leidenschaft an den Tag legt und sich Hals über Kopf hineinstürzt. Wie gerne würde ich über meine neu erlangte Kompetenz sprechen und mich austauschen. Es gibt ja noch so vieles, was ich lernen kann. Leider geht es nicht. Über Fußball spricht man nicht mehr mit mir.

Nicht nur meine Kollegen. Auch der klügste meiner Freunde ist seit gestern verstummt. Ich wollte 3:1 für Wales tippen und tippte dann 3:1 für Belgien. Nach dem Abpfiff rief ich ihn in Tränen aufgelöst an und wollte etwas Trost. Er verweigerte ihn mir. Ich sei jetzt reif genug, um eigene Entscheidungen zu treffen, sagte er und ich hörte, dass er beleidigt war. Meine Gedankengänge, die zur Tippabgabe führten entsprachen exakt den seinen. Das würde ihn überflüssig machen, meinte er. Ich hatte vergessen, dass man seinem Mentor nie eigenen Ideen präsentieren darf. Man muss ihn glauben lassen, dass es die seinen sind.

Auch meine italienischen Freunde wollen nichts von Fußball hören. Heute bin ich kein Freund, heute bin ich Gegner. Die deutschen Freunde behaupten übrigens das gleiche. Wer zwei Jahre in Italien lebte, vier Jahre jedes zweite Wochenende über den Brenner fuhr und im Schrank ein blaues Trikot hat, der ist ihnen heute suspekt.

Mein Vater mag auch nichts mehr sagen. Ich bin ihm unheimlich und ich glaube er vermutet, dass ich mich in einer Sektenähnlichen Beziehung befinde. Anders kann er es sich nicht erklären, dass ich mit wenigen Ausnahmen, jedes Spiel mit Freude verfolgt habe. Kalter Entzug – das empfahl die Drogenborschüre, die in Teenagertagen präventiv bei uns im Wohnzimmer lag und daran hält er sich jetzt.

Herr Meier von unten zeigte mir einen Vogel, als ich ihn am Lift fragte was er von der Partie heute Abend halten würde und Frau Obst macht die Tür nicht auf. Die Russen wollen von der EM nichts mehr wissen, seit sie ausgeschieden sind und über die Auskunft bekomme ich die Telefonnummern von mir namentlich bekannten Fußballern nicht heraus.

Es ist sehr einsam, hier in meiner Wohnung, wo mich niemand anruft. Ich bin so einsam, dass ich Funken schlage. Der klügste meiner Freunde, legt keinen Wert auf Verbrennungen und erbarmt sich meiner. Wenn das blaue Trikot im Schrank bleibt, dann nimmt er mich heute Abend mit in eine Bar und wir schauen das Spiel gemeinsam an. Ich darf auch für Italien tippen, aber ich soll aufhören zu heulen. Das klingt nach einem guten Deal. Ich bin wieder gut gelaunt. Gut genug, den italienischen Freunden via Facebook mitzuteilen, dass die EM für sie heute Abend vorbei ist und in der Firmen WhatsApp Gruppe ungefragt zu verkünden, dass ich mir den Sieg nicht mehr nehmen lasse. Auch meinen Vater habe ich schon angerufen und ihm fröhlich vorgerechnet, was ich verdient hätte, wenn ich nur 100 Euro bei einem seriösen Internet Wettbüro gesetzt hätte. Als ich ihm weiter vorrechne, was ich erst bei einem unseriösen Anbieter verdienen könnte, höre ich ihn verzweifelt nach meiner Mutter rufen.

Ich muss jetzt Schluss machen. Das sagt auch der Klügste. Nach dem Finale ist Schluss. Ich sei unerträglich und er vermisse das ruhige, schüchterne Mädchen, dass er vor 24 Jahren kennen gelernt hat. Die ist weg, hätte ich ihm fast entgegnet. Aber nur fast. Nach dem Finale reicht es mir auch erst mal. Dann bin ich wieder ruhig, ausgeglichen und umgänglich.

Bis zur WM in zwei Jahren und dem nächsten Tippspiel. Aber das behalte ich vorerst lieber noch für mich.

 

27 Gedanken zu “Es reicht, sagen meine Freunde. Sforza Italia, sage ich.

  1. tja, so ist es halt, wenn man ‚oben‘ ist – es kann verdammt einsam sein. Genauso aber stelle ich es mir vor, wenn ich Müllmann wäre; wer will schon einen Bekannten haben, der für die Entsorgung zuständig ist? …. es gibt eine Vielzahl von Berufen, die Igitt sind – und da dann nicht nur ‚oben‘ ….

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  2. Nanu!? Jetzt sag bloß… Ist der ganze Zirkus noch nicht vorüber? Brauchen die am Ende einen geschlagenen Monat für ein paar läppische Spielchen? Sauhaufen, ineffizienter. Es reicht wirklich. Die sollte man allesamt in die Wüste schicken. 😉
    Übrigens – mein Experten-Geheimtipp für den EM-Titel: Österreich!
    Wie, ausgeschieden? Papperlapapp! Wozu gibt es Gerichte? Die Resultate werden angefochten und die Geschichte wird neu aufgerollt. Mark my words! 🙂

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  3. Ich kenne Menschen, die vor Bayern-Spielen wichtige Rituale vollziehen. Wozu duschen gehört, mit folgenden Salbungen. Das ist kein Schwerz! Bayern-Spiele dürfen nur frisch geduscht und wohlduftend geschaut werden. Der Aberglaube einiger mir beiannter Fans. Einmal hab ich es versaut, als ich zum Anpfiff – der folgenden Misere bewusst – eine SMS schrieb: Nur der HSV! Dazu ein Foto vom, heut verstorbenen, Mann, der einen Anti-Bayern-München-Schal trug.
    Es gab wüste Beschimpfungen … Ein anderer Bayern-Fan erteilte Hausverbot, bis der erwähnte Schalträger seine Fußmatte (auf ihr ein Bayernemblain) geküsst hätte. Was er selbstredent nie tat.
    Was war ich damals unbedarft! Heute weiß ich: lege dich nie mit echten Fans an 😀

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    1. Da hat sich der Beitrag doch schon gelohnt und ich habe wieder etwas dazu gelernt ;).
      So extreme Exemplare habe ich zum Glück nicht im Bekanntenkreis. Fussmattenküssende Friedensangebote…..puh….ich glaube ich werde von meiner kurzfristigen Leidenschaft gerade kuriert. Das erschreckt mich dann doch.

      Ich geh mal die Matte reinholen 🙂

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  4. Liebe Mitzi,

    du darfst dich da nicht so reinsteigern. Am Schluss heulst dann wieder. Weil ich mag ja die Isländer – die werden gewinnen. Und wenn ich mir was einbilde, dann hat das auch so zu geschehen.

    Dann schauen wir mal, nicht wahr?

    Liebe Grüße,
    Veronika *ggg*

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    1. Klar hab ich durchgehalten. In der zweiten Halbzeit bin ich aufgewacht. Wir haben in einer Bar geschaut und die Stimmung war perfekt. Ein Drittel Italiener, denen nach dem Spiel vom Wirt eine Runde aufs Haus ausgegeben wurde. Ein langer Abend aber ein toller.
      7:6 getippt? Nicht schlecht. Ich hab leider nur 2 mit meinem 3:1. Ich könnte sicher aufholen, wenn ich heute für Island tippe, aber ob ich mich das traue….

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      1. Dein Fußballabend klingt nicht schlecht.
        Wir tippen nur bis zur Verlängerung. 11m Schießen wird nicht gezählt. Somit lag ich mit meinen Tipp 1:1 richtig und bekomme dafür vier Punkte 🎉
        Frankreich gegen Island habe ich rein kopfmäßig 2:1 getippt. Ich würde mich aber auch freuen, wenn Island gewinnt.

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  5. 😂 Herrlich! Ich hab auch so eine Kollegin in der Firma… Die wird geächtet, weil sie keinen Plan von Fußball hat, aber beim Tippspiel ganz oben ist.

    Arbeitest du bei mir in der Firma??? 😀

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