Sákis brüllt „stop“!

Tage wie dieser machen mich unruhig. An Tagen wie diesen zuckt schon beim Aufwachen ein Erinnerungsfetzen durch meinen Kopf und lässt mich Lachen. Man wacht ja gerne mit einem Lachen auf und ich will mich nicht beschweren. Dennoch sind Tage wie dieser, an denen ich mich andauernd an etwas erinnere, ein wenig anstrengend weil ich mich schlecht auf andere Dinge konzentrieren kann. Es ist ein bisschen wie Weihnachten. Da schleppt man auch Erinnerungsfetzen aus Jahrzehnten mit sich herum und denkt alle paar Minuten an liebgewonnen Traditionen oder kleine Katastrophen aus den vergangenen Jahren. Alle paar Minuten klopft das Gedächtnis an die Stirn und präsentiert eine neue Erinnerung. Heute morgen wachte ich auf, weil in meinem Kopf jemand „Stop“ brüllte. Da wusste ich, heute ist es wieder so weit. Heute ist der Tag des Grand Prix Eurovision de la Chanson.

In meinem Kopf plärrte Sákis, den ich seit über 25 Jahren weder gesehen noch gehört habe, an den ich aber einmal jährlich denke. Sákis ist Grieche und gehört zu dem überschaubaren, etwa 423 Personen umfassenden, griechischem Netzwerk meiner Eltern. Vor etwa fünfzig Jahren fuhren mein Vater und seine engsten Freunde in einem winzigen Auto nach Griechenland um Urlaub zu machen. Einer brachte die schönste aller Griechinnen mit zurück und legte den Grundstein für deutsch-griechische Freundschaften die Jahrzehnte überdauerten. Obwohl ich nie mehr als ein paar Brocken dieser schönen Sprache lernte, klingt sie noch heute vertraut in meinen Ohren. Nicht zuletzt wegen Sákis der mit uns viele Jahre das griechische Osterfest auf unserer Hütte feierte. Als Kind fühlte es sich an, als wäre das kleine Häuschen mit 50 Menschen vollgestopft gewesen – es waren wohl nur 15, aber auch da frage ich mich wo sie untergebracht waren. Während der Übertragung des Grand Prix  waren wir alle in kleinen Stube unten eingepfercht. Fünf Kinder mindestens saßen auf dem Sofa und Sákis brüllte „Stop!“. So lautete 1987 der Titel Griechenlands. Für Sákis war klar, dass es sich um den Gewinner handelte. Denn Stopp ist ein internationales Wort und Griechenland der Mittelpunkt der Welt. Ich sah das ähnlich. Und so brüllten wir Kinder schon den ganzen Tag „Stop!“ und ließen uns von den Erwachsenen in die Wange kneifen.

Sákis Leidenschaft für den Grand Prix wurde jahrelang nicht übertroffen. Nicht einmal von mir, die diesen Abend jährlich aufs neue mit Hingabe und Freude zelebriert. Erst Ehodun aus Togo teilte die grenzenlose Begeisterung und verwandelte eine WG-Küche in eine Fanmeile, die den Vergleich mit der eines Fußball-WM-Endspieles nicht zu scheuen brauchte. Da Togo kein Teilnehmer Land war entschied sich Ehodun dafür, alle anderen mit gleichbleibender Inbrunst anzufeuern. Dann wackelte der Fernseher, der auf dem Herd Platz gefunden hatte und die Fähnchen in den Salaten auf dem Tisch hüpften auf und ab. Afrikanische Leidenschaft ist der griechischen sehr ähnlich und steckt deutsche Gemüter binnen weniger Minuten an. Wenn wir zwischen den einzelnen Auftritten schwächelten, sprang er auf und schenkte uns Palmschnaps nach. Angeblich von seiner Großmutter selbst gebraut und nur mit Schwierigkeiten durch den Zoll gebracht. Verständlich, denn mit dem klaren Inhalt dieser Flaschen konnte man Tote zum Leben erwecken, Motoren zum Laufen bringen und Rostflecken ebenso gut wie Schimmel am Rand der Badewanne entfernen. Er schmeckte hervorragend.  An diesem Abend hätten wir den Sieg von Lena fast nicht mehr mitbekommen. Es war uns, dank Ehodums Großmutter, auch egal. Wäre Togo am Start gewesen, hätte es den lautesten und fröhlichsten Applaus aus einer Küche mitten in Schwabing erhalten.

Gerne erinnere ich mich auch an einen anderen Grand Prix Abend den ich mit italienischen Freunden in einer üblen Kneipe in Neapel verbracht habe. Italien nahm nicht einmal teil und die Übertragung mussten wir auf einem französischen Sender sehen. Den Italienern war es egal und uns auch. Ich weiß noch, dass sich drei Duzend Italiener mit mir solidarisch zeigten. Bis der deutsche Beitrag kam. Michelle….wir entschieden uns geschlossen dafür, unser Herz für diesen Abend einem anderen Land zu schenken. Auch deshalb mag ich diese Abende. Es ist völlig egal welchen Mist das eigene Land ins Rennen schickt. Bei nicht gefallen, wir man für ein paar Stunden eben glühender Anhänger von Schweden, Norwegen oder Zypern. Findet man alles doof, kann man sich immer noch mit Ouzo, Palmschnaps oder Grappa versöhnlich stimmen.

Ich freue mich auf heute Abend. Mit Schweizer Käsefondue, französischem Wein, italienischen Oliven und deutschem Brot haben wir bereits einige Länder abgedeckt. Palmschnaps konnte ich leider nicht auftreiben. Schade. Ich hätte mir gerne etwas davon für die lästigen Rostflecken meiner Fahrradspeichen aufgehoben. Es wird auch ohne gehen. Spätestens wenn die Melodie der Eurovision erklingt und die Welt sich klein, nah und vertraut anfühlt, ist es egal was auf dem Tisch steht. Auf irgendeinem Sender wird sich Nicole beklagen, dass der Geist des Grand Prix verloren gegangen ist und Ralph Siegel wird sein  Bernhardiner Hundegesicht beleidigt in die Kamera halten. Mein Herz hängt dieses Jahr am italienischen Beitrag. Nicht weil ich ihn für gut halte, sondern weil ich weiß, dass in einer Kneipe in Neapel zwei meiner Freunde feiern und ich das unsichtbare Band so besser spüre.

 

 

35 Gedanken zu “Sákis brüllt „stop“!

    1. Aah. Ein Liebhaber der Klassiker. 😀
      Ja, mit dem jungen Werder habe ich auch gezittert. Leider verge… Halt! Ich werde doch hier nicht ausplaudern, dass die Geschichte nicht gut ausgegangen ist. Wer seinen Schiller (oder war es am Ende doch Schecksbier?) aufmerksam gelesen hat, weiß ja eh…
      Aber was red’ ich da – ich wünsche frohes Zittern! 🙂

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  1. Ich bin auch fan von Grand Prix….dieses Jahr schlägt mein Herz für die Ukraine…..dieser Wettbewerb ist für mich eine Konstanre in der Fernsehwelt seid Kindheitstagen. Leider bin ich in meinem Bekanntenkreis die Einzige…so feier ich heute Abend allein und freu mich darauf.

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    1. Du sagst es….es ist die Konstante, die ihn so schön macht.
      Wie ich lese, bist du nicht alleine und selbst wenn….es muss ja nicht immer eine große Runde sein. Wir sind heute auch nur zu zweit, weil immer weniger Freunde meine Leidenschaft teilen.

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      1. Sehr gut! Ich bin auch gespannt wann wir die Kinder meines Freundes ins Bett bekommen. Früher sind wir einfach irgendwann eingeschlafen und wurden ins Bett getragen – ich werde das heute auch vorschlagen. Als Nicht-Mama darf ich pädagogisch nicht vertretbare Vorschläge machen 😉

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  2. Liebe Mitzi, sogamoi, graust denn dir vor gar nix? 😉
    Eigentlich hätte ich ja gedacht, dass man das Wesentliche des Grant-Prix in maximal zwei Sätzen zusammenfassen könnte. Aber wenn man sich, wie du, mehr auf das Wesentliche und weniger auf den Grant-Prix konzentriert, schaut die Geschichte ja ganz anders aus. 🙂
    [Der Nikoll und dem Ralph müsste vielleicht mal jemand einige Flaschen Palmschnaps spendieren, von wegen GEIST und so…]

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    1. Mir grausts vor nix. I mog den Wahnsinn. D`Nicole is ma z´blead, aber de Lumpen von de Ostweiba….des windige G´wand des schaug i ma gern o.
      Sakradi, is des anstrengend so zum schreim.

      …nach dem Palmschnaps gibt’s bayerisch nur noch mündlich 😉

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      1. Die ESC-Geschichte hat ja einen gewissen exotischen Unterhaltungswert. Aber meine musikalische Empfindsamkeit ist da hochgradig unbegeistert – und da nehme ich halt Rücksicht und drücke gleichsam die ESC-Taste. Man ist ja kein Unmensch. 😉

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      1. Ich kann es nicht erklären, denke mir aber vom Gefühl her, dass, wie hervorragend burundische Musiker auch immer sein mögen, es noch viele Jahre dauern wird, bis man sich durchringt, sie am ESC teilnehmen zu lassen … und also auch ich die Sendung wieder schauen werde … 🙂

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  3. Sakis! Unser Liebling mit dem sonnigen Lächeln und den süßen Grübchen! der eigentlich den Grand Prix nach Griechenland hätte holen sollen, tausendmal verdient natürlich! Eine echt akrobatisch-musikalische Leistung hat er damals (wann war das doch gleich?) hingelegt und die Herzen aller Mamas schmelzen lassen. Wer immer der Gewinner war – er/sie ist zu Recht vergessen. Nur Sakis, nein, den werden wir nie vergessen. Jetzt managed er den X-Faktor bei Skai, das ist eine nationale Variante des schnöden ESC. Wie sagtest du: Griechenland sei der Nabel der Welt? Ei, freilich! Mit besten Grüßen aus Athen. Gerda 😉 🙂

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    1. Dieser Sakis ist mir auch noch in Erinnerung! Wie schön von ihm zu hören.
      „Mein“ Sakis war ein Freund meiner Eltern. Aber Grübchen hatte er auch 🙂
      Liebe Grüße nach Athen. Jetzt bekomme ich Sehnsucht nach Milos 🙂

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