Hildes Blumenkohl

Eigentlich konnte er ihn nicht ausstehen, den immer etwas zu matschig gekochten Blumenkohl seiner Hilde. Weil er aber die Hilde so gern hatte, aß er eben auch ihren Blumenkohl. So sei das eben, sagt Herr Mu. Wenn man jemanden gern hat, dann sieht man über die kleinen Macken im Charakter des anderen hinweg. Ich schmunzle und frage Herrn Mu ob es denn wirklich ein charakterlicher Fehler ist, wenn man den Blumenkohl verkocht. Das erscheint mir etwas sehr streng. Auch Herr Mu schmunzelt. Nur, wenn man es aus purer Bosheit über mehrere Jahrzehnte hinweg, immer wieder machen würde. Dann könne man durchaus von einem unschönen Charakterzug sprechen. Herr Mu lächelt so versonnen, dass ich mir sicher bin, dass seine Hilde als Ausgleich sehr viele, sehr schöne Charakterzüge gehabt haben muss. Ich merke es an und Herrn Mu er schüttelt den Kopf. Nein, seine Hilde sei ein rechtes Miststück gewesen. Den Blumenkohl zum Beispiel hätte sie nur deshalb ein ums andere Mal absichtlich verkochen lassen, weil er kurz nach der Hochzeit einmal feixend einen Scherz über die Ähnlichkeit von knackigem Gemüse und hübschen Frauen gemacht hat. Ab jetzt sei es vorbei mit dem jungen Gemüse, meinte seine Hilde und von da an gab es den Blumenkohl und auch den Kohlrabi eben nur noch weich und lasch. Weiterlesen →

Feiertag

Ich mag es, wenn es heiß ist. So heiß, dass man glaubt man würde gegen eine Wand laufen, wenn man vom Schatten in die Sonne tritt. Die Hitze macht mich müde und schläfrig und ich schleiche durch die Straßen meines Viertels. Ab 30 Grad kann ich in der Sonne nicht schnell gehen. Ich schlurfe so langsam, dass mich alle Rentnerehepaar problemlos überholen können. Das dürfen sie ruhig – ich hab es ja nicht eilig und meine Langsamkeit ist Balsam für die Seele. An Tagen, die kein Sonntag sind und trotzdem Feiertag erhole ich mich. Dann mache ich am liebsten gar nichts. Besonders gut geht das an den brüllend heißen Sommertagen. Biergarten? Nein danke, da muss ich ja erst einmal hinkommen. An den See? Fein, aber lieber an einem Samstag und nicht heute. Heute reicht mir mein kleines Viertel. Das ist genauso schläfrig wie ich.

Wer wach sein möchte, wer sehen und gesehen werden will, der geht runter an die Isar. Legt sich ins Schyrenbad oder stürzt sich ins Glockenbachviertel. Wer lieber nichts tut, bleibt in Giesing oder einem der anderen Viertel, die nicht auf den ersten Seiten der Reiseführer stehen. Da ist es heute schön ruhig. Wenige Straßen, die mit den Cafés, Biergärten und Restaurants, sind belebt, der Rest dämmert vor sich hin. Das können wir Münchner gut. Wir sitzen freilich auf unseren Balkonen, fast alle Bänke sind besetzt und auf den Steinmäuerchen vor den Vorgärten sitzen Kinder. Trotzdem ist es ruhig, fast still. Die anderen, die die Stille stören könnten, sind alle unterwegs. Wer geblieben ist, der dämmert vor sich hin, redet automatisch etwas leiser und schlurft recht langsam durch die Straßen. Autos fahren kaum. Wo sollten sie auch hinfahren? Sie sind ja schon in den Bergen, am See oder den anderen Vierteln, in denen heute mehr los ist. Laufen tut auch keiner. Es ist viel zu heiß. Hetzen eh nicht. Wohin auch? Heut ist Feiertag und alles hat zu. Gott lob. Weil Fronleichnam ist und weil ich ihm zu verdanken habe, dass hier noch keine Läden sonntags offen haben. Irgendein Nachbar hat schon das was fehlt und wenn er es nicht hat, dann gibt es das heute halt nicht.

An so ruhigen, fast stillen, Feiertagen darf man „rumsandln“. Dem Dolce Vita frönen und das Nichtstun genießen. Man kann ja nicht anders. Ich müsse saugen. Dringend. Würde ich es heute tun, Herr Meier würde an meinem Verstand zweifeln und mir noch vor Frau Obst eine Standpauke halten. Der Gute! Heut wäscht auch keiner. An Feiertagen hängt man die Wäsche nicht in den Innenhof. Zum Glück! Ich müsste nämlich eigentlich, aber weil ich nicht darf, muss ich doch nicht. Für die Berge und den See ist es jetzt zu spät. Ich sitz mit einem Eiskaffee (die Eisdiele hat nämlich auf) auf dem Balkon und spitz die Ohren. Heut hört man ja, was man sonst nicht hört. Jetzt grad, das Rauschen der Blätter im Wind von den drei Bäumen bei meinem Balkon; die fette Hummel, die sich auf die ersten Blüten in meinen Kästen stürzt und das leise Murmeln von Herrn Iwanov, der sich nicht laut telefonieren traut. Ab und zu höre ich wie Herr Meier unten in der Kneipe leise rülpst. Die hat zwar zu, aber er sitzt trotzdem davor und trinkt sein Radler, das er sich selbst mitgebracht hat. Irgendwo klappern Teller und ein Skatboard schreddert durch die Straße, bevor es wieder still wird. Wenn der leichte Wind sich dreht höre ich die Live Band aus dem Biergarten des Schinkenpeters. Aber nur ganz leise. Einschläfernd sind diese Geräusche. Und schön. Es ist das leise Murmeln der Stadt, wenn sie vor Hitze ächzt und stöhnt.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich hab heut Feiertag. Keine Muse für ein Beitragsbild und die Schlagworte. Als Entschädigung bekommen Sie das Bild eines Hundes. Der stöhnt auch. Ich glaub aber, dass er wegen seines Frauchens streikt. Das ist ähnlich gekleidet, aber nicht so zierlich. 

Gefunden Sätze #36

„Man überlegt nicht lange, fisch sich,  fast ohne hinzusehen, ohne hinzusehen, ein Leben heraus, fragt nicht viel, ob es passt, lebte es eben, da wurde es passend.“

„Nachdenken über Christa T.“
Christa Wolf

Aufgehoben und verschoben

Ob er schnell noch bei mir duschen könne, fragt er in einer SMS, die weder Begrüßung noch Verabschiedung enthält. Halb acht würde er schaffen. Der klügste meiner Freunde, muss sich nicht mit getippten Höflichkeitsfloskeln aufhalten. Nach all den Jahren sind sie unnötig. Respektvoll, höflich und liebevoll gehen wir seit einem Vierteljahrhundert dann miteinander um, wenn wir uns gegenüber sitzen. Das Telefon ist nur Mittel zum Zweck um eine Uhrzeit zu fixieren. Ich antworte ebenso knapp, ja natürlich und komme nicht auf die Idee, das Bad noch zu putzen. Er würde es nicht bemerken, auch wenn es seit drei Wochen nicht gewischt worden wäre. Dass ich mich freue, ihn zu sehen, auch wenn wir uns erst vor ein paar Tagen gesehen haben, schreibe ich nicht. Nettes, herzliches und warmherziges sage ich ihm, wenn ich ihn dabei anlächeln kann. Weiterlesen →

Ballett zwischen U1 und U2

Ich kann Sie beruhigen. Der von mir vor einigen Tagen beschriebene Mitarbeiter der Münchner Verkehrsbetriebe sitzt noch immer in seinem Glaskasten an den S-Bahn Gleisen des Hauptbahnhofes. Man hat ihn nicht, wie befürchtet, strafversetzt. Er darf die Fahrgäste weiter anschnauzen und für die gebührende Ordnung am Bahnsteig sorgen. Vielleicht hat man ihn sogar befördert, wie einige von Ihnen vorschlugen. Heute morgen ist mir nämlich aufgefallen, dass er eine zur Uniform passende Kappe trägt. Eine solche Kappe darf nicht jeder tragen. Jedenfalls nicht die, die einen Stock tiefer zum Ballettensemble gehören. Ich glaube, wenn sie beim MVG arbeiten, dann ist der Satz „du bist ab morgen im Ballett“ gleichbedeutend mit „Ab nach Sibirern“. Weiterlesen →

Auf dem Vulkan

Zwischen all den Blogs die ich lese, gibt es diesen einen. Den einen der so ganz anders ist. Den einen, den ich ein Jahr lang „nett und ok“ fand und dann mit jedem Tag besser. Mag sein, dass ich nur ich lange brauche, aber wenn Sie auf der Suche nach etwas anderem sind, dann ist es vielleicht der.

Ich kenn den Autoren nicht. Nur das was man eben so kennt, wenn man sich Kommentare unter die Texte wirft. Aber ich mag ihn. Den, dessen Blog, ich mittlerweile grandios finde.

Vielleicht weil er da wo ich plappere, erkläre und diskutiere, einfach ein paar Sätze ins Netz wirft. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten wirft er weit mehr. Der Christophrox. Der eine, den ich nicht kenne, den ich aber mag.

Avatar von christophroxchristophrox

Lerne ich eine Frau kennen, dann erwarte ich Drama. 3. 2. 1. Los geht’s. Ein Naturgesetz. Sonst werde ich misstrauisch.

Was ist überhaupt der Maßstab? Freunde? Familie? Filme? Plötzlich sieht man in seiner Timeline ein dämliches Pärchen-Selfie. Den Weg dahin sieht man nicht.

Möglichkeiten. Freiheiten. Individualität. Mehr als je zuvor. Die Vegane-Öko-Rucksack-Techno-Tussi verliebt sich in den Leberwurst-Hardrock-Vollpension-MSV-Macker.

Der Jahresurlaub ist verplant. Tickets für das Festival gekauft. Neue Projekte in Aussicht. Am Ende der Welt.

Zwei Leben, die synchronisiert werden müssen. Ohne Probleme? Wohl kaum.

Kiloweise Ballast schleppt man mit sich herum. Weil jeder schon auf die Fresse gefallen ist. Aua am Herzen.

Theaterstücke. Opern. Weltkriege. Wegen WhatsApp.

Nach dem ersten Date: Interesse zeigen, okay. Übertreiben? Auf keinen Fall! 24-Stunden-Ghosting. Lalala.

Läuft das später immer noch so, ist vielleicht eine Aussprache über das Kommunikationsverhalten nötig. Ruhig. Sachlich.

„Du scheiß Spacko! Wenn du nicht sofort auf meine verkackten Nachrichten antwortest, ramm ich…

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Jetz´samma beinand! U-Bahn Gedanken

Ich entschuldige mich gleich am Anfang bei Ihnen. Nicht für diesen Text. Der könnte noch etwas werden. Nein, für die grausame Einleitung, mit dem Lamenti, dass früher alles besser war.

Früher war es besser.

War es aber wirklich. Jedenfalls die Kampagnen der Münchner Verkehrsbetriebe. Die aus meiner Kindheit kann ich noch heute auswendig zitieren. Zum Beispiel: „Aus dem Walkman tönt es grell, dem Nachbarn juckts im Trommelfell“. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass mir dieser Satz auf den Lippen liegt obwohl es seit bestimmt zwanzig Jahren keine Walkmänner mehr gibt. Vor Augen habe ich dann die herrliche Zeichnung von Ernst Hürlimann, die jeder Münchner kennt. Aus der Abendzeitung wo sein Blasius allgegenwertig war, aus den Büchern Sigi Sommers oder eben aus den Kampagnen der Münchener Verkehrsbetriebe gegen den Krach aus Kopfhörern oder den damals noch nicht verbannten Rauchern auf den Bahnsteigen. Auch die Kampagnen in den Jahren danach waren ganz in Ordnung. Nicht mehr so charmant wie die Karikaturen aber doch noch ganz ok. Ich erinnere mich an die Plakate, auf denen die Fahrgäste Hand in Hand brav in Zweierreihen wartete, um geordnet einzusteigen. Oder das Bild eines Bahnsteiges der übersäht mit Schuhen war, da man diese vor dem Betreten – ganz wie zu Hause – auszieht. Freilich  hatte das auch schon nicht mehr viel mit München zu tun. Aber wenigstens die Texte hatten in ihrem Hochdeutsch einen Hauch von München. Stand da „Sauber!“ dann war nicht nur die Abwesenheit von Schmutz gemeint, sondern auch ein Ausruf, der in Bayern gleichbedeutend mit „Sehr gut!“ ist. Da warf man seinen Müll doch gleich viel lieber in die entsprechenden Tonnen. Weiterlesen →

Gefundene Frechheiten und Sätze

Ich könne wirklich froh sein  keine Mann zu sein, teilte mir ein Unbekannter  kurz nach Veröffentlichung meines Textes Männerelend via E-Mail mit. Als Frau, als blonde noch dazu – wie er auf einigen Fotos, erkennen könne, täte ich mich natürlich leicht einen so, Zitat: „saudummen“ Beitrat zu schreiben. Und überhaupt, dieser ganze Blog. Meiner und all die anderen. Diese Sammelbecken für Dilettanten, Selbstdarsteller und all jene die nichts können und mit ihrem Mist das Internet vollmüllen.
Usw, usw. Ich könne ihm gerne antworten, wenn ich den Mut hätte mich echter Kritik zu stellen. Gezeichnet mit…gar nicht gezeichnet.

Kann ich. Nicht aus Mut, sondern weil es regnet und mir heute eh schon den ganzen Tag latent schlecht ist.

  • Natürlich bin ich eine Emanze. Welche Frau mit Hirn ist das heutzutage nicht? Und Wann bitte ist das zu einem Schimpfwort geworden?
  • Penisneid ist nicht vorhanden. Das ist bei mir wie mit Armbanduhren. Ich mag sie. Es gibt hübsche Exemplare. Aber sie würden mich wahnsinnig machen, wenn ich sie den ganzen Tag mit mir herumschleppen müsste.
  • Kritik dürfen Sie gerne äußern. Besonders gerne unter den jeweiligen Texten.
  • Wenn Sie mich darin nicht als…Sie wissen schon….titulieren landen Sie auch nicht im Spam.
  • 75B
  • Nein ich habe kein Verständnis dafür, warum ihr Name nichts zur Sache tut. Sie kennen den meinen ja auch.
  • ICH darf mich als mopsig beschreiben. SIE nicht!

Er hatte wohl einen schlechten Tag. Der meine ist nun allerdings besser.

Sie, die Sie mir diese Mail nicht geschrieben haben, ahnen vermutlich, dass es sich hierbei nicht um eine konkrete E-Mail handelt, sondern um eine fiktive, deren Inhalt aber manch realer recht nahe kommt. An guten Tagen amüsieren sie mich. An manchen irritieren sie mich und selten, aber doch, machen sie mich wütend. An letzten hilft dann nur noch von zehn bis null rückwärts zahlen und in Gedanken Homer zitieren.

Gefundene Sätze #35

 „Bleibe gelassen mein Herz. Schon größere Frechheiten ertrügest du.“

Homer
„Odyssee“

Ehrlicher Neid – U-Bahn Gedanken

Es heißt, Neid vergiftet Gemeinschaften, spaltet Freundschaften und zerstört die persönliche Zufriedenheit. Unter anderem definiert sich Neid, als das schlechte Gefühl,  das man hat, wenn andere etwas haben, das man selbst gerne hätte, aber nicht hat. Sagt Wikipedia, das häufig recht hat. Weil schlechte Gefühle, die auf dem Glück oder dem Besitz anderer beruhen, nicht mehr zeitgemäß sind, findet man auch kaum jemanden, der offen zugibt, neidisch zu sein. Ich schon. Ich finde es nämlich albern zu behaupten, dass man nicht neidisch ist, während man seufzend und zähneknirschend genau das ist. Weiterlesen →

Dummheiten

Er sei sich nicht sicher, was er von einer Frau halten würde, die Oliven auf eine so seltsame Art essen würde. Das war ein dummer Gedanke, denn ich war bereits nicht nur eine, sondern seine Frau und ich sagte ihm, dass es längst zu spät war, diese Tatsache in Frage zu stellen. Er wollte wissen, wann es zu einer Tatsache geworden war, da er sich nicht daran erinnern konnte, jemals eine Entscheidung getroffen zu haben. Auch das war dumm gedacht, erklärte ich geduldig zwischen zwei Oliven. Eine Bindung zwischen zwei Menschen wurde nicht durch eine rationale Entscheidung der Beteiligten geschaffen. Sie wurde einem in den Bauch gepflanzt und verhielt sich so lange still, bis man sein Gegenstück traf und sich dann für den Rest des Lebens nicht mehr trennte. Beim „Rest des Lebens“ verschluckte er sich und machte einen albernen Scherz ob er mich nun wirklich nie wieder loswerden würde. Weil ich nicht lachte, hörte auch er auf und sah mich ruhig an. Das konnte er besser als ich. Jemanden ruhig in die Augen sehen und dem Blick nicht ausweichen. Irgendwann nickte er. Gut, dann hätte die Suche ja nun ein Ende und er hätte die Frau seines Lebens gefunden. Nur der Zeitpunkt sei etwas unglücklich, da er sich bereits in einer Beziehung befand. Wieder lachte er. Ich nicht. Er war wirklich dumm. Weiterlesen →