Synchron tanzende Männer? Ich bitte Sie!

Ich bin kein Fan. Von nichts und von niemanden. Ich mag Menschen, manchmal auch Musiker und ich mag Dinge, Orte oder Begebenheiten. Als Fan würde ich mich trotzdem nicht bezeichnen. Mit großem Glück und einem ersten, fünf Jahre älteren Freund, ging auch der Kelch zum Boy-Band Fan zu mutieren an mir vorüber. Synchrontanzende Männer fand ich albern. Als die tanzend Deutschland eroberten, saß ich in einer Garage und beobachtete, wie mein Freund seine Vespa frisierte. Konzertkarten konnte ich mir bis in die Zwanziger nicht leisten. Ich saß mit meinem Freunden mit einem Kasten Bier an der Isar und wir hörten die Charts im Radio. Eingestiegen bin ich erst, als ich mir einen lebensgroße Pappfigur von Robbie Williams kaufte und begann Romane zu schreiben. Nicht im übertragenen Sinn – ich schrieb drei- bis achthundert Seiten lange Romane. Über Robbie Williams. Fast über Robbie Williams. In meinen Erzählungen war er Maler, Schreiner oder Student und ich lieh mir nur sein Äußeres, seinen destruktiven Lebensstil und seine Angewohnheit in den Neunzigern wild kopulierend durch die Lande zu ziehen. Woher ich weiß, dass er das tat? Ich stand in der Hotelbar (fast) neben ihm und konnte es beobachten. Aus Recherchezwecken. Man kann nicht vernünftig über einen Maler schreiben, wenn man ihn nicht live beobachtet hat. Mit etwas Phantasie ist es ein leichtes die aufgedonnerte Blondine durch eine Leinwand und das Glas in der Hand durch einen Pinsel zu ersetzen. Weiterlesen →

Bis zum nächsten Morgen

Als die letzten gingen, schloss ich die Tür hinter ihnen im Halbschlaf. Es war spät geworden. Das wird es immer, wenn ich sie einmal im Jahr alle einlade und sie in wechselnder Zusammenstellung um den großen Tisch in meinem Wohnzimmer sitzen. Die, die Platz finden, sitzen. Der Rest steht. Auf dem Balkon, in der Küche oder irgendwo im Weg. Unübersichtlich ist es dann. Bis weit nach zehn kommen die, mit denen keiner mehr gerechnet hat und die, von denen man glaubte sie würden kommen, schreiben, dass sie doch keine Zeit haben, im Urlaub sind oder die Kinder krank sind. Es ist egal. Sie kommen im nächsten Jahr und es gab eh keine Gabeln und Gläser mehr. In manchen Jahren sitzen wir zu acht am Tisch, in anderen drängen sich über fünfzig Personen auf den wenigen Quadratmetern meiner Wohnung. Man könnte es planen, dann würden die Getränke nicht entweder ausgehen und für das restliche Jahr reichen, höre ich dich schmunzeln als du einen Blick in den überquellenden Kühlschrank wirfst. Vielleicht irgendwann. Bis dahin schreiben ich jedes Jahr eine kurze Nachricht an fast alle die ich mag und lasse mich überraschen. So mache ich es schon immer. Nur in den Jahren mit dir, lud ich sie nicht ein. Sie mussten warten, weil die wenige Zeit die wir hatten zu kostbar war, als das ich sie mit anderen Menschen geteilt hätte. Nicht einmal mit den Liebsten von ihnen. Du lernst sie jetzt kennen. Mit jedem Jahr besser und jedes Jahr noch einen, der es die Jahre zuvor nicht geschafft hatte. Weiterlesen →

Gefundene Sätze #37

img_5224

„Schreib; bitte, bitte, schreib.“

Grete Weil an Walter Jokisch.

Gefunden von einer Freundin. Als Postkarte im Literaturarchiv der Monacensia in München. Ein Satz, der bei mir ein ganz bestimmtes Gefühl und unzählige Erinnerungen auslöst.

 

 

 

 

Da hat er Recht, der Herr von Goethe

Was machen Sie gerade? Ich sitze auf meinem Balkon und habe eine Flasche Crémant vor mir stehen. Ungeöffnet. An einem bewölkten Dienstagabend macht man sich nicht einfach alleine eine Flasche Crémant auf. Nicht wenn einen, wie mich, ein Nachbar mit süffisanten Grinsen vom anderen Balkon aus beobachtet und am nächsten Tag im Waschkeller darauf ansprechen wird, wie verzweifelt man schon sei, wenn man unter der Woche alleine eine Pulle köpfen muss. Sie müssen sich, fernlesend, auch eine aufmachen. Oder Sie kommen vorbei. München, Giesing – fragen Sie sich einfach durch, man kennt mich. Alleine kann ich jedenfalls nicht trinken. Einen Grund brauchen wir nicht. Und falls Sie wider erwarten anderer Meinung sind, dann stoßen wir eben auf das zweijährige Bestehen, meines Blogs an. Sind Sie soweit?

Sie brauchen aber auch lange, ich fang schon mal an. Mit dem ersten Glas. Heute kann ich es wirklich brauchen, egal wie blöd der Nachbar grinst. Passend zu einem an sich schon blöden Dienstag erhielt ich heute drei Nachrichten diverser Singlebörsen. Nicht eine sondern drei! Alle mit einem fast identischen Inhalt. Man würde sich freuen, dass ich nach drei Jahren wohl den passenden Partner gefunden habe und ihre Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen würde. Die einen hatten ihre Nachricht mit Herzchen garniert, die anderen mit Bildern vom Prototypen des perfekten Paares. Im P.S. der freundliche Hinweis, dass ich mein altes Profil jederzeit wieder aktivieren könnte. Falls ich noch keinen Partner hätte und so verzweifelt sei, an einem Dienstagabend alleine eine Pulle zu köpfen. Letzteres habe ich zwischen den Zeilen herausgelesen.

Sind Sie schon bei mir? Beeilen Sie sich, bitte. So langsam kann ich nicht trinken. Der gute Schluck wird viel zu schnell warm, bei diesen Temperaturen. Ein Glas trink ich noch alleine, aber dann müssen Sie einsteigen. Heute vor drei Jahren habe ich mich wohl bei allen drei Single Börsen gleichzeitig abgemeldet und bin in die automatische Wiedervorlage gerutscht. Ich stellte fest, dass dieses Medium nicht zu mir passt. Ein Jahr online dating hatte nur einen positiven Effekt – ich habe am Ende mit diesem Blog begonnen. Die negativen Aspekte überwogen. So konnte ich mich zum Beispiel ein Jahr lang nicht mehr in meinem Lieblingscafe blicken lassen, nachdem ich einen ganzen Sommer lang jedes einzelne Date genau dorthin bestellt hatte. Ich fiel auf. Vermutlich auch, weil ich immer das Gleiche – mein liebstes Kleid – an hatte. Am Ende teilten mir die Kellner mit, dass sie sich besprochen haben und sich bereit erklärten mich auszuführen oder sich in ihrem Bekanntenkreis nach männlichen Singles erkundigen würden.  Dieses Elend sei nicht mehr mit anzusehen. Außerdem ist München ein Dorf. Wenn man sich auf nur drei Partnervermittlungsseiten gleichzeitig anmeldet, stößt man immer wieder auf die gleichen Personen und muss denen erklären, dass man nicht verzweifelt ist, sondern nur effizient vorgeht. Mein Nachbar grinst noch immer.

Vielleicht grinst er, weil sein Wein in einem Glas ist, während ich aus der Flasche trinke. Ich hab das Glas umgestoßen und zerbrochen, und bin zu faul aufzustehen. Wenn Sie noch vorbei kommen, mach ich natürlich auf. Das geht noch, aber läuten Sie vorsichtshalber zwei Mal. Jetzt antworte ich den Dating Agenturen und teile ihnen mit, dass ich Single bin. Glücklicher Single. Und das es mir unverständlich ist, warum sie mir mit ihren saublöden Nachfrage einen so schönen Dienstagabend versauen wollen.

Meine erster Blogbeitrag vor zwei Jahren lautete: „Das Leben erzählt die schönsten, traurigsten und seltsamsten Geschichten. Und manchmal kann ich nicht widerstehen, sie aufzuschreiben.
Google ist ein mieser Verräter. Zumindest wenn es um „Die Sache mit dem Internet, den Männern und dem was übrig bleibt“ geht.  Wie immer….alles Fiktion und doch real.“ Mehr stand da nicht. Wie passend, dass sich der Grundstock des Blogs gerade heute nach genau zwei Jahren per E-Mail zu Wort gemeldet hat. Wenn Sie sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, dann bleiben Sie jetzt bitte zu Hause. Ich bin nämlich gleich weg. Passend zum Jubiläum mache ich mich mit den Resten des Crémants auf und besuche meinem Nachbarn Paul. Ein so dämliches Grinsen, ist doch im Grunde eine Art Einladung. Und schließlich hockt der auch alleine auf seinem Balkon. Meine Geste hat er wohl verstanden. Ein wenig hektisch deutete er an, dass er noch fünf Minuten braucht. Vermutlich um das größte Chaos in seiner Wohnung zu beseitigen. Warum er gerade das Bett frisch bezieht – ich sehe das vom Küchenfenster aus – ist mir ein Rätsel. Vielleicht stelle ich den Crémant besser in den Kühlschrank und bringe Apfelsaft mit.

Warum hatte ich eigentlich schlechte Laune? Wissen Sie es? Ich nicht mehr. Auch das passt zum Jubiläum. Denn neben des knappen ersten Artikels schrieb ich auf die über mich Seite:

Geschichten schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
Johann Wolfgang von Goethe

Da hat er Recht, der Herr von Goethe.
Auch wenn es zu seiner Zeit noch kein Internet und kein Online-Dating gab, halte ich mich an dieses Zitat. Schreib´s auf, dann ist es halb so schlimm. Oder positiver: Schreib´s auf und du kannst darüber lachen.

In diesen Sinne. Ihnen einen schönen 11. Juli. Und wenn Sie Lust auf ein Gläschen haben…das kann man sehr wohl alleine trinken ;).

Herzlichst
Ihre Mitzi, die Sie nicht mehr los werden.

 

Die fette Taube

Letzte Woche fing mich Herr Meier vor dem Haus ab und drückte mir einen  Meisenknödel in die Hand. Normalerweise bekomme ich von Herrn Meier nur Nüsse geschenkt. Ich war irritiert. Herr Meier auch. Weil ich nichts sagte und das selten bei mir vorkommt. Für die Taube, erklärte er mir und ich sagte noch immer nichts. Für die Tauben, murmelte ich irgendwann und er schüttelte ungeduldig den Kopf. Nicht für die Tauben, sondern für die Taube. DIE Taube, verstehst?, fragte er mich und ich verstand ihn nicht. Er nahm meine Hand. Wir würden jetzt hoch gehen und er würde den Meisenknödel an meinem Balkon anbringen. Ein Brett hätte er schon im Treppenhaus stehen. Langsam erkannte ich die Zusammenhänge. Der alte Meier wurde senil.  Mitte der Woche hatte ich ihn schon dabei beobachtet, wie er ein Brett an der Brüstung seines Balkons angebracht hatte und mich gewundert, was er mit dem scheußlichen Ding bezweckte. Am nächsten Tag befestigte er einen Ast und garnierte ihn mit Meisenknödeln. Im Hochsommer. Der arme alte Mann. Ich sah ihn mitleidig an und tätschlte seine Hand, in der er immer noch die meine hielt. Unwirsch schob er meine Hand weg und schubste mich stattdessen Richtung Haustür. Hopp hopp, er hätte nicht den ganzen Tag Zeit. Auch bei den Iwanows müsse er die Landebahn noch anbringen, deren Balkon grenze schließlich an die Zweige des Ahorns. Ich nickte verständig obwohl ich nichts verstand, weil ihm das bestimmt gut tat. Ein solches verständiges Lächeln. Weiterlesen →

Fundstück ohne Geschichte

Münchner Fundstück ohne Geschichte.

img_4905

Beziehungsweise kenne ich die Geschichte dazu nicht. Ich weiß nur, dass der junge Mann jeden Morgen in der Sonne am Bahnsteig sitzt und meditiert. Er muss ein Meiser sein. Denn jeden Morgen kommt die alte Damen vorbei. Bleibt vor ihm stehen und klopft mit dem Stock gegen seinen Rucksack. Ich vermute, sie möchte sicher gehen, dass der still sitzende Mann noch lebt. Sie bleibt etwa eine Minute stehen und geht dann weiter.

Natürlich könnte ich mir eine Geschichte ausdenken. Ich fürchte nur, sie wäre längst nicht so amüsant wie das morgendliche Ritual der beiden.

Marketing – kann ich.

Meine Geschichten gibt es als Buch. Das wissen Sie ja. Mein Papa weiß es auch und hat es wie der Rest meiner Familie im Regal stehen. Meinem Lieblingskollegen habe ich es geschenkt und die Nachbarschaft hat sich ebenfalls damit eingedeckt, damit sie wissen, was ich von ihnen halte. Ich lächle jetzt immer besonders freundlich, wenn ich den Müll runter trage und zeige mich besonders im Vorderhaus von meiner besten Seite. Die Kosten für das Lektorat sind bereits drin. Wenn Sie hier mitlesen, dann wissen Sie, dass diese Investition unumgänglich war. Das teilten mir die ehrlichsten meiner Freunde mit. Die, die vorsichtig um das Passwort bei WordPress baten, um das größte Grauen in Nacht und Nebel Aktionen zu beseitigen und die, die Stirn in Falten legen, wenn ich mich anbiete, die Deutschhausaufgaben ihrer Töchter zu korrigieren.  Die Rechnung für das Cover habe ich mit noch großer Freude bezahlt. Es ist nämlich wunderschön und wenn man was macht, dann sollte man es gut machen. Oder machen lassen. Von Mira Alexander zum Beispiel. Ihre erste Bleistiftskizze hängt an meinem Kühlschrank und sollte ich sie je persönlich treffen, werde ich sie umrennen, wenn ich ihr zum Dank um den Hals falle. Amortisiert hat es sich noch nicht. Das Cover.

Keine Sorge, ich will Sie hier nicht zum Kauf animieren. Sie sind ja hier und lesen online, was mir genauso viel wenn nicht sogar wichtiger ist. Wenn Bloggeschichten zum Buch werden, dann geht es nicht darum Geld zu verdienen. Trotzdem flüstert mir die ehemalige Marketing und BWL Studentin, die ich bin, leise zu, dass ich doch bitte dafür sorgen soll, dass die Kosten rein kommen. Kann ja nicht so schwer sein. Ich kenne meine Zielgruppe (ALLE), meinen USP (kaum einer vor mir hat über München, Nachbarn oder die Liebe geschrieben) und biete mit meinem Buch einen eindeutigen Mehrwert für jeden Buchhändler. Besonders von letztem war ich überzeugt. Mein erstes Opfer allerdings weniger. Weiterlesen →

Zwölf Monate Rosen und Schornsteine – Juni

Denk an die Rosen, höre ich dich leise flüstern und nicke. Natürlich denke ich an die Rosen. Hier oben auf dem Tisch vor unserer Hütte standen sie. Es war der größte Blumenstrauß den man mir je schenkte und auch der seltsamste. Die prächtigen, blutroten, langstieligen Rosen passten nicht zu mir und der Maßkrug der als Vase diente, passte nicht zu den edlen Blumen. Dass es auch für dich nicht passte, war leicht zu erkennen. In deinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Irritation und Ärger. Das gemurmelte Idiot, ließ erahnen wer die Blumen auf den Tisch gestellt hatte. Weil ich immer behaupte, Blumen nur auf der Wiese zu mögen und mich doch über Sträuße freue, hattest du deinen Bruder gebeten, schon am Vortag einen zu besorgen und zur Hütte zu fahren. An diesem Geburtstag bekam ich zwei Blumensträuße. Dein Bruder fuhr für dich ohne mit der Wimper zu zucken eine Stunde über die Autobahn um einen Strauß Blumen im Wald abzustellen. Er nutzte aber ebenso gerne die Gelegenheit, dich seine Art von Humor spüren zu lassen. Neben den völlig übertriebenen Rosen, stand ein kleiner, wohl selbst gepflückter Strauß Wiesenblumen in einer hübschen, dezenten Vase. Daneben eine Karte: „Rosen sind für Anfänger. Alles Gute zum Geburtstag. Wenn er dir auf die Nerven geht, ruf mich an.“ Weiterlesen →

Postkarten Ersatz

Herzliche Grüße aus den Bergen mit Bildern vom Zirbenweg. Sollten Sie mal in der Nähe von Innsbruck sein….gehen Sie ihn! Ein paar Kälber sind sicher so nett, Sie zu begleiten. 

Ich würde Sie gerade gerne Fragen, welcher Greifvogel über meinem Kopf seine Runden dreht, werde ihn aber kaum auf einem Foto einfangen können. Es bleibt ein schöner, namenloser Vogel der lautlos über meiner Lichtung durch die Luft schwebt. 

Grillen zirpen, im Wald raschelt es und auf meinem Knie sitzt eine Fliege. Ein sehr perfekter Moment. Man macht ja so selten gar nichts. Ich mache weiter. Nichts. 

Es grüßt Sie 

Mitzi, faul, schläfrig und sehr zufrieden

Statistisch unwahrscheinlich

Wir werden nicht grillen. Der Wald, der unsere kleine Hütte umgibt ist strohtrocken und den Funkenflug eines Feuers zu riskieren, ist eine Mischung aus Ignoranz und Dummheit. Mit dem einen oder anderen werde ich darüber noch diskutieren müssen und mich am Ende doch durchsetzen. Die Hitze eines Feuers und die Schönheit einer langsam verlöschenden Glut, gehört zu Abenden, an denen man sich nach dem Sonnenuntergang eine Jacke um die Schultern legt. Jene seltenen Nächte, die die Hitze des Tages gespeichert habe und sie bis weit nach Mitternacht ausdünsten, brauchen kein Feuer. Ihnen reicht ein kleines Teelicht, weil sie im Dunklen besonders schön sind. Weiterlesen →